Sitten und Gebräuche und landesherrliche Edikte

Osterfeuer

 

Wenn die Osterzeit gekommen war, dann lieh sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Oerlinghauser Jugend Beckers Esel, dessen Obliegenheit sonst war, das für die Brauerei benötigte Wasser herbeizuschaffen, zog mit ihm im ganzen Dorfe vor jede Haustür und erbettelte sich Holz, Reisig und anderes brauchbares Material - besonders geschätzt waren leere Teertonnen -, das der Esel dann auf die Höhe des Tönsberges trug, wo es zu einem hohen Haufen aufgetürmt wurde. In meiner Jugend lebte Beckers Esel nicht mehr. Wir suchten uns auf Isaak Meyer's Holzlager alle möglichen Abfälle für das "Osterfeuer", sammelten auch in den Häusern der Hauptstraße Ein- und Zweipfennigstücke, bis wir das Geld für 2 Liter Petroleum zusammen hatten, denn bei nassem Wetter war das Anzünden keine leichte Sache; mit Petroleum glückte es meist.

Am Abend des ersten Ostertages bei eintretender Dunkelheit wurde der große Haufen, der in der Nähe der Windmühle lagerte, angezündet. Bald leuchtete dann das Osterfeuer weit in die Lande hinein. Nach und nach entzündeten sich dann im Norden und Süden, im Flachland und in den Bergen zahlreiche Lichter und grüßten zu dem alles beherrschendem Tönsberge hinauf. So wird hier oben - heute wie vor mehr als einem Jahrtausend - unbewußt das Fest der Frühlingsgöttin Ostara gefeiert.

Unsere Jugend bekümmert sich heute nicht viel mehr um das Heranschaffen des Brennmaterials für das Osterfeuer. Aber der "Verein für Natur- und Heimatkunde in Oerlinghausen" sorgt seit 1924 dafür, daß diese schöne alte Sitte bestehen bleibt. Seit 1945 besorgt das die Stadt.

Mehrmals war das Osterfeuer auf dem Tönsberge in seiner Existenz bedroht. Im Jahre 1646 klagte der Meier zu Barkhausen beim Gogericht, durch das Osterfeuer wäre sein Wald in Brand geraten und dabei wären ihm 40 Fuder Holz in Rauch aufgegangen. Glücklicherweise konnte der Vogt durch den Augenschein feststellen, daß das Osterfeuer an dem Waldbrand unschuldig war.

Im Jahre 1723 zeigte der Bauerrichter 16 Personen, meist junge Leute, beim Gogericht an: "so da gottloser Weise am ersten Ostertage Osterfeuer angestecket". Und da mußten vor Gericht erscheinen: Jakob Grote und Tönies Bunte, Johann Jobst Stratmann's Sohn und Hölters Hinrich, auch Bernt sein Sohn und Jürgen Ebbinghaus ferner der Korporal Ebbinghaus und Franz Potthast; Hülfeweden Knecht war auch dabei und natürlich auch Hans Nagels Sohn; sogar Johann Gerd Voß und Johann Bernd Wöstmanns Söhne mußten vor Gericht und auch der junge Christian Budde, der immer dabei war. Zuletzt gar noch Philipp Düning sein Sohn und sein Knecht. Jeder mußte 4 gute Groschen Strafe bezahlen für das gottlose Treiben. Der Schnatschütz Kressel, der im Jägerhause wohnte und noch nicht lange in Oerlinghausen war, erscheint mit als Zeuge vor dem Gogericht. Ich glaube, ich glaube - der Kressel, der hat die Jungens dem Bauerrichter genannt.

Aber das hat alles nicht geholfen. Und so lebt denn das Osterfeuer heute noch fort als ein Band, das die Neuzeit mit altersgrauer Vorzeit verbindet. Viele, viele Menschen haben an dem schönen Brauche ihre herzliche Freude gehabt, und jedes Jahr kommen mehr Fremde nach hier, um am Abend des ersten Ostertages auf dem Tönsberge dies herrliche Schauspiel zu genießen.