Kein Jugendzentrum in der Müllerburg
Ein Brief, der wie eine Bombe einschlägt - AW verkauft nur bei einer „Nutzungsänderung“
Bielefeld/Oerlinghausen (Piet). Die Nachricht muß im Oerlinghauser Rathaus wie eine Bombe eingeschlagen haben: Die Arbeiterwohlfahrt im Bezirk östliches Westfalen mit Sitz in Bielefeld wird die „Alte Müilerburg“ In Oerlinghausen nicht verkaufen, wann die Stadt - wie beabsichtigt - dort ein Jugendzentrum errichten sollte. Das hat dl« AW gestern in einem zweiseitigen Schreiben Stadtdirektor Fritz Bollhorst mitgeteilt. Die AW signalisiert allerdings gleichzeitig nach wie vor Ihr Verkaufsinteresse, sofern die Stadt eine andere Nutzungsmöglichkeit sieht. Wesentliche Begründung für die Ablehnung «Ines Jugendzentrums: die Nähe des Altenzentrums und ein ständig wachsender Widerstand in weiten Kreisen der Bevölkerung gegen ein Jugendzentrum In jenem 90 Jahre alten Patrizierhaus, in dem einst der Bildhauer Berthold Müller-Oerlinghausen lebt«, in dem di« berühmten Soziologen Max und Alfred Weber und dl« nicht minder bekannte Frauenrechtlerin Mariann« Weber «In- und ausgingen.
Das Tauziehen um die „alte Müllerburg”, die vor einem Vierteljahr überraschend als neues Domizil der Oerlinghauser Jugendlichen Ins Gespräch gekommen war, dürfte damit vorerst ein Ende gefunden haben. Ob die Stadt weiterhin an dem Haus interessiert ist, bleibt abzuwarten. Die Arbeiterwohlfahrt bietet das Gebäude zum Verkaufspreis von 378 000 Mark an. Diese Summe ist weitaus höher als ursprünglich angenommen. In Kreisen der Verwaltung und des Fachausschusses war bislang immer von rund 300 000 Mark die Rede. Zu den Gebäudekosten kommen die nicht unerheblichen Grundstücksflächen, die bei den derzeitigen Baupreisen sicher noch einmal den gleichen Betrag ausmachen.
In dem Schreiben an Stadtdirektor Bollhorst weist der Vorstand der Arbeiterwohlfahrt darauf hin, daß nicht zuletzt auch die schriftliche Stellungnahme der alten Zentrumsbewohner, die sich einstimmig gegen «in JZ In Ihrer Nachbarschaft aussprechen, den Ausschlag für diese Entscheidung gegeben hat. Auch die wegen des Erweiterungsbaues in der Senner Rosenhöhe vorübergehend ausquartierten Senioren hätten Inzwischen damit gedroht, nicht mehr nach Oerlinghausen zurückkehren zu wollen, falls In ihrer Nähe ein Jugendzentrum errichtet werde. Mitentscheidend für di« ablehnende Haltung der AW dürfte auch eine Resolution der Jugendlichen selbst gewesen sein, die sich von Anfang an eindeutig gegen die „Alte Müllerburg“ ausgesprochen hatten. In der Bevölkerung fänden diese Pläne keine „positive Meinung“, heißt es in dem Schreiben weiter. Es sei daher nicht ratsam, dieses Gebäude mit einer Kampfabstimmung zu erwerben. „Deshalb müssen wir Unser Einverständnis, die „Alte Müllerburg“ gegebenenfalls als Jugendzentrum zu nutzen, zurückziehen“, heißt es wörtlich in dem Brief. Die Stadt wird aufgefordert, eine Entscheidung über eine anderweitige Nutzung zu treffen, andernfalls solle sie von ihrem Vorkaufsrecht zurücktreten und der AW damit den Weg für Verhandlungen mit anderen Partnern freigeben, „Die .Alte Müilerburg“ als neues Jugendzentrum", diese Vorstellung hatten Im Rat die Vertreter von SPD (16 Sitze) und CDU (11 Sitze) propagiert, während sich die FDP (5 Sitze) und Bl-Vertreter Gerhard Naß von Anfang an dagegen ausgesprochen hatten. FDP und Bürgerinitiative sind der Ansicht, die Jugendlichen in ihrem bisherigen Haus, einem alten Fabrikgebäude in der Hermannstraße, zu belassen. Für dieses Haus, so meinen vor allem die FDP-Vertreter, seien lediglich Kosten in Höhe von 40000 Mark notwendig, um die dringendsten Instandsetzungsmaßnahmen für die nächsten fünf Jahre durchzuführen. Die beiden großen Fraktionen sprechen dagegen von Gesamtkosten, die sich auf weit über eine Million Mark belaufen, zumal das Gebäude im Sanierungsgebiet liegt und erst von der Landesentwicklungsanstalt zurückgekauft werden müßte.
Am Freitag dieser Woche sollte Im Ausschuß für Jugend. Soziales und Sport eine Vorentscheidung über die „Alte Müllerburg“ getroffen werden, am 15. Januar sollte dann der Rat sein Plazet geben. Beide Sitzungen verlieren nach diesem Brief der Arbeiterwohlfahrt ihre Grundlage.
Umstritten ist in Oerlinghausen auch nach wie vor die Frage der Trägerschaft eines Jugendzentrums Während die CDU Im Prinzip für eine kommunale Trägerschaft unter Einbeziehung eines Beirates eintritt, sind FDP und BI für eine Selbstverwaltung. In der SPD tat die Meinungsbildung darüber noch nicht abgeschlossen. Sie sei, wie der Ausschußvorsitzende Ekkehard Schulz vor einigen Wochen der NW mitteilte, „etwa unentschieden“ über die Trägerschaft, die unabhängig von dem neuen oder alten JZ-Gebäude behandelt werden muß, kann in den nächsten Sitzungen allerdings ein« Entscheidung getroffen werden.