Brief aus Bielefeld bedeutet das »Aus«

Jugendzentrum in der Müllerburg: AW hat Bedenken - Widerstand der Senioren - Politiker sind ratlos

 

Oerlinghausen (gro). Das Projekt »Jugendzentrum Müllerburg« ist geplatzt. In einem zweiseitigen Schreiben hat die Arbeiterwohlfahrt jetzt erklärt, daß sie nicht bereit sei, das Gebäude zu verkaufen, falls die Stadt beabsichtige, dort ein Jugendzentrum einzurichten. Schon am 2. Dezember hatte das WESTFALEN-BLATT über einen entsprechenden Beschluß des AW-Vorstandes berichtet. Mit ihrem Brief vom Dienstag zog die AW jetzt einen Schlußstrich unter die seit einem Vierteljahr andauernde Diskussion um die Verlagerung des Jugendzentrums an der Hermannstraße. In interfraktionellem Gespräch versuchten die Parteien des Oerlinghauser Rates noch gestern, sich auf die neue Situation einzustellen.

Als Gründe für ihre Entscheidung fuhrt die Arbeiterwohlfahrt die ablehnende Stellungnahme der Jugendlichen gegen die Pläne, das überwiegend negative Echo aus der Bevölkerung an (siehe auch Presseerklärung der AW). Erst vor wenigen Tagen hatten sich die im Augenblick nach Brackwede ausquartierten Bewohner des Altenheimes, das im Augenblick für 10 Millionen Mark umgebaut und modernisiert wird, sehr massiv gegen ein Jugendzentrum in ihrer Nachbarschaft gewandt.

Sie befürchteten verständlicherweise eine verstärkte Lärmbelästigung durch die neuen Nachbarn. Wie Erwin Düker, Geschäftsführer der AW, gestern in einem Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT erläuterte, fiel die Entscheidung des Vorstandes vor allem unter dem Eindruck der massiven Proteste der Senioren.

Bei der Mehrzahl der Oerlinghauser Ratsherren herrscht angesichts der veränderten Situation Ratlosigkeit. SPD und vor allem CDU hatten sich auf die »Müllerburg« als Jugendzentrum festgelegt. In der morgigen Sitzung des Ausschusses für Jugend, Familie und Sport hatte eigentlich über die Verlagerung entschieden werden sollen.

Günter Weiken, Sprecher der CDU-Fraktion, gestern auf die Frage, wie es denn nun weitergehen solle: »Dazu kann ich nichts sagen. Das werden wir bei unserer Fraktionssitzung am Dienstag klären.« Er persönlich bezweifele^ ob das, was passiert sei, im Interesse der Jugendlichen liege, auch ihn habe die Entscheidung der AW überrascht. Noch im September habe Erwin Düker die Nachbarschaft von Jugendzentrum und Seniorenheim als zukunftweisend bezeichnet. Für den Sinneswandel hat er nur eine Erklärung: »Die AW muß unter Druck gestanden haben.«

Die Frage, wie es nun weitergehen solle, müsse man auch Hermann Gräfe stellen. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein habe sich ja auch bereit erklärt, mehr für die Jugendlichen an der Hermannstraße zu tun. Außerdem gebe es Probleme hinsichtlich einer Übernahme des Loewe-Druck-Gebäudes, auch wenn dies von den Jugendlichen anders dargestellt werde. Weiken zu Vorwürfen aus ihren Reihen: »Wir haben in dieser Frage nicht gelogen.“

Während aus den Reihen der Sozialdemokraten gestern noch keine Stellungnahme zu bekommen war - sie berieten gestern abend über die veränderte Situation -, sieht sich die FDP in ihrer Haltung bestätigt. Sie hatte schon immer die Auffassung vertreten, daß die »Müllerburg« als Jugendzentrum ungeeignet sei und dies mit der ungünstigen Lage, dem Fehlen von Parkplätzen und dem Fehlen eines großen Raumes begründet Außerdem sei es viel zu teuer, Jugendarbeit auf drei Etagen verteilt zu betreiben.

Regina Kettner, stellvertretende Fraktionssprecherin: „Die Stadt muß jetzt die Auflagen für das alte Gebäude erfüllen, damit die Jugendarbeit nicht unterbrochen wird.« Die vom Kreis gesetzte Frist läuft am 25. Januar ab. Es besteht die Gefahr dass das Loewe-Druck-Gebäude baupolizeilich geschlossen wird, wenn die Auflagen bis dahin nicht erfüllt worden sind. Kritisch äußerte sich Regina Kettner jedoch über den Zeitpunkt des AW-Briefes: »Wir hätten uns viel Arbeit und Ärger gespart, wenn die Entscheidung der AW früher gefallen wäre.“

Kommentar

Die Arbeiterwohlfahrt hat gesprochen, und die Oerlinghauser Ratsherren machen lange Gesichter. Der Brief des AW-Vorstandes an den Stadtdirektor ließ ihre Pläne vom Jugendzentrum in der Müllerburg dahinschmelzen wie ein Föhneinbruch den Schnee. Wie dieser, so verursacht auch das AW-Schreiben den Politikern erhebliche Kopfschmerzen. Eiligst muß jetzt nach einem Ausweg gesucht werden, will man nicht den Vorwurf herausfordern, mit seinem jugendpolitischen Latein am Ende zu sein.

Fahrlässig waren sie auf eine Lösung fixiert, die SPD und CDU im September aus dem Hut gezaubert hatten. Dabei kommt es nun wirklich nicht überraschend, daß die AW jetzt kalte Füße bekommt. Ein Altenpflegeheim und ein Jugendzentrum passen eben nur schwerlich nebeneinander. Da bedarf es keiner Unkerei, Konflikte zwischen beiden zu befürchten und eines Drucks von außen schon gar nicht. Es ist nur zu verständlich, daß die AW ihre 10-Millionen-lnvestition am Kalderberg nicht gefährdet sehen will. Es bleibt abzuwarten, wie die Ratsherren sich jetzt aus der Affäre ziehen werden. Die Zeit sitzt ihnen im Nacken, und die alte Notbremse »Vertagung« ist abgenutzt und zieht nicht mehr.

Heinrich Großbongardt