Der ehemalige Meierhof Wistinghausen und seine Mühle

Auszug aus der Buchreihe „Heimatland Lippe“, Ausgabe 2003

 

Beim Betrachten eines Oerlinghauser Stadtplanes fällt die hufeisenförmige Bebauung des Ortes um den Tönsberg auf. Außerdem erkennt man, dass die Stadt von drei größeren Höfen umgeben ist.

Da die drei uralten Meierhöfe Niederbarkhausen, Menkhausen und Wistinghausen wahrscheinlich Siedlungen aus der Sachsenzeit sind, ist anzunehmen, dass sie schon vor der Gründung von Oerlinghausen vorhanden waren. Das ist naheliegend, denn im Falle der Zweihöfe-Siedlung Wistinghausen wissen wir, dass es in ihrer unmittelbaren Nähe, am Ostteil des Tönsberges, Befestigungen aus der Sachsenzeit und darüber hinaus aus der vorchristlichen Zeit gab. Vielleicht hat auch die Wistinghauser Schlucht als Pass durch den Teutoburger Wald schon bei der Hermannsschlacht im Jahre 9 n. Ohr. eine Rolle gespielt.

Der Weg durch die Schlucht zwischen dem Tönsberg und dem Hunneken Karner, der vor 250 Jahren noch Hunneken Kahlenberg hieß, ließ an Ausbuchtungen auch den Begegnungsverkehr zu. Es hat Zeiten gegeben, da hatte dieser Durchgang mehr Bedeutung als der höher gelegene Oerlinghauser Pass.

[Bild: Blick auf Wistinghausen und Währentrup, Fotos: Verfasser]

Wie anfangs erwähnt, wurde Wistinghausen nach seiner Gründung eine Zweihöfe-Siedlung mit den Höfen Meier und Hunneke. Die beiden Anwesen hatten unterschiedliche Grundherren, doch waren sie beide zunächst dem Bischof von Paderborn zehntpflichtig. Der überließ 1334 den Wistinghauser Zehnten dem Stift St. Marien zu Bielefeld. Bereits im Jahre 1293 wird ein Hof in „Wistinchusen" erwähnt, der damals dem Grafen von Ravensberg gehörte. Dabei handelte es sich sicher um den kleineren der beiden vom Wistinghauser Hofe. Er gelangte in der Folgezeit durch Schenkung an das Stift St. Marien zu Bielefeld, das damit zugleich Zehnt- und Grundherr des Hofes wurde. 1467 wird das Anwesen als „Huneke to Wystinchuisen“ erstmals namentlich erwähnt.

[Bild: Mühlenteich und ehemalige Mühle von Wistinghausen]

Nach Archivunterlagen umfasste die Hofstelle Hunneke im Jahre 1778 eine Größe von 192 Scheffelsaat (eine Scheffelsaat = 1.717 m2), davon waren 54 % Saatland. Die Felder befanden sich in Hofnähe und rechts und links des Weges zum Hofe Krawinkel. Ein in der Wistinghauser Schlucht entspringender Bach bildete im Westen die Grenze zu den Wistinghauser Feldern. Nach dem Passieren des Hofteiches fließt der Bach in den ehemaligen Wistinghauser Mühlenteich. Der Waldbestand des Hofes umfasste 8 Scheffelsaat, hierzu gehörte auch der anfangs erwähnte Hunneken Kahlenberg. Der Hof war noch im Jahre 1778 dem Stift Schildesche abgabepflichtig und hatte drei Getreidesorten abzuliefern. Erst im 19. Jahrhundert wurde die ehe malige Hofsteile Hunneke von Wistinghausen übernommen.

Über den Meierhof Wistinghausen gibt es aus der älteren Zeit keine Hinweise. Er wird erstmals 1385 als „Meyer to Wissinghusen“ erwähnt. Fest steht, dass der Hof nach der Unterwerfung der Sachsen im Zuge der Christianisierung vom Bistum Paderborn übernommen wurde. Der vom Bischof eingesetzte Verwalter war der Meier. Er hatte u.a. dafür Sorge zu tragen, dass ein Teil der Erträge zum bischöflichen Haupthof (Nieder-)Barkhausen weitergeleitet wurde. Da der Meier zu Wistinghausen zum paderbornischen Amt Barkhausen gehörte, wurde er als Amtsmeier bezeichnet. Nach Auflösung dieses Höfeverbandes zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde der Meierhof der Bauerschaft Währentrup zugeordnet. Als größter Hof dieser Gemeinde erhielt er bei Einführung der Hausnummern 1766 die Nummer 1.

Aus der wechselvollen Geschichte des Meierhofes Wistinghausen geht hervor, dass dem Meier im Jahre 1660 ein Sohn geboren wurde, der den Namen Kord erhielt. Bemerkenswert ist, dass dieser auf sein Erbe verzichtete und Elisabeth Kahmann aus Bechterdissen heiratete.

Während Kord die Wirtschaft „Zum Schuckenbaum“ übernahm, bewirtschaftete sein Bruder Hans Bernd den elterlichen Hof. Hans Bernds Witwe heiratete 1713 den Johann Christoph Frohne aus Asemissen. Dieser brachte einen großen Brautschatz mit, den er von seinem Bruder Cord Simon nach dessen Übernahme des elterlichen Hofes Frohne bekommen hatte. Den Brautschatz, der sich aus einer größeren Geldsumme und einigen Stück Vieh zusammensetzte, konnte er dringend gebrauchen, denn sein Vorgänger hatte den Hof Wistinghausen in einem sehr schlechten Zustand übergeben. Das geht aus einem Brief hervor, in dem sich der neue Meier beklagte, dass es an allem fehle, auch an Brot und Saatkorn.

Der Meierhof Wistinghausen hatte nach einer Zählung im Jahre 1778 eine Hofgröße von 2.832 Scheffelsaat, darin waren eine Hudefläche für Kühe und Schafe von 1.413 Scheffelsaat und Waldungen von 984 Scheffelsaat enthalten Für drei Gespanne standen zwölf Pferde zur Verfügung.

Der letzte Meier zu Wistinghausen war der im Jahre 1773 in Kohlstädt geborene Friedrich Leopold. Er war es auch, der im Jahre 1824 etwa 300 m nördlich seines Gutsgebäudes eine Wassermühle am Haferbach errichten ließ. Als Wasserspeicher hatte er vor der Mühle einen Mühlenteich anlegen lassen. Eine Inschrift in einem Eichenbalken an der Nordseite der Mühle weist darauf hin, dass im Jahre 1824 Friedrich Leopold zu Wistinghausen und Dorthe Wistinghausen, geb. Jenin, dieses Haus mit Gottes Hilfe haben bauen lassen.

Der letzte Pächter der Schrotmühle war der Müller Schulze aus Währentrup. Seine Pachtgebühr bestand im unentgeltlichen Mahlen des Wistinghauser Korns. Schulzes Mühle, wie sie in der Umgebung genannt wurde, war bis etwa 1960 in Betrieb. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Mühlenteich über mehrere Jahrzehnte der Badeteich der Währentruper Jugend war. Nach der Aufgabe des Mühlenbetriebes wurde das Haus von Wistinghausen zum Wohnhaus umgebaut. Heute er innert nur noch der Mühlenteich daran, dass hier über 130 Jahre Korn zu Schrot gemahlen wurde.

Zurück zum Hofe Wistinghausen, wo die im Jahre 1808 geborene Frederike Amalie nach den im Kindesalter verstorbenen drei Brüdern die Erbtochter und letzte Trägerin des Namens Wistinghausen war. Sie heiratete im Jahre 1828 Friedrich August Busse aus Heerse, der nach dem Tode seines Schwiegervaters neuer Besitzer des Hofes Wistinghausen wurde.

Das Ehepaar Busse bekam elf Kinder, darunter waren zwei Söhne. Nachdem Friedrich Leo pold, der jüngere der Söhne, auf das Gut verzichtet hatte, wurde sein im Jahre 1839 geborener Bruder Eduard der neue Anerbe. Von ihm wissen wir, dass er im anbrechenden Industriezeitalter neben seiner Gutsherrentätigkeit auch Fabrikbesitzer werden wollte.

Vielleicht hatte er Anregungen von einem nach Amerika ausgewanderten Mitglied der Familie Wistinghausen bekommen. So wird in einem Nachschlagewerk über den im Jahre 1846 in New York geborenen George Westinghouse berichtet, dass seine Vorfahren von dem westfälischen Bauerngeschlecht der Wistinghausen stammten. George Westinghouse, der mit seinen Erfindungen auf dem Gebiet des Eisenbahnbaues und der Elektrik einen Weltkonzern schuf, starb am 12. März 1914 in New York.

Der im Jahre 1863 von Eduard Busse erbaute Betrieb stand an der Wistinghauser Straße und war mit einem hohen Schornstein versehen. Busse hatte seine Fabrik „Aktiengesellschaft Elisabeth“ genannt; in ihr wurde bis 1870 aus Schiefergestein Leuchtöl hergestellt. Das Schiefergestein wurde unweit des Gutes abgebaut.

Schon in den ersten Jahren zeichnete sich ab, dass er mit dem Betrieb kein Geld verdienen konnte. Das damals in großen Mengen importierte amerikanische Petroleum erwies sich als preiswerter und besser Schwarze Gesteinsblöcke im Erdreich eines Buchenwaldes weisen noch heute auf das Abbaugebiet hin.

Als im Jahre 1910 an einer anderen Steile am Tönsberg Schiefer abgebaut und ein Betrieb für die Zementherstellung errichtet wurde, beteiligte sich Busse im hohen Alter erneut mit einer Geldeinlage. Nachdem in 18 Jahren drei Firmen ihr Glück versucht hatten und nur Verluste einfuhren, wurde der Betrieb vom letzten Besitzer, der Frankfurter Metallbank, im Jahre 1928 aufgegeben.

Schon 1911/12 war der ehemalige Amtsmeierhof Wistinghausen von Eduard Busse für 1,2 Mio. Goldmark an die Landbank in Berlin verkauft worden. Von ihr gelangte der Besitz an die aus dem Rheinland stammende Kaufmannsfamilie Haniel. Nach ihrem Sohn leitet heute der Enkelsohn den Betrieb. Von ihm wurden in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts mehrere Stallgebäude und die ehemalige Meierei für die Bielefelder Vorzugsmilch abgerissen. Große Aufmerksamkeit fand vor einigen Jahren auch der Verkauf von großen Teilen des Wistinghauser Waldbestandes.

Erwähnenswert ist die uralte Wegeverbindung, die von Stapelage am Hof Krawinkel vorbei über den Hof Wistinghausen nach Oerlinghausen führte. Der Weg nach Oerlinghausen war über viele Jahr hunderte der Wistinghauser und Währentruper Kirch- und Leichweg und kann bis zur Errichtung der Oerlinghauser Kirche zurückverfolgt werden. Nach der Schließung des Hofdurchganges führt heute die Apfelstraße weiträumig um Wistinghausen herum. Eine Alternative zur Apfelstraße bietet der Wanderweg über den Tönsberg.

Nach Abholzungen des Nordostabhanges können wir derzeit von der ehemaligen Wallanlage an der Hünenkapelle einen herrlichen Blick auf Währentrup, das Gut Wistinghausen und seine Felder werfen. Angesichts der Felder werden beim Schreiber dieser Zeilen Erinnerungen an die Sommer- und Herbstferien in den Kriegsjahren 1940 bis 1944 wach. Damals hatten wir Schüler auf ihnen die verschiedensten Arbeiten verrichtet und bekamen pro Tag 1,50 Mark dafür. Es fing mit Rübenverziehen an und endete mit Kartoffelaufsuchen und Zuckerrübenaufladen.

In der Landwirtschaft des Gutes Wistinghausen hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. So wird hier - wie auf anderen Betrieben der Umgebung - die Feldbestellung heute vom Maschinenring des Gutes Niederbarkhausen ausgeführt.

 

Werner Höltke