Der Oerlinghauser Haushaltsverein
Der Oerlinghauser Haushaltverein wurde mit 4 Verkaufsstellen (2 in Oerlinghausen [Hauptstr. und Detmolder Str.], und je 1 Verk. Stelle in Helpup [Bahnhofstr.] und Asemissen) 1905/1906 gegründet. Der Grund lag in der Armut der Arbeiterschaft, die durch diese Verkaufsorganisation bessergestellt wurde.
Die Hauptverkaufssteile (Hauptstr.) war in dem von dem Prokuristen Weeke (Ceweco) gepachteten Eckhaus Hauptstraße/Brachtshof, das später von Brüntrup erworben wurde. Ich verweise auf Blatt 9 in dem Heft 'Bildteil zu der Geschichte des Oerlinghauser CVJM...', das dieses Haus in verschiedenen Ansichten zeigt. Das auf dem einen Bild im Hintergrund sichtbare Haus ist der spätere Konsum, das der Oerlinghauser Haushaltverein im Jahre 1908 auf den Fundamenten des alten Brachtschen 'Schlosses' errichtete. Das 'Schloß' zeigt beiliegende Skizze, jedoch von der Holter Straße aus aufgenommen. Die Geschichte des 'Schlosses' ist aufgezeichnet in dem Heft 'Einige alte Saiten auf den Oerlinghauser Bilderbogen neu aufgezogen von Elisabeth Westerheide' März 1964, Seite 22 ff. Für den kleinen Oerlinghauser Haushaltverein war dieser Neubau ein gewagtes Unternehmen, das aber erfolgreich durchgeführt wurde, nicht zuletzt durch den Geschäftsführer dieses Vereins, Wilhelm Kronshage, an dessen guten Fähigkeiten kein Zweifel ist. Kronshage machte sich 1908 selbständig auf einem Gebiet, mit dem er dem Haushaltverein keine Konkurrenz machte. Kronshage wurde 1914 als Offizier-Stellvertreter eingezogen; er ist dann schon bald gefallen. Sein Nachfolger (bis 1914) wurde Gustav Kramer, der Vater von Bürgermeister a.D. Heinrich Kramer.
1914 trat insofern eine neue Situation ein, als sich die Oerlinghauser Bäcker (u.a. Wedepohl, Diekmann, Ad. Büker) weigerten dem Haushaltverein Brot zu liefern mit dem Hinweis, die Oerlinghauser könnten ihr Brot bei ihnen, den Bäckern, direkt kaufen. Diese Weigerung veranlaßte den Oerlinghauser Haushaltverein, sich dem Lippischen Konsum Verein in Lemgo anzuschließen, von wo aus dann der Zentraleinkauf erfolgte. Die Zulieferung, auch die des Brotes, erfolgte nunmehr aus Lemgo, so daß dann ab 1914 die Stelle des Geschäftsführers eingespart werden konnte.
Zu der Weigerung der Oerlinghauser Geschäftswelt, den Konsum zu beliefern, zeigt sich eine Parallele im Jahre 1933 in der Verfolgung des dann zuständigen Lagerhalters August Hausmann (s. da).
Lagerhalter in der Oerlinghauser Verkaufsstelle war, seit der Gründung 1905/1906 bis in das Jahr 1920 (von Zeiten seines Kriegsdienstes einmal abgesehen), Wilhelm Helmig.
Bei dem Anschluß an den Lippischen Konsum Verein in Lemgo war der Chef des LKV: Clemens Becker.
Der Lippische Konsum Verein (LKV) verlegte 1928 von Lemgo nach Lage in die neu erbaute Zentrale in Lage, die unter Hitler dem Konsum enteignet und der Lippischen Hauptgenossenschaft zur Verfügung gestellt wurde. Eine bei den alten Gründern, soweit sie noch leben, auch heute noch nicht verschmerzte Sache.
Als sich der Oerlinghauser Haushaltverein 1914 an den LKV anschloß, verzog der damalige Geschäftsführer Gustav Kramer (gebürtiger Oerlinghauser) mit seiner Ehefrau, geb. Nieder aus Oerlinghausen, (und den Kindern) nach Lage. Er wurde Lagerhalter der dortigen Verkaufsstelle, da ja die Geschäftsführung, auch dort, von Lemgo aus erfolgte.
Am 1. 7. 20 kam August Hausmann, als Nachfolger von Wilhelm Helmig, als Lagerhalter der Verkaufsstelle Hauptstr. 65 des LKV, nach Oerlinghausen.
August Hausmann, geb. 7. Jan. 1894 in Blomberg, erfuhr, nach dem Besuch der Volks- und Handelsschule, seine weitere Ausbildung in Düsseldorf.
Am 1. Weltkrieg nahm er von Anfang bis zum Ende teil, und zwar nur im Westen.
Nach dem Krieg war er zunächst beim Amtsgericht Blomberg und dann bei der Lippischen Regierung in Detmold tätig.
Seit dem 28. Nov. 1926 ist er mit der im Jahre 1907 in Horn geborenen Martha, geb. Potthof, verheiratet.
Er war Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei in Oerlinghausen und seit dem 9. Nov. 1922 Mitglied der Gemeindevertretung, bzw. der Stadtverordnetenversammlung.
August Hausmann starb im Februar 1978 in Detmold.
Nach der 'Machtergreifung' wurden in Oerlinghausen rund 50 Männer inhaftiert, einige davon nur ein bis zwei Wochen. Die meisten waren Angehörige der SPD, einige davon Mitglieder der KPD. Von den jüdischen Mitbürgern wurde der Viehhändler Julius Kuhlemeyer ca. 3 Wochen verhaftet, als einziger von den Oerlinghauser Juden.
August Hausmann dagegen wurde in Detmold inhaftiert. Aus der Reihe der Verfolgten des Nazi-Regimes soll versucht werden, seinen Leidensgang zu rekonstruieren.
Dieser Bericht ist entstanden durch Gespräche, die ich mit Frau Martha Hausmann und Herrn Heinrich Kramer führte. Des weiteren habe ich über die damalige Zeit Unterhaltungen geführt mit meiner Schwägerin, Frau Martha Westerheide, geb. Helmig, und Frau Martha Ladugga, geb. Schling. Herr Fritz Soll hat mit wertvollen Hinweisen geholfen. Darüber hinaus habe ich die damalige Zeit ja auch selbst erlebt. Man darf daher diesen Bericht als verbürgt ansehen.
In der Wohnung der Familie August Hausmann, Hauptstr. 65, waren nach dem 30. Januar 1933 zwei Hausdurchsuchungen, ausgeführt durch ordentliche Polizeibeamte aus Detmold (u.a. Brandt, Detmold). Nach dem Erzählen von Frau Hausmann sind in Begleitung dieser Polizeibeamten auch Parteileute gewesen. Man hat nach Waffen gesucht (denunziert durch einen Oerlinghauser Bürger). Die Polizeibeamten haben verhindert, daß Matratzen aufgeschnitten und die Schränke ausgeräumt worden sind. Brandt: "Gebe Gott, Frau Hausmann, daß alles immer so harmlos verläuft." Die Anschuldigung, daß Waffen versteckt seien, war aus den Fingern gesogen, sie entbehrte jeder Grundlage.
Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 waren innerhalb von wenigen Wochen fünf weitere Hausdurchsuchungen, diese aber von ortsfremden SA- oder SS-Leuten, die als Hilfspolizisten fungierten. Ein Meier zu Eissen (Beinbehindert) spielte dabei eine unangenehme Rolle.
Die dritte der insgesamt sieben Hausdurchsuchungen erstreckte sich auch auf die Ladenräume des Konsums. In der Wohnung Hausmann stießen die Hilfspolizisten dabei auf ein gewebtes Seidenbild (Fabrikat Delius) mit dem Bildnis Carl Severings. Auf dem Bildnis stach man Severing die Augen aus, und verunglimpfte ihn. Darauf Frau Hausmann zu dem Schergen: "Wenn nun einer kommt und Ihren Vater so behandelt, wie Sie das mit Severing tun, was würden Sie dann sagen?" Darauf der Anführer dieser Bande: "Nimm das Bild mit; das dürfen wir nicht als Zeugen hierlassen."
Bei der darauf dann folgenden Hausdurchsuchung kamen die Hilfspolizisten (nachdem sie zuvor auf dem sogen. 'Kleinen Tönsberg' nach Waffen gesucht hatten) mit, Speck und Dreck in die Wohnung Hausmann, rissen dabei die Wäsche und die Kleider aus den Schränken, die sie mutwillig verschmutzten und beschädigten.
Dann ging August Hausmann mit den Hilfspolizisten in den Laden. Diese wollten aber nach oben in das Haus, erzwangen es auch. Wie diese dann mit August Hausmann auf den Boden gehen wollten, sprang der [herzkranke] Wilhelm Helmig, der mit seiner Familie oben im Konsum wohnte, hinterher, weil er ahnte, was da gespielt werden sollte. Das Konsumgebäude hatte ein Walmdach, das zu dem Haus Holter Str. 1 (Koring) eine Luke im Walm hatte. Es war kein Zweifel daran, daß man Hausmann hier herauswerfen wollte, um so einen Selbstmord vorzutäuschen. Wilhelm Helmig hat sich trotz der Drohungen nicht vom Boden treiben lassen, und hat somit die Ermordung Hausmanns verhindert, was die feste Überzeugung von Frau Hausmann ist. Dann trat zunächst wieder Ruhe ein.
(Zu der Hilfspolizei noch einige Bemerkungen, die aber [wie auch meine kurzen Bemerkungen über die Geschichte des Konsums] einer Ergänzung und womöglich Berichtigung bedürfen: In den kritischen Jahren 1933/1934 konnte Hitler auf Göring, mit seiner Energie und Rücksichtslosigkeit, nicht verzichten. Seine Machtstellung in Preußen war das Fundament von Hitlers Erfolgen. Göring wurde am 30. 1. 1933 Reichsminister ohne Geschäftsbereich und Reichskommissar des Reichs für das preuß. Innenministerium. Gleich nach Amtsantritt begann er mit einer drastischen ’Säuberungsaktion‘ in den preuß. Behörden. Mitte Februar erließ er Verfügungen an die preuß. Polizei, durch die SA, SS und Stahlhelm praktisch freie Hand bekamen. Bereits am 22. Februar 1933 führte er die Hilfspolizei ein in einer Stärke von 50000 Mann. Darunter 25000 SA-Leute und 15000 SS-Leute. Einziger Ausweis: weiße Armbinde. Damit verkörperten sie den Staat, was bedeutete, daß die Polizeigewalt auf Schlägerbanden übergegangen war. Für Oerlinghausen ist zu beachten, daß die Hilfspolizei ihren Kameraden aus der SA half, ihre Opfer zu verprügeln. Inwieweit die Aufstellung der Hilfspolizei auf das Reich zutraf, weiß ich nicht. Es ist aber damit zu rechnen, daß sich Lippe den preußischen Weisungen anschließen mußte. Das ist auch aus den ersten Inhaftierungen in Oerlinghausen zu entnehmen, die in den ersten Tagen März begannen; da war in Oerlinghausen bereits die Hilfspolizei 'tätig'.)
Aus diesen Bemerkungen über die Hilfspolizei ist die Annahme berechtigt, daß die ersten beiden Hausdurchsuchungen bei Hausmanns bereits im Februar waren.
Nach dieser dritten Hausdurchsuchung, empfahl Herr Hausmann eines sonntags seiner Frau und der Nachbarin Frau Büker, daß beide mit ihren Kindern (Ursel Hausmann, 5 ½ Jahre alt; Wilhelm Büker, gleichaltrig) zur 'Entspannung' nach Bielefeld fahren sollten. Das Lokal 'Eisenhütte' war damals wahrscheinlich noch im Besitz des Metallarbeiterverb., zumindest schien es noch Treffpunkt zu sein. Als sie abends zurückkamen, bahnte sich das schrecklichste Erlebnis an; In der Nähe des Rathauses (Stadthotels) war ein Riesenauflauf von Menschen. Was ist los? Man will Hausmann holen. Frau Hausmann läuft auf dem kürzesten Weg nach Haus, wo sie ihren Mann im Wohnzimmer antrifft. Sie bittet ihn, das Haus sofort zu verlassen. Hausmann: "Du machst mich ganz verrückt! Mir will doch keiner was; laßt uns jetzt zu Abend essen." Da kommt Martha Schling (aus der Verkaufsstelle des LKV Detmolder Straße) mit Hertha Nieder angelaufen: "Herr Hausmann soll geholt werden; er soll die Nazi-Fahne vor dem Zug durch die Stadt hertragen." Frau Hausmann schiebt ihren Mann aus der Tür mit der Bitte, daß er sich nach Bükers (Ober), Holter Str. 6a, absetzt. Martha Schling: "Aus dem Haus kommt er nicht mehr, es ist ganz umstellt." Ehepaar Hausmann flüchtet mit Tochter in ihr Eheschlafzimmer, das durch einen Vorraum ein wenig verdeckt war. Als die Häscher angestürmt kamen, fing das Töchterlein zu weinen an. In der Not hielten die Eheleute dem Kind den Mund zu, um dadurch das weinen zu dämpfen. Kaum daß sich's die Eltern versahen, lief das Kind blau an, was ihm dann die ganze Nacht Beschwerden machte.
Zu Blatt 6, untere Hälfte, gibt mir Frau Ladugga (Martha Schling) am 20. 1. 1982 folgende Auskunft:
Martha Schling geht an dem betr. Sonntagabend mit ihrer Freundin Lenchen Schaper (Lenchen Nieder) von der Detmolder Straße in Richtung Stadthotel (dam. auch Rathaus) und sieht eine Marschkolonne fremder SA, angeführt von Heumann (war ursprünglich auch Fremder) in Richtung ev. Kirche marschieren. Sie sangen das Lied mit dem berüchtigten Refrain: 'Wenn das Judenblut vom Messer spritzt...' oder so ähnlich.
Sie hörte dann von irgendjemand, das man Hausmann holen will (sie meint von Jakob Risse), und ist dann über die Tönsbergstraße nach Hausmanns gestürmt. Lenchen Nieder habe ihr wegen ihres Tempos nicht folgen können.
Als sie dann selbst wieder aus dem Konsum geht, wird sie von der SA festgehalten mit der Fragen "Wo waren sie denn?" Antwort: "Ich habe meine Freundin besucht." Die Frager waren aber Fremde. Oerlinghauser hätten gewußt, daß sie die Tochter von August Schling, Detmolder Straße, war. Dieser starb aber bereits am 28.9.1932, so daß man Frau und Tochter rücksichtsvoller behandelte.
Da der Konsum von der Straße, besonders aber von dem gegenüber liegenden ESSENER HOF eingesehen wurde, auch das Eheschlafzimmer, konnten weder Gardinen zugezogen, noch sonst etwas zur Verdunkelung gemacht werden, weil das sofort aufgefallen wäre.
Die ganze Nacht über war im Konsum ein kommen und gehen, - immer wieder wurden die Türen probiert, wobei immer wieder damit gerechnet werden mußte, daß die Schergen das Kind hörten. Draußen vor dem Haus wurden mit Pechfackeln - in denen damals ein Großverbrauch war - alle Ecken abgesucht. Die Haupttreiber bei den Nazis waren Heumann und Paul Reuter, wobei Frau Hausmann den SA-Führer Heumann in besonders schlechter Erinnerung hat. Herr Kramer und meine Schwägerin, Frau Westerheide, sind der Ansicht, daß Heumann im allgemeinen nicht der 'Schlechteste' gewesen wäre (schlecht genug natürlich).
Als es am anderen Morgen hell wurde, wollte sich Hausmann melden. Die Eheleute kamen jedoch überein, solange zu warten, bis Leben auf der Straße war, die Fabrikarbeiter zur Arbeit gingen usw. Zur üblichen Zeit hat August Hausmann dann den Laden aufgeschlossen, - zum Ärger der Nazis, die entdeckten: "Er war doch drin." 6-8 Mann führten H. ab. Frau Hausmann sprang sofort herauf zu Helmigs mit der Bitte, Dr. Rieso zu holen. Der kam sofort, und behandelte das Kind, verwies dann die SA aus dem Haus, was sie befolgte.
Albert Schütte (bekanntes Oerlinghauser Mitglied der SPD) nahm frühmorgens sofort Verbindung mit Neumann-Hofer in Detmold auf, denn August Hausmann war inzwischen nach Detmold gebracht.
In Oerlinghausen hatte die Hilfspolizei die Ladenschlüssel mitgenommen. Da Hausmann haftete, haben 2 Nächte lang Oerlinghauser Reichsbanner und 'Eiserne-Front-Leute' im Konsum Wache gemacht.
Frau Hausmann hebt besonders die Einsatzbereitschaft der SPD-Genossen, und ihre selbstlose Hilfe, hervor, wie sie auch betont, von den Hausgenossen, besonders eben von der Familie Helmig, besondere Unterstützung erfahren zu haben, auch in der Betreuung ihrer Tochter, wo sie (die Mutter) nunmehr ja oft außer Haus sein mußte. Der Laden wurde dann durch die Verkäuferinnen versorgt.
Bei den Nazis waren die Täter meist auswärtige Hilfspolizisten, die sich aber von Oerlinghauser jg. Männern aufstacheln ließen; diese sind namentlich bekannt. Sie nach dem Krieg vor das Gericht zu bringen, wäre Sache Hausmanns gewesen; der bewußt darauf verzichtete.
(Hans Hüls 'Wähler und Wahlverhalten...‘ schätzt Oerlinghausen entsprechend ein, aber ohne Erwähnung August Hausmanns. Verwunderlich ist, daß weder Rauchschwalbe 'Geschichte der lipp.-SPD', noch Sengotta 'Reichsstatthalter...', noch Wehrmann 'Drake', keine oder kaum Notiz von August Hausmann nehmen, was sehr zu bedauern „ist, umso bedauerlicher, als -nach Aussage von Frau Hausmann- sie aber [nach dem Tode ihres Mannes] einen Bericht zur Verfügung gestellt hat.)
Woher kam nun die Verfolgung Hausmanns? Welche Gründe hatte sie? Persönlich war er ein gütiger Mann, der auch nicht viel von sich her machte, - und als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins war er auffallend sachlich. Nun wird zwar den Nazis das 'rote Oerlinghausen' ein Dorn im Auge gewesen sein, was zweifellos auch auf August Hausmann abfärbte. Aber Oerlinghausen wäre auch ohne August Hausmann das 'rote' Oerlinghausen gewesen. So muß man den Hauptgrund doch an anderer Stelle suchen; er ist auch damals offen ausgesprochen (Namen bekannt). Hausmann war, - als Lagerhalter der großen Verkaufsstelle des Lippischen Konsum Vereins, den Oerlinghauser Einzelhändlern ein Ärgernis, denn der Konsum war ein leistungsfähiges und sozial eingestelltes Unternehmen. Man wollte es ihm heimzahlen. Eine Parallele für die heutige Zeit könnte m-an dadurch konstruieren, wenn man etwa den tüchtigen Verwalter eines Discount-Geschäftes aus dem Dach des Geschäftshauses auf die Straße werfen wollte, und zwar nur aus dem einfachen Grund, weil er das Geschäft gut führt.
Zu den vermuteten Zeitpunkten der hier geschilderten Attentate (s. auch Blatt 5) sei noch vermerkt, daß die Detmolder Regierung das Reichsbanner und die Sozialistische Jugend am 17. März 1935 auflöste. Nach der Verordnung der Lippischen Regierung vom 18. 3. 1933 hatten Kommunisten, Sozialdemokraten... sämtliche Waffen und Munition abzuliefern. Nach Rauchschwalbe 'Geschichte der lipp. Sozialdemokratie', S. 284, Bielefeld 1979, begannen wenige Tage darauf umfangreiche Hausdurchsuchungen, so daß womöglich die 3. bis 7. Hausdurchsuchungen erst ab 18. 3. stattfanden. In Oerlinghausen wurde nichts an Waffen gefunden, wob-ei aber zu bemerken ist, daß die Amtswalter der NSDAP, sowie eigentlich Hinz und Kunz in den NS-Parteiorganisationen, Waffen trugen, und überall in den Wäldern Schießübungen machten, und herumknallten.
Nachdem Frau Hausmann wußte, daß ihr Mann in Detmold inhaftiert war, war ihr erster Gang nach Detmold, und zwar in das Polizeipräsidium, wo sie sich meldete. Nach ihrer Erzählung sei sie dann aus der Menge der sich im Gang aufhaltenden Menschen herausgerufen worden, und zwar von dem SS-Führer Stroop, der für die Hilfspolizei verantwortlich war, und der auch für die Verhaftung von Sozialdemokraten und Kommunisten usw. verantwortlich zeichnete.
Stroop, der sich später zu dem berüchtigten Massenmörder entwickelte, sei gegenüber Frau Hausmann zuvorkommend gewesen. Er war (nach Rauchschwalbe) auch zuständig für die Genehmigung von Besuchen bei politischen Gefangenen in Detmold.
Dieser Stroop hat dann wohl die Genehmigung zum Besuch ihres Mannes gegeben, ihr dann aber die vertrauliche Mitteilung gemacht [von der sie aber keinen Gebrauch machen dürfe], daß sie sich in persönlichen oder geschäftlichen Sorgen an Emil Feldmann (im Parteibüro der SPD) wenden solle. Was das auf sich hatte, kann man nur erahnen, denn Feldmann wurde bereits am 2. Mai 1935 verhaftet.
Inzwischen ging Frau Hausmann in die Haftanstalt, die im Regierungsgebäude war. Justizbeamter Deppe zeigte Frau Hausmann eine Liste, in der ihr Mann an 1. Stelle aufgeführt war, was besagte, daß er am Do. oder Freitag der Woche nach Dortmund verlegt werden sollte. "Nun sage ich Ihnen: 'Wo Ihr Mann von Dortmund aus dann hinkommt, das weiß keiner.‘ eine geborene Potthof aus Horn."
Frau Hausmann ging nunmehr - nachdem sie mit ihrem Mann hatte sprechen können - zu Emil Feldmann. Sie traf ihn in seinem Büro an. In der Zwischenzeit kam auch der Landespräsident a.D. Drake, dem sie dann ihr Anliegen sagte.
Frage: Oder war das Landesbankrat Seyferth?
Drake: "Hör mal: Dein Vater hat immer gut mit Spelge (Landesbankrat Dr. Fritz Spelge, Detmold, jetzt: NSDAP) zusammengearbeitet. Wende Dich an den." Inzwischen hatte Drake bereits die Regierung gewählt und Spelge verlangt; als er mit ihm verbunden war, gab er Frau Hausmann den Hörer mit dem Hinweis, zu sprechen. Frau Hausmann 'stotterte' weinend etwas in den Hörer. Spelge darauf: "Sie weinen ja, was ist denn passiert?" Drauf Drake in den Hörer: "Frau Hausmann ist Damit war der Kontakt hergestellt.“ Dr. Spelge bat Frau Hausmann in das Regierungsgebäude. Dazu bat Frau Hausmann aber Herrn Drake um Begleitung. Er ging mit bis vor das Regierungsgebäude, verabschiedete sich mit dem Hinweis: ‘Wenn ich [als abgesetzter Landespräsident] mit in diese Nazi-Gesellschaft gehe, ist das für Dich nicht zum Vorteil. Sag', wie es Dir ums Herz ist.' Es bedarf keiner Frage, daß Herr Drake keine Angst vor den neuen Machthabern hatte; es war hier aber klüger, Frau Hausmann allein gehen zu lassen.
Frau H. fiel ein Spruch von Wilhelm Busch ein: 'Früher, als ich unerfahren und bescheidener war als heute, hatten meine größte Achtung andere Leute. Später fand ich auf der Weide außer mir noch andre Kälber, und nun schätze ich [sozusagen] erst mich selber.' Sie nahm sich also ein Herz und meldete sich im Büro Spelge. Dieser ging dann mit Frau Hausmann in ein anderes Zimmer, in dem die 'Ankläger' saßen, u.a. auch Heumann aus Oerlinghausen. Dann Ewald Zindel jr. aus Lage. Diesen hatte der Kreisleiter Wedderwille kommissarisch eingesetzt, der Mademann ablöste. In der Begleitung von Zindel war Grothof, der frühere Zentrallagerhalter, ab ca. 1928, beim LKV in Lage, da sich Zindel ja nicht auskannte. [Grothof wurde später Lagerhalter in Pivitsheide]
Die saubere Vergangenheit von A. Hausmann gab den Nazis keine Möglichkeit zur Anklage. Somit mußten zwei 'defaitistische' Briefe her, die Hausmann geschrieben haben sollte. Das erste Schreiben klärte Frau Hausmann sofort auf als nicht von ihrem Mann geschrieben. Zu dem zweiten Schreiben gab sie an: "Ich kann unter Eid aussagen, daß es von meinem Mann nicht geschrieben wurde, und daß er daran nicht beteiligt war."
- "Dann wissen Sie also, wer es geschrieben hat?" - "Ich vermute es."- "Sagen Sie den Schreiber!"- "Nie in meinem Leben werde ich diese Vermutung äußern: Man liebt den Verrat, aber haßt den Verräter, - auch Sie."
Darauf Spelge: "Meine Herren, wollen wir uns von dieser jungen Frau beschämen lassen?" Damit war auch dieser Punkt erledigt.
Der zweite Anklagepunkt war die Unterstellung, ihr Mann habe ein Monatsgehalt von über 1000.— RM bezogen, was Heumann aus einer vor ihm liegenden Gehaltsliste herauslas. Frau Hausmann hat sich dann, im Überraschungsmoment, Einblick in die Liste geben lassen, wobei sie dann sofort den Namen ihres Mannes fand, der mit einem Monatslohn von unter 400.— DM verzeichnet war. Sie wies diese Spalte (zur Beschämung Heumanns) vor. Wedderwille: "Dann war Ihr Mann ja immer schon Nationalsozialist."- "Ja, mit der Tat, aber nicht wie Sie, mit Worten."
Dieser Hinweis sei Frau Hausmann [und damit ihrem Manne] fast zum Verhängnis geworden. Spelge nachher zu ihr, unter 4 Augen: "Frau Hausmann, Sie müssen auch mal etwas herunterschlucken, wenn es Ihrer Absicht zum Nachteil ist."
Frau H. erreichte die Entlassung ihres Mannes, der dann nicht nach Oerlinghausen, sondern nach Horn ging. Bis Juli 1935 hat die Familie Hausmann dann aber 'offiziell' in Oerlinghausen gewohnt; Hausmann hatte sich inzwischen eine bescheidene Stelle bei der Viktoria-Versicherung in Hameln beschaffen können.
Als Hausmann im Juli 1933 - mit einer Aufenthaltsgenehmigung durch den damaligen Bürgermeister Möller - nach Oerlinghausen kam, wurde er von einigen Hilfspolizisten erkannt und gejagt. Er floh aus seiner Wohnung, zunächst wieder in das Haus Holter Straße 6a (Büker [Ober]), dann Flucht über den Kreuzkrug nach Bielefeld, zu Verwandten. Es verfolgten ihn 5 Pkw mit Hilfspolizei und SA-Männern; er war zu arglos, um das zu vermuten. Doch wurde er nicht gefaßt, da die Schergen seine Flucht ins Lippische (also ostwärts) vermuteten, in seine engere Heimat also. Da er aber in Richtung Brackwede ging, blieb er zunächst unbehelligt.
Da die Oerlinghauser Hauderer Nieder und Brockbarthold unterwegs waren, bot sich für Frau Hausmann keine andere Möglichkeit, ihren Mann zu erreichen, als daß sie das Anerbieten von Holzkamp annahm, auf dem Sozius seines Motorrades die Suche aufzunehmen. Nur mit einem dünnen Kleid versehen, ist sie die ganze Nacht auf der Suche nach ihrem Mann gewesen, bis sie ihn dann bei Verwandten fand.
Ab April 1934 Inspektorenstelle bei der Viktoria- Versicherung in Bückeburg. In seiner neuen Tätigkeit ist er von seinen alten Parteigenossen sehr unterstützt; diese nämlich, kündigten ihre bei der gleichgeschalteten 'Volksfürsorge' abgeschlossenen Verträge und schlossen neue Verträge [über Hausmann] bei der Viktoria ab.
Nachdem August Hausmann der Verkaufsstelle nicht mehr vorstehen konnte, sandte die Zentrale aus Lage einen Nachfolger, Trautvetter mit Namen, der dann nach dem Freiwerden der Wohnung (ca. Juli 33) dort auch einzog. Herr Trautvetter war ein bescheidener und zurückhaltender Mann; seine Frau war herzkrank. Eines sonnabends nachmittag wurde er plötzlich von einer [jetzt der Oerlinghauser)! Schlägerbande der SA im Laden überfallen und ganz schrecklich zugerichtet. Grund: Er hatte mit dickem Glanzpapier, darunter auch rotem und gelben, die Schaufenster dekoriert, und weil man darin eine Zusammenstellung der alten Reichsflagge Schwarz-Rot-GoId meinte erkennen zu können, fand man einen Grund zu dieser Übeltat. Seine Frau bekam eine Herzattacke, die sie tagelang ans Bett fesselte. Trautvetter weigerte sich, noch länger in Oerlinghausen zu bleiben; er wurde dann bald versetzt. Sein Nachfolger war Niggemann, der auch aus einer anderen Verkaufsstelle des LKV nach Oerlinghausen gebeten wurde.
In diesen Jahren, oder auch später, erfuhr der Konsum eine 'Umgründung'. Er hieß LEGELA (Lebensmittelgesellschaft Lage).
Wahrscheinlich war es 1939 (noch vor Kriegsbeginn) als die Legela-Geschäfte dann von den Lagerhaltern übernommen werden konnten. Der anschließende Krieg brachte dann sowieso alles unter die Kriegsbewirtschaftung mit Lebensmittelmarken usw., die über Nacht ausgegeben wurden.
Trotz eines echten Kerns entpuppten sich später aus den Reihen der SPD auch Verräter.
Die zweite [kleinere] Oerlinghauser Verkaufsstelle des LKV war im Hause Detmolder Straße Nr. 59, in der Nazi-Straße. Lagerhalter war August Schling, geb. 12. Sept. 1876 zu Oerlinghausen, als Sohn des Ziegelmeisters Fritz Schling. Nach Volksschulbesuch in Oerlinghausen ging er bis 1901 auf Ziegelei, um dann Maurer zu werden. Am 19. Jan. 1905 verheiratete er sich mit Auguste, geb. Siewecke, und erwarb die Besitzung Detmolder Str. 59. Den Weltkrieg hat er von Anfang bis zu Ende an der Westfront mitgemacht. Zum Mitglied der Gemeindevertretung wurde er am 1. Jan. 1909 gewählt, zeitweise war er stellvertretender Vorsitzender, und seit der Stadtwerdung Oerlinghausens ist er Stadtverordneter. Seit langem wirkte er als Bausachverständiger und als Mitglied des Bauausschusses. Nach der Neuwahl der Stadtverordneten-Versammlung im Januar 1928 wurde Schling am 16. Februar 1928 zum 1. Ratsherrn gewählt (stellv. Bürgermeister).
August Schling starb am 28. September 1932. Das Ladengeschäft des Konsums wurde dann von seiner Frau, bzw. später seiner Tochter, weitergeführt.
Man weiß nicht, was mit ihm - hätte er das Jahr 1933 noch überlebt - geschehen wäre. Im Kreis der ihn umwohnenden Nazi-Familien [soweit Oerlinghauser an der Verfolgung Hausmanns beteiligt waren, wohnten sie meist in der Gegend von Schling] hatte sich die Familie Schling Achtung erworben, sodaß es hätte auch sein können, daß man ihn - trotz seiner entschiedenen Haltung gegen die NSDAP - ungeschoren gelassen hätte. Aber nur aus dem Grund, weil er Nachbar dieser NS-Familien war, und deshalb Rücksicht genommen worden wäre. Herr Hausmann genoß dieselbe Achtung; nur wohnten seine Verfolger (bis auf ein paar Ausnahmen) nicht in seiner Gegend. - Aber das sind nur Annahmen. Jedenfalls wurde die Witwe Schling mit ihrer Tochter im großen und ganzen nicht belästigt. Der Sohn (SPD-Mitglied) wohnte außerhalb.
Zum Verhalten der Tochter Schling (ganz sicher im Einvernehmen mit ihrer Mutter):
Nach Auskunft von Frau Ladugga (Martha Schling) ist Heumann eines Tages bei ihr im Laden aufgetaucht mit dem Befehl; An Juden wird nicht mehr verkauft. In das Fenster hing er ein Plakat: "Juden unerwünscht“. Das Jahr muß noch festgestellt werden.
Es ist keine Frage, daß Heumann sich an Fräulein Schling vergriffen und den Laden geschlossen hätte, wenn sie dem nicht nachgekommen wäre. Da bei ihr aber Kuhlemeier und auch Hans Windmüller (Juden) Kunden waren, vereinbarte sie mit der Familie Kuhlemeier, daß sie an einer bestimmten Stelle in ihrem (Schlings) Garten [der ‘Befehl' muß von Heumann zu Ende des Sommers gegeben worden sein, da das erste vereinbarte Versteck ihre Kartoffeln im unteren Garten war] die gewünschten Lebensmittel versteckte.
Mit Hans Windmüller vereinbarte sie ein Versteck im. Schuppen des Nebenhauses Nr. 41 Kroll. Kroll war Dachdecker, und da bot sich ein Versteck bei den vielen Geräten gut an. Abholzeit: jeweils 13 Uhr.
An anderer Stelle ist festgehalten, daß Bürger aus dieser 'Nazi-Ecke‘ - trotz ihrer positiven Einstellung zum NS-Regime - auch an ihren jüd. Mitbürgern Gutes getan haben.
Zu der Verkaufsstelle Detmolder Str. 39 müßten die Daten noch zusammengetragen werden. Jedenfalls war es so, daß im 1. Weltkrieg Fräulein Emilie Beckmann Lagerhalterin war, und nach dem 1. W.K. Fräulein Bracht (später Frau Richard Reuter). Nach ihrer Verheiratung wurde dann August Schling Lagerhalter, was nahelag, da die Verkaufsräume in seinem Haus lagen.