Leserbrief zur Geschichte des CVJM Oerlinghausen
Die blühende Arbeit des Oerlinghauser CVJM fiel 1933 fast auseinander, weniger aus Zwang, als vielmehr durch den Zug der 'Neuen Zeit'. Besonders gegen Ende dieses Jahres wurde erheblicher Druck ausgeübt, mit dem Ziel, unsere geschlossene Eingliederung in die HJ zu erzwingen.
Der Verrat des 'Reichsbischofs’ Müller wirkte sich aus.
(Die katholische Jugend erlebte damals noch keinen derartigen Einbruch; sie war durch das Reichskonkordat besser geschützt.)
Der staatliche Druck bewirkte aber auch, daß sich unsere Reihen bald wieder füllten. Die Oerlinghauser sozialdemokratisch (nicht marxistisch) ausgerichteten Eltern führen ihre Jungen zu uns, und bald hatten wir wieder 50 Mitglieder von einer umso entschlosseneren Jugend. Darunter war auch Erich Diekhof, gerade erst 9 oder 10 Jahre alt. In unserer Not machten wir uns selbst ein „Konkordat“, und benutzten dazu den zwischen dem 'Reichsbischof’ Müller und dem NS-Jugendführer v. Schirach am 19. Dezember 1933 ausgehandelten Vertrag, der uns auch nach der Eingliederung ab März 1934 noch 2 Nachmittage in der Woche und 2 Sonntage im Monat zu unserer Arbeit, in erzieherischer und kirchlicher Hinsicht, gewährte, und unsere Mitglieder vom HJ-Dienst an diesen Tagen befreite. Wir Oerlinghauser gehörten zu den wenigen, die diese theoretische Formulierung in der Praxis auch durchsetzten.
Im Laufe dieser Jahre wurde Erich Diekhof, trotz seiner Jugend, allmählich eine Stütze unseres Jugendkreises, der neben der Arbeit an den Konfirmanden und im Kindergottesdienst, unser Hauptbetätigungsfeld war.
Wenn sich alte Schulkameraden treffen, gibt es immer ein 'Hallo'; und wenn sich alte Freunde aus dem Oerlinghauser Vorkriegs-CVJM nach Kriegsende trafen, war es nicht anders; es war ein Wiedersehen mit Gefährten einer alten Kampfgemeinschaft, die bis in den Krieg hinein manchen ein Segen gewesen ist, besonders in Todesgefahren. Erich Diekhof war bis zum Schluß dabei.
Als es in den Nachkriegsjahren darauf ankam, Bürger mit Durchstehvermögen für den ev. ref. Kirchenvorstand vorzuschlagen, habe ich Herrn Diekhof so stark bedrängt, daß er einverstanden war und sich Vorschlägen ließ. Ich war der Meinung, daß eine bewährte Haltung die beste Voraussetzung für einen Mann in verantwortlicher Stellung ist.
Wahlpropaganda soll dieser Brief nicht sein (dafür hätte er im September erscheinen müssen); ein ’Trostpflaster’ für seine Niederlage in seinem Wahlbezirk schon lange nicht (das 'auf und 'ab' im politischen Leben wechselt miteinander ab).
Aber ich wehre mich für ihn, ohne sein Wissen, gegen kleinkariertes ‚Grinsen’, und betrachte es als meine Pflicht, herauszustellen, wer Erich Diekhof war, und auch noch ist. Diese Erinnerungen beleuchten seinen Charakter als Kampfgefährten aus einer sturmbewegten Oerlinghauser Zeit, von der hier allerdings nur wenig angedeutet wurde: da war es die ‚Schlacht' um den Konsum und um die Fensterscheiben der Juden; dort der Tanz der Gummiknüppel; und hier war es der Kampf um die Kirche. Zuletzt bleibt nichts verborgen.
August Westerheide, Hudeweg 1, 4811 Oerlinghausen