Die Wäscheindustrie

 

Die Oerlinghauser Wäschefabriken und Nähereien sind Kinder des uralten Leinenhandels. Ich habe schon erwähnt, daß die Oerlinghauser Leinenhändler viel Kundschaft in Süddeutschland hatten und süddeutsche Messen besuchten. Die dortigen Kunden blieben der handgewebten Ware treu, als billigere mechanisch gewebte englische Leinwand den Markt überschwemmte.

Um 1850 ließ sich der junge Oerlinghauser Leinenhändler August Reuter, geboren 1826 als Sohn des Webers Fritz Reuter im Huisken, mit wenig Kapital in Nürnberg nieder und verheiratete sich dort. Neben Stückleinen vertrieb er auch Taschentücher und Handtücher, die er aus Oerlinghausen und Herford bezog. Durch die Stadtkundschaft dazu getrieben, nahm er auch die Herstellung von Hemden auf, die damals noch aus feinem Leinen bestanden und mit der Hand genäht wurden. Als Fachmann wurde ein Pariser Zuschneider engagiert. Das Geschäft ließ sich gut an, blieb jedoch auf einen kleinen Kreis beschränkt.

Auf einer Reise in die Heimat, die er zu Einkäufen unternahm, veranlaßte er seinen Jugendfreund Fritz Hölter, Sohn einer alten Leinenhändlerfamilie in Oerlinghausen, der hier kein Fortkommen sah, in seine Firma in Nürnberg einzutreten. Hölter assozierte sich bald darauf mit ihm, und die Firma hieß nun August Reuter & Co. Der neue Teilhaber brachte neues Kapital mit, das ihm Carl Weber hypothekarisch auf sein Oerlinghauser Besitztum geliehen hatte. Fritz Hölter bereiste nun das bergische Land und führte der Firma neue Kundschaft zu.

Von dem Pariser Zuschneider lernte der neue Lehrling Heinrich Schütte, ebenfalls ein Oerlinghauser Kind, das Hemden zuschneiden. Er entwickelte sich in Nürnberg zu einem gewandten jungen Kaufmann und wurde später auch auf Reisen geschickt.

Der Gründer der Firma, August Reuter, starb infolge eines "Nervenfiebers" am 28. Oktober 1865, und sein Kompagnon Fritz Hölter führte das Geschäft allein weiter, bezog ferner hin sein Leinen aus Oerlinghausen und legte sich in späteren Jahren hauptsächlich auf den Verkauf von Wäscheausstattungen. Der Kaufmann Heinrich Becker aus Oerlinghausen, geboren 16.3.1870 als Sohn des Leinenhändlers Fritz Becker, Hermannstraße 7, heiratete 1897 die Tochter Fritz Hölters und wurde nach dessen Tode Inhaber der Firma in Nürnberg. Er hat das Wäschegeschäft weiter aufgebaut und starb 1931.

Heinrich Schütte aber kehrte nach 15jähriger Abwesenheit bald nach dem Tode August Reuters nach Oerlinghausen zurück (1866) und gründete hier ein Wäschegeschäft mit Nähbetrieb. Er war hier am 2. Februar 1837 als Sohn des Leinenhändlers Töns Christoph Heinrich Schütte geboren, heiratete 18.8.1867 und erwarb das Haus Hermannstraße 8 vom Kolon Hunecke Nr. 144.

Ursprünglich belieferte er private Haushaltungen mit Wäsche aller Art. Seine Hemden fanden wegen ihres vorzüglichen Sitzes und sauberer Maßarbeit guten Absatz; denn jedes Stück wurde einzeln von ihm zugeschnitten und jeweils von einer Näherin allein fertiggestellt. Die heutige Arbeitsteilung, bei der ein Hemd oder ein Kragen durch die Hände von etwa 12 Arbeiterinnen geht, war damals noch unbekannt. Und alle Stücke mußten mit der Hand genäht werden.

Aber in Bielefeld hatte die Firma Ludwig Heidsiek als erste eine kleine Anzahl Nähmaschinen aufgestellt, die 1861 von der Firma Carl Baer & Koch (später Baer & Rempel, Phönixwerke) in Bielefeld hergestellt waren. Sie wurden noch mit der rechten Hand durch ein kleines Rad betrieben, und es bedurfte großer Geschicklichkeit und Festigkeit der linken Hand, damit die Nähte gerade und sauber ausfielen.

Diese neue Erfindung sah Heinrich Schütte in Bielefeld in Betrieb und machte sofort Geld flüssig zur Anschaffung der ersten beiden Nähmaschinen. Von diesem Zeitpunkt an wuchs die Produktionsziffer seiner Hemden und übrigen Wäschestücke beachtlich. Immer mehr Näherinnen wurden eingestellt und im Gebrauch der Nähmaschinen unterwiesen, und bald ertönte aus der Schütteschen Nähstube nicht nur das Surren der Räder, sondern auch der Gesang der Näherinnen. Denn singen konnten sie alle; das hatten sie bei Küster Schlepper oder Küster Kuhlmann gelernt. Dies Singen aus den Nähstuben gehörte jahrzehntelang zu Oerlinghausen, ja, ich darf füglich behaupten, daß bei mir das Gefühl oder der Begriff "Heimat" mit dem Gesang der Oerlinghauser Näherinnen innig verbunden war.

Heinrich Schütte, der unermüdlich darauf bedacht war, neue Aufträge hereinzuholen und die bestellte Wäsche prompt abzuliefern, schnitt bis tief in die Nacht hinein Hemden zu, damit anderntags seine Näherinnen genügend Arbeit vorfanden. Die fertiggstellte Ware ging, als er seine Kunden nicht mehr so häufig besuchen konnte, zum Teil direkt an Bielefelder Wäschefabriken und die immer mehr aufkommenden Wäschegeschäfte. In späteren Jahren, als er alt und krumm geworden war, lieferte er nur noch nach Bielefeld. Eilige Sachen brachte er, um Frachtkosten oder Botenlohn zu sparen, in einem hochrädrigen Kinderwagen selbst nach Bielefeld, und er hat diesen Weg hin und zurück oft sogar 2 mal am Tage zu Fuß zurückgelegt. Das waren doch jedesmal 28 - 30 Kilometer. Wer von uns alten erinnert sich nicht seiner gebeugten Gestalt, wenn er uns mit seinen kurzen Schritten hinter dem hochbepackten Kinderwagen auf der Chaussee begegnete!

Bei diesem Fleiß und dieser zähen Ausdauer blieb es nicht aus, daß er sich im Laufe der Jahre ein ansehnliches Vermögen erwarb. In Mußestunden beschäftigte er sich mit Vogelkunde. Hinter seinem Hause war eine Voliere mit vielerlei Singvögeln. Im Hühnerstall sah man seltene Hühnerrassen. Ein uralter Papagei begrüßte jeden Gast mit lautem "Guten Morgen!" Es wäre zuviel gesagt, wollte man ihn als geschulten Ornithologen bezeichnen. Das wäre ihm bei seiner bescheidenen Art selber nicht recht gewesen. Aber seine Erfahrungen und Beobachtungen auf dem Gebiet der Vogelkunde wurden viel beachtet. Und wenn Heinrich Schacht, unser berühmter lippischer Ornithologe, mal nach Oerlinghausen kam, verfehlte er nicht, Heinrich Schütte zu besuchen, wobei er lebhaft von Schüttes zierlichen Pekinghunden und Maltesern begrüßt und beschnüffelt wurde. Ein originelles Bild: Der lange, hagere Schacht und der kleine gedrungene Schütte mit weißem Vollbart.

Im Alter von 60 - 70 Jahren schnitt er auch die Hemden der Firma H. Benkelberg in Oerlinghausen zu. Das Geheimnis seines Schnittes, diesen von dem Pariser Zuschneider in Nürnberg erlernten Kniff, hat er nie verraten. Der Zuschneider von Benkelberg, Drewes, Steinbült 7, versuchte vergeblich, hinter das Geheimnis zu kommen.

Hier bei Benkelberg hat er mir dann als betagter Mann oft und gern von seiner Nürnberger Zeit erzählt. Wie lebendig schilderte er mir den gewaltigen Brand der Lorenzkirche im Jahre

1865, dessen Entstehung er von seinem Arbeitsplatze in der Karolinenstraße beobachten konnte! Auch die beiden Inhaber der Firma August Reuter & Co. wußte er lebensvoll zu kennzeichnen. Heinrich Schütte starb am 8. August 1910 im 74sten Lebensjahr. Damit erlosch die erste Oerlinghauser Wäschefabrik.

Inzwischen war hier 1860 die Firma H. Benkelberg Detmolder Straße 16, gegründet worden und zwar als reine Leinenhandlung. Der Leinenhändler Heinrich Wilhelm Benkelberg, geboren 8.5.1822, stammte aus Berlebeck. Er heiratete hier 1861 die Witwe des Kammachers [Fußnote: Zur Zeit der Hausweberei gab es in Oerlinghausen mehrere Kammacher. Sie fertigten keine Frisierkämme an, sondern Kammacher hießen die Handwerker, die die feinen Drahtkämme für die Webstühle verfertigten, durch die die Fäden liefen.] Karl Ludwig Becker (geboren 21.6.1813), namens Johanne Friederike Elisabeth geborene Kux, die 4 Kinder mit in die Ehe brachte. Die älteste Tochter aus der Ehe Becker - Kux, Elise Becker, geboren 15.7.1852, heiratete am 20.8.1878 den Neffen Benkelbergs, Kaufmann Georg Settemeier, geb. 13.6.1859 zu Lippspringe. Nach dem Tode seines Onkels (gestorben 20.10.1887) übernahm Georg Settemeyer die Firma H. Benkelberg.

Heinrich Benkelberg war, wie gesagt, Leinenkaufmann. Er kaufte von den Webern Stückwaren auf und setzte sie an Private ab. Nach 1871 ging er mehr und mehr zum Verkauf von Taschentüchern, Handtüchern, Küchentüchern, Bettlaken und anderer gesäumter Ware über und gelangte so allmählich, durch die Wünsche der Kundschaft gezwungen, zur Wäschefabrikation, indem er auch fertige Bett- und Kissenbezüge und schließlich auch Leibwäsche herstellte. Eine eigene Nähstube einzurichten, wie Schütte, zögerte er, sondern er ließ die Wäsche in anderen Nähstuben fertigstellen.

Sein Neffe Georg Settemeyer ging fleißig auf Reisen und erwarb sich schnell eine Verkaufroutine, die Bewunderung erregte. Als er Alleininhaberder Firma H. Benkelberg geworden war, stellte er Reisende an, ohne seine eigene erfolgreiche Reisetätigkeit aufzugeben. Die Reisenden erhielten bestimmte Bezirke zugeteilt. Es spricht für ihre Tüchtigkeit, wie auch für die Güte der Ware, daß sie in den Familien ihres Bezirks immer gern gesehene Gäste waren. Hauptabsatzgebiete der Firma waren das Nahetal, das Saargebiet, Moselstädte, das Elsass und das Rhein- und Ruhrland. Besondere Vertreter hatte die Firma in Frankfurt a/M und Mainz. Natürlich war auch bei H. Benkelberg im Laufe der Jahre eine Umstellung vom Leinen zum Halbleinen und zur Baumwolle eingetreten. Der Chef und seine Reisenden, von denen ich 2 Oerlinghauser als besonders erfolgreich hier erwähnen will:

a) August Altenbernd, geboren 2.3.1865 zu Oerlinghausen, gestorben 14.7.1937 als Inhaber des Manufakturwarengeschäfts Hauptstraße 42;

b) Georg Petram, geboren 27.4.1870 zu Herford, gestorben 9.12.1936 zu Saarbrücken, hier wohnhaft Detmolder Straße 15;

brachten besonders aus dem Mosel- und Saargebiet stattliche Aufträge in Aussteuerartikeln und Hotelwäsche herein. Die Hemdenproduktion stieg besonders mit der Einführung bunter elsässischer Perkal-, Oxford- und Zephyrstoffe und um die Jahrhundertwende bis zum Kriegsausbruch 1914 gehörtedie Firma H. Benkelberg zu den bedeutendsten Wäscheversandgeschäften Lippes und des Bielefelder Bezirks.

Georg Settemeyer, dieser hochachtbare Kaufherr alten Schlages, oft eine rauhe Schale zeigend, aber im Herzen ein grundgütiger Mensch, starb hier am 12. Mai 1924 im Alter von 70 Jahren.

Sein Sohn Georg (geboren 1886) führt die Firma in wesentlich kleineren Umfang fort und ist zur Zeit (d.h. 1949) eifrig damit beschäftigt, die durch die Inflation, den zweiten Weltkrieg und die Währungsreform von 1948 hervorgerufenen großen Schwierigkeiten zu überwinden.   Nicht nur bei Schütte und bei H. Benkelberg wurde Wäsche hergestellt. Das Singen der Näherinnen und das Surren der Nähmaschinen ertönte auch aus mehreren anderen Häusern in Oerlinghausen. Dort wurden Hemden, Einsätze und Kragen genäht für Bielefelder Wäschefabriken. Durch Botenfuhrwerk des Fuhrmanns Philipp Kaldeweiher, Pfarrstraße 2, wurden die fertigen Sachen nach Bielefeld befördert. Wie stark die Produktion von Wäsche in diesen Nähereien und einzelnen Haushaltungen war, möge man daraus ersehen, daß Kaldeweiher wöchentlich 3 mal seinen Frachtwagen voll Wäschepucken nach Bielefeld lenkte, um diese an die verschiedenen Wäschefabriken, wie E. F. Banck, Baumhöfer & Heise, Oertmann & Heyer, Schäffer & Vogel, Ludwig Heidsiek, S. A. Stern sen. Und andere abzuliefern bzw. unfertige, zugeschnittene Ware wieder nach hier zu bringen. Das war ein lebhafter Frachtverkehr hin und her.

In Krisenzeiten aber, wenn die Geschäfte nicht so flott gingen, warteten abends die Frauen und Mädchen auf der dunklen Deele Kaldeweihers mit der bangen Frage, ob er auch für sie Arbeit mitgebracht habe. Im allgemeinen aber darf man sagen, daß bis 1914 Flauten in der Wäschefabrikation nur selten auftraten. Und wenn unsere Oerlinghauser Arbeiter sich Häuser bauen konnten, deren stattliche Zahl und deren sauberes Aussehen gerade jetzt die Bewunderung der Engländer gefunden haben, so ist das in erheblichem Maße dem hervorragendem Fleiß und der Akkuratesse ihrer Frauen, unserer weitbekannten Wäschenäher innen zuzuschreiben.

"Ja, daß waren noch Zeiten!" sagen mir heute die alten Frauen, wenn ich auf die Weißnäherei zu sprechen komme. "Luie un Kinners, wat häw wui arbeuten moßt anner Maschuinen! Faken bet Heupe inne Nacht! Öbber et make doch Spaß, wenn Weiherts Pauline ius den Lauhn iutbetahlte. Wat häw wui Geld vadeunt, meuher ose iuse Kerls upper Zigarrenfabruik!" - Pauline war die Tochter Kaldeweihers.

Philipp Kaldeweiher (geboren 24.3.1840. In Wahrheit hieß er Peter Heinrich. Sein Vater hieß Philipp, und diesen Vornamen hatte man auf den Sohn übertragen. Seinen Familiennamen hielt man für zu lang; er wurde meistens abgekürzt mit Weihert angesprochen.) und seine Frau, de Weihertske, waren fleißige, sparsame Leute. Sie, die Frau, als die Intelligentere, war die eigentliche Seele des Betriebs. Während ihr Mann sich um Pferd und Wagen bekümmerte, lieferte sie in den Bielefelder Fabriken die fertige Wäsche ab und nahm das Rohmaterial für Oerlinghausen wieder in Empfang oder führte in ihrer energischen Art die Verhandlungen mit den Direktricen.

Das Kaldeweihersche Haus brannte 1913 ab. Es war ein 30 Jahre alter Fachwerkbau mit Brettergiebel und niedrigen Räumen. 1914 wurde das jetzige Haus Pfarrstraße 2 an der gleichen Stelle erbaut. Ein Neffe der Frau Kaldeweiher, Ziegler Fritz Wendt, geboren 18.9.1870 in Pivitsheide, hatte schon mehrere Jahre im Fuhrgeschäft geholfen und erbte den Besitz. Kaldeweiher starb einige Monate nach dem Brand, am 30.4.1914 im Hause Gehrenberg 5 bei Tischler August Brand, wo die Obdachlosen Unterkunft gefunden hatten. Fritz Wendt starb hier 8.7.1945.

Eine Umwälzung in geplanten Fuhrwerkswesen trat ein, als 1904 die Bahnlinie Oerlinghausen - Bielefeld eröffnet war. Da verschwanden bald die schweren Frachtwagen von den Chausseen und an ihre Stelle traten allmählich die staubaufwirbelnden "Stinkwagen", wie die ersten Automobile genannt wurden.

In dieser Zeit errichtete die Wäschefabrik E. F. Banck- Bielefeld in der Stiftstraße (jetzt Robert - Koch – Straße 7/ 9) einen Zweigbetrieb in Oerlinghausen. Das bedeutete gewissermaßen eine Zusammenfassung der bisherigen einzelnen Hauptbetriebe. Neueste, elektrisch angetriebene Nähmaschinen und Knopflochmaschinen wurden aufgestellt und eine weiträumige Plätterei angeschlossen. Das war wiederum nur möglich, weil Oerlinghausen seit 1. Januar 1902 ein Elektrizitätswerk besaß. Die Firma E. F. Banck ging 1918 in der Firma Dornbusch & Co. in Bielefeld auf.

Ursprünglich hatte die Firma E. F. Banck nur eine Ausgabe- und Abnahmestelle für Wäsche im Hause des Fuhrunternehmers und Bahnspediteur Wilhelm Schuhmacher, Robert - Koch -Straße 11, die Frau Schuhmacher leitete. 1909 wurde der jetzige Fabrikbau fertiggestellt (Robert - Koch – Straße 7/9). Erste Leiterin des Betriebs (Direktion) wurde Frl. Martha Jäger, Pfarrstraße 1, und ist es noch heute (1949).

Unzählige junge Mädchen erhielten dort ihre Ausbildung als Wäschenäherinnen und haben später als Ehefrauen das Gelernte nutzbringend verwerten können.

Ich will dies Kapitel nicht schließen, ohne nochmals den unermüdlichen Fleiß der Oerlinghauser Frauen und ihre peinliche Sauberkeit zu betonen.