Als der erste Glühwein floss
Stadtgeschichte: Der Charme der früheren Weihnachtsmärkte - den Apotheken-Trunk gab es aus dem Kupferkessel, nebenan lief ein lustiges Meerschweinchen-Rennen. Jetzt kommt die 40. Auflage
[Bild: Vollauf zufrieden: 10.000 Mark Erlös wurden 1979 im Rathaus übergeben. Fritz Bollhorst (v. l.), Hermann Gräfe, Erich Diekhof, Sozialamtsleiter Christoph Seibert und Dr. Carl-Ludwig Wachsmuth. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Neue Westfälische]
Oerlinghausen. Es goss wie aus Kübeln, doch der erste Oerlinghauser Weihnachtsmarkt war auf Anhieb ein Riesenerfolg - damals im Jahre 1979. Es gab noch nicht viele adventliche Märkte in jener Zeit, deshalb erwies sich die Bergstadt als wahrer Besuchermagnet.
Immer wieder hatte Apotheker Carl-Ludwig Wachsmuth-Melm zuvor einen eigenen vorweihnachtlichen Markt angeregt. „Aber wir alle waren von dem Ansturm überrascht, es waren tatsächlich Tausende von Besuchern, die trotz des Regens gekommen waren“, sagte Wachsmuth-Melm später, „viele Stände waren bereits am Sonntagnachmittag restlos ausverkauft.“
„Von Oerlinghausern für Oerlinghauser“ lautete sein Anspruch bei der Planung des Weihnachtsmarktes. Und sein Mitstreiter Hermann Gräfe, der damalige Vorsitzende des Verkehrs- und Verschönerungsverein, zog sofort mit. Innerhalb kurzer Zeit waren Vereine, Musikgruppen, Standbetreiber und sonstige Weihnachtsmarkt-Freunde gefunden, die für ein Wochenende für Adventszauber auf der Straße sorgen wollten. Niemand hatte bisher einen Weihnachtsmarkt organisiert, doch alle machten engagiert mit, um der Innenstadt ein wenig weihnachtliches Flair zu verleihen.
[Bild: Trödelstand: Nützliches und Dekoratives verkauften Reinhard Meyer (v. L), Renate Meyer, Melanie Hoffmann, Regine Heise und Erika Koch. Die Oerlinghauser Schützen waren von Anfang an dabei. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Neue Westfälische]
Das bunte Treiben spielte sich anfangs nur auf einer kleinen Festmeile am Anfang der Hauptstraße ab. Die Oerlinghauser Pfadfinder verkauften selbstgezogene Kerzen, das Deutsche Rote Kreuz bot auf einem kleinen Basar viele Secondhand-Artikel an, die DLRG-Ortsgruppe war mit einem Stand vertreten.
Anfangs köchelte der Glühwein noch in einem Kupferkessel
[Bild: Weihnachtsmarkt 2001: Für ein Fotoshooting mit dem Nikolaus (alias Herbert Frank) gab’s für die kleine Festbesucherin einen Schoko-Weihnachtsmann. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Neue Westfälische]
Die CDU verkaufte Selbstgebackenes, der Männerverein St. Michael warb auf einem kleinen Luftgewehr-Schießstand mit „Jeder Schuss ein Treffer“. Und bereits von Anfang an boten die Schützenfrauen auf einem Trödelstand nützliche oder dekorative Artikel und viel Selbstgebasteltes an. Bemerkenswert waren auch die Informationsstände, wie der des Medikamenten-Notdienstes, des Naturschutzbundes (Nabu) oder der von Amnesty International mit Reinhard Bieneck. „Der erste Weihnachtsmarkt fand nur zwischen Meierjohann und Buchhandlung Blume statt“, erinnert sich Henner Wachsmuth-Melm, „es gab tolle Ideen, doch wir haben unglaublich viel improvisiert.“ 180 Liter des berühmten Apotheken-Glühweins wurden ausgeschenkt, 1.500 Becher gefüllt.
Doch die Herstellung lief noch wie bei Asterix: An einer Kette eines Dreibeins hing der Kupferkessel, in dem der begehrte heiße Rotwein köchelte. Alles musste in der Apotheke vorgeheizt werden. „Noch bevor er richtig heiß war, wurde uns der Glühwein schon aus der Hand gerissen“, sagt Henner Wachsmuth. Das Ganze fand unter dem Vordach der noch nicht umgebauten Apotheke statt.
Auf dem Vordach saß eine Zwei-Mann-Band
Oben auf dem Vordach saß eine Zwei-Mann-Band, die mit Schlagzeug und Akkordeon („Quetschkommode“), mehr oder weniger stimmungsvolle Weihnachtslieder intonierte. Sein Bruder Christian Wachsmuth-Melm und ein Freund machten dort Musik. Henner Wachsmuth-Melm: „Zu vorgerückter Stunde spielten die beiden auch ,Auf der Reeperbahn nachts um halb eins’“.
Ihre helle Freude hatten die großen und kleinen Weihnachtsmarkt-Besucher am Stand gleich nebenan. Ernst Niemann, ein längst verstorbenes Oerlinghauser Original, organisierte dort ein Meerschweinchen-Glücksspiel. Er ließ seine Meerschweinchen in einer selbstgebauten Sperrholzarena starten. Die Weihnachtsmarktbesucher konnten Wetten abschließen, in welchem der insgesamt fünf Tore die kleinen Nager wohl verschwinden würden.
Kristian Hoffmann als sein Assistent kümmerte sich derweil liebevoll um die Meerschweinchen, die so einprägsame Namen wie „Grete Weiser“, „Afterblüte“ oder „Der schwarze Funke“ trugen, damit sich auch keines beim Wettbewerb überforderte.
Gleich beim ersten Mal 10.000 Mark Erlös
Als die Verantwortlichen des Verkehrs- und Verschönerungsvereins hinterher nachrechneten, was der erste Weihnachtsmarkt durch die Standmieten und Spenden eingespielt hatte, rieben sie sich erstaunt die Augen: Rund 10.000 Mark betrug der Erlös von zwei Tagen Festtrubel. „Das Geld soll Oerlinghauser Familien zugutekommen, die im Schatten stehen“, sagte Hermann Gräfe bei der Spendenübergabe im Rathaus.
Der Erfolg ließ sie auch schon ans nächste Jahr denken: „Wir sollten den Markt bis zum Simonsplatz ausdehnen“, meinten Bürgermeister Erich Diekhof und Stadtdirektor Fritz Bollhorst.
Auf keinen Fall sollte der Weihnachtsmarkt zu sehr „professionalisiert“ werden. „Karussell und Honigkuchenbude werden nur kommerzielle Randerscheinungen bleiben“, sagte Carl-Ludwig Wachsmuth-Melm, als er Bilanz zog, „zu 80 Prozent soll der Markt von unseren Bürgern beschickt werden.“
Dabei lobte er ausdrücklich das große Engagement von etwa 20 Frauen, die sich um die Dekoration und Ausgestaltung der Weihnachtsmarkt-Premiere besonders verdient gemacht hatten. Diese Ehrenamtlichen hätten nun auch das Recht, darüber zu bestimmen, welche bedürftigen Familien in der Bergstadt die 10.000 Mark erhalten sollten.