Made in Oerlinghausen
Früher war die Stadt eine feste Größe in der Möbelindustrie
[Bild: Holzarbeiter: In der Möbelfabrik Heißenberg an der Hermannstraße, dem größten Hersteller in Oerlinghausen, fertigten die Mitarbeiter solide Schlafzimmerschränke. (© Repros: Horst Biere/Quelle: Stadtarchiv und Archiv Werner Höltke)]
[Bild: Genial: Carl Bobe, den viele als Spinner betrachteten. (© Repros: Horst Biere/Quelle: Stadtarchiv und Archiv Werner Höltke)]
Oerlinghausen. Es roch nach frischem Holz, Leim und Terpentin in vielen Oerlinghauser Straßen und Gassen am Anfang des vorigen Jahrhunderts. Aus offenen Werkstattfenstern hörte man oftmals das Geräusch der Säge- und Schleifmaschinen. Und wer auf die Dächer Oerlinghausens blickte, sah diverse Späneabsauger auf kleinen Werkstätten. Die Möbelherstellung bildete einen wichtigen Wirtschaftsfaktor im dörflichen Leben.
Es waren vor allem die soliden, handwerklich gefertigten Küchen- und Schlafzimmermöbel, die aus kleinen „Möbelbuden" stammten und die vielen Mitarbeitern Lohn und Brot gaben. Die Bergstadt galt als ein Zentrum der Möbelfertigung. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg besaß Oerlinghausen ein gutes Dutzend Möbelhersteller mit um die 20 Beschäftigten.
Die Blütezeit erlebten die holzverarbeitenden Unternehmen in den 30er Jahren und in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit. Namhafte Unternehmen sind noch heute vielen bekannt: Richard Koch, Heinz Koch, August Budde, Fritz Brüntrup, Firma Fillies, Koch & Duhme, aber auch Lange & Frormann und Elkenkamp in Helpup.
Einer der großen Arbeitgeber war die Möbelfirma Fritz Heißenberg an der Hermannstraße. Gute Küchen- und Schlafzimmereinrichtungen bis in unsere Zeit lieferten auch die Möbelspezialisten Gebrüder Bobe an der Detmolder Straße.
Mit dem Ersten Weltkrieg kam für die Unternehmen der große Rückschlag: Das Kaiserreich erinnerte auch die Möbelhersteller an ihre „vaterländische Pflicht". Statt Büro- oder Küchenmöbel standen nun Munitionskisten und hölzerne Tornisterrahmen auf dem Produktionsplan.
Nach dem Krieg verbesserte sich die wirtschaftliche Situation deutlich, nachdem die Arbeitslosigkeit nach der Weltwirtschaftskrise 1929 überwunden war. Die Oerlinghauser Möbelhersteller waren nunmehr kaum in der Lage, die hohe Nachfrage aus ganz Deutschland und auch dem Ausland zu befriedigen.
Berühmtheit erlangte vor allem die Möbelherstellung der Gebrüder Bobe -zumindest in Fachkreisen. Carl Bobe, der mit seinem Bruder Wilhelm in der Werkstatt an der Detmolder Straße qualitativ gute Wohnmöbel herstellte, entwarf in den 20er Jahren ein Produktionsprogramm, das seiner Zeit weit voraus war. Zwar hatte sich Carl Bobe, der bei vielen Oerlinghausern als „Spinner und Weltverbesserer" galt, bereits 1917 aus dem Tagesgeschäft der Firmenleitung verabschiedet. Gleichwohl entwickelte er in seinem Büro im elterlichen Haus schon damals Pläne für eine genormte Serienherstellung von Küchenmöbeln. Doch die Zeit war offenbar noch nicht reif für eine Normierung von Möbelteilen, was zu rationeller Serienfertigung geführt hätte.
Daran änderten auch die ständigen Vorträge und Eingaben bei Behörden und Verbänden nichts, mit denen Carl Bobe auf sich aufmerksam machte. Der Zweite Weltkrieg veränderte alles - im Möbelbereich ebenfalls. Aber ein riesiger Nachholbedarf bescherte den Oerlinghauser Firmen in den 50er Jahren einen außerordentlichen Boom. Doch im Zuge einer neuen kostengünstigen Möbelproduktion im In- und Ausland konnten in den nächsten Jahrzehnten viele Kleinunternehmen vom Tönsberg nicht mehr mithalten.
Es gibt heute nur noch wenige Möbelstücke aus guter Werkstattarbeit, die das Gütesiegel „Made in Oerlinghausen" tragen könnten.