„Stoppeler to Hörste" 1409 erwähnt
Der Schapeler - Leben und Untergang eines alten Sennehofes in Oerlinghausen
[Bild: Der „Schapeler Hof“ im Jahre 1960. Die Hofstelle wurde Anfangs des 15. Jahrhunderts gegründet. Das Wohnhaus, hier die Südseite, entstand erst 1806. (Foto: privat)]
Seit Jahrhunderten lag in der Weite der Stapelager Senne, versteckt zwischen Kiefern, Birken und Wachholderbüschen, der Hof Schapeler. Für einen Besucher oder Wanderer, der auf schmalen Sennewegen den Hof erreichte, war es, als sei hier die Zeit stehengeblieben. Auf dem Hof, der von Eichen und anderen hohen Bäumen vor Sturm und Hitze geschützt war, gab es kein fließendes Wasser, keinen Strom und kein Telefon.
Der Hellweg, welcher 500 Meter südlich in westöstlicher Richtung die Senne durchquerte, war eine der beiden Straßen die in der Nähe des Schapelers vorbeiführen. Die nächsten Häuser lagen am Bartholdskrug im Westen und am Dörenkrug im Osten. Ein anderer Weg führte von Süden nach Norden durch die Stapelager Schlucht. Die Häuser im Bokeler Venn und am Gut Stapelage waren in etwa einer Stunde zu erreichen.
Die bewirtschafteten Felder lagen auf der Westseite des Hofes und erstreckten sich vom Stapelager Berg im Norden bis kurz vor die Grenze nach Augustdorf und Stukenbrock im Süden. Insgesamt umfaßte der Hof 75,5 Hektar, wobei der größte Teil mit Heide bedeckt war. Die an der Ostseite des Schapelers beginnende große Heidefläche reichte bis an die Dörenschlucht heran.
Der Hof Schapeler ist sehr alt und wurde vermutlich von Hörste aus gegründet. Schon 1409 findet er als „Stoppeler to Hörste" Erwähnung. Aus alten Salbüchern geht hervor, daß die Hofstelle später eine Erbkötterstelle des Meierhofes Stapelage war. Erwähnenswert ist, daß im 18. Jahrhundert 13 Erbkötterstellen zum Meierhof Stapelage gehörten und die Schäferei des Meierhofes wegen der anliegenden Heideflächen auf dem Schapeler untergebracht war. Der Meier zu Stapelage bekam im Jahr 16 Reichstaler Pacht bezahlt, und an zwölf Tagen mußte eine Arbeitskraft bei freier Verpflegung auf dem Meierhof helfen.
Der Küster bekam acht Eier pro Jahr
Als Gegenleistung wurde dem Schapeler Brennmaterial zur Verfügung gestellt. Die jährliche Zahlung an den Landesherrn in Detmold betrug für den Schapeler 27 Silbergroschen und 14 Pfennig. Auch an den Küster in Stapelage mußten jährlich acht Eier geliefert werden. Für die Zahlungen hatte der Erbkötter Schapeler das Huderecht in der Stapelager Senne und an der Südwestseitc des Stapelager Berges. In der Stapelager Senne hatte er auch das Recht zum Heidemähen.
Nach der Ablöse der Gerechtsame wurde im Jahr 1887 das Recht für die Landesherrschaft und den Küster von Stapelage gelöscht. Sieben Jahre später wurden auch die Rechte des Meiers zu Stapelage abgelöst, und das nun freie Eigentum ging auf den Besitzer über.
Der Schapeler Hof war von seiner ersten Erwähnung um 1400 bis 1871 immer im Besitz der Familie Schapeler. Der letzte dieses Namens war der Landwirt Wilhelm Schapeler. Da keine männlichen Erben vorhanden waren, wurde der Besitz im Jahre 1871 für 6300 Reichsmark an den Landwirt Wilhelm Sölter verkauft. Dieser verstarb bald danach, und die Witwe mit sechs Kindern heiratete den Landwirt Gustav Gronemeier.
Nachdem der älteste Sohn Friedrich Sölter volljährig geworden war, übernahm er den Hof und bewirtschaftete ihn acht Jahre lang. Im Jahre 1907 verkaufte er ihn für 44 000 Reichsmark
an den Augustdorfer Pastorensohn Carl Krecke. Dieser bewirtschaftete den Hof mit gutem Erfolg und übergab ihn 1948 seiner Tochter Elisabeth Herbst, bedingt durch den Verlust des ältesten Sohnes, der aus dem zweiten Weltkrieg nicht heimkehrte.
Nachdem der Schapeler das Ende des zweiten Weltkriegs ohne nennenswerte Schäden überstanden hatte, wurde der abseits gelegene Hof Ende 1945 von einer Diebesbande überfallen, wobei Carl Krecke von einem Schuß schwer verletzt wurde. 1948 wurde ein Teil des Hofes beschlagnahmt. Eine Holländerin versuchte einige Jahre die Züchtung von Senner Pferden nach dem Vorbild von Lopshorn.
Die Mergelkuhle ist heute mit Wasser gefüllt
Wie schon erwähnt, hat es auf dem Schapeler Hof nie elektrischen Strom gegeben. Wohnung und Stallungen wurden mit Petroleumlampen beleuchtet. Da auch keine Wasserleitung vorhanden war, mußte das Wasser aus einem Brunnen geschöpft werden.
Dieser Brunnen, der später zugeschüttet wurde, aber noch gut zu erkennen ist, und die anliegende Mergelkuhle sind heute mit Wasser gefüllt.
An dem grünen Bodenbesatz der Wasserstelle erkennt man, daß sich hier eine ergiebige Wasserquelle befindet. Sie wird auch bei der Gründung des Hofes um 1400 eine wichtige Rolle gespielt haben. Das Quellwasser ist Niederschlagswasser des Stapelager Berges, welches in den Kalksteinschichten versickert ist. Die Wasserstelle ist eine der äußersten Quellen der Ems. Das Quellwasser versickert unterhalb des Hofes im Sand, tritt nach etwa 600Metern wieder hervor und fließt als Oelbach in Richtung Stukenbrock.
Im Krieg fielen Zementbomben der Wehrmacht
Erwähnenswert ist auch, daß dieser Bach bis in die Vierziger Jahre auch die Papiermühle Steneberg mit Wasser versorgte. Die Familie Steneberg besaß in der Stapelager Kirche die Stuhlnummer 1 und benutzte zum Kirchgang den Weg durch die Stapelager Schlucht am Schapeler vorbei.
In den letzten Jahren des Krieges waren am Sennerand nördlich des Schapelers auch Flugzeuge aus Sperrholz von der Wehrmacht plaziert worden. Sie sollten den Engländern und Amerikanern einen Flugplatz vortäüschen und als Ziel von Bombenabwürfen dienen. Soweit bekannt, ist dort keine Bombe gefallen, sonst wäre auch der Schapeler in Mitleidenschaft gezogen worden. Nach Kriegsende sind die Flugzeuge zerstört und verbrannt worden.
Bienenzucht hatte eine lange Tradition
Auch die vielen Bienenkörbe am Schapeler sind noch gut in Erinnerung. Viele Imker kamen von weit her, um ihre Bienen in der Heideblütenzeit ausschwärmen zu lassen. Das hatte eine lange Tradition: Schon Anfang des 18. Jahrhunderts sollen am Schapeler Bienenkörbe gestanden haben, die des Nachts von einem Wächter bewacht wurden. Die Körbe waren so aufgestellt, daß die kalten Winde des Ostens und der Regen aus dem Westen den Bienen nichts anhaben konnten.
Da der Fußweg von Oerlinghausen nach Augustdorf in der Nähe der Bienenstände verlief, war hier immer eine Gefahr für Menschen und Tiere vorhanden. Das mußte auch eine Frau aus Oerlinghausen erfahren, als sie mit einem Korb Zwiebeln über den Schapeler ging.
Durch den Zwiebelgeruch angelockt, hatten die Bienen die Frau so zugerichtet, daß sie am anderen Tage verstorben ist. Von da an wurden Warntafeln aufgestellt, die auf die Gefährlichkeit der Wegstrecke an den Bienenständen hinwiesen. Infolge der Ausweitung des Truppenübungsplatzes nach dem letzten Kriege und der Zerstörung der Heideflächen wurde den Imkern die Honiggewinnung untersagt.
In den ersten Apriltagen 1945, als die Kämpfe um Oerlinghausen begannen, haben viele Oerlinghauser, vor allem aus den südlichen Ortsteilen, auf dem Schapeler Schutz gesucht. Für die" Familie Herbst, die 1948 den Hof übernommen hatte, war es ein kleiner Fortschritt, als ein Auto angeschafft wurde. Auch ein Radio, welches mit einer Autobatterie betrieben wurde, sorgte für Abwechslung.
In den folgenden Jahren wurde es immer unruhiger am Hof Schapeler in der Stapelager Senne. Zuerst zogen englische und später, als Augustdorf Garnisonstandort wurde, auch deutsche Panzer ihre Spuren in den Sand.
Nur 200 Meter ostwärts des Hofes dienten ausrangierte Panzer den übenden Soldaten als Angriffsziel. Ein Panzerwrack ist heute noch vorhanden. Der Gefechtslärm, vor allem nachts, ließ ein normales Wohnen auf dem Hof nicht mehr zu.
Familie Herbst verließ erst 1962 den Schapeler
Die Wege nach Oerlinghausen wurden durch Umleitungen eingeengt, und auch der Schulweg der Kinder nach Stapelage war bald in einem beklagenswerten Zustand. Der Weg nach Augustdorf durch die Stapelager Senne war durch die Panzerspuren und Übungen mit zeitweiligem Scharfschießen unpassierbar geworden. Als letzte Bewohner verließen die Mitglieder der Familie Herbst den Schapeler. Er kam 1962 in den Besitz des Bundes.
Der verlassene Hof wurde nun ein Teil des Übungsgeländes und das Ziel von Dieben und Brandstiftern. Besonders von Jugendlichen wurden immer wieder Brände gelegt. Für die Feuerwehr, die oftmals viel zu spät benachrichtigt wurde und wegen der schlechten Straßenverhältnisse lange Anfahrtswege hatte, gab es dann meist nicht mehr viel zu retten.
Der Rest der Gebäude wurde vom übenden Militär und von Panzern dem Erdboden gleichgemacht. Man muß heute suchen, um noch Reste des Mauerwerks zu entdecken.
Hinter der Hofstelle Bäume gepflanzt
Einiges hat sich seit 1990 geändert. Die ehemalige Hofstelle ist aus dem Übungsgelände herausgenommen worden. Anerkennenswert ist, daß kürzlich von der Standortverwaltung hinter der Hofstelle Birnen-, Apfel- und Zwetschgenbäume gepflanzt worden sind. Die alte Mergelkuhle, aus der in vergangenen Zeiten der Dünger für die kargen Sandböden gefördert worden war, ist heute mit Quellwasser gefüllt.
Die Panzer müssen sich an die vorgegebenen Routen halten und dürfen nicht mehr wahllos die Senne durchpflügen. Erholt haben sich auch eine Reihe von Hainbuchen, die seit Jahrzehnten den Hof nach der Südseite abgrenzten.
Die brachliegenden Felder sind mit Gras überwachsen. In der Zwischenzeit haben immer wieder Kleinbauern versucht, die Felder zu bewirtschaften. In Erinnerung ist der Versuch des Kaufmanns Gustav Deppe, ein großes Feld mit Kartoffeln zu bepflanzen. Da die Kartoffelpreise im Herbst so niedrig waren, daß sich der Verkauf nicht lohnte, blieben die Kartoffeln ein ganzes Jahr in der Erde und verfroren.
So etwas wird es bei den früheren Bewohnern des Schapelers nicht gegeben haben. Sie waren auf den Ertrag von Roggen, Buchweizen und Kartoffeln angewiesen. In mühevoller Arbeit hat Generation auf Generation dem kärglichen Sandboden die Früchte abgerungen, um ein Auskommen zu haben.
1960 berichtete der Hörster Heimatfreund August Schapeler, dessen Vorfahren vom Schapelerhof stammten, von einem Besuch auf dem Schapeler. Als er, beeindruckt von den tiefen Panzerspuren, zurück nach Hörste ging, dachte er an die Erzählungen seines Großvaters, der als Kind um die Mitte des vorigen Jahrhunderts denselben Weg durch die Stapelager Schlucht zur Stapelager Schule gegangen war. Seine Erlebnisse als Junge auf dem Weg durch die Berge zur Schule, seine Verbundenheit mit den Tieren und Pflanzen der Senne und das Leben der Hofbewohner im schönen Sommer und im tiefverschneiten harten Winter hatten den jungen August Schapeler damals sehr beeindruckt.
Erhaltung der Landschaft eine Verpflichtung
Er dachte beim Rückweg auch an die Zeit, in der das Militär die Stapelager Senne nicht mehr brauchen würde. Dann müßte die pflegliche Behandlung und die Erhaltung der Einmaligkeit der Landschaft eine ernste Verpflichtung für nachkommende Generationen sein.
Mit dem Hofe Schapeler verschwand nicht nur ein Stück von Besinnlichkeit und Ruhe, sondern einer der ältesten Sennehöfe unserer Heimat.
[Bild: Nur noch Mauerreste künden vom ehemaligen Kleinod der Senne, dem Schapeler Hof in Oerlinghausen. Die letzten Bewohner verließen es 1962. (Foto: Höltke)]