Bestattungsbräuche vor 300 Jahren

Von Werner Höltke

 

Der Spätherbst ist seit eh und je eine Zeit der Besinnung, in keiner Jahreszeit gibt es so viele kirchliche wie weltliche Feiertage.

Diese Zeit kann auch ein Anlaß sein, sich mit den Bestattungsbräuchen vor 300 Jahren im Kirchspiel Oerlinghausen zu befassen und herauszufmden, wie sich die Bestattungen unserer Vorfahren von den heutigen unterscheiden.

War damals in der Dorfschaft ein Gemeindemitglied verstorben, so wurden nach der Benachrichtigung des Küsters sofort die Glocken geläutet. Dieses geschah durch das Ziehen an langen Seilen, wobei zuerst die große Glocke und danach die beiden kleineren Glocken geläutet wurden. Dieses sollte eine Viertelstunde nicht überschreiben; beim Tod eines kleinen Kindes durfte die kleinste Glocke nur sieben Minuten geläutet werden.

Zu Beginn des Glockengeläuts fanden sich die Angehörigen beim Küster ein, anschließend wurde beim Pfarrer oder Kantor die Leichenpredigt und der Zeitpunkt der Beerdigung besprochen.

Die Beerdigung hatte vier Tage nach dem Ableben zu erfolgen, die bevorzugten Tage waren der Dienstag und der Freitag.

Am Anfang einer Beerdigung erklang eine Glocke, beim Erklingen der zweiten Glocke hatten sich die Trauernden am Beerdigungshause einzufinden.

Nach einer kurzen Andacht setzte sich der Leichenzug in Bewegung. Dem Sarg voran schritten der Kantor und einige ältere Schulkinder, die gemeinsam Lieder sangen. Auch die Leichenzüge aus dem zum Kirchspiel Oerlinghausen gehörenden Bauernschaften wurden in der Regel vom Kantor oder Pfarrer zur Kirche geleitet.

Hinter dem Sarg, der bei armen Leuten auf einem Handleichenwagen transportiert wurde, schritten die Angehörigen und die Männer aus der Nachbarschaft. Ihnen folgten die Frauen und die Kinder bildeten den Schluß.

War der Leichenzug an der Kirche angelangt, je nach der Entfernung und den Wegeverhältnissen konnte sich das über eine Stunde hinziehen, setzte erneut das Glockengeläut ein.

Bis zum Verbot im Jahre 1684 war es üblich, daß der Leichenwagen mit dem Sarg dann dreimal um die Kirche gefahren wurde. Obwohl es damals von der Landesherrschaft untersagt war, wurde dieser alte Brauch - wie an anderen Kirchen auch - in Oerlinghausen noch ein paar Jahre beibehalten. Hierdurch sollte der Leichnam dem Schutzpatron der jeweiligen Kirche, in Oerlinghausen war es der heilige Alexander, nähergebracht werden.

In der Kirche hielt der Pfarrer ohne vorheriges Singen die Leichenpredit, die mit dem Verlesen der persönlichen Daten der Verstorbenen zu Ende ging.

Vorher hatten die Trauernden beim Betreten der Kirche eine kleine Gabe entrichtet.

Das Läuten setzte dann noch mal ein, wenn der Sarg ohne große Zeremonie ins Grab gesenkt wurde. Der Totengräber hatte dann für das Verfüllen des Grabes zu sorgen.

Der Oerlinghauser Kirchhof war schon bei seiner Gründung sehr klein. Bei der geringen Einwohnerzahl von Oerlinghausen und seiner Umgebung reichte die Fläche bis etwa zum Jahre 1660.

Das änderte sich dann, als die Bevölkerung nach den Heimsuchungen des dreißigjährigen Krieges wieder zunahm.

Nach Aufzeichnungen des Bürgermeisters Reuter sollen damals manche Grabstellen im Laufe der nächsten 200 Jahre mehr als zehn Mal belegt worden sein. So blieb es nicht aus, daß beim Auswerfen von Gräbern für Neuverstorbene immer größere Mengen Knochen zu Tage gefördert wurden.

Eine dreißigjährige Ruhepflicht, wie sie die Begräbnisordnung von 1779 forderte, konnte nur bei größeren Erbbegräbnissen eingehalten werden.

Im übrigen boten die Kirchhöfe im Vergleich zu heute einen schmucklosen Anblick.

Nur die Gräber der reichen Bürger und Großbauern besaßen Grabsteine, die zum Teil von Steinmetzen für viel Geld und Aufwand angefertigt wurden. Die ärmeren Leute nahmen bei ihren Gräbern mit Holzkreuzen vorlieb und es gab bei ihnen auch keine Grabeinfassungen; ihre Särge bezahlte zum Teil die kirchliche Armenkasse.

Der Armensarg war allerdings nur eine flache zusammengenagelte Kiste, die im Volksmund auch „Nasendrücker“ genannt wurde und aus Fichtenholz bestand.

Da viele Angehörige zu den Gräbern ihrer Verstorbenen einen weiten Weg hatten und das Grabschmücken nicht so gebräuchlich war als heute, waren die meisten Gräber mit Gras bewachsen.

Nach alten Überlieferungen wurden sie damals von dem Küster und Kantor als zusätzliches Weideland für ihr Vieh benutzt. Obwohl dies in der Begräbnisordnung unter Strafe gestellt war, wurde es stillschweigend geduldet.

Um 1860 war der Kirchhof so überbelegt, daß er geschlossen werden mußte und an der ehemaligen Bielefelder Chaussee, der heutigen Rathausstraße, ein neuer Friedhof angelegt wurde.

Im Unterschied zum alten Kirchhof wurde 1862 auf dem neuen Friedhof eine Kapelle gebaut.

Die Besitzer von alten aufgegebenen Erbbegräbnisstätten konnten auf dem neuen Friedhof Begräbnisflächen für fünf Taler erstehen, während für neu angelegte Erbbegräbnisse zehn Taler bezahlt werden mußten. Dies geht aus einem an den Leinenhändler Christoph Niemeyer gerichteten Kaufbrief hervor.

In dem von Pastor Weerth unterzeichneten Brief wurden von ihm für die neue Erbbegräbnisstätte Nr. 3 ein Kaufpreis von 10 Talern verlangt.

Bei den neu angelegten Gräbern legte man Wert darauf, daß sie eine Umrandung bekamen und mit Efeu oder Sträuchern bepflanzt wurden.

Einige aus der Gründungszeit noch vorhandene Grabsteine und Schmiedearbeiten zeugen von dem Können der damaligen Handwerker.

Heute deutet bis auf einen eingemauerten Grabstein unterhalb der evangelischen Kirche nichts mehr daraufhin, daß hier im Laufe von mehreren hundert Jahren etwa 25.000 Verstorbene ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Oerlinghausen, im Januar 1998 Werner Höltke