Die Oerlinghauser Leinenindustrie
Hausweberei
Die erste Bedingung unserer heimischen Weberei war der Flachsbau, der vor einem Jahrhundert noch von jeder Familie unseres Dörfchens am Berge betrieben wurde. Aus-gedehnte Flachsfelder umgaben die Gehöfte und Stätten des anheimelnden Dorfes und gewährten zur Blütezeit mit ihren blauen Blümchen und ihrem herrlichen Duft einen entzückenden Anblick. Schon den Flachs zu säen war eine Kunst und bedurfte jahrelanger Erfahrung und Übung. Er durste weder zu dicht noch zu weit gesät werden. Bei größerem Abstand der Pflanzen setzten diese Zweige an, was wiederum später Knoten im Gewebe zur Folge hatte. Schlank aufgewachsen, im Frühjahr gesät und im August ausgerauft, lieferte er ein vorzügliches Produkt. Getrocknet, in Bündel gelegt und von den Knoten entfernt, begann die „Röste“ des Flachses, die im Wasser vorgenommen wurde. Welchem alten Oerlinghauser wären die mit dem Namen „Flaßraude“ belegten Stätten nicht bekannt? Bei uns wurde der Flachs nach dem „Lehmstich“ (Welschen) gebracht und mit Steinen beschwert, damit er ganz im Wasser lag. Einzelne „Rotten“ — „Rauden“ — haben sich in der Nähe der Gehöfte bis auf den heutigen Tag erhalten, zum Beispiel Wellenkrug (Schopketal), auf dem „Kuhbraken“, am „Ükenpohl“ (Stapelage) u. a. O. Auf dem Lehmstich waren damals 1 größere und 6 kleine Rotten vorhanden. In den Rauden blieben die Bündel 6 bis 10 Tage liegen, bis die Röste vorbei war. Hiernach kam das „Racken“. Es wurden 5 bis 6 Racken zusammengestellt. Die Form dieses Instrumentes glich einer Schneidelade, nur daß kein eisernes, sondern ein hölzernes Messer vorhanden war. Durch kurze, heftige Stöße knickten die Halme, so daß die Fasern los wurden. Hieran schloß sich das „Hecheln“. Der Flachs wurde durch einen Apparat mit langen Zähnen gezogen und die Fasern geschmeidig gemacht. Jetzt begann man mit der Verarbeitung des Flachses. Zunächst gelangte er auf den „Rocken“, er wurde gesponnen. Nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder mußten diese Arbeit verrichten, manchmal schon vor Beginn der Schule. Bevor sich das Kind an das Spinnrad setzen durfte, besuchte es zunächst die sogenannte Spinnschule, sie war obligatorisch, das heißt, jeder, der keinen Beruf ergriff, mußte das Spinnen erlernen. Die Oerlinghauser Spinnschule war auf dem heutigen Hindenburgplatze, wo der Spinnlehrer Räker und später der alte Grote wirkten. — Nachdem das Garn gesponnen war, konnte es vom Weber zu Leinen verarbeitet werden. In jeder Familie befand sich mindestens ein Webstuhl, von derselben Form und Ausdehnung, wie wir ihn heute im Museum finden. Der letztere war bis zum Jahre 1931 noch in Betrieb und wurde vom „alten Blanke“ bis zu dessen 81. Lebensjahre bedient. — Schon um 1700 gab es hier sogenannte Leinenhopster, das waren Leute, die ihr Leinen im Auslande verkauften. Manche von ihnen sind zu Fuß über die Alpen gezogen, um in Italien ihr Leinen an den Mann zu bringen, andere brachten es auf dem Rücken, in der Holster, nach Holstein, Dänemark oder auch zur Residenz Berlin. Von einem dieser Leinenhopster erzählt Professor O. Weerth in der „Landeszeitung“ wie folgt: „Einer dieser Hopster, namens Kramer, kam nach Italien, und dort fand eine italienische Schöne Wohlgefallen an dem blonden Tedesco; deren Vater war nicht abgeneigt, den angenehmen jungen Mann, der sich als Großkaufmann aufspielte, als Schwiegersohn auf- und anzunehmen, erkundigte sich aber als vorsichtiger Mann bei Barthold Tölke nach den Verhältnissen. Als Tölke den betreffenden Brief erhielt, wußte er zunächst nicht, was er daraus machen sollte, bis ihm schließlich ein Licht aufging und er ausrief: ‚Dunnerkiel! Dat es de verfliuchte Schnuiderjunge‘ Die Auskunft ist dann wohl derart ausgefallen, daß der Schwiegervater in spe sein Veto einlegte und die junge Dame tränend und mit dem Rufe: ,O mio caro tedesco‘ Abschied nahm, wie Kramer als alter Mann noch gern oft erzählte.“ Von einem anderen Leinenhändler, der ebenfalls nach Italien zog und sich von dort eine Frau mitbrachte, erzählt ein niedliches Gedicht, das sich im Stadtarchiv befindet. Der Name des Hopsters ist Hölter. Das Gedicht ist im Jahre 1805 veröffentlicht worden. Ich wanderte durch die Senne im brennenden Sonnenschein, Und kehrte, mich zu erquicken, bei Pollhans, dem Schenkwirth, ein. Da saßen vier junge Männer, von Ansehen blühend und frisch, Mit ihnen ein schmuckes Weibchen an einem eichenen Tisch. Die Männer in blauen Kitteln mit zierlich gestutztem Bart, Doch übrigens schlicht gekleidet nach dortiger Landmannsart. Es standen da Milch und Kaffee, in Kannen sauber und blank, Auch brachte die Wirtin Tassen und Kuchen aus einem Schrank. Die Männer griffen zur Pfeife, zu Zunder und Stahl und Stein, Indessen schenkte das Weibchen den dampfenden Kaffee ein. Das fesselte meine Blicke mit wahrer Zaubergewalt, Ich konnte nicht ab sie wenden von jener Engelgestalt. Mit seidenen Ringellocken umwallte das schwarze Haar. Ein Antlitz mit feinen Zügen und funkelndem Augenpaar, Dann sprachen sie miteinander sehr leise minutenlang, Doch hört ich bei ihrem Flüstern nicht heimischer Worte Klang. Und näher der lautern Rede aufmerkend, werd ich belehrt, Es waren Laute, die gerne man jenseits der Alpen hört. Sie alle sprachen so richtig, so zierlich, gewandt und fein; Man hört's in einer Taverna Italiens selten so rein! Ich drückte in gleicher Sprache laut meine Verwunderung aus. „Wir sind“, sprach lächelnd der jüngste der Männer, „nicht weit von Haus. Im lippischen Oerlinghausen ist unserer Heimat Herd; Wir sind nur einige Stunden zu ruhen hier eingekehrt. Von hier noch ist Oerlinghausen kaum eine Meile entfernt; Wir haben jenseits der Alpen wie dort man redet gelernt. Wir reisen dahin alljährlich und bleiben recht lange dort; Mit hier verfertigtem Leinen ziehn wir von Ort zu Ort. Die aber, mein liebes Weibchen, fand ich am Arnostrand auf; So lang ich als Kaufmann reise, ist sie mein glücklichster Kauf. Ich denke, liebe Lauretta, daß dir auch der Preis gefällt.“ Sie lächelte schelmisch, erwidernd: „Ja, wenn er die Probe hält.“ „Signora“, fragt ich, „vertauschen Sie denn Ihr Vaterland Mit seinen hesperischen Fluren hier gegen der Senne Sand?“
„Warum nicht?“ sagte sie freundlich, „die Liebe macht alles süß, Sie macht auch die öden Wüsten Verliebten zum Paradies.“ „Doch“, sagte ihr Mann, „die Senne ist nicht unsers Bleibens Ort, Das Städtchen Oerlinghausen liegt schön auf den Bergen dort. Hier sind wir noch auf der Reise, doch nahe an unserm Ziel. Lauretta wird's reizend finden, wo's immer mir wohlgefiel.“ Ich wünschte ihm Wohlergehen, dem glücklichen jungen Paar. Lauretta möge vergessen, wie schön es am Arno war. Wenn auch der Beruf der Leinenhändler mühsam war, auf der anderen Seite brachten sie viel Geld mit in die Heimat. Zu den ersten Leinenhopstern gehörten ein gewisser Maßhold und ein Wöstmann. Von dem letzteren kaufte später der alte Soll den „Krug“. Diese beiden müssen einmal sehr ausgelassen gewesen sein, denn sie werden angeklagt, „in den Straßen Radau gemacht, geschossen und eine furchtbare Kanonade angerichtet“ zu haben. — Nach Fertigstellung des Stückes bot man es, falls man es nicht selber benötigte, einem der Oerlinghauser ansässigen Leinenhändler, wie Firma Becker, Buckup, Färber Nagel, J. B. Tölke, Niemeyer, zum Kauf an. Sie hatten die Konzession zum Handeln erworben. Der erste war Johann Barthold Tölke, dessen Sohn zur Zeit Napoleons der reichst begüterte Mann unseres Ortes war. Später bekam er scharfe Konkurrenz durch die Becker, die vor ihrem Hause, der Mangel (Adolf-Hitler-Straße), folgendes Verschen anbringen ließen: „Katte, diu most weten: Ungönet Braud wert auk eten.“ — Die Weber von Augustdorf hatten ihre Holster auf dem Rücken und trugen ihr Leinen ebenfalls nach hier. Oft schon um 6 Uhr morgens trafen sie im Dorfe ein. Bei Pustkuchen (heute Geiger), wo damals eine Wirtschaft war, tranken sie Kaffee, tanzten auch wohl schon und waren guter Dinge. — Später wurde den Webern das Garn geliefert, und sie bekamen nur den Webelohn, ein kärglicher Verdienst. Die Weber waren von ihren Garnlieferanten abhängig geworden. — Das abgelieferte Leinen mußte amtlich gemessen werden, und das geschah vom Leggemeister. Der „Hopster“ wanderte also mit seiner gefüllten Holster nach der „Legge“, die sich in dem Bükerschen Hause an der Jägerstraße befand. Nach 60 Ellen drückte man einen Stempel auf das Leinen. Als letzter Leggemeister wird der Großvater des heute hier noch seßhaften Bäckers Wilhelm Nagel genannt. Eine größere Menge Leinen konnte in Oerlinghausen auch (meistens blau oder grün) gefärbt werden. Dies geschah bei Buckup (Seiff) oder bei Nagel. Bei Seiff ist die Einrichtung noch vorhanden. Wir sehen den Bottich, den Reifen, die Löffel, den Riesenherd, die Druckstöcke usw. — Bevor das Leinen in den Handel kam, mußte es noch gebleicht werden. Zu dem Zwecke wanderte es nach der sogenannten Bleiche. Zwei solcher waren vorhanden. Für die Hausweberei befand sie sich bei der Schopke, da, wo jetzt das städtische Wasserwerk steht. Das Bespritzen des Leinens erfolgte mit hölzernen Löffeln, die etwa 1 Meter lang waren und an einem 2 Meter langen Stiel saßen. Für größere Betriebe hatte J. B. Tölke auf der Bleiche bei Sültemeyer ausgedehntere Einrichtungen getroffen. Das Wasser wurde vom Welschen dorthin geleitet, und zwar anfangs durch Holzrohre (Puipen!), später durch Tonrohre. In der Ölmühle wurde auch eine Seilerei eingerichtet. Die Firma Tölke spielte eine wichtige Rolle im Orte. Bis 1860 war sie das bedeutendste Unternehmen am Tönsberge, das einen Umsatz von 30 000 Taler hatte. Wie heute die Firmen E. Weber & Co. und Heißenberg, so gab die Einrichtung des Tölke damals dem Orte das Gepräge. Leider fiel dieser sonst so kluge Mann durch falsche Spekulationen einem Paderborner Juden (!) in die Hände, der ihm dann zur gegebenen Zeit das Genick brach.
Der Verkauf des Leinens geschah aus den Messen Aschaffenburg und Frankfurt. Unterhalb des Theopoldschen Hauses wurde das Leinen auf einen mit 6 Pferden bespannten Wagen geladen und fortgeschafft. Der letzte Verlader war der alte Gröppel. — Die Haus- und Handweberei, einst bei uns so sehr in Blüte, verfiel nach und nach, und das hatte seinen Grund. Der höhere Verdienst in den Ziegeleien lockte manchen Bürger für die Sommermonate hinaus in die Fremde, um hier sein Geld zu verdienen. Aber im Winter war er wieder daheim hinter dem Webstuhl. (Siehe Bild!) Die Hausweberei ging aber noch mehr zurück, als auf den Ziegeleien bis tief in den Winter gearbeitet werden konnte und die Neubauten unterkellert wurden. Sobald in einem solchen Hause das Weben begann, vibrierte der Fußboden, was ein schlechtes Gewebe zur Folge hatte. Man konnte das Stück nicht an den Mann bringen und zog vor, das Weben gänzlich aufzugeben. Die Webstühle wurden zerschlagen und zu Brennholz verwendet. Noch um die Jahrhundertwende klapperten in und um Oerlinghausen 300 Webstühle. Heute ist es aus mit der Romantik! Wie haben sich die Zeiten geändert! Flachsfelder' sind nicht mehr vorhanden, die Flachsrotten zerstört oder in einem verwahrlosten Zustande, und wo früher das „schneeigte Leinen“ gebleicht, sickern die Abwässer der Bergstadt in den kargen Boden ein. „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ So war es auch mit Oerlinghausens Leinenindustrie! Vor rund dreißig Jahren schufen die beiden Herren Geheim- und Kommerzienräte C. Weber und Bruno Müller die weit über die Grenzen des Landes und Reiches hinaus bekannte mechanische Weberei, deren Erzeugnisse Weltruf genießen. Wir Oerlinghauser sind stolz darauf, daß auch der Führer und Reichskanzler in seinem Landhause bei Berchtesgaden Oerlinghauser Leinen benutzt. Geschichtliches über ein Oerlinghauser Leinenhaus In meiner Sammelmappe fand ich einen interessanten Beitrag über die Geschichte eines Oerlinghauser Leinenhauses. Am Tage der Stadtwerdung wurde dieser Artikel in der „Landeszeitung“ ohne Angabe des Verfassers veröffentlicht: Zu den Oerlinghausern, die den Ruhm ihrer Heimat in längst vergangenen Zeiten, und zwar schon vom Ende des 18. Jahrhunderts an, in Deutschland, besonders in Süddeutschland, verbreiteten, gehört u. a. auch die Familie Becker, in Oerlinghausen bekannt unter dem Namen „Becker iut der Kiulen“. Die Leinen-Beckers brachten damals die aus handgesponnenen Garnen, auf Handstühlen gewebten und nur in Sonne und Luft auf Rasen gebleichten Leinen auf Frachtwagen nach Frankfurt a. M., Mainz, Darmstadt, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg usw. Diese Leinen waren bald von hoch und niedrig begehrt. Sobald in einer dieser Städte Anzeigen erschienen, wie eine solche in dem uns vorliegenden Verordnungsblatt für den Kreis Darmstadt vom 3. Oktober 1840 zu lesen ist: „Friedrich Becker, Leinwand-Fabrikant aus Oerlinghausen bei Bielefeld, empfiehlt zur gegenwärtigen Messe wieder sein wohl assortiertes Lager in Bielefelder Leinwand und verspricht reelle Bedienung und billige Preise“ dann beeilten sich die Hausfrauen aller Stände, für den Brautschatz ihrer Töchter ein oder mehrere Stücke dieser köstlichen Leinwand zu erwerben. Denn: „Gereift in Sonn und Winde, Gebleicht auf grüner Au, So ruht es nun im Spinde, Der Stolz der deutschen Frau.“ Die Zeiten ändern sich schnell, besonders seit Erbauung der Eisenbahnen. Nach dem deutsch-französischen Kriege 1870/71 wurde Stückware nicht mehr so gern gekauft. Die Firma H. u. F. Becker (seit 1864 handelsgerichtlich eingetragen), stellte sich kurz entschlossen um, gründete in Mainz eine Filiale, um nun außer Leinen auch selbstgefertigte Wäsche, besonders Herrenhemden nach Maß, und ganze Ausstattungen liefern zu können. Die Messen verloren jetzt immer mehr an Bedeutung. Erst zog sich der alte Simon Friedrich Becker (Blücher genannt!), der sich in die neun Zeiten gar nicht finden konnte, vom Geschäft zurück, später auch der als 86-jähriger im Jahre 1916 in Oerlinghausen verstorbene Friedrich Ludwig Wilhelm Becker. Drei Söhne des letzteren, Fritz, Karl und Gustav, hatten inzwischen in Darmstadt, Würzburg und München Filialen gegründet. Der vierte Sohn, Heinrich, übernahm das Geschäft von Friedrich Hölter in Nürnberg. Getreu dem alten Hansaspruch: „Billig un flecht is Numm's recht. Aber de Ware god un de Pries angemeten, Dat frummt de Kundschaft un dat Kopmann's Geweten.“ hat die Firma Becker stets gehandelt, ist dadurch in Süddeutschland zu hohem Ansehen gelangt und hat sich einen treuen Kundenkreis geschaffen . . . Die mechanische Weberei Aus der Geschichte des Hauses Carl Weber & Co. G. m. b. H. Seit dem 17. Jahrhundert sind die Vorfahren der heutigen Leiter der Firma Carl Weber & Co. G. m. b. H. mit dem Stammsitz Oerlinghausen nachweisbar Leinenhändler bzw. Hersteller der Bielefelder Leinen gewesen, verwandt und durch Teilhaberschaften verbunden mit Mitgliedern der alten Bielefelder Leinenfamilien Wilmans, Wörmann, Laer und Niemann. Es waren aufgeregte Zeiten in Deutschland, als sich der älteste Sohn des Bielefelder Leinenhauses Weber nach Beendigung seiner Auslandsreisen in Spanien, Frankreich, England usw. entschloß, den Sitz seines Hauses nach dem kleinen Bergdorf Oerlinghausen in Lippe, gerade jenseits der preußischen Grenze, zu verlegen. Seine Erwägungen bei diesem für die damaligen Verhältnisse in Bielefeld aufsehenerregenden Schritt gingen davon aus, daß damals schon der Beginn der Industrialisierung in Bielefeld in den ersten Anfängen erkennbar wurde, daß aber auf der anderen Seite die Herstellung der feineren Leinwand auch in England und Frankreich auf mechanischen Webstühlen noch nicht gelungen war. Carl Weber senior aber wollte Spezialist in der besseren, ihm geläufigen und ausfuhrfähigen Leinenware bleiben, für die ein erheblicher Stamm sorgfältiger Handweber rings um Oerlinghausen, ferner hauptsächlich in Pivitsheide und Augustdorf, wo noch heute feine Seidenwaren auf Hand gearbeitet werden, zu Hause war. Sein Plan war, diesen Leinenheimwebern den langen Weg zur Leinenstadt Bielefeld abzunehmen und sie dadurch zu veranlassen, sich enger mit seinen fabrikatorischen Ideen zu verbinden.
Diese Kalkulation, wenn man so sagen darf, erwies sich in jeder Beziehung als richtig: Carl Weber senior bezog versuchsweise auf kurze Zeit den „Scherenkrug“ im Tale, erwarb aber bald ein eigenes stattliches Anwesen in Oerlinghausen selbst, von dem noch heute ein wesentlicher Teil als Hauptkontor und Lager nach erheblichen Aus- und Umbauten mitbenutzt wird. Die außergewöhnlichen kaufmännischen Fähigkeiten und die langjährigen Erfahrungen im Ausland, welche Carl Weller sich erworben hatte, vereint mit einer seltenen Arbeitskraft, Energie und Warenkenntnis, halfen ihm bald über die Schwierigkeiten der Anfangsjahre hinweg. Außer seinen eigenen mäßigen Ersparnissen hatte er sein Geschäft mit Darlehen von verwandter und bekannter Seite begonnen. Die alten Hauptbücher seiner Zeit zeigen, daß er binnen verhältnismäßig kurzen Jahren nach der 1848er Revolution in die Lage kam, diese Darlehen zu tilgen und sein Geschäft trotzdem weiter auszudehnen und auch in vielen Ländern Europas und anderer Erdteile der Ceweco-Ware einen hohen Ruf zu erobern. Die Zahl der Heimweber, welchen er Arbeit brachte, wuchs nach und nach auf weit über tausend, so daß in den Jahren der Kriege 1864, 1866, 1870/71 sein Haus die meisten alten Bielefelder Firmen dieser Art hinter sich gelassen hatte. Er suchte — was damals noch wenig üblich war —, persönlich die Einzelhändler auf und schuf damit die Grundlage der späteren Ausdehnung des Unternehmens. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre nahm er seinen Schwiegersohn Bruno Müller als Teilhaber auf, der in der Flachsspinnerei Bielefelds aufgewachsen war, etwa 10 Jahre später seinen einzigen Sohn Carl Weber junior. Die Taschentuchherstellung wurde energisch ausgebaut, eine eigene Säumerei und Legerei eingerichtet und der äußeren Ausstattung der Tücher besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Gegen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts verursachte die rasche industrielle Entwicklung auch in Lippe ein schnelles Absterben der Handweberei, so daß der Entschluß, 1903/04 eine mechanische Weberei in Oerlinghausen zu erbauen, nahelag. Carl Weber senior erlebte im Alter von 80 Jahren noch die Inbetriebsetzung und einige Jahre des Fortschreitens bis zur Herstellung der feinsten Leinen, Batiste und Taschentücher auf mechanischen Stühlen. Um diese Zeit traten die Söhne Bruno Müllers, Georg und Richard Müller in die Firma ein, einige Jahre darauf auch Wolfgang Müller. Der Betrieb entwickelte sich rasch. Bereits nach 3 Jahren erfolgte die erste Erweiterung, nach 6 Jahren die zweite sowie die Erbauung des Werkes Pivitsheide, 1912 der Ankauf der Tischzeug- und Handtuchweberei Elmendorf mit Bleicherei in Isselhorst. Der Weltkrieg brachte die gewaltige Aufgabe der völligen Umstellung von Feinweberei auf die Fabrikation für Heereszwecke mit sich, um die Beschäftigung der etwa 500 bis 600 schaffenden Kräfte sicherzustellen. Als Ende des Krieges die Rohmaterialknappheit die Läger fast gänzlich entblößt hatte, entschloß die Firma sich zur Errichtung eines Hauses in Berlin und die Angliederung einer Flachsspinnerei. Nachdem als neuer Betriebszweig die Handdruckerei ausgenommen war, stieg die Zahl der Beschäftigten in den folgenden Jahren auf über 1000 Personen, abgesehen von den Werken, die sonst noch mit der Firma in engerem Zusammenhang stehen. Das Ziel der Firma, auch in den schweren Krisenjahren 1929/33 so wenig wie möglich Mitglieder der Gefolgschaft zu entlassen, ist glücklicherweise, wenn auch unter erheblichen Opfern, erreicht worden, und man darf hoffen, daß auch weiterhin durch alle Rohstoff- und Boykottschwierigkeiten im Auslande hindurch die Betriebe in genügendem Umfang in Gang gehalten werden können, zum Nutzen der Firma und der Gefolgschaft sowohl wie der Allgemeinheit. R. M.