Aus der Geschichte der Oerlinghauser Schützengesellschaft

Auszug aus „Die Geschichte der Bergstadt Oerlinghausen im Teutoburger Walde“

 

Während man bis in die jüngsten Jahre hinein nicht bestimmt wußte, wann die Oerlinghauser Schützengesellschaft gegründet wurde, ist es im Jahre 1925 dem damaligen Vorsteher August Reuter gelungen, festzustellen, daß die Gründung der Oerlinghauser Schützengesellschaft im Jahre 1590 erfolgte.

Nach A. Falkmann (Beiträge zur Geschichte des Fürstentums Lippe 1579—1596) heißt es dort Seite 206 und folgende:

Daß in Lippstadt 1556 bereits ein Schützenfest gefeiert wurde. In Lemgo bildete sich 1575 eine Schützengesellschaft.

Die Stadt Uflen hielt ein Vogelschießen ab. In Blomberg, Horn, Barntrup werden solche Feste 1588, 1592, 1598 erwähnt.

In Detmold wurde erst 1600 eine Schützengesellschaft gegründet. In Tintrup bildete sich 1581 eine Schützengesellschaft, in Wöbbel 1585 und in Oerlinghausen 1590 (ohne umgängliche Erlaubnis). Demnach besteht die Oerlinghauser Schützengesellschaft im Jahre 1936 die stattliche Anzahl von 346 Jahren.

Die nächsten bekannten Mitteilungen stammen aus dem Jahre 1781, wie ein Aktenstück im Detmolder Archiv besagt:

1781 verklagte der Musikant Köhne in Lage beim Gogericht zu Detmold die Oerlinghauser Schützenkompagnie, weil sie bei ihren Freischießen in den Jahren 1780 und 1781 durch die beiden Pfeiffer Volmar und Hanges hatte Musik machen lassen, was gegen seinen Kammerkontrakt verstoße.

Im Jahre 1843 wurden dann die ersten Regeln für die Feier der Schützenfeste aufgestellt.

Nach diesen Regeln wurde im Jahre 1845 zuerst das Schützenfest gefeiert. 1844 war kein Fest. Der Verlauf war ungefähr folgender: Im Auftrage des Vorstandes setzte der derzeitige Schützen-Feldwebel Chr. Niemeyer eine Liste zur Unterschrift in Zirkulation. In der Einladung heißt es: „In einem auf dem Papagäu zu errichtenden Zelte soll das Schützenfest abgehalten werden, wozu die Freunde wahrer Volksfeste eingeladen werden. Dieselben werden aufgefordert, sich am Sonntag vorher auf dem Papagäu zu versammeln und unter den großen Buchen einem Scheibenschießen nach der Karte beizuwohnen. Der Preis der Teilnehmer wird festgesetzt:

1 Schütz mit seiner Dame      18 Sgr.

1 Offizier mit seiner Dame      1 Thlr.

1 Festgenosse                         24 Sgr.

(Der Papagäu war der Platz, auf dem jetzt das Brettmeiersche und Hofbükersche Haus stehen und weiter an der früheren Bock-, jetzigen Hermannstraße entlang, über die Weberschen Gärten hinaus, bis man am Ende auf der Höhe zur „großen Buche“ kam. Der Platz war damals ganz unbebaut und Gemeinde-Eigentum.)

In diese Liste hatten sich 110 Teilnehmer eingezeichnet, einige mit + + +, weil sie in die hohe Wissenschaft des Schreibens noch nicht eingeweiht waren, daneben hatte der Rechnungsführer den Namen geschrieben. Bei einer Unterschrift findet sich die drastische Bemerkung: „Wenns ohne Geldprellerei sein kann, so unterzeichnet sich gern der Küster Lüdeking.“ — Der Einladung auf „den Sonntag vorher“ war eine große Anzahl Schützen gefolgt, so daß dem Kommandeur A. Gröppel schon eine ansehnliche Schar zum Einexerzieren zur Verfügung stand. Unter Assistenz des Tambours Schimmel, der für das Trommeln am Schützenfest 3 Taler bekam, und „weil er 8 Tage zuvor auch kommen“ 12 Mgr. extra, wurden die Marsch- und sonstigen Exerzierübungen zur Zufriedenheit des Kommandeurs erledigt, so daß noch für das angesetzte Schießen nach der Kartenscheibe die nötige Zeit übrigblieb. — Im Laufe der nächsten Woche wurden die Kanonen und der Königshut von Barkhausen leihweise geholt. Die Königsscheibe wurde aufgestellt. Dieselbe kostete „mit Bajazo“ 2 Taler.

Nachdem so die Festvorbereitungen erledigt waren, ging es am Sonntag, dem 1. Juni, in großem Zuge unter Führung des Kommandeurs zu Pferde, voran der Tambour Schimmel nebst dem Ortsmusikus, der mit seiner Kapelle (Flöte, Violine, Horn und Brummbaß resp. Trommel) allein das Recht hatte, „alle musikalischen Aufwartungen“ im Orte und seiner nächsten Umgebung zu liefern, durch den Ort nach dem Festplatze, den großen Buchen. Bald nach Ankunft daselbst ging in dem Zelt das Tanzen los, wobei jeder Tanz mit 1 Sgr. bezahlt werden mußte. An diesem Abend wurde um 11 Uhr zum Ort zurückmarschiert. Am folgenden Morgen wurde schon zwischen 4 und 5 Uhr bombardiert und Generalmarsch geschlagen, zum Festplatze marschiert, wo gegen 7 Uhr das Königsschießen nach einer Ringscheibe begann. Den besten Schuß tat Fr. Berkemeyer, welcher zum König proklamiert und mit der Königskette dekoriert wurde, den zweitbesten Schuß Chr. Hölter, den drittbesten Fr. Nagel aus dem Barthelskruge. Der König wählte zur Königin Fräulein Jette Krohme. Nach Bekanntmachung dieses Ergebnisses wurde zum Orte zurückmarschiert. Am Nachmittage wurde wieder wie am Sonntage, aber mit dem gesamten Hofstaate an der Spitze, ein Zug durch das Dorf gemacht zum Festplatze, woselbst bald nach der Ankunft der Tanz mit der Königspolonäse begann. An diesem Abend brauchte der Tanz nicht bezahlt werden. Das Fest dauerte bis 5 Uhr morgens) dann wurde der König nach Hause gebracht, und zum Schluß marschierte noch der größte Teil der Schützen mit zum Barthelskruge, um den „Grafen“ Fr. Nagel wohlbehalten wieder abzuliefern.

Betrachtet man nun die Feier der späteren Schützenfeste bis in die neuste Zeit und sieht dabei von Einzelheiten und Nebensachen ab, so wird man finden, daß zwar die leitenden Personen, Festplätze usw. bei jedem Fest wechselten, daß man aber im großen und ganzen dem Grundsatz treu geblieben ist, der im § 1 der Satzungen vom 3. Juli 1843 aufgestellt wurde, „die Schützenfeste möglichst in althergebrachter Weise zu feiern“.

Inhalt und Grundlage der späteren Feste sind fast dieselben geblieben wie früher. Man feiert sie seit langen Jahren in demselben Rahmen, nach derselben Art, indem man die alten Überlieferungen von einem Jahr zum andern übernahm. Schon in den vierziger Jahren entstanden die Wahlsprüche: „Alt oder jung, arm oder reich, merkt euch, heut' sei alles gleich, denn soll ein Volksfest recht bestehn, muß alle man als Brüder sehn“ usw., wie wir sie heute noch unsern Schützenliedern vorangesetzt haben. Die ersten Statuten stellen dieselben oder doch sehr ähnlichen Forderungen wie die heutigen auf. Werden die Statuten geändert, wie in den Jahren 1861, 1869, 1887, so wurden immer die Hauptpunkte, sozusagen die Grundideen, in die neun Statuten mit hinübergenommen.

Die reglementarischen Bestimmungen vom Jahre 1861 sind fast genauso wie die heutigen. Schon im Jahre 1846 hieß es im Festreglement, ähnlich wie heute, daß nur diejenigen Bewohner Oerlinghausens als „Festgenossen“ zugelassen werden sollten, welche durch Altersschwäche, körperliche Gebrechen oder Kränklichkeit gehindert seien, an den Zügen durch den Ort mit den üblichen Waffen teilzunehmen.

Machte man einmal den Versuch, die alten Überlieferungen abzuändern, wie im Jahre 1869, indem man die Königswürde abschaffte, keine Königin, keinen Thron, keine Hofdamen, keine Königsadjutanten usw. mehr haben wollte und stattdessen die 3 besten Prämienschützen zum Mittelpunkt des Festes machte, so kam man doch sehr bald von dieser Neuerung wieder ab. Nur einige Jahre, bis 1875, bestand diese Einrichtung, dann kehrte man zu der früheren Art zurück, 1876 wurde wieder der beste Schütze zum König proklamiert, er wählte sich eine Königin, und auch alle übrigen früheren Einrichtungen, die zum Schützenkönigtum gehörten, wurden wieder hergestellt. Die Kronprinzen- und Grafenwürde verschwand dauernd schon 1861.

Das Schützenfest 1922 war das erste nach den Kriegsjahren und wurde unter großer Beteiligung von ganz Oerlinghausen gefeiert. Die Vorbereitungen zu diesem Fest waren besonders schwierig, und nur durch die Opferwilligkeit vieler Schützenbrüder war es möglich, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Zunächst wurde die völlig zerfallene Deckung massiv aufgebaut. Das Holz zur Schießstandhalle stiftete Hauptmann W. Fillies, das Tor Franz Müller, die Anzeigetafeln Wilh. Kreft. Erbaut wurde die Halle von Wilh. Becker, und von Heinr. Lohweg wurde sie gratis gestrichen. Die Küche mußte gänzlich neu installiert werden, da diese während des Krieges völlig ausgeraubt war. Die Malerinnung lieferte kostenlos den Anstrich.

Noch viele Schützenbrüder, die nicht alle einzeln aufgeführt werden können, haben fleißig geholfen, das Fest in alter Weise aufleben zu lassen.

Für die gänzlich zerschlissene Königinkette stiftete die zeitige Königin, Frau Anna Steinmeyer, eine neu, in massiv Silber gegossene Kette, welche bei der Nachfeier am 3. September 1922 erstmalig von der Königin getragen wurde. Im Frühjahr 1923 schenkte das Unteroffizierkorps der Gesellschaft vier massiv ausgeführte Torpfeiler, welche wiederum durch freiwillige Gaben zusammengebracht waren.

Das Schützenfest wurde 1923 trotz der enormen Geldentwertung unter großer Beteiligung von ganz Oerlinghausen gefeiert. Interessant sind die damaligen Preise. Es kosteten 3/20 Liter Bier (kleines Glas) Mark 800.—, 1 Glas Steinhäger Mark 1000.—, 1 Glas Korn Mark 1000.—, 1 Glas Kognac Mark 1500.—, 1 Tasse Bohnenkaffee Mark 2000. —, ein Paar warme Würstchen Mark 6000.—, ein Butterbrot belegt Mark 6000.—, Wein die Flasche von Mark 12 000. — bis 18 000.— usw.

Am 1. Mai 1926 wurde Oerlinghausen zur Stadt erhoben, welches von der ganzen Einwohnerschaft würdig gefeiert wurde. Dem ersten Bürgermeister der jungen Stadt wurde die Bitte unterbreitet, fortan mit einem Ehrenschuß auf die Stadt das Adlerschießen zu eröffnen, was von diesem freudig zugesagt wurde.

Möge sich die Schützengesellschaft auch weiterhin in gleicher Weise weiter entwickeln, möge sie stets bestrebt sein, die Schützenfeste als wahre Volksfeste zu feiern und weiter auszubilden, stets aber eingedenk des § 1 der Statuten:

„Der Zweck der Gesellschaft besteht in Förderung und Belebung des Gemeinsinnes und der Eintracht unter den Bewohnern Oerlinghausens und in einem sittlich veredelnden Einfluß auf das gesellige Leben.“

Dieser Paragraph kann aber nur dann seine volle Verwirklichung erfahren, wenn alle Bewohner Oerlinghausens, alt und jung, reich und arm, sich an diesen Festen beteiligen und der Schützengesellschaft anschließen.