Sitten und Gebräuche und landesherrliche Edikte

Pfingstbräuche, oder: Vom Vater lernt es der Sohn.

 

Die Natur steht in ihrem hellsten Glanz, die Bäume scheinen kaum zu wissen, wohin mit dem Blühen. Auf den frischgrünen Wiesen springen die jungen Lämmer, Vögel zwitschern im Gezweig, alles Jungvieh freut sich seines Lebens. Als das Fest des Frühlings und der Jugend ist Pfingsten unserm Herzen besonders nah, und es will, uns gar nicht in den Kopf, wenn wir es in der Enge der Häusermauern feiern sollen. Wir möchten hinaus vor die Tore, möchten wandern und schweifen in der blühenden Pracht. — Viele schöne Sitten und Gebräuche knüpfen an das Pfingstfest an. Leider sind nur noch wenige in Erinnerung, andere auf dem Aussterbeetat bereits angelangt, wenn es nicht in letzter Stunde gelingt, sie unserm Volke zu erhalten. Noch vor 100 Jahren kam in der Nacht zum Pfingstfest der „Pfingstbub“ ins Dörfchen, und verübte mancherlei Pfingstscherze. Bei einer, die nur immer tändelte und nie „Ernst“ machte, nagelte er einen Tannenzweig über ihr Kammerfenster, damit alle sahen, was für ein Mädel das war. Die Untreue erhielt in der Pfingstnacht wohl eine Vogelscheuche vors Haus gestellt. War sie ihm treu ergeben, so konnte sie mit einem frischen Birkenzweig rechnen.

Allgemein gebräuchlich war noch vor 30 bis 40 Jahren das Schmücken der Haustüren mit einem „Maibaum“. Leider läßt der äußere Schmuck des Hauses zu Pfingsten immer noch nach. Hoffentlich wird dieser schöne Brauch bald wieder von allen Hausbesitzern geübt. — Am Tage vor Pfingsten zog bis zum Kriege jedes Jahr ein Metzger mit einem kapitalen, mit Grün geschmücktem Ochsen, dem Pfingstochsen, durch die Straßen unseres Dorfes. Wir Kinder hatten immer unsere helle Freude an dem Spiel.

Viele der alten Bräuche leben im Dritten Reiche wieder auf, da man sich darauf zu besinnen beginnt, wie schön der Väter Sitten waren und wieviel ursprüngliche Freude dem ganzen Volke verlorenging, als man sie zum alten Eisen warf.