Das Kanonen-Böllerschießen
Eine Episode aus Oerlinghausen
Die jährlichen Generalversammlungen der Oerlinghauser Schützengesellschaft nahmen im Allgemeinen einen harmonischen Verlauf. Die gute Vereinsführung und die Beliebtheit der Gesellschaft kann man an dem stetigen Mitgliederzuwachs erkennen. Nach der Überprüfung der Aus- und Einnahmen ist zumeist ein kleiner Überschuss vorhanden. Bei dem Punkt „Verschiedenes“ gibt es Wortmeldungen. Dies war der Zeitpunkt, an dem der Schützenbruder Ernst Niemann mit seinen launigen Worten die Versammlung oftmals zum Lachen brachte. Nach dem Genuss von etlichen Freibieren und dem Absingen des Oerlinghauser Schützenliedes, dessen Melodie noch aus der Zeit der folgenden Begebenheit stammt, geht sie zu Ende.
So harmonisch wie heute waren die Versammlungen im 19. Jahrhundert nicht immer, und es blieb nicht nur bei hitzigen Wortgefechten. Bei einer im Jahre 1858 in Beckers Brauhaus, dem heutigen Bürgerhaus, stattgefundenen Versammlung ging es u.a. um das Böllerschießen mit den kleinen Kanonen. Diese waren dem Schützenverein von der Holter Eisenhütte zur Verfügung gestellt worden.
Den nun folgenden Wortwechsel hat der Leinenhändler Carl Niemeyer in einen Brief an das Amt Oerlinghausen dargelegt:
„Bei der Rechnungsabnahme des diesjährigen Schützenfestes gab der Schützenfeldwebel und Rechnungsführer. Fabrikant Wilhelm Hölter, die Kosten des Böllerschießens bekannt.
Als Mitglied des Schützenvorstandes erlaubte ich mir die einfache Behauptung und Frage, ob das viele Böllern nötig wäre und der Verein beim nächsten Schützenfest so große Ausgaben haben müsse.
Nach meiner Auffassung war dies keine Beleidigung von Wilhelm Hölter.
Anstatt über die Mehrausgaben zu diskutieren und abzustimmen, nahm er sämtliche Akten und schmiss sie mit voller Wucht auf den Tisch, dass das Bier in den Gläsern in die Höhe sprang.
Wutentbrannt schrie er: ‚Die Abrechnung kann in Zukunft jeder machen, nur ich nicht mehr‘ Ich hätte das Böllerschießen nur beanstandet, weil ich vorher nicht gefragt worden sei.
Da mir solche Unterstellungen noch nie gesagt worden sind, habe ich ihn im Übereifer einen einfältigen Menschen genannt.
Dieses fasste Hölter als Beleidigung auf und rief alle Anwesenden als Zeugen gegen mich auf und verlangte, dass ich aus der Schützen-Gesellschaft entfernt werden sollte, als ob ich ein Verbrecher wäre.
Allerdings fand er mit diesem übermütigen Verlangen bei den anderen Schützen keinen Anklang oder Beifall. So endete vorerst der für mich und alle Anwesenden unangenehme Vorfall.
Da ich von Hölter wegen Beleidigung verklagt worden bin, bitte ich das wohllöbliche Amt in Oerlinghausen zu erwägen, ob nicht der Ankläger der Beschuldigte sein müsse, da dieser mich zu der Äußerung gereizt habe.
Wenn das Amt eine andere Meinung hat, dann bitte ich um eine gnädige Strafe.
Oerlinghausen, den 21. Juli 1858“
Über den Ausgang des Gerichtsbeschlusses ist nichts bekannt. Anzunehmen ist, dass es nach einer Anhörung des Schützenvorstandes zu einem Vergleich gekommen ist.
Das Böllerschießen mit den kleinen Kanonen, die auf dem Tönsberg in der Nähe der heutigen Jugendherberge und an der Windmühle aufgestellt wurden, bedeutete den Beginn des Schützenfestes.
Auch die Proklamation des neuen Königs wurde durch Böllerschüsse angekündigt.
Weil die alten Böllerkanonen beim Freudenschießen am Ende des Deutsch-Französischen Krieges sehr gelitten hatten, wurden im Jahre 1873 drei neue Kanonen von der Holter Eisenhütte angeschafft.
Heute, im Jahre 2007, ist davon noch eine vorhanden, die allerdings im Laufe der Jahrzehnte bis auf das Kanonenrohr mehrmals repariert wurde.
Im Jahre 1939 kündete sie zuletzt vom Tönsberg den Anfang des Schützenfestes an.
Werner Höltke
Der Verfasser ist stellvertretender Vorsitzender des Heimatkundlichen Vereins Oerlinghausen.
[Bild: Die Böllerkanone von 1873 auf dem Schützenplatz. Foto: Verfasser]