Weihnachten 1928
EINE KLEINE WEIHNACHTSGESCHICHTE
Das Weihnachtsfest 1928 rückte näher. Es war ein harter Winter und er sollte noch viel härter werden, aber das wußte keiner in der Vorweihnachtszeit. Wir wohnten im alten Landerhaus ; Vater 41 Jahre, Mutter 40 Jahre, meine Schwester 17 Jahre, mein Bruder 2 Jahre und ich 8 ganze Jahre alt und noch im festen Glauben an das Christkind. Unsere Wohnung bestand aus 2 großen Zimmern oben im Haus und einer kleinen Schlafbutze, welche früher wohl als Kornkammer gedient hatte. Über uns ein großer Dachboden, unter uns die Wohnung meiner Großmutter und ganz unten der tiefe dunkle Keller. Bis zu meinen 8 Lebensjahr hatte ich noch nie bis in seine hinterste geheimste Ecke gesehen. Nun aber war bald Weihnachten und ich hatte einen Wunsch offen! Dieser Wunsch aber stand fest es sollte eine Taschenlampe sein um in die verlassensten Kellerecken vordringen zu können.
Da bei uns zu Haus immer am 1. Weihnachtstag in aller Frühe Bescherung war, war es keine Kunst für die Eltern uns am Heiligabend früh ins Bett zu bekommen. Das einzigste was der Vater vorher noch machen mußte war das Dachfenster draußen auf dem Flur etwas zu öffnen, damit auch das Christkind hereinkommen konnte. Während die Kinder schon schliefen hatten die Eltern den ganzen Abend Zeit alle Vorbereitungen für die Weihnachtstage zu treffen. Nun holte Vater den Weihnachtsbaum vom Boden. Dieser war schon einige Tage vorher in den Ständer gebracht worden, welches auch eine Kunst für sich war. Unser Tannenbaumständer war eine dicke Holzplatte, viereckig, mit einem schweren Eisenband rundherum und ein kleines Loch in der Mitte. Hier hinein kam der Baum, und wurde von unten her verkeilt. Mutter fing nun an den Baum zu schmücken. Jedes Jahr war dieselbe Spitze und dieselben Kugeln am Baum, nur das Engelshaar welches Mutter so gern mochte, wurde alle paar Jahre erneuert, darum war es für uns Kinder immer derselbe Baum. Nun machte Mutter für alle die Teller fertig und die Geschenke kamen nach Möglichkeit mit auf den Teller - das füllte so schön. Zu guter Letzt holte Mutter dann die Taschenlampe die ich mir gewünscht hatte. Es war jetzt inzwischen knapp 2 Stunden vor Mitternacht und die Eltern übersahen nochmals alles ob es seine Richtigkeit hätte. Zu guterletzt wurde die Taschenlampe noch ausprobiert - und - das kleine Birnchen leuchtete hell auf und war kaputt. Was mag das für ein Schreck für die Eltern gewesen sein, eine Taschenlampe die nicht brannte. Vater war dafür am 1. Weihnachtstag morgens ein neues Birnchen von Meierjohann zu holen, aber Mutter machte sich in der eisigen Winternacht auf und ging zu Meierjohann um ein neues zu holen. Bei Meierjohann waren sie garnicht überrascht das um 11 Uhr abends noch jemand kam: "Das ist jedes Jahr so" sagte der alte Meierjohann. Nun gings wieder zurück durch das dunkle Oerlinghausen, denn von der Staßenbeleuchtung glühte nur hier und da eine Lampe und vielleicht war am späten Heiligabend hier und da noch ein Fenster erleuchtet und warf einen spärlichen Schimmer auf den schmalen Schneepatt. Nun war es fast Mitternacht als Mutter mit der heilen Taschenlampe wieder zuhause war. Die Kochmaschine, die einzigste Heizquelle in der Wohnung war schon kalt geworden. Aber für den nächsten Morgen war vorgesorgt. Der Kohlenkasten war voll und der auf kleinen Rollen laufende große Holzkasten für Fichtennadeln und Anmacheholz ebenfalls bis oben hin gefüllt. Das Ofenrohr war wegen der bevorstehenden Feiertage schon vorher abgenommen und draußen saubergemacht. Dieses geschah mit einen alten Reiserbesen den man in das Rohr schob und hin und her zog. Ebenso war auch die Kochmaschine von ihren Ruß befreit.
Nun gingen auch die Eltern zu Bett. Die Großmutter und Tante Johanne unten in der Wohnung schliefen schon lange. Aber die Nacht war nicht lang, um 6 Uhr war ich wach und frug den Vater ob das Christkind schon dagewesen wäre. Nach langen Bitten stand er auf und rumorte in der Küche rum, kam wieder und sagte: „Das Christkind war noch nicht da, wir müssen noch warten“. Damit war ich erstmal beruhigt, aber für wie lange? Das Rumoren in der Küche hatte aber einen Sinn gehabt, denn Vater hatte die Kochmaschine "angeschmissen" und ein tüchtiges Feuer darin gemacht damit es auch warm war wenn ich im Hemd in die Küche sauste, aber das war noch längst nicht so weit. Nachdem Vater um 7 Uhr nochmals nachgesehen hatte und es jetzt etwas länger dauerte - weil er nun die Kerzen anzündete, saß ich schon auf der Bettkante. Das Rufen vom Vater und mein losstützen waren eins und ich stand wohl zum letzten male in meinem Leben als gläubiges Kind vorm Weihnachtsbaum und machte mir keine Gedanken auf welche Art und Weise das Christkind wohl mit dem Tannenbaum durch das kleine Dachfenster gekommen sein mochte. Die Geschenke die alle unterm Baum lagen waren fast alle praktischer Natur. In der Hauptsache Kleidung, und bei mir auf dem Teller mit Süßigkeiten obendrauf die so heißgewünschte Taschenlampe. Noch im Hemd, aber mit "Puschen" an den Füßen stürzte ich nach unten zu Tante Johanne ans Bett um ihr ins Gesicht zu leuchten. Zur Großmutter in die andere Schlafkammer trauten wir Kinder uns nicht. Nachdem dann Kaffee getrunken war, wobei ein großer Teller mit Platenkuchen und Streuselkuchen auf dem Tisch stand, verschwand ich in den Keller. Vorsichtig schlich ich in den mir unbekannten Teil, und was fand ich? Es waren nur 2 Kellerräume statt 3 Räumen und sie waren total leer bis auf 6 leere Flaschen die dort irgend jemand vor Jahren abgestellt hatte - sonst nichts. Ich war enttäuscht, aber auch stolz dort unten gewesen zu sein. Als ich nachmittags meine 2. Expedition in den Keller machen wollte war die Batterie leer. Damit war auch die Hauptsache des Weihnachtsfestes 1928 vorüber.