Die Wäscheindustrie

Leinen und Wäsche

 

Das Kapitel "Leinenhandel" schloß ich auf Seite 216 mit dem Jahre 1869 ab, als ich die Geschichte des Leinenhauses J. B. Tölcke niedergeschrieben hatte. Der Leinenhandel war von 1770 bis 1830 bestimmend für das Wirtschaftsleben des Dorfes gewesen. Dann brachte die durch die Erfindung der Spinn- und Webmaschinen hervorgerufene Krise der Jahre von 1830 - 1850 den furchtbaren Niedergang des Leinengewerbes (vergleiche Seite 225 und 226). Die Firmen J. B. Tölcke Sohn und Gebr. Becker, die um 1820 in ihrem Umsatz an feiner Leinwand den Bielefelder Umsatz erreichten, hielten den Erschütterungen der Krisenjahre nur mit knapper Mühe stand. Die Beckers waren reich geworden, wandten sich anderen Unternehmungen zu oder verlegten ihren Handel in süddeutsche Filialen, wie z.B. H. & F. Becker nach Darmstadt, Heinrich Becker nach Nürnberg, W. Becker, Würzburg, Gustav Becker - München und andere.

Tölcke, der Enkel des Gründers der Firma J. B. Tölcke, zweifelte an der Besserung der Lage, verlor den Mut und starb kurz nach Eröffnung des Konkurses [Fußnote: Am18. Mai 1869. Tölcke war seit 19. Mai 1847 mit einer Tochter des Superintendenten Volkhausen verheiratet.]. Seine beiden Söhne wanderten nach Nordamerika aus, ohne jemals die Verbindung mit der Heimat aufgenommen zu haben.

Als nach 1848 die Verhältnisse sich langsam besserten, fanden die meisten alten Leinenhändler nicht mehr den Mut, neu zu beginnen; sie verzehrten ihr Vermögen und hinterließen ihren Erben den zusammengeschrumpften, oft noch ansehnlichen Rest.

Da verzog der Sproß des alten Bielefelder Leinenhauses Weber, Laar & Niemann, der Kaufmann Carl David Weber im Jahre 1850 nach Oerlinghausen, um hier Leinenhandel zu treiben und das elterliche Geschäft mit neuen Methoden fortzusetzen. Er war 26 Jahre alt (geboren zu Bielefeld am 17. April 1824 als Sohn des Kaufmanns Carl August Weber und der Marie Lucie geb. Wilmanns). Die Gewerbeakten des Lippischen Landesarchivs enthalten folgenden Bericht des Amts Oerlinghausen an die Regierung in Detmold:

„Oerlinghausen, 10. Juni 1850.

Das Gesuch des Linnenhändlers David Carl Weber aus Bielefeld um Ertheilung einer Concession zum Linnenhandel hierselbst betreffend.

Der oben Genannte, Inhaber der Firma Carl Weber et Comagnie in Bielefeld, beabsichtigt, sich im hiesigen Orte niederzulassen und sein Geschäft vorläufig theilweis, demnächst ganz hierher zu verlegen. Derselbe hat heute seine Aufnahme durch hiesigen Amtsgemeinderath bewirkt, auch eine Wohnung gemietet und um Ertheilung einer Concession für die oben genannte Firma nachgesucht. Zugleich hat derselbe dringend gebeten, ihm solche sobald als möglich ausfertigen zu lassen, da er schon in diesen Tagen angefangen hat, Leinen zu kaufen und in ungefähr 8 bis 10 Tagen eine Reise zu unternehmen beabsichtigt. Da der Bittsteller dem Vernehmen nach ein ziemlich bedeutendes Geschäft namentlich nach Spanien betreibt und es gewiß im Interesse des hiesigen Orts und der Umgegend liegt, daß der Linnenhandel immer mehr hierher gezogen werde, so wird das Gesuch unterstützt und zugleich um baldgeneigte Ausfertigung der Concession für 3 Jahre gehorsamst gebeten. Als Concessionsabgabe wird der höchste hier gezahlt werdende Satz von 12 rthlr gehorsamst in Vorschlag gebracht.

(gez.) A. Wessel“

Im gleichen Aktenstück finde ich in einem Bericht des Amts Oerlinghausen unterm 4. Juli 1853 die Bemerkung:

„--- Derselbe (Carl Weber) ist damit beschäftigt, sein ganzes Geschäft von Bielefeld hierher zu verlegen."

Denn - so dürfen wir hinzufügen - inzwischen war sein neues Haus, das er sich in Oerlinghausen an der Detmolder Straße umbauen ließ, fertig geworden, in das er nun seine junge) Frau Marianne Eleonore geb. Niemann, die er am 9. Juli 1850 in Bielefeld geheiratet hatte, einführte. Bis dahin hatte das junge Paar in einem Miethause gewohnt, wo ihm 1851 seine älteste Tochter Anna geboren wurde und 1853 auch die zweite Tochter Herta.

Außer den oben wiedergegebenen Berichten des Amts Oerlinghausen besitzen wir über die Gründung und die ersten Jahre des Unternehmens in Oerlinghausen von der Hand Carl Webers leider keine Unterlagen. Er hat, so scheint es, keinen Wert daraufgelegt, der Nachwelt Aufzeichnungen über sein Geschäft zu hinterlassen.

Dagegen hat uns glücklicherweise seine Enkelin Marianne Weber, geborene Schnitger, geboren 2. August 1870 zu Oerlinghausen, uns in ihren "Lebenserinnerungen" [Fußnote: Marianne Weber, Lebenserinnerungen. Johs. Storm Verlag, Bremen 1948.] eine wahrhaft klassische Schilderung jener Zeit gegeben. Der klare Stil, die wunderbar-schöne Sprache der Verfasserin und vor allem auch ihre begeisterten Worte über Oerlinghausen und seine Landschaft machen jedem Heimatfreunde das Lesen des Buches zu einem hohen Genuß. Hören wir, was uns Marianne Weber zu sagen hat:

"Meine Mutter, Anna Weber, die älteste Tochter des Leinenindustriellen Carl Weber in Oerlinghausen bei Bielefeld, starb in ihrem 23. Lebensjahr nach der Geburt ihres zweiten Kindes..... Sie war die 1851 geborene Tochter von Carl Weber und seiner Frau Marianne, geborene Niemann. Ihre Eltern entstammten den miteinander verwandten patrizischen Bielefelder Familien Weber, Laar und Niemann, das war die führende Leinenfirma am Ort. Ringsum in der Gegend, vor allem in der Senne, der ärmlichen Heide hinter den Bergen, saßen die Handweber, die das ihnen von den Kaufherren gelieferte Garn verspannen. Die alte Generation betrieb ihre Geschäfte ohne Hast und gedieh trotzdem; allabendlich traf man sich in der Ressonrce beim Dämmer schoppen; das rötliche Geäder auf Nase und Wangen von Annas Großvater Carl August Weber tat kund, daß viele gute Tropfen hindurchgerieselt waren; eine Flasche Rotwein am Abend galt als das selbstverständliche und zuträgliche Maß. Aber der behagliche Mann vertrat sich geschäftlich und steuerte mit Mühe am Bankrott vorbei; das schöne säulengeschmückte Biedermeierhaus am oberen Tor (1933 Handwerkskammer, dann 1944 stark bombenbeschädigt) wurde verkauft, der Lebensstil vereinfacht, der Sohn Carl David zog es vor, sich mit geliehenem Kapital auf dem Lande in Oerlinghausen ein neues Geschäft zu gründen, - das war ein Wagnis. Es galt scharf zu arbeiten, in anderem Tempo und mit anderen Methoden als die Vätergeneration, die geruhsam Lieferanten und Kunden auf sich zukommen ließ. Er hatte Sorgen und durfte sich nicht zu schade sein, den großen Geschäften in Berlin und anderswo selbst seine Warenproben zu präsentieren und derart um Aufträge zu werben. Die alten Bielefelder Kaufherren verdachtem ihm dieses Gebaren; er wurde zeitweilig isoliert; aber als der junge Unternehmer dabei zu gedeihen begann, setzten sie sich auch ihrerseits in Bewegung, die Gemächlichkeit wurde verjagt, eine neue Weise kapitalistischer Praxis begann.“

Das Carl Weber sich gerade das einsame Dorf, etwa drei Wegstunden entfernt von Bielefeld, zum Wohnsitz aussuchte, hatte triftige Gründe. Er war damit den armen Handwebern in der Senne, die an ihren schön geschnitzten Webstühlen arbeiteten, näher. Die Produktionskosten wurden verbilligt, er lieferte ihnen die Garne, die feinsten stammten aus der Feuchte von Irland. Sie brachten die Gespinste, die mit der Lupe auf ihre Qualität geprüft wurden, dann rollte das Leinen in den großen Kastenwagen zur Bleiche nach Bielefeld und wieder zurück. Die fertige Ware: schön gemusterter Tischdamast, Taschentücher, feines und grobes Bettzeug, Küchenwäsche, später auch Luxusartikel verschiedener Art wurden, ansehnlich aufbereitet, an die großen Geschäftshäuser versandt - ein umständlicher Vorgang, der vielseitig geschulte Arbeitskräfte verlangte. Carl Weber knüpfte mannigfache Verbindungen ins Ausland an, nach Rußland, England und Spanien, wo er selbst als junger Mensch längere Zeit verbracht hatte. Später wurde vor allem die Beziehung zu den Vereinigten Staaten sorgfältig gepflegt; Carls einziger Sohn (Carl Weber jr., in der Familie Carlo genannt, seit 1900 Kommerzienrat) und ein Schwiegersohn (Bruno Müller, geb. 31.10.1848 zu Bielefeld, verheiratet seit 19.8.1876 mit Ottilie Linda Alwine geb. Weber, gestorben zu Oerlinghausen am 6. März 1913 als Kommerzienrat) machten die Reisen. Die Enkel als dritte Generation erhielten eine umfassende Ausbildung mit langem Anlauf. Jeder besuchte zuerst das humanistische Gymnasium in Bielefeld und war dankbar für sein Latein und Griechisch. Carl Weber erlebte noch die Ablösung der Hausindustrie durch die mechanische Weberei.

Marianne Weber fährt auf Seite 8 fort:

"Oerlinghausen war damals ein stilles Dorf an den Ausläufern des Teutoburger Waldes. Es zieht sich auf einem Absatz am Nordhange des wallartigen Tönsberges entlang, von dessen Rücken sich ein unvergleichlicher Ausblick in die deutschen Lande darbietet. Nach Osten und Westen auf die waldigen Scheitel sanft geschwungener Höhen, die sich als breite Mauern ins Land schieben, nach Süden in weites, einsames, mit Kiefern beschontes Heideland - die Senne, deren träumerisches Blau sich gegen den Horizont in ein grenzenloses Meer zu verlieren scheint. Jetzt ist der Blick verändert, weil die Heide unter den Pflug genommen wird. Nach Norden zeigt sich das Gegenbild, die allmählich zu den Bergen anschwellende, wellige westfälische Ebene so weit das Auge reicht, sorgsam gepflegte Felder, eingebettet in Waldstücke und Eichenkämpe; aus den Baumwipfeln lugen die freundlichen Giebeldächer westfälischer Höfe hervor. Das Dorf umrandet den langgestreckten Bergrücken bis in die Senne hinein; auf der anderen Seite, von Bielefeld aus, windet sich eine weiße Chaussee an Feldern und Wiesen entlang in breiten Kurven zur Höhe. Wer jung und lebenshungrig ist, spürt Fernweh, - würden sich nicht statt der Lastwagen und gelben Postkutschen auch einmal Abenteuer, Schicksal, Märchen heraufwagen?

Nach der anderen Seite war es noch einsamer. Die unter der blaßblauen Himmelsglocke ausgebreitete Heide zeigte nur Wacholderbüsche, Kiefern und hier und da einige Birken; die ärmlichen Kotten blieben versteckt; im Hochsommer überbreitete sich die Kargheit mit rotem Blütenteppich, den die Bienen umsummten.“

Dort in der Heide, deren landwirtschaftliche Ausnutzung noch nicht lohnte, hatte Carl Weber seine Jagd. Von Hektor, dem schwarzgelockten Jagdhund, begleitet, entspannte er sich dort von den Geschäftssorgen und brachte auch Hasen heim für die häusliche Küche (Vergleiche Seite 118). Seine Liebe zur Natur war der einzige Ausgleich für den zu rastlosem Rechnen und Tun verpflichteten Unternehmergeist. Er wäre gern Naturforscher geworden; nun mußte ihm ein Hühnerhof mit allerlei fremdartigem Getier und dann vor allem der große parkartige Garten am Berghang ausreichen. Hier kannte er jede Pflanze, jeden Baum. Das Werden und Vergehen, Gestalten und Umgestalten nahm kein Ende. O, diese kostbaren Koniferen, umrandet von immer grünem Gebüsch, mit glänzendem Blattwerk, [Ein Teil der Koniferen mit der prächtigen Abies nobilis steht heute unter Naturschutz.] dann die großen Beete mit Rhododendron und vielfarbigen Azaleen, die im Florprangenden Rosen, das Kleinzeug der Geranien, Fuchsien, Petunien, Stiefmütterchen und die winzigen Steinpflanzen, dann das warme Weinhaus mit den blauen Trauben. Es gab im Wechsel der Jahreszeiten viel zu bewundern für einen Garten- und Pflanzenfreund.

„Carl Webers Kinder..... erbten die Liebhaberei ihres Vaters. Sie verwandelten später rings um ihre Häuser noch größere Gelände als der Patriarch. Diese Gärten wurden reizvoll eingebettet in Buchen- und Tannengehege am Berghang.

Aber zu der Zeit, in die wir uns versetzen, war es nur Carl Webers Besitz. Seine Wohnung war ein bescheidenes, mit dem Leinenlager [mit Kontorräumen]  verbundenes Stadthaus. Er hielt inmitten seiner Anstrengungen und Erfolge am einfachen Lebensstil fest. Freilich, am Spätnachmittag pflegte er im Weinhaus eine Flasche guten Mosel mit Gewürzplätzchen zu genießen. --- Die Küche war sorgfältig. ---   Die Familie verhielt sich leutselig und hilfreich. --- Carl Weber stiftete ein Krankenhaus. [zur Erinnerung an seine verstorbene Frau "Mariannenstift" genannt.] --- Im übrigen hielt er aristokratischen Abstand von den Dorfgenossen, erschien weder beim Dämmerschoppen, noch beim Schützenfest, noch im Gesangverein, noch auch in der Kirche. Man betrachtete ihn deshalb mit Scheu. --- Neben dem ihn völlig erfüllenden Geschäft nahm er liebe vollen Anteil an seiner Familie; er beherrschte sie, seine Wünsche und Ansichten waren maßgebend für die Seinen; sie sahen in ihm den genialen Schöpfer der Firma."

Carl fand seine Ergänzung durch die zarte, feinsinnige und hochgebildete Frau Marianne. Die Ehe war sehr glücklich. Marianne hatte fünf Kindern das Leben geschenkt [Fußnote: 1. Anna Weber, geboren 9.4.1851, gestorben März 1873 zu Oerlinghausen, verheiratet gewesen seit 1869 mit Dr.med. Eduard Schnitger, praktischer Arzt in Oerlinghausen. Tochter: Marianne, Verfasserin der Lebenserinnerungen. 2. Herta, geboren 20.2.1853, gestorben Kupferhammer bei Brackwede verheiratet seit ??? mit dem Fabrikbesitzer Carl Möller - Kupferhammer bei Brackwede. 3. Alwine, geboren 10.10.1855, gestorben in Oerlinghausen 17.Juli 1936, verheiratet seit 19.8.1876 mit Kommerzienrat Bruno Müller (geboren Bielefeld 31.10.1848, gestorben Oerlinghausen 6.3.1913), Mitinhaber der Firma Carl Weber & Co.], nun kränkelte sie; sie war noch jung, aber vielleidend, trotzdem harmonisch und Mittelpunkt des Hauses, eine hohe Seele im anfälligen Körper. Sie tat viel Gutes, das Dorf verehrte sie als Heilige. Sie strebte nach Vollkommenheit, maß sich an hohen Maßstäben, sie war fromm und mit ungebrochener Selbstverständlichkeit im Christentum verankert, in das auch die Kinderseelen eingepflanzt wurden. Sie las viel, auch mit den heranwachsenden Kindern; sie konnte sogar Latein. Anna erwähnt die gemeinsame Lektüre von Nippolts Kirchengeschichte, von Silvio Pellico, von Mendelsohns Briefen..... Der Lehrer an der Rektorschule, der Pfarrer [Wilhelm Weerth] und der Arzt suchten ihre Nähe und ließen sich von ihr anregen. Sie hielt dem Geschäftseifer des jungen Unternehmers das Gegengewicht. Religiosität gab ihr Tiefgang und Zuversicht ---.

Carl Weber war anders geartet - nüchtern, sachlich und nicht religiös, jedenfalls nicht in späteren Jahren; da erzählte er einmal im vertraulichen Gespräch, daß er den Islam vorziehe; das Christentum begünstige den Weingenuß im Abendmahl und verweise die kleinen Leute auf die ewige Seligkeit "da oben", statt auf rege Arbeit im Diesseits.

Das Dorf besaß eine Rektorschule für Knaben und Mädchen gemeinsam. Die Knaben gingen von dort aus in das Bielefelder Gymnasium, die Mädchen lernten mit ihnen zusammen und profitierten durch die akademisch gebildeten Lehrer.

Ich will hier kurz einfügen, was Marianne Weber über ihren Vater auf Seite 23 ihrer Lebenserinnerungen schreibt:

„Eduard Schnitger, ein Sohn des Gymnasialdirektors in Lemgo, hatte sich (1868) mit 24 Jahren, frisch von der Universität, in Oerlinghausen als Arzt niedergelassen und gewann schnell das Vertrauen der Bevölkerung. Die aus gedehnte Landpraxis, weit in die Senne hinein, war eigentlich noch zu viel für den Anfang, aber er schaffte sie. Er war ein stattlicher, auffallend schöner Mann, im Gegensatz zu den echt niederdeutschen, teilweise rotblonden Erscheinungen der Webersippe mit ihren breiten Nasen. --- Im Spätherbst 1869 fand die Hochzeit statt, Anna Weber war 18 ½ Jahre alt. --- Anfang August 1870 (2.8.1870) wurde ich geboren. ---[Um jene Zeit verlobte sich Carl Möller - Kupferhammer mit Annas Schwester Herta.] Im März 1873 drängte sich das zweite Kind ans Licht. --- Vater hatte als Patientin eine andere Wöchnerin mit Kindbettfieber. Er beobachtete jede Vorsicht, aber Mutter fieberte, sie war geschwächt, sie starb. Ein an Gefühls- und Geisteskraft überschwänglich reiches junges Leben..... wurde mit 22 Jahren ausgelöscht. Ein von Geisteskrankheit gefesselter Mann mußte sein verstörtes Dasein..... weitertragen. --- War das der weise Wille eines liebenden Vatergottes? Ich konnte mich niemals damit aussöhnen."

Nach dem Tod seiner Frau verzog Dr. Schnitger nach Lemgo und bald darauf nach Lage, wo er in geistiger Umnachtung gestorben ist.

4. Carl Weber-innerhalb der Familie Carlo genannt-geboren zu Oerlinghausen am15.10.1858, gestorben Berlin 24.4.1923; verheiratet seit ??? mit Emily, geb. Brassert (geb.18.8.1860, gestorben zu Oerlinghausen 1.3.1949 im Alter von 88 Jahren.) Carl Weber war Kommerzienrat und Mitinhaber der Firma Carl Weber & Co.5. Eleonore, geboren zu Oerlinghausen 10.8.1861, gestorben zu Heidelberg 1948, heiratete am 23.9.1882 zu Oerlinghausen den Premierleutnant, späteren Generalmajor Wilhelm Müller, gestorben zu Oerlinghausen. (Heir. Reg. Oerlinghausen Nr.40 - 1882).

Marianne Weber fährt auf Seite 38 fort:

"Die Ferien verbrachte ich meist in Oerlinghausen und in Lage. Ich war gern beim Großvater in der Hut einer gutmütigen Haushälterin [Frl. Anna Küstermann, gestorben in Oerlinghausen [Fußnote: Anna Küstermann kam 1876 von Schötmar nach Oerlinghausen.]. Die Gartenfreuden mit dem vielen Beerenobst waren groß. Ich war auch gern bei meiner Tante Wina. Sie war verheiratet mit Bruno Müller, einem schönen und guten ritterlichen Mann aus Bielefeld, den sich Carl Weber zum Geschäftsteilhaber und Schwiegersohn herangezogen hatte.

Wina gebar 6 Kinder und erfüllte sich in ihrem Mutterglück. Später wurde sie Mittelpunkt der großen Familie, von ihrem Mann und ihren Söhnen verehrt und geliebt, Augapfel ihres Vaters, der sie beherrschte..... Jeden Nachmittag war sie bei ihm und teilte mit ihm sein Interesse an jedem Baum, jeder Pflanze. --- Damals lebte die Familie Müller in einem bescheidenen Häuschen [Detmolder Straße 22] das wie ein Schmuckkasten gehalten wurde. Später [1890] ließen sie sich ein prächtiges Haus im gotischen Stil bauen, "die Müllerburg" mit handgeschmiedeten Türbeschlägen, einem Turm und bemalten Balkendecken [Baumeister Prof. Ross - Hannover]. In Wiesen und Wald entstand ein großer schöner Park; er bot herrliche Blicke in die Weite des westfälischen Landes. ---"

In dieses Idyll kam Marianne Schnitger nach mehrjährigem Aufenthalt in einem hannoverschen Institut nun als Haustochter. Sie sollte dort ein "nettes junges Mädchen" werden. Nach ihrer ganzen Veranlagung und ihrer bisherigen Erziehung spürte sie dazu wenig Neigung. Sie litt in der Müllerburg unter Heimweh nach Hannover und unter Langeweile. Dann vertiefte sie sich in Häckels "Welträtsel" und in Kants philosophische Werke und bemerkt einmal (Seite 49 der Lebenserinnerungen):

"Im Dorf gab es kaum Verkehr, nur das Pastorenhaus mit 11 Kindern und einem glaubenseifrigen klugen Mann (Es ist Pastor Eduard Reber, vergleiche Seite 39 dieser Chronik). Aber eine gleichaltrige Freundin tat sich auf, die mir schon von Lemgo bekannte Tochter des Apothekers Melm, Milly, ein schönes, liebes Mädchen, das ein Jahr lang auf einem Konservatorium Weltluft geatmet hatte. Wir beiden verstanden uns gut in unserer Sehnsucht in die Weite..... Die gemeinsamen Ausflüge nach Bielefeld in der Postkutsche [Fußnote: Der Postkutschenbetrieb nach Bielefeld wurde erst 1904 nach Eröffnung der Eisenbahnlinie Oerlinghausen - Bielefeld eingestellt. Die Eisenbahnstrecke Lage - Oerlinghausen wurde 1903 eröffnet.] oder zu Fuß waren nicht häufig, aber erquickend."  [Das war um 1890.]

Nach zweijährigem Aufenthalt in Oerlinghausen lernte Marianne Schnitger in Berlin ihren jungen Onkel Max Weber [Fußnote: Max Weber, geboren 21.4.1864 in Berlin, also nur 6 Jahre älter als seine Frau Marianne, später Universitätsprofessor in Heidelberg und München, war als Soziologe und freisinniger Politiker gleicherweise berühmt. Er starb am 14.6.1920 in München.], Sohn eines Bruders ihres Großvaters Weber kennen und lieben. Die Verlobung wird 1892 in Berlin, die Hochzeit 1893 in Oerlinghausen gefeiert.

Die poesievolle, großzügige Landschaft, die ihr kunstvoll eingefügten herrlichen Gärten,

sonst in der Stille träumend, kommen so recht zur Geltung als Rahmen des Festes. Otto Baumgarten [Fußnote: Ich habe den bekannten Berliner Kanzelredner Otto Baumgarten 1907 hier gehört, als er seinem Freunde Carl David Weber die Grabrede hielt. 8 Vergleiche Seite 201 des Buches: Marianne Weber - Max Weber, Tübingen 1926.] traut das Paar in der Dorfkirche8.   Wohl habe ich reichlich viel aus den Erinnerungen Marianne Webers [Fußnote: Marianne Weber gestorben am 12.3.1954 in Heidelberg.] hier wiedergegeben. Aber ich fand beim Studium ihrer Bücher so viel Wertvolles - in vollendeter Sprache - nicht nur über den Ort Oerlinghausen, sondern auch über seine Menschen in einer Zeit, die schon Geschichte ist, daß ich diese Äußerungen einer in ganz Deutschland bekannten Schriftstellerin für die Chronik der Stadt nicht auslassen zu dürfen glaubte. Sie ist in Oerlinghausen geboren und hat unsere Bergstadt immer in liebender Erinnerung behalten. Noch am 15. März 1949 schreibt mir Marianne Weber aus Heidelberg: "..... O, wie gerne würde ich noch einmal per Flugzeug kommen und das Städtchen wiedersehen!" - Altersschwäche (sie ist jetzt 79 Jahre alt) hält sie von einer Reise nach ihrer Geburtsstadt ab.

Wenn ich nun zur Geschichte der Firma Carl Weber & Co. zurückkehre, so muß ich von vornherein bekennen, daß das Ergebnis meiner Nachforschungen über geschäftliche Dinge recht mager ist. Was ich über die Inhaber berichte, mag dafür ein Ausgleich sein.

Etwa 25 Jahre nach seiner Niederlassung in Oerlinghausen nahm Carl David Weber den aus Bielefeld stammenden Kaufmann Bruno Müller als Teilhaber auf, als dieser die Tochter Alwine geheiratet hatte. Bruno Müller nahm an den Geschehnissen des Dorfes lebhaften Anteil. Er trat sogleich der Schützengesellschaft bei und wurde bald in den Vorstand gewählt. Die Kasse der Schützengesellschaft hat er mehrere Jahre vorbildlich verwaltet. Als Mitkämpfer von 1870/71 wurde er auch Vorstandsmitglied des Kriegervereins. Und als im Jahre 1881 die "Freiwillige Feuerwehr" gegründet wurde, war Bruno Müller ihr erster Hauptmann. Die Wehr verdankt ihm ihre erste straffe Organisation, ihre sachgemäße Ausbildung und ihre stets tat kräftigen, wirkungsvollen Einsatz bei vielen Bränden. Im Jahre 1890 gehörte er zu den Gründern des Verschönerungsvereins und hat in dessen Vorstand bis 1912 all die Verbesserungen der vorhandenen und die Anlage neuer Wege, ferner die Wegebezeichnungen, die Aufstellung von Bänken auf dem Tönsberge, im Bruche und im Schopketal, und die Anpflanzungen am Berge mit durchgeführt, die sich bis heute. fast 60 Jahre nach Gründung des Vereins, als so segenreich für die Verkehrsentwicklung der Stadt erwiesen haben. Ich will hoffen, daß sich bald Männer finden, die den seit 1933 ruhenden Verschönerungs- und Verkehrsverein neu ins Leben rufen und die ihm zu stellenden Aufgaben, die heute nach dem verlorenem Kriege wichtiger denn je sind, mit der gleichen jugendlichen Begeisterung anpacken, wie die Männer um 1890.

Der Gemeindevertretung, die nach dem bis 1918 geltenden Dreiklassenwahlrecht gewählt wurde, gehörte Bruno Müller als Vertreter der ersten Klasse bis zu seinem 1913 erfolgten Tode an. Ich komme auf diese Periode in einem späteren Kapitel zurück.

Sein Schwager Carl Weber, der einzige Sohn des geheimen Kommerzienrats Carl David Weber (geb. 15.10.1858 in Oerlinghausen) wurde nach seiner Rückkehr von langen Auslandsreisen

1883 Teilhaber der Firma. Er war ein durch und durch schöngeistiger Mensch, aber auch ein Kaufherr, der sich dem Gesetz strenger Pflichterfüllung und gesunder Geschäftsmoral unterstellte. Er verband mit beruflichem Fleiß seine Gemütskultur und wußte sein schönes Heim, Detmolder Straße 4, zu einem Schmuckkasten aufzubauen, wobei ihm bekannte Innenarchitekten, wie Professor Niemeier - München u.a. halfen. Es war mir immer ein ästhetischer Genuß, mit ihm im kühlen Wintergarten oder im maurischen Zimmer oder im lauschigen Winkel der geschmackvollen Wohndiele zu plaudern oder auch ernste Gespräche zu führen, hatte ich doch auch beruflich mit ihm zu tun, da er seit Februar 1919 bis zu seinem Tode am 24. April 1923 Vorsitzender der Gemeindevertretung war. Es mag als ein Kuriosum angesehen werden, daß der Kommerzienrat Weber von der Gemeindevertretung, in der seit 1919 die Sozialdemokratie die Mehrheit bildete, einstimmig zum Vorsitzenden gewählt worden war. Diese Tatsache zeugt von der Beliebtheit Carl Webers und von dem Ansehen, das er, der vielgereiste und erfahrene Fabrikherr, in Oerlinghausen auch in Arbeiterkreisen besaß. Seine soziale Natur, seine vielseitige Betreuungstätigkeit während des ersten Weltkrieges 1914/18 haben zweifellos zu dieser Vertrauenskundgebung beigetragen.

Carl Weber baute das ansprechende Wohnhaus Detmolder Straße 4 im Jahre 1885 und erweiterte es 1897/98. Der schöne Park hinter dem Hause wurde nach seinen Angaben gestaltet. Er war ein Künstler in der Gartengestaltung und suchte die Liebe zu den Blumen in der Oerlinghauser Jugend zu wecken, indem er jährlich im Frühjahr hunderte von Topfblumen an die Schüler verteilte. Die schönsten und am besten gepflegten Exemplare wurden im Herbst durch Bücher prämiert.

Auch Carlo Weber gehörte 1890 zu den Gründern des Verschönerungsvereins und war dessen Vorsitzender bis zu seinem Tode (1923).

Seine Ehe mit Emily Brassert blieb kinderlos. Seine Witwe hat ihn 26 Jahre überlebt. In seinen Neffen, den Söhnen des Kommerzienrats Bruno Müller, waren ihm inzwischen rührige Nachfolger herangewachsen. Eine neue Generation kam ans Ruder. Inzwischen aber hatte sich die Struktur des Unternehmens von Grund auf geändert.

Als Carl David Weber 1850 nach Oerlinghausen kam und damit das alte väterliche Geschäft von Bielefeld nach hier verlegte, war der Leinenhandel das Primäre. Die Bielefelder Leinenhändler nannten sich schon "Fabrikanten" (auch fabrica teure), zweifellos mit gewissem Recht, denn die meisten lieferten den Hauswebern der Umgegend die Garne, die diese auf ihren Webstühlen zu verarbeiten hatten und dann als fertige Leinwand wieder ablieferten. Bei der Ablieferung kam es oft zu Differenzen, wenn das fertige Stück zu viele Webfehler enthielt oder einen mangelhaften Saum aufwies. Dann hatten die Weber bitter zu klagen über die hohen Abzüge am mühsam erarbeiteten Lohn.

Legge

Die 185010 in Oerlinghausen eingerichtete staatliche Legge vermehrte diese Klagen. Die staatliche Leggeordnung schrieb vor, daß der vereidigte Leggemeister und seine Gehilfen die vorgelegte Leinwand zu vermessen, auf Fehler zu prüfen und dann mit einem Stempel zu

10 Am 12.11.1850. Vergleiche auch Lippische Landesverordnungen - Band VII Seite 339 und Band X Seite 426.

kennzeichnen hatte. Zweck der Leinenlegge war, die Qualität des Leinens und infolge dessen den Absatz zu heben, und bald achteten alle Käufer auch auf die Leggestempel, die sowohl die Länge und Breite des Stückes als auch die Qualität des Leinens bezeugten. Der Umsatz stieg in der Tat erheblich, denn der Käufer hatte die Garantie, diejenige Klasse und Ellenzahl zu erhalten, die der Legge stempel anzeigte. Die vorgeschriebene Normallänge für jedes Stück betrug 60 Bielefelder Ellen, die Breite 1 5/8  Ellen (= etwa 40 Meter Länge und 1,10 Meter Breite). Die anerkannte Leinwand erhielt als ersten Stempel den eigentlichen Leggestempel, der die lippische Rose zeigte mit der Unterschrift: "Fürstlich Lippische Legge zu Oerlinghausen". "Alle Leinwand, die nicht die vorgeschriebene Breite hatte, wurde in Stücke von 20 Ellen geschnitten..... Bei 1 Thaler Strafe durfte kein Oerlinghauser Händler Leinwand, die nicht auf der Oerlinghauser Legge gestempelt war, zum Zwecke des Wiederverkaufs an sich bringen und auf dem Lager haben." [Fußnote: Vergleiche Schierenberg in Mittlg. aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, Band XI Seite 1 ff]

Die Zahl der auf der Oerlinghauser Legge geprüften Stücke betrug:

1852 : 8095

1860 : 6995

1855 : 8068

1862 : 8480

In den folgenden Jahren nahm die Zahl der vorgelegten Stücke allmählich ab. Die Verbreitung der billigeren Baumwolle machte sich immer mehr fühlbar, besonders im Inlandhandel.

Am 10. Januar 1871 wurde die Oerlinghauser Legge, die im Krome'schen Hause, Gehrenberg 1, (jetzt Ullrichs Erben) untergebracht war, aufgehoben, weil der geringer gewordene Betrieb zu hohe Zuschüsse erforderte.

Nunmehr sahen die Leinenhändlerdarauf, solche Ware von den Webern zu erhalten, die den Bestimmungen der früheren Legge entsprach.

Spinnschule

In diesem Zusammenhang sei auf die im Jahre 1835 ins Leben gerufene Oerlinghauser Spinnschule erwähnt.

Sie war im Hause des Tierarztes Tasche untergebracht. Das Haus ist 1896 nach dem Tode des Tasche abgerissen. Es stand da, wo heute O die am 10. November 1905 gepflanzte Schillereiche steht. [Fußnote: Erbaut 1826 durch Tierarzt Tasche als Erbpachtstätte auf Pfarrgrund.].

Ein Zwang zum Besuch der Spinnschule bestand nicht. Wer aber am Spinnunterricht teilnahm, war zu regelmäßigen Erscheinen verpflichtet. Der Unterricht fand jeden Nachmittag von 1 bis 7 Uhr statt. Daher rekrutierten sich die Spinnschülerinnen nur aus dem Mittelstande und aus wohlhabenden Kreisen. Zu den ersten Schülerinnen gehörten z.B. die Töchter des Superintendenten August Ernst Volkhausen (vergleiche Seite 37), von dem Butterweck in seiner "Geschichte der Lippischen Landeskirche Seite 549 schreibt: "Er war Rationalist und als solcher ein Führer im Kampfe gegen die Leiter der Erweckungsbewegung, übrigens ein begabter und schriftgewandter Mann...... Der 1846 in Oerlinghausen gegründeten "Sonntagsschule" (Fortbildungsschule) und der dort gleichzeitig ins Leben gerufenen Volksbibliothek brachte Volkhausen großes Interesse entgegen." Die Töchter des minderbemittelten Teils der Oerlinghauser Bevölkerung blieben der Spinnschule fern, denn sie hatten zu Hause mit Hausarbeit, Kinderverwahren, Viehwartung und dergleichen genug zu tun.

Die Eltern wurden verpflichtet, die Mädchen so lange in der Spinnschule zu belassen, bis sie gute Spinnerinnen waren. Auf diese Weise wurde erreicht, daß in Oerlinghausen bald die feinsten und sehr gleichmäßigen Fäden gesponnen wurden. Von Ostern 1864 bis Ostern 1865 wurden hier von 29 Kindern 715 Stück Garn gesponnen, für das ein Preis von 1 bis 1 ½ Silbergroschen je Stück gezahlt wurde. Das Garn wurde an Leinenhändler in Oerlinghausen, Bielefeld und Herford verkauft.

Leiter der Spinnschule war lange Jahre der rührige Kantor Steinhagen, der sich große Verdienste um ihre Entwicklung erworben hat. Langjährige Spinnlehrerin war Frau Soll, geborene Steuernagel [Fußnote: Eleonore Amalie Steuernagel, geboren 17. August 1816, Tochter des Konrad Steuernagel in Darmstadt, heiratete in Oerlinghausen am 24.April 1842 den Tischler Friedrich Ferdinand Soll. Sie starb, 59 Jahre alt, am 28. Februar 1875 an Krebs.], Mutter des Zigarrenherstellers Carl Soll, Hauptstraße 7, Großmutter der Frau Ferdinand Langewort. Sie stammte aus einem Darmstädter Pfarrhause und wußte beim Spinnunterricht den Kindern unzählige Märchen und Geschichten zu erzählen, von denen eine ihrer Schülerinnen, meine Tante Marie Reuter (geboren 7.8.1849) noch viele mir wiederzugeben wußte, und sogar teilweise noch in dem süddeutschen Dialekt der Frau Soll, in dem sie 30 Jahre vorher diese Märchen und Kindergedichte gehört hatte.

Bis zum Jahre 1869 hat die Landkasse der Oerlinghauser Spinnschule 4592 Rthaler, 29 Silbergroschen und 8 ½ Pfg an Unterstützung gezahlt, also in einem Zeitraum von rund 35 Jahren. In diesem Jahre 1869 ging die Spinnschule ein, denn die Regierung war der Ansicht, daß sie ihren ursprünglichen Charakter, die Leinenindustrie zu heben, verloren hätte. Der Kostenaufwand stehe in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen der Schule.

Von dieser Zeit ab hat die Spinnmaschine das Handspinnrad aus dem Erwerbsleben endgültig verdrängt. Spinnräder sind nur noch Zierstücke oder Museumsstücke.

Leinen – Fortsetzung

Ich kehre hier noch einmal zu der Firma Carl Weber & Co. zurück. Auf Seite 272 habe ich gesagt, daß die Struktur der Firma sich von Grund auf geändert habe. In welcher Weise das geschah muß ich noch erläutern. Ich habe weiter ausgeführt, daß der Leinenhandel vorherrschend war. Das war auch bei Carl Weber sen. der Fall. Es wird erzählt, er habe 1850 die ganze Mitgift seiner Frau in Höhe von 10 000 Thalern benutzt, um in und um Oerlinghausen Leinen aufzukaufen. Ich weiß nicht, ob das mit der Mitgift stimmt. Soviel aber ist gewiß, daß er von Anfang an größten Wert darauf legte, seiner Kundschaft nur das beste Leinen zu liefern, das auf der Legge als fehlerlos und als erste Qualität gekennzeichnet war. Nur dieser strengen Auswahl beim Versand der Leinenstücke hatte er es zu verdanken, daß die angesehensten Wäschegeschäfte in den deutschen Großstädten und fürstlichen Residenzen seine Kunden wurden. Das Weber'sche Leinen wurde zu einem Begriff. Nach Petersburg, Kopenhagen, den Haag, nach Frankreich, Spanien und Portugal gingen die schweren Kisten, ja, durch die Hamburger Exporthäuser belieferte er schon in den sechziger Jahren Südafrika und die Südseeinseln. Seine Tochter, Frau Herta Möller, Kupferhammer, sagte mir, als sie mir aus ihren Jugenderinnerungen erzählte, daß nach 1864 Briefe von der Königin von Hawaii in der Familie vorgelesen wurden, die sie anderntags mit zur Rektorschule nehmen durfte, wo sie in der Geographiestunde und im englischen Unterricht durchgenommen worden seien. Die Rektorschule, 1857 gegründet und zunächst in einem Anbau der "Mangel" (Jägerstraße 2) untergebracht, sei damals nur von wenigen Schülern besucht worden, und der Weg dorthin sei wegen des schlechten Zustands der Jägerstraße bei Schlacker- oder Regenwetter auch von den Mädchen nur in hohen Stiefeln zu passieren gewesen (vergleiche auch Seite 58).

Ich habe noch das kleine Kontor gekannt gleich rechts vom Treppeneingang Detmolder Straße 10, d.h. des Hauses, das Carl David Weber 1850 von dem Assessor Meyer erworben und umgebaut hatte [Fußnote: 1838/39 durch Amtsassessor Meyer als Neuwohnerstätte erbaut.]. Erst 1869 hat er das danebenliegende Haus Detmolder Straße 6, in welchem von 1866 bis 1869 die Post war, hinzuerworben. Dahinein wurden die Leinenschererei, die Leinenabnahme und der Versandraum verlegt wo der gestrenge Heinrich Breder [Fußnote: Heinrich Breder, geboren 22.7.1857 zu Bielefeld, gestorben 2.10.1924 zu Oerlinghausen, kam 1883 nach hier und war der strenge und gewissenhafte Taxator der von den Webern angelieferten Leinwand. Bei den Webern war er nicht gerade beliebt, denn er entdeckte die geringsten Fehler.1908 ließ er sich das Haus Reuterstraße 1 durch Meister Rudolf Oberdiek erbauen. Seine Tochter Emmi (geboren 1885) wurde 15.11.1904 die erste weibliche Angestellte der Firma Carl Weber & Co.], der alte Scherer Krüger [Fußnote: Krüger, Jägerstraße 2, war viele Jahre Scherer, d.h.er hatte überstehende Flusen und Knötchen von der glatten Leinwand zu beseitigen. Das Ehepaar Krüger mit ihren 4 oder 5 Kindern galt als außerordentlich fleißig und sparsam.] und der jugendlich frische Karl Stieghorst [Fußnote: Carl Stieghorst, geboren zu Oerlinghausen, gestorben 8.11.1930 hierselbst, war Kontordiener und eine in ganz Oerlinghausen angesehene und beliebte Persönlichkeit. Er war Mitbegründer der Feuerwehrkapelle und viele Jahre Vorsitzender des Gesangvereins Eintracht. Geboren 3.4.1861.] ihres Amtes walteten. 1923 wurde dies Haus bei einem vollständigen Umbau mit dem Hause Detmolder Straße 10 verbunden und bildet heute den westlichen Flügel des großen Verwaltungsgebäudes der Firma.

Ach, das kleine Kantor! in dem an hohen Pulten Wilhelm Wegescheid [Fußnote: Wilhelm Wegescheid, geboren 25.4.1848 zu Himmerkusen, Kr. Gummersbach, gestorben 20.8.1928 in Oerlinghausen, kam 1884 zur Firma Carl Weber & Co. und war ein ungemein lebhafter und tätiger Mensch mit festem, aufrichtigem Charakter. Seine Interessen teilten sich zwischen liberaler Politik und hausväterlicher Fürsorge. Daneben fand er Zeit für den Geflügelzuchtverein und Vogelschutz, war Mitbegründer des Schopkebades und eifriges Mitglied der1888 gegründeten Feuerwehrkapelle. 1905 verließ er seine Stellung bei C W Co. Von 1913 bis 1918 gehörte er als Vertreter der Lippischen Liberalen Volkspartei dem Landtag an.] die Buchhaltung und die Kasse führte und Wilhelm Hofbüker [Fußnote: Wilhelm Hofbüker, geboren zu Oerlinghausen 12.8.1861 als Sohn des Malermeisters Wilhelm Hofbüker, Jägerstraße 1, besuchte hier die Rektorschule und anschließend das Gymnasiumin Bielefeld. Später als Handlungsgehilfe im Ausland (Frankreich, Spanien). Nach Rückkehr 1889 Eintritt bei C W Co. als Korrespondent. Eifriger Vorturner und Wanderführer noch keine Schreibmaschinen. Die Junior - Chefs, Bruno Müller und Carlo Weber aber saßen in einem noch kleineren Raum hinter dem Kontor an kleinen Schreibtischen, auf denen die blankgeputzten Petroleumlampen mit grüner Kuppel ins Auge fielen. Oben auf dem Leinenlager verwaltete Hermann Weeke] die Korrespondenz erledigte. Und es gab damals [Fußnote: Hermann Weeke, geboren 5.2.1862 zu Oerlinghausen. Sein Vater, geboren 23.3.1823 zu Oerlinghausen, war in der "Mangel", Hauptstraße 7, als ??? beschäftigt und verunglückte am 31.1.1866 dort tödlich, als sein Sohn 4 Jahre alt war. Der damalige Besitzer der Mangel, Carl David Weber, nahm sich seiner an, schickte den aufgeweckten, fleißigen Schüler auf's Bielefelder Gymnasium und machte ihn später zum Verwalter des großen Leinenlagers. Diesen verantwortungsvollen Posten bekleidete Hermann Weeke bis in sein hohes Alter. Er starb 2.12.1932. Im öffentlichen Leben war er vielseitig tätig (Mitbegründer des Schopkebades, des Verschönerungsvereins, Kassenwart der Schützengesellschaft und anderer Vereine). Eine stille, edle Natur mit reicher Bildung, ein Schöngeist und Menschenfreund. Seine Mutter war eine geborene Becker.] als engster Mitarbeiter des alten Geheimrats die kostbaren Bestände [Fußnote: Heinrich Scheele, geboren 18.2.1864 zu Bielefeld, gestorben 29.5.1943 zu Oerlinghausen an Altersschwäche. Er war kaufmännischer Angestellter und erreichte durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit eine Vertrauensstellung bei C W Co., die er bis ins hohe Alter inne hatte. Er baute sich 1900 das Haus Bahnhofstraße 8, das nach seinem Tode seine Tochter, Frau Else Drecksage erbte.].

Wie oft mußte ich diese stillen, geheiligten Räume betreten, wenn ich als 12-jähriger Junge und Bote meines Vaters Einladungen zu Gemeinderatssitzungen oder Besprechungen und dergleichen zu überbringen hatte. Dann bewunderte ich die im Kontor hängenden Bilder großer Spinnereien in Belfast (Irland) und spürte Sehnsucht in die Fremde. Ich bettelte auch jedesmal um ausländische Briefmarken, die aus dem Papierkorb zusammengesucht wurden. Mußte ich aber dem alten Geheimrat eine Botschaft des Gemeindevorstandes ausrichten, dann nahm ich - auch als 14-jähriger noch - gern die mir von der Haushälterin Frl. Küstermann gebotenen leckeren Plätzchen in Empfang, die es sonst nirgends gab. Das war in den Jahren 1894 bis 1897. Und das war wohl auch die Zeit der größten "prosperity" der Firma des alten Stils, d.h. des Handels mit reinem Leinen.

Nach 1900 begann allmählich die Umstellung. Das war, als die ältesten Söhne Bruno Müllers, Georg und Richard Müller in die Firma eintraten. Sie hatten Hoch- und Webschulen besucht und brachten neue Ideen aus der Fremde mit. Sie kannten den Bedarf des Marktes und schlugen, erst zaghaft, dann vernehmlicher den Bau einer mechanischen Weberei vor, in der außer Leinen auch Halbleinen fabriziert werden sollte. Ein Bauplatz für die Weberei wurde schließlich von Steinmeister Menkhausen auf dem "Breitees" erworben und 1903 mit dem Bau begonnen. Die Fabrik sollte nach ursprünglicher Absicht in Asemissen nahe der im Bau befindlichen Bahnlinie errichtet werden. Das ist glücklicherweise verhindert worden.

Die Herstellung von Halbleinen ist dem Gründer der Firma, der sich inzwischen immer mehr vom Geschäft zurückgezogen hatte, lange Zeit verheimlicht worden. Leinen und Baumwolle zusammen? Wo blieb da das alte, bewährte Geschäftsprinzip reinster Ware?

im hiesigen Turnverein von 1863. Brandmeister der Feuerwehr, Oberst der Schützengesellschaft, Vorsitzender des Gesangvereins "Gemischter Chor", Mitglied der Gemeindevertretung für die I. Klasse. Vielseitig begabt und ein versierter Redner, leider oft zu bissig und zum Spott geneigt. Sehr streng gegen sich selbst und gegen andere, daher wenig beliebt. Er heiratete eine Witwe des vermögenden Rentners F. Berkemeier und erbte damit dessen schönes, altes Fachwerkhaus, Tönsbergstraße 10, eine Zierde der Stadt. Er mußte noch erleben, daß dies Haus Ostern 1945 durch amerikanische Artillerie vollständig zerstört wurde, und starb einsam und arm im Alter von 81 Jahren am 19.10.1946.

Aber die neuen Ideen bewährten sich in der Folgezeit. Der Markt stellte eben neue Forderungen an die Inhaber. Für Oerlinghausen erlangte die Errichtung der Weberei große Bedeutung insofern, als anstelle der Augustdorfer und Pivitsheider Hausweber nunmehr hiesige Arbeitskräfte Beschäftigung fanden. Da wurden außer Weber und Weberinnen sogleich Heizer und Monteure, Schlichter und Spulerinnen, Näherinnen zum Säumen von Taschentüchern und allerlei anderes Personal eingestellt. Doch das gehört schon in eine neue Zeit, die erst später behandelt werden kann. Ich habe mich hier der Vergangenheit zuzuwenden und hier niederzuschreiben, was ich von ihr weiß, um dadurch manches Grundlegende der Vergangenheit zu entreißen. Ich darf daher die Kapitel schließen mit dem Tode des Gründers, des Geheimen Kommerzienrats Carl David Weber im Jahre 1907.

Ich lasse darüber noch einmal seine Enkelin Marianne Weber - Heidelberg zu Worte kommen. (Ach, hätte ich doch den Takt und die Sicherheit der Marianne Weber, dieser Meisterin in der Beherrschung der Sprache und des Stils!) Sie schreibt auf Seite 369 ihres Buches "Max Weber", (Tübingen 1926):

"Der Patriarch Karl Weber in Oerlinghausen, Begründer der Leinenfirma, schließt seine Augen hochbetagt [Fußnote: Carl David Weber, geboren 17.4.1824 zu Bielefeld, gestorben 21.7.1907 zu Oerlinghausen.]. Weisheit des Alters hat den herrschgewohnten Mann längst so milde und gütig gemacht, daß sich alle Scheu vor ihm in Liebe wandelte. Er hat die Kinder großzügig an seinem Wohlstand teilnehmen lassen. Eine ganze blühende Dynastie: Sohn, Schwiegersohn und Enkel stehen mit ihm am Steuer der Geschäfts. Die Jungen haben nicht ohne Widerstand des Patriarchen, der zunächst die neuen Betriebformen scheute, die hausindustrielle Weberei in den Fabrikbetrieb über führt. Das Geschäft dehnte sich aus, aber die Harmonie der Arbeitsgemeinschaft blieb erhalten. Ein Wunder, daß 3 Generationen sich derart ineinander zu fügen vermögen, daß Söhne, die zufolge ihrer umfassenden Ausbildung über die Väter hinausgewachsen sind, so viel Spielraum finden und sich dennoch mit solcher Pietät der Vaterschaft unter werfen..... Hier bricht der Tod mit sanfter Hand die überreife Frucht; im Abschiedsschmerz ist Sagen: wenn ein alter Baum fällt, so können sich die jungen ins Licht recken."

Das geschah! 1912 wurde die Tischzeugweberei Elmendorf in Isselhorst erworben, die Friedrich - Wilhelm - Bleiche in Quelle bei Brackwede und eine Spinnenrei in Hattorf wurden dem Betriebe angegliedert und weitere Firmen in Hannover, Berlin, Wustrow gegründet. Der Kopf des Gesamt-Unternehmens blieb in Oerlinghausen. Und die Inhaber haben in harter Arbeitsunermüdlichkeit es verstanden, die schweren Kriegszeiten nach zwei verlorenen Weltkriegen zu überwinden.

Wir wollen wünschen, daß im Interesse der Stadt Oerlinghausen auch in Zukunft der Firma Carl Weber & Co. eine stete Entwicklung beschieden sein möge und ein freundlicher Stern über ihrem Geschick leuchte!

[Fußnote: Im Original folgt an dieser Stelle ein Zeitungsausschnitt dessen Text hier wiedergegeben wird. Anm. d. Ü.] Aus der Textil - Zeitung vom 21.4.1948:

Georg Müller – Oerlinghausen

Herr Georg Müller, der Seniorchef der Firma Carl Weber & Co. in Oerlinghausen, begeht am 22. April seinen 70sten Geburtstag.   Georg Müller - Oerlinghausen ist ohne Zweifel einer der bekanntesten Männer nicht nur der deutschen Textilwirtschaft sondern der deutschen Wirtschaft überhaupt. Bis zum Jahre 1933 ist sein Name unendlich oft in der Öffentlichkeit erwähnt worden über oder unter einer Legion von Beiträgen in Zeitungen und Zeitschriften, in Referaten über Veranstaltungen, bei denen Müller - Oerlinghausen aufmerksam beachtete wirtschaftspolitische Reden gehalten hat, in Berichten über die Arbeit des Reichswirtschaftsrates, in dem er eine lebhafte Tätigkeit ausübte, oder über außenhandelspolitische Verhandlungen, bei denen er in den 20er Jahren als Generalsachverständiger der deutschen Industrie eine sehr bedeutsame Rolle gespielt hat.

Im Jahre 1914 stellten ihn seine Berufskollegen an die Spitze der Organisation der Leinenindustrie. Er brachte Fasererzeuger, Spinner und Weber an einen Tisch und schuf Arbeitsgemeinschaften und Gesellschaften, die sich zum Wohle der Industrie ausgewirkt haben; genannt seien die Deutsche Flachsbau - Gesellschaft m.b.H., die Bastfaserkontor - AG, die Leinengarnabrechnungsstelle und nicht zuletzt das Forschungsinstitut für Bastfasern, das von der Kaiser - Wilhelm - Gesellschaft übernommen wurde. Die Wiedererweckung des deutschen Flachsbaues und die Schaffung einer ausreichenden Aufbereitungsindustrie war mit sein Werk. Anfang der 20er Jahre wurde er zum Vorsitzenden der damaligen Organisation der deutschen Textilindustrie gewählt. Dieses Amt brachte ihn auch in den Vorstand des Reichsverbandes der deutschen Industrie. Bis zum Jahre 1933 hat er an diesen Plätzen mit großem Erfolg für die deutsche Industrie gewirkt.

Der Wirtschaftsdoktrin des dritten Reiches stand er ablehnend gegenüber. Er hat daher auf jede Mitwirkung am wirtschaftspolitischen Geschehen dieser Zeit verzichtet. Er gehörte aber mit zu den Ersten, die nach dem Zusammenbruch die Unternehmer zur Sammlung und zum Wiederaufbau riefen. Heute lenkt er in voller Spannkraft die Geschicke seines Unternehmens und setzt er sich ein wie nur je mit der ganzen Erfahrung eines reichen Lebens für die gesamte deutsche Textilindustrie.