Leinenhandel

 

[Fußnote: Unter Benutzung des Weerth'schen Beitrages in der Festnummer der Landeszeitung zu unserer Stadtfeier (12. Juni 1926).] Seit alter Zeit bildete neben der Landwirtschaft das Spinnen und Weben die hauptsächliche Erwerbsquelle für die Bewohner des lippischen Landes und in besonders hohem Grade für das Amt Oerlinghausen, wo man vorzugsweise feines Leinen herstellte, während im übrigen Lande mehr grobes gewebt wurde. Einen Handel mit Garn und Leinwand betrieb in Oerlinghausen schon um 1650 der Vogt Simon Barkhausen.

Ursprünglich wurde der Leinwandhandel zum großen Teile als Hausierhandel betrieben. Die Leinenhändler, oder, wie sie hier allgemein genannt wurden, die Hopser, deren es in Oerlinghausen eine ganze Anzahl gab, kauften hier im Lande das Leinen von den Webern auf, durchzogen damit Deutschland und die angrenzenden Länder und kehrten, wenn sie ihre Vorräte abgesetzt hatten, mit guten Verdienst in die Heimat zurück. Auf guten Verdienst läßt es z.B. schließen, wenn der Bauerrichter wrugt, daß Simon Henrich Massolt und Johann Henrich Woestmann "wie selbige nach einer in fremden Ländern vollzogenen Leinenhandlung anhero zurückgekommen, in der Nacht im Dorfe geschossen und eine starke Kanonade gemacht haben."

Da die einzelnen Hopser in der Regel nicht über ein größeres Kapital verfügten und nur verhältnismäßig geringe Mengen Leinwand aufkaufen konnten, so hatten die auf diese Weise betriebenen Geschäfte keinen allzu großen Umfang.

Das wurde anders, als 1764 Johann Bartold Tölcke in Oerlinghausen vom Grafen Simon August zur Lippe gegen eine Abgabe von 2 ½ Thalern, die später auf 2 Pistolen erhöht wurde, die Erlaubnis erhielt, "den Leinenhandel zu exerciren". Mehrere der übrigen Leinenhändler führten anfangs neben ihm ihren Handel noch fort, ohne einen Kammerkontrakt zu besitzen, wurden dann aber vom Gogericht in Strafe genommen, so 1771 Bernd Hinrich Becker und 1775 Konrad Ebbinghaus und Henrich Toverees in der Lander.

Tölke, der früher auch Hopser gewesen war und sich durch Umsicht und Sparsamkeit einiges Vermögen erworben hatte, gab nun für seine Person den Hausierhandel auf, kaufte das Leinen in größeren Mengen ein und ließ es dann durch eine Anzahl von Hopsern, denen ein eigenes Betriebskapital fehlte, vertreiben. Diese brachten das Oerlinghauser Leinen nach Hamburg, Amsterdam, Kopenhagen und anderen bedeutenden Handelsplätzen, besuchten damit die großen Messen und Märkte in Leipzig, Braunschweig usw. Ein Hauptabsatzgebiet war Italien.

Einer dieser Hopser, namens Kramer, Sohn des Schneiders Kramer, kam einstens nach Italien, und dort fand eine italienische Schöne Gefallen an dem blonden Tedesco; deren Vater war nicht abgeneigt, den angenehmen jungen Mann, der sich als Großkaufmann ausgab, als Schwiegersohn aufzunehmen. Als vorsichtiger Mann erkundigte er sich aber bei Johann Bartold Tölcke nach den Verhältnissen seines künftigen Schwiegersohnes. Als Tölcke diesen Brief aus Italien erhielt, wußte er zunächst nicht, was er daraus machen sollte, bis ihm ein Licht aufging und er ausrief: "Dunnerkiel, dat es de vafluichte Schnuiderjunge!". Die Auskunft

 

ist wohl nicht gut ausgefallen, denn der italienische Schwiegervater gestattete die Heirat nicht, und die junge Dame nahm tränend und mit dem Rufe "o mio caro tedesco" Abschied von Kramer, wie er als alter Mann noch gern selbst erzählte.

Ein anderer, der Leinenhändler Hölter hat in Italien mehr Glück gehabt. Von ihm und seiner jungen Frau soll das nachfolgende Gedicht handeln, das 1805 veröffentlicht wurde. Ich verdanke es Fräulein Frieda Pustkuchen.

Italien in der Senne Wahres Erlebnis

Ich wanderte durch die Senne im brennenden Sonnenschein Und kehrte, mich zu erquicken, bei Polhans, dem Schenkwirth ein.

Da saßen vier junge Männer, von Ansehn blühend und frisch, Mit ihnen ein schmuckes Weibchen an einem eichenen Tisch.

Die Männer in blauen Kitteln mit zierlich gestutztem Bart, Doch übrigens schlicht gekleidet nach dortiger Landmannsart.

Es standen da Milch und Kaffee in Kannen sauber und blank, Auch brachte die Wirtin Tassen und Kuchen aus einem Schrank.

Die Männer griffen zur Pfeife, zu Zunder und Stahl und Stein, Indessen schenkte das Weibchen den dampfenden Kaffee ein.

Das fesselte meine Blicke mit wahrer Zaubergewalt, Ich konnte nicht ab sie wenden von jener Engelsgestalt.

Mit seidenen Ringellocken umwallte das schwarze Haar Ein Antlitz mit feinen Zügen und funkelndem Augenpaar.

Dann sprachen sie miteinander

sehr leise minutenlang, Doch hört ich bei ihrem Flüstern nicht heimischer Worte Klang.

Und, näher der lautern Rede aufmerkend ward ich belehrt, Es waren Laute, die gerne man jenseits der Alpen hört.

Sie alle sprachen so richtig, so zierlich gewandt und fein; Man hört's in einer Taverna Italiens selten so rein!

Ich drückte in gleicher Sprache laut meine Verwunderung aus: "Wir sind", sprach lächelnd der jüngste der Männer "nicht weit von Haus."

"Im lippischen Oerlinghausen ist unserer Heimat Herd; Wir sind nur einige Stunden zu ruhn hier eingekehrt."

"Von hier noch ist Oerlinghausen kaum eine Meile entfernt; Wir haben jenseits der Alpen wie dort man redet gelernt."

"Wir reisen dahin alljährlich und bleiben recht lange dort; Mit hier verfertigtem Leinen ziehn wir von Ort zu Ort."

"Die aber, mein liebes Weibchen, fand ich am Arnostrand auf; So lang ich als Kaufmann reise, ist sie mein glücklichster Kauf."

"Ich denke, liebe Lauretta, daß dir auch der Preis gefällt." Sie lächelte schelmisch, erwidernd: „Ja, wenn er die Probe hält!"

"Signora", fragt ich, "vertauschen Sie gern denn ihr Vaterland Mit seinen hesperischen Fluren

hiergegen der Senne Sand?"

"Warum nicht?" sagte sie freundlich, "Die Liebe macht alles süß, Sie macht auch die öden Wüsten Verliebten zum Paradies."

"Doch", sagte ihr Mann, "die Senne ist nicht unsers Bleibens Ort; Das Städtchen Oerlinghausen liegt schön auf den Bergen dort."

"Hier sind wir noch auf der Reise, doch nahe an unserm Ziel. Lauretta wird's reizend finden, wo's immer mir wohlgefiel."

Ich wünschte ihm Wohlergehen, dem glücklichen jungen Paar. Lauretta möge vergessen, wie schön es am Arno war.

Leider habe ich trotz vieler Bemühungen den Dichter dieser Zeilen bis heute nicht feststellen können, auch nicht die Zeitung, in der sie veröffentlicht sein sollen. Das Gedicht gibt in hervorragender Weise die damalige Situation wieder.

Johann Bartold Tölcke kaufte anfangs nach einer Schätzung des Amtmanns Meyer aus dem Jahre 1773 "wenigstens jährlich für 20 000 Thaler sein Linnen in hiesiger Dorfschaft auf." Wenige Jahre später waren daraus 30 000 und am Ende des 18. Jahrhunderts 100 000 Thaler geworden. Bei solchem Umsatz wurde er ein wohlhabender Mann, und man kann verfolgen, wie er durch Ankauf von Häusern und Grundstücken seinen Besitz dauernd vergrößerte. Er starb im Jahre 1802. Das Geschäft wurde von seinem gleichnamigen Sohn und seinem Schwiegersohn Kemper mit bestem Erfolge fortgeführt. Es erwuchs ihnen freilich in ihrem früheren Hopser, dem Wehmkötter Friedrich Becker und dessen Bruder Franz eine unbequeme Konkurrenz, der sie sich nach Möglichkeit zu erwehren suchten.

Die Gebrüder Becker kauften anfangs Leinen ein, ohne eine landesherrliche Konzession zu besitzen, sie wurden deshalb von Tölcke beim Gogericht angezeigt, das sie bestrafte und mehrere Kisten versandtfertiger Leinwand mit Beschlag belegte. Selbst verständlich bemühten sie sich nun, ebenfalls eine Konsession zu erhalten, hatten damit aber erst kein Glück, anscheinend, weil Amtmann Rötteken ihr Gesuch nicht unterstützte. In ihren Eingaben an die Regierung führten sie aus, es läge nicht im Interesse der Allgemeinheit, wenn ein Handelszweig in einer Hand läge und somit monopolisiert würde. Tölcke dagegen führte in's Feld, er würde von Oerlinghausen nach Bielefeld ziehen, wenn noch weitere Konzessionen erteilt würden. Nach vielem Hin und Her machte man die Erteilung der Konzession für den Leinenhandel davon abhängig, daß die Brüder Becker ein Vermögen von 3 000 Thalern nachwiesen. Als ihm dieser Nachweis mit Hilfe der Bielefelder Firma Laer, Weber und Woermann gelang, wurde ihnen endlich 1804 die Konzession erteilt.

Während des unglücklichen Kriegsjahres 1806 stockte aller Handel. Die folgenden Jahre waren dagegen umso günstiger und brachten allen Leinenhändlern reichen Verdienst. Auch das Geschäft der Gebrüder Becker blühte rasch auf. So konnten sie 1814 daran denken, ein Mangelhaus ä, d.h. eine Anstalt zum Glätten der Leinwand, zu erbauen, wozu sie von der Gemeinde einen Platz auf dem Papengeuen erwarben. 1818 wurde die Mangel in Betrieb genommen, sie wurde durch einen Göpel angetrieben, und ältere Oerlinghauser werden sich noch des Gaules erinnern, der sich neben dem Hause den ganzen Tag im Kreise bewegte. Über einer Tür des Hauses war der Spruch angebracht: "Katte, diu most wetten, Ungegünnt Braut werd auk getten." Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß dieser Spruch seine Spitze gegen J. B. Tölcke richtete, der alles daran gesetzt hatte, die Konzessionserteilung an die Gebrüder Becker zu verhindern. An der Vorderseite des schönen Fachwerkbaues standen in einem großen Balken die Worte: Soli Deo Gloria (Gott allein die Ehre). Das Haus hatte die Nr.111, es brannte leider 1906 ab. An seiner Stelle steht heute das Haus Hauptstraße 7.

Im Jahre 1818 wurden dem Bleicher Christian Lillteich, der aus dem Rietberg'schen stammte, von der Dorfschaft 30 Scheffelsaat Gemeinheitsgrund in Erbpacht gegeben. Vom Meier zu Menkhausen hatte Lillteich auf der anderen Seite der Holter Chaussee ein Stück Heideland erworben. Auf diesem Sennegelände legte er eine Garn- und Leinwand - Bleicherei an, die den Oerlinghauser Leinwandhändlern die Möglichkeit gab, ihre Leinwand hier am Orte bleichen zu lassen, statt wie bisher, auf den Gadderbaumer Bleichen. Das nötige Wasser wurde in mehreren großen Brunnen im Welschen gewonnen und in hölzernen Röhren durch die Kuhtrift auf das Bleichgelände (den jetzigen Sültemeierschen Hof) geleitet. Die Leitung besteht heute noch, sie geht unterm Sportplatz her und bildet die einzige Wasseranlage für den Sültemeierschen Hof. Sültemeier zahlt dafür an die Stadt einen jährlichen Kanon.

Lillteich hatte hernach mit der Bleicherei keinen finanziellen Erfolg, er geriet in Schulden, und die Firma J. B. Tölcke Sohnkaufte schließlich das gesamte Gelände mit allen Anlagen. Mit dem Erlöschen dieser Firma im Jahre 1866 [Fußnote: Mir wird heute das Jahr 1869 als richtig genannt. Gez.: Reuter 21.10.1930.] ist auch die Bleiche eingegangen.

Da die Bleiche allein nicht ausreichen mochte, um das Leinen tadellos weiß herzustellen, pachtete die Firma J. B. Tölcke [Fußnote: Der Letzte der Familie Tölcke, Johann Wilhelm Ludwig Tölcke, geb.18.12.1818 zu Oerlinghausen, Leinenhändler in Oerlinghausen Nr.92 cop. 19. Mai 1847 mit Wilhelmine Amalie Hermine Volkhausen in Oerlinghausen, starb hier an Nervenfieber am 28. Mai 1869, 51 Jahre alt.] Sohn 1848 vom Menkhauser Müller Huvendiek die zu dessen Mühle gehörige ehemalige Oelmühle und richtete darin eine Leinenseiferei ein. Der Teich dieser "Seifenmühle" wurde in der Folge von der Oerlinghauser Jugend zum Baden benutzt, bis 1892 das Schopkebad angelegt wurde.