Die vergessenen Toten von der Hanegge

Stadtgeschichte: NS-Schulrektor Diekmann legte 1939 Gräber frei, die er den Germanen zuordnete, doch Museumsleiter Karl Banghard hat neue Erkenntnisse

 

[Bild: Eine Zeichnung des Grabhügels von 1939 zeigt die Lage der Gräber innerhalb eines Steinkreises. | © Repro: Biere / Quelle: AFM]

Oerlinghausen. Hermann Diekmann hatte ein klares Bild von der Geschichte. Alle Menschen, die um Christi Geburt in unserer Gegend gelebt hatten, zählten zu den edlen Germanen. Blond, blauäugig, durchweg groß gewachsen und mutig allen Feinden trotzend. Und als Diekmann, den die Nazis 1933 in Oerlinghausen als Volksschulleiter eingesetzt hatten, im Jahre 1939 auf der Hanegge zwei große Grabhügel im dichten Wald entdeckte, war für ihn bald klar: die stammen aus der „urgermanischen Zeit“. Er datierte sie mitten in die Bronzezeit, also etwa 1.500 Jahre vor unserer Zeitrechnung.

Sechs Steinplattengräber grub er mit einigen seiner Schüler aus, diverse Grabkammern kamen ans Tageslicht. Er entdeckte Skelette von Männern, Frauen und Kindern mit einigen Grabbeigaben. So lagen eine Knochenflöte, also ein Musikinstrument, neben dem Kopf eines Mannes. Man fand einige Keramikgefäßreste und einen handgroßen Schleifstein zwischen den Beinen einer Person. Auch Schmuckstücke wie durchbohrte Perlen aus Muschelkalk gehörten zum Inhalt der Gräber.

[Bild: Das Gut Niederbarkhausen um 1900. Bereits mehr als 1.000 Jahre früher bewirtschaftete man erfolgreich den Hof und seine Ländereien. | © Repro: Biere / Quelle: Stadtarchiv]

Schnell fertigte er einige Zeichnungen von einer feierlichen Bestattung im Kreise heroischer Krieger an. Hermann Diekmann fotografierte auch die ausgebuddelten Gräber. Alle Knochenfunde legte er säuberlich so zurecht, dass ein klares Bild von den bestatteten Familien entstand - bestens geeignet für Zeitungen und Zeitschriften und auch für Abbildungen im Museum. Doch selbst die Historiker der NS-Zeit stellten anhand der beigefügten Keramik-Beigaben bereits fest, dass Diekmann mit dem Datum der Beerdigung offenbar sehr freizügig umgegangen war. „Die Grabbeigaben zeigen uns heute“, sagt der Oerlinghauser Archäologe und Museumsleiter Karl Banghard, „dass Hermann Diekmann etwa 2.000 Jahre danebengelegen hat.“ Heutige Funde deuten ziemlich exakt auf die Zeit zwischen 700 und 750 nach Christus, also in das frühe Mittelalter.

[Bild: Museumsleiter Karl Banghard entdeckte neue archäologische Funde aus Oerlinghausen, die heute im Landesmuseum in Detmold ausgestellt sind. | © Horst Biere]

Doch die Gräber sind verschwunden, die Überreste der Toten, die auf dem Gelände des Gutes Barkhausen lagen, nicht mehr auffindbar. Zwar restaurierte man noch im Zweiten Weltkrieg die Anlage, „doch später gingen die Funde restlos verloren“, bedauert Karl Banghard. Offenbar führten nicht nur die Kampfhandlungen rings um Oerlinghausen, sondern auch die Vernichtung von Diekmanns Heimatmuseum (im heutigen Bürgerhaus) dazu, dass die Gräber und die Toten vergessen wurden. Zudem hatte man in der späteren Wirtschaftswunderzeit andere Sorgen, als die Erhaltung von Bodendenkmälern. Der Wald überwucherte in der Nachkriegszeit die frühere Fundstelle.

In unseren Tagen allerdings wurde der Fall neu aufgerollt. Als vor etwa einem Jahrzehnt die Firma Oetker neue Parkplätze in der Nähe der Hanegge anlegte, fand man kleine Überreste aus vergangenen Jahrhunderten in der abgeräumten Erde.

„Kleine Glasperlen und Teile eines Kamms waren darunter“, erklärt Karl Banghard, dessen Interesse als Archäologe sofort geweckt war. In detektivischer Kleinarbeit recherchierte er weiter und verglich die Fragmente aus der Erde mit den Bildern und Zeichnungen, die Lehrer Hermann Diekmann seinerzeit anfertigte. Und er stellte Parallelen zu anderen Gräberfunden in Deutschland, am Rhein und auch im Schwarzwald, her.

Die wissenschaftlichen Vergleiche nun lassen die Gräber an der Hanegge in ganz neuem Licht erscheinen. „Wir wissen sicher, dass die Toten kurz nach dem Jahre 700 beerdigt wurden“, sagt Banghard. „In jener Zeit wollte man seine Gräber deutlich sichtbar präsentieren.“ Also haben offenbar die Besitzer vom damaligen Gut Barkhausen die Grabhügel oben auf der Anhöhe an die Grenze zum Gut Menkhausen platziert. „Vielleicht als eine Art Grenzmarkierung“, mutmaßt der Archäologe.

Der Verdacht liegt auch nahe, dass die Besitzer von Barkhausen, deren Hof im Jahre 1036 erstmals urkundlich erwähnt wurde, sich in pompösen Grabanlagen wie in einer Art Denkmal bestatten ließen. Die großen Grabhügel lagen auch nicht, wie sonst üblich, in der Nähe von belebten Wegen. Denn schon im frühen Mittelalter existierte wohl ein Handelsweg, der aus der Senne kommend entlang der Schopke führte und dann nach Barkhausen abbog - ziemlich genau entlang der heutigen Rathausstraße Richtung Asemissen.

Barkhausen war ein Wirtschaftszentrum

Oerlinghausen jedenfalls spielte um 700 noch keine Rolle in der Region am Teutoburger Wald. Allenfalls können einige Holzhäuser am Pass am Tönsberg gestanden haben. Denn erst 250 Jahre später, als man in Klöstern begann, Landkarten zu zeichnen und Besitztümer schriftlich festzuhalten, fand „Orlinchusen“ als Vorwerk (Nebenhof) des Gutes Barkhausen Erwähnung in den Büchern des Bistums Paderborn. Damals nämlich legte Bischof Meinwerk fest, dass das Gut „Barkhusen“ den zehnten Teil seiner Getreideerträge nach Paderborn abzuliefern habe.

Barkhausen galt schon im frühen Mittelalter als ein respektables Wirtschaftszentrum. Gute Böden für Getreide und Vieh haben sicherlich zum Wohlstand beigetragen. Sogar die amtlich verbriefte Gerichtsbarkeit über seine Nebenhöfe und Untertanen besaß das Gut.