Fastnachtsingen

 

Oerlinghausen. Noch vor sechzig Jahren war es allgemeiner Brauch der Schuljugend und der heranwachsenden Jugend, am frühen Morgen des Fastnachtstages in der Bergstadt von Haus zu Haus zu ziehen und mittels eines merkwürdigen Liedchens in plattdeutscher Sprache ein Stückchen Speck zu fordern. Dies Lied wurde nur in der Bergstadt gesungen. Es muß wohl sehr alt sein, denn es enthält eine Stelle, die an die gemeinsame Mast der Borstentiere in der Allmende erinnert. Die Singenden erhielten zwar selten den verlangten Speck, weil diesen der Hausvater, der als Ziegler in die Fremde zog, für sich zurückgelegt hatte. Doch jeder gab der fröhlichen Schar gerne in Form von Nüssen, Spekulatius, Äpfeln usw.

„Beim Fleischer erhielten wir“, so erzählt einer, der daran teilgenommen hat, „eine halbe Rinderwurst und bei den jüdischen Familien waren uns die Märzen, ein aus Wasser und Mehl hergerichtetes, pfannkuchengroßes, dünnes Gebäck, eine willkommene Gabe.“ Nach dem ersten Weltkriege flaute das Singen am Fastnachtstag merklich ab, und heutzutage kennt es nur die ältere Generation. Das Liedchen aber lautete:

Fas-, Fas-, Fasnacht:

Giff mui wat up muinen Speit,

Anner Johr de Schwuine fett.

Unnern groinen Eckerbaum

Ward de leuwe Gott belaun.

Momme steig upp'n Wuim,

Schneid'n graud'n Struim,

Tang'er schwanke mett'n Kamme achter her.

Memme seh, Kättke hett’n dohn.

Kättke ward belogen,

Hiusmann word bedrogen.

Hoi, Mömme, hoi, wad de geo Wille doit!

Als „Spett“ diente vor der Jahrhundertwende ein alter Erbsenbraken, der mit seinem Geäst nach oben gehalten wurde und an den dann die Gaben gehängt wurden. Auch andere gabelartige Einrichtungen wurden getragen. Der gebenden Hausfrau wurde bedeutet, daß sie gern und ohne Schaden Speck geben könne, der liebe Gott würde sie durch eine reiche Eichelmast belohnen. Daraufhin ließ sich die Frau bewegen, von der Seite Speck, die auf dem „Wiem“, der Fleischbühne hing, ohne Wissen des Hausherrn, einen Streifen Speck abzuschneiden. Vorsichtshalber zog sie an der Schnittfläche mit dem Kamm hinterher und bedeutete ihrem Mann, die Katze habe Speck gestohlen. Es ist schade, daß in unserer schnelllebigen Zeit der alte Brauch verschwindet.

H. Dkm.