Die Entwicklung der Möbelindustrie in Oerlinghausen
Von W. Bobe
Die Möbelindustrie ist ein verhältnismäßig junger Wirtschaftszweig unserer Vaterstadt. Vor etwa 30 Jahren begannen Oerlinghauser Tischlermeister, wenn auch zunächst in sehr bescheidenem Umfange, Möbel serienmäßig herzustellen. Schon lange vorher wurden hier selbstverständlich Möbel gebaut, jedoch nur in mühsamer Handarbeit und Einzelanfertigung Die technische Entwicklung brachte es mit sich, daß sich, ungefähr um die Jahrhundertwende, die Maschinenfabriken auch mit dem Bau von Holzbearbeitungsmaschinen befaßten und damit den Tischlereien die Möglichkeit gaben, die Möbel wirtschaftlicher, sauberer und besser als bisher zu produzieren. Hinzu kam, daß der unerhörte wirtschaftliche Aufschwung, insbesondere im Westen des Reiches, ein großes Absatzgebiet für Erzeugnisse aller Art und damit eben auch für Möbel schuf.
Bei Ausbruch des Weltkrieges bestanden hier am Ort bereits mehrere Betriebe, die durchschnittlich jeder 15 bis 20 Leute beschäftigte. Hergestellt wurden fast ausschließlich Schlafzimmer und Küchen. Der Krieg unterband nun zunächst die weitere Entwicklung und zwang die Betriebe, sich auf Heereslieferungen (Munitionskisten, Tornisterrahmen und so weiter) umzustellen. In dieser Zeit wurden die Arbeiten, da sich fast alle Männer im Felde befanden, nahezu ausschließlich von Frauen und Mädchen ausgeführt.
Nach dem Kriege erfuhr die noch verhältnismäßig schwache Möbelindustrie ihren großen Aufschwung durch die Flucht in die Sachwerte während der Inflation und erst recht während der wirtschaftlichen Scheinblüte in den darauffolgenden Jahren.
Durch dieses Aufsteigen und Wachsen der Betriebe wurde es manchem Wanderarbeiter, der sonst in der Fremde als Ziegler sein Brot verdienen mußte, ermöglicht, in der Heimat seinen Lebensunterhalt zu finden.
Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Reichsregierung (Ehestandsdarlehen usw.) haben wesentlich dazu beigetragen, daß heute die Beschäftigung der Betriebe verhältnismäßig gut ist.
Mit mehr als 300 Beschäftigten stellt die Möbelindustrie heute einen wichtigen Faktor im Wirtschaftsleben unserer Bergstadt dar. Das Aufblühen der hiesigen Möbelindustrie ist nicht zuletzt begründet in der vorzüglichen Wertarbeit, die hier geleistet wird. Überall im ganzen Reich sind die Erzeugnisse der Oerlinghauser Holzindustrie bekannt als Möbel von unbedingter Qualität und Formschönheit.