JZ Müllerburg endgültig „gestorben“
Arbeiterwohlfahrt lehnte ab- Fraktionen von Entscheidung überrascht- Jugendarbeit soll weitergehen
Oerlinghausen. Die Arbeiterwohlfahrt im Bezirk östliches Westfalen will die „alte Müllerburg“ nicht an die Stadt Oerlinghausen verkaufen, solange dort ein Jugendzentrum eingerichtet werden soll. Das geht aus einem zweiseitigen Brief der AW hervor, der nun Stadtdirektor Fritz Bollhorst zugeleitet wurde. Gleichzeitig signalisiert die AW Jedoch weiterhin Verkaufsbereitschaft, falls die Stadt eine Nutzungsänderung in Erwägung ziehen würde. Als Begründung für die Ablehnung führt die Arbeiterwohlfahrt die unmittelbare Nähe zum Altenzentrum, ein ständig wachsender Widerstand innerhalb der Oerlinghauser Bevölkerung und die Ablehnung der Jugendlichen im JZ Hermannstraße gegenüber dem Müllerburg-Gebäude an. Den Ausschlag für diese Entscheidung habe nicht zuletzt die Resolution der Jugendlichen gegeben, erklärte der Bezirksgeschäftsführer der AW östliches Westfalen, Erwin Düker, in einem Gespräch mit der LZ. „Die Jugendlichen haben klar zum Ausdruck gebracht, daß sie die Müllerburg als Standort für ein Jugendzentrum ablehnen.“ Düker räumte jedoch ein, daß auch der Widerstand der Heimbewohner, „deren Interessen wir schließlich zu vertreten haben“, ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entscheidung gespielt habe. In bezug auf die Einrichtung eines Jugendzentrums in dem AW-Gebäude sei Jedenfalls nun „das letzte Wort gesprochen“, erklärte der Geschäftsführer.
Auch für Bürgermeister Erich Diekhof (SPD) ist die „Angelegenheit nunmehr gestorben“, wie er gestern der LZ erklärte, „der Brief hat alles über den Haufen geworfen“. Bürgermeister Diekhof deutete jedoch an, daß seine Fraktion sicherlich nicht die Absicht habe, nun einfach das JZ Hermannstraße zu schließen. „Ich habe auch den Jugendlichen bei unserem Gespräch versichert, daß niemand an eine Unterbrechung der Jugendarbeit denkt“, erklärte Diekhof.
Vertreter aller drei Fraktionen im Oerlinghauser Stadtrat zeigten sich zunächst einmal bei Erhalt der Nachricht überrascht. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD und Vorsitzende des Ausschusses für Jugend, Soziales und Sport, Ekkehard Schulz, lehnte jedoch gestern noch jede weitere Stellungnahme zu dem Thema ab. Er verwies auf Beratungen der Parteispitze, die sich zunächst einmal mit der veränderten Lage auseinandersetzen müßte. Das Thema „Jugendzentrum“ sei aber keineswegs vom Tisch, erklärte Schulz.
Die Arbeiterwohlfahrt habe Verständnis für die Wünsche der Pflegeheimbewohner und der Jugendlichen gezeigt und sich danach gerichtet. Regina Kettner forderte nunmehr eine mittelfristige Lösung in Sachen „Jugendarbeit“: Zunächst sollten einmal die Auflagen der Baupolizei am Loewe-Druck-Gebäude erfüllt werden, damit die Jugendarbeit ohne Unterbrechung weitergeführt werden könne. Danach sollten die Verantwortlichen nach alternativen Räumlichkeiten Ausschau halten, jedoch auch prüfen, ob eine Durchsanierung des JZ-Gebäudes nach einer Kosten-Nutzen-Analyse vertretbar sei.
CDU: Arbeiterwohlfahrt „hat Angst“
Kritisch beurteilte der CDU-Fraktionschef Günter Weik en die ablehnende Haltung der Arbeiterwohlfahrt. „Sie überrascht mich eigentlich doch44, erklärte Welken, „da bisher eine solche Entscheidung aus den eher gummiartigen Erklärungen der AW nicht abzuleiten war.“ Weiken verwies darauf, daß auch die Vertreter der Arbeiterwohlfahrt Sympathien für das „Beieinander von jung und alt“ geäußert hätten. „Ich muß leider feststellen, daß die AW Angst bekommen hat“, zog Weiken ein Fazit. Es werde jedoch auch in nächster Zeit zu keinem „Umschwenken“ der CDU-Fraktion in Sachen „JZ Hermann Straße“ kommen, machte Weiken deutlich.
Schließlich existiere ein einstimmiger Fraktionsbeschluß, kein Geld mehr in „das Faß ohne Boden“ zu stecken. Bezüglich der Umbaukosten am JZ Hermannstraße erklärte Weiken, er halte Kosten in Höhe von einer Million Mark für realistisch. „Falls aber die Jugendlichen meinen, sie könnten es billiger machen, dann sollte doch ein freier Träger das Gebäude an der Hermannstraße übernehmen und sanieren“, setzte Weiken hinzu.
Im Namen der FDP-Fraktion bezeichnete die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Regina Kettner die Entscheidung der AW als „gute, aber viel zu späte Entscheidung“.
Hermann Gräfe weiter zuversichtlich
Weniger überrascht von der aktuellen Entwicklung zeigte sich der Vorsitzende des Oerlinghauser Verkehrs- und Verschönerungsvereins, Hermann Gräfe, der vor allem mit seinem Plan, eine Art kulturelles Zentrum in Eigenregie in der alten Müllerburg einzurichten, in der Öffentlichkeit Aufsehen erregt hatte. Gräfe nannte die Entscheidung der AW ein „Schulbeispiel demokratischer Willensbildung“. Obwohl die beiden großen Parteien ihre JZ-Pläne „gegen besseres Wissen“ hätten durchziehen wollen, habe der gemeinsame Einspruch von Jugendlichen, Bewohnern des Seniorenpflegeheims und engagierter Bürger dazu geführt, daß sich „die Vernunft doch noch einen Weg gebahnt habe, um das einmal pathetisch auszudrücken“. Zwar war auch Hermann Gräfe über die Höhe des genannten Verkaufspreises (378 000 Mark plus Grundstückskosten) erstaunt, doch drückte er seine Hoffnung dahingehend aus, doch noch die Pläne des Heimat- und Verschönerungsvereins mit Hilfe privater Investoren verwirklichen zu können.