Sitten und Gebräuche und landesherrliche Edikte

Sappuipken

 

Am Schlusse meiner Betrachtung über die Volkssitten und Gebräuche unseres Ortes möchte ich noch eines interessanten Kinderreimes gedenken, der singend vorgetragen wurde, wenn die Jungen sich im Frühjahr aus saftreichem jungem Holz Pfeifen schnitzten. Sobald nämlich der Saft unter der Rinde in Mengen emporsteigt, wie z. B. im Weidenholz oder im Ebereschenholz, schneiden sich die Buben wohl eine Rute ab, etwa in 5 Zentimeter Abstand vom gerade abgeschnittenen Ende, machen sie eine feine Kerbe rings um das Holz, feuchten die Rinde mit Speichel an, legen dieses Ende auf das Knie und klopfen dann mit der Schale des Messers bei fortwährender Drehung darauf. Dabei singen sie folgendes Liedchen:

„Sappuipken, Sappuipken, woneur wutt diu leuggen,

in'n Sommer, in'n Sommer, wenn dä Vügelkens leugget?

Kätke leup no'n Berge,Hale 'nen Pott vull Säpken,

Osset do wierr herunner kämm,

Kamm do seune aule Hexe her,

Schneid der Kätke dat Hoor äf,

Hiut af, ollens wat dor uppe satt,

Schmeit se up dat Mühlenrad,

Kreig se Stiuden un Melke satt,

Sappuipken, Sappuipken, bist diu nau nich baule fe—e—e—e—erg?“

Meistens löste sich nach dem Absingen dieser Strophe die Haut, und die Sappuipken war fertig.

Wollte sich der Bast aber immer noch nicht lösen, so stimmte man zum zweitenmal das Liedchen an. Wie wir noch zur Schule gingen, hörte man das Liedchen überall im zeitigen Frühjahr in Busch und Wald, heute scheint es nicht mehr überall bekannt zu sein. Hoffen wir, daß auch es wieder zu neuem Leben erwacht!