Aus der Chronik der Stadt Oerlinghausen

Kantor Voß hinterließ ein Aquarell von historischem Wert, das 1945 leider den Flammen zum Opfer fiel

 

Oerlinghausen. Wir veröffentlichten gestern aus der Chronik der Stadt am Tönsberg Aufzeichnungen aus der Zeit um 1780 und würdigten vor allem die Tätigkeit des Kantors Voß, der vor 172 Jahren eine große Rolle spielte. In dem Bericht unseres Mitarbeiters heißt es:

Künstlerisch muß Cantor Voß hochbegabt gewesen sein, was aus einem Brief des Pastors Josua Jakob Stolz aus Bremen hervorgeht, in dem dieser ihn auffordert, für ihn mehrere „Adressen“ zu schreiben. Der Brief hat folgenden Wortlaut:

„Lieber Herr Cantor. Ich wünsche, Herrn Pastor v. Cölln eine Freude auf seine Hochzeit zu machen, ohne, daß er es vorher erfährt. Ich sende Ihnen also ohne sein Wissen — und er darf es nicht erfahren — eine Portion Einfassungen, wovon ich wünsche, daß seine liebsten, fähigsten und träuesten Kirchspielkinder etwas aus ihren Herzen als eine Art von Glückwunsch für ihn und seine Braut darauf sauber und ohne das Papier im mindesten zu beflecken, auch so orthographisch wie möglich schreiben möchten. Je natürlicher und herzlicher, desto besser. Vielleicht können Sie auch mit seiner Jgfr. oder Frl. Schwester, und seinen H. Schwager Pastor und dessen Gemahlin, die seine Schwester ist, reden, und durch diese auch seinen Herrn Bruder eine solche Einfassung zukommen lassen. Kurz, ich sende Ihnen hier 18 Einfassungen, wovon Sie der Cöllschen Familie, soviel oder so -wenig Personen sie fassen mag, das nöthige mitteilen, ohne daß der Bräutigam etwas davon nur merkt, und die übrigen werden unter die besten Kinder vertheilt. Ich denke, die Familie braucht höchstens vier oder fünf, und der Rest ist für die Kinder. Allenfalls darf auch die andere Seite des Blattes überschrieben werden, wenn jemand an einer Seite nicht genug hat. Aber alles muß listig gemacht werden, daß H. v. Cölln nichts von ferne merkt. Alles maß in der letzten Woche des Augusts spätestens fertig seyn, und an mich unfehlbar zurückgesendet werden. Überlechen Sie doch Ihre Sache gut, damit Ihr lieber Herr Pastor eine rechte Freude daran hat. Ich überlasse alles Ihrer Klugheit, und christlichen List. usw. . . . Ich bin Ihr ergebenster Diener

Josua Jakob Stolz,

Pastor zu St. Marien in Bremen.

Bremen, am 11. August 1786.“

Kantor Voß ist den Wünschen des Pastors Stolz nicht nur nachgekommen, sondern hat auch, weil er sich gern zeichnerisch betätigte, die „Adressen“ wundervoll mit Wasserfarben ausgemalt. Wie gesagt, Kantor Voß war zeichnerisch begabt und stellte diese Veranlagung auch in den Dienst seiner Gemeinde. Von ihm stammt das erste Bild (ein Aquarell) das wir von Oerlinghausen besitzen. Vergleichen wir die Zeichnung des Kantors Voß mit dem Plane des Franzosen Berchiny […..] 30jährigen Kriege nur noch 12 Kolonate zählte, hatte sich in hundert Jahren nur soweit erholt, daß Berchiny 41 Häuser in den Plan einzeichnet. Um 1780 werden etwa 80 Häuser in Oerlinghausen gestanden haben. Der Schwerpunkt in der Besiedelung lag an der Süd- und Südwestseite des Tönsberges.

[Bild: FOTOKOPIE DES ÄLTESTEN BILDES DER STADT OERLINGHAUSEN]

Auf der Zeichnung sehen wir an der Gödderstraße das Beckersche Haus, Hattenkerls Hof (Soll) darüber die 1607 erbaute „Küsterschule“, das Brinkmannsche Haus, Pustkuchens Hof, rechts davon das Holzkampsche Haus und Solls Krug.

Links von der Kirche, dessen Turm damals noch ein Satteldach trug (das heutige spitze Dach des Turmes wurde 1878 errichtet) sehen wir auf der Höhe des Berges das prachtvolle Berkemeyersche Haus (Hofbüker, 1945 in Flammen aufgegangen) und davor drei Häuser des „Köttelbrinkes“. Links wieder davon fehlen noch die Häuser der heutigen Hauptstraße. Nur das Nagelsche Haus ist zu sehen. An dieser Seite des Berges waren damals Steinbrüche. Auch der „Steinbült“ (unten) war bereits dünn besiedelt. Wuchtg hebt sich das geräumige Pfarrhaus neben der Kirche ab.

Es ist dieses das einzige Bild aus jener Zeit, welches wir von Oerlinghausen besitzen. Das Original von Kantor Voß gelangte über den damaligen Vorsteher Berkemeyer zu Hofbüker. Meine Bemühungen, es für das Museum zu erwerben, schlugen fehl. Es wurde mir nur gestattet davon eine Fotokopie herzustellen. Das Original ging in der Osternacht 1945 leider mit dem Hause in Rauch und Flammen auf.                    H. D.