Nach der Bescherung war schon alles vorbei
Wie Weihnachten in alter Zeit in Oerlinghausen gefeiert wurde
Unser Mitarbeiter Fritz Soll erinnert an Weihnachtsfeste seiner Großeltern und Eltern
Der Vater ist vom Nachbrennen auf der Ziegelei seit 14 Tagen wieder zu Haus. Inzwischen ist eines der Schweine, die von Mutter im Sommer und Herbst fettgefüttert worden sind, geschlachtet worden. Die sechs Kinder gehen früh zu Bett, denn „Bescherung“ ist erst am Morgen des ersten Feiertages.
Vater und Mutter schmücken nun den Weihnachtsbaum, den der Vater am Nachmittag mit einer Säge irgendwo hergeholt hatte. An den Baum kamen zwei Kerzen und kleine Äpfel und durchbohrte Kekse, oben auf die Spitze aber ein schön glitzernder Weihnachtsstern.
Am ersten Weihnachtstag früh um 7 Uhr waren alle auf den Beinen. Der Vater hatte schon um 6 Uhr Feuer im Herd angemacht, um die Küche anzuwärmen. Ein jedes der Kinder fand seinen Teller mit Äpfeln, Nüssen und einem Weihnachtsstuten vor. Oben auf allem lag immer etwas Besonderes, entweder ein Hemd, ein Paar Strümpfe, eine Mütze oder vielleicht auch Handschuhe, oder, wie an diesen Weihnachten, für die beiden großen Jungen ein Motorrad aus Blech. (Ein linkes und ein rechtes Teil waren durch Klammern zusammengehalten.) Für die beiden Jungen war es natürlich etwas Außergewöhnliches. Da die beiden Bleche nach außen gewölbt waren, war innen ein Hohlraum, und nach zwei Stunden konzentrierte sich das Interesse ganz hierauf. Was kann da wohl drin sein? Mit einem Messer wurden nun die Klammern abgebrochen, und das Innere lag offen. „Do es gonix inne!“ war der enttäuschte Kommentar.
Damit war nach dem Kirchgang das Weihnachtsfest in der Hauptsache schon vorbei.
Weihnachten der Eltern 1928
Heiligabend 1928. Zum Essen gibt’s Kartoffelsalat und Würstchen, danach die erste Flasche von dem selbstgemachten Johannisbeerwein aus dem letzten Sommer. Auch die Kinder dürfen nippen. Danach geht’s ins Bett. Die Eltern bleiben noch auf, um den Weihnachtsbaum zu schmücken. Nun sind es 10 Kerzen — Silberkugeln — Lametta — eine schöne Baumspitze und Engelshaar. Die Mutter macht für jedes Kind eine Schüssel (kein Teller) fertig mit Keksen — Schokolade — Marzipan — und auch noch Handschuhe. Für den „großen Jungen“ obendrauf eine Taschenlampe, die schon vor acht Jahren bei Meierjohann gekauft worden ist. Es ist inzwischen 11 Uhr abends geworden. Nachdem Mutter nun alles liebevoll gerichtet hat, denkt sie plötzlich: „Ob ich die Taschenlampe noch mal probiere?“ Sie tut’s — ein Blitz — und die Birne ist durchgebrannt. Nun ist die Not groß! Aber Mutter hat eine Erleuchtung: Sie sagt zum Vater: „Ich gehe noch zu Meierjohann und hole eine neue Glühbirne.“ Sie macht sich mit der Taschenlampe auf den Weg durch den hohen Schnee, und das bei 10 Grad Kälte. Die wenigen Straßenlaternen brennen trübe in der Winternacht. Aber welch ein Glück, bei Meierjohann brennt noch Licht. Eine Haustürklingel ist Gott sei Dank vorhanden, und sofort kommt Fritz Meierjohann (der „alte“ Meierjohann) an die Tür und begegnet der Entschuldigung der Mutter mit der Bemerkung, daß er extra so lange aufbleibt wegen der Reparaturen, die immer am Heiligabend bei ihm auflaufen und daß Mutter an diesem Heiligen Abend nicht die einzige sei.
Nun war es schon längst „Heilige Nacht“, als Mutter wieder zu Hause anlangte.
Als morgens um 7 Uhr Bescherung war (in einer warmen Küche, die von Vater schon vorher angeheizt war), war die Freude über die Taschenlampe groß. Aber am Mittag war die Batterie leer. Und damit war Weihnachten schon wieder gelaufen. Fritz Soll
[Bild: Zwei Stunden lang versuchten die Jungen die beiden Bleche auseinanderzubiegen, um dann festzustellen, daß... nichts drin war. Siehe nebenstehende Weihnachtsgeschichte von Fritz Soll.]