Gehrenberg Nr. 1
Kolonatsnummer 124
Das Haus ist im Jahre 1774 auf Wehmegrund, d. h. auf Pfarrgrund durch Pastor Georg Konrad von Cölln erbaut worden. Pastor von Cölln war von 1765 bis 1789 Pfarrer in Oerlinghausen und ist hier auch gestorben. Sein ältester Sohn, Pastor August von Cölln wurde sein Nachfolger und wohnte in dem elterlichen Hause Gehrenberg Nr. 1, bis die Fürstin Pauline ihn im Jahre 1797 als Generalsuperintendenten nach Detmold berief. In dieser Stellung hat er sich um Kirche und Schule in Lippe sehr verdient gemacht. Auch die Armenpflege in Lippe hat er organisiert und viel Gutes gewirkt. Als er 1804 in Detmold starb, ehrte die Fürstin Pauline ihn durch einen langen Nachruf im Intelligenzblatte. Von Cölln ist Herausgeber des lipp.-reform. Gesangbuches von 1799 und Dichter mehrerer Kirchenlieder .
Sein jüngerer Bruder Dietrich von Cölln, der ebenfalls im Hause Gehrenberg Nr. 1 gewohnt hat, war der erste berühmt gewordene Schulmann in Lippe. Er war von 1779 bis 1785 Hilfsprediger in Oerlinghausen (Gehülfe meines Vaters) und führte 1780 die sogenannten Schulfeste in Oerlinghausen ein, die damals viel Aufsehen erregten. Leider war ihm nur ein kurzes Leben vergönnt. Schon im Frühjahr 1785 starb er. Kein geringerer als Generalsuperintendent Ferdinand Weerth hat von ihm geschrieben: "Bemerkenswert sind aber wohl die Schulfeste, durch welche man im Lippischen vorzüglich auf die Kinder zu wirken suchte. Ihr Entstehen verdanken sie einem edlen Manne, der seiner ihn unaussprechlich liebenden Gemeinde durch einen frühzeitigen Tod zu ihrem großen Schmerz entrissen wurde, dem edlen Dietrich von Cölln, Prediger in Oerlinghausen." Seine Gedanken für eine Reform des lippischen Schulwesens sind im Hause Gehrenberg Nr. 1 geboren worden. Daß 1781 in Detmold das erste Lehrerseminar eingerichtet wurde, ist seinen Anregungen und Veröffentlichungen mit zu verdanken.
An die Stelle August von Cölln trat 1797 Pastor Karl Ernst Neuborg (1797 bis 1811). Er ging, weil er hier viel Verdrießlichkeiten mit der Gemeinde und dem Konsisterium hatte, als Rektor nach Bielefeld und ist als Superintendent in Bentheim gestorben. In das Haus Gehrenberg Nr. 1 zog nunmehr im Jahre 1811 Pastor Ernst Friedrich Ferdinand Hildebrand (1811 bis 1835) weil er für seine Wohnung an die Erben von Cöllns Miete zahlen mußte, betrieb er den Neubau eines Pfarrhauses, das 1823 fertiggestellt und von Hildebrand sofort bezogen wurde. Pastor Hildebrand war verheiratet mit Henriette Pracht aus Lemgo, die ihm 7 Kinder schenkte. Eins dieser Kinder wurde Kaufmann und gründete das Geschäft F.E.F. Hildebrand, Hauptstr. 24, das später um 1876 August Asemissen erwarb. Das Porzellanschild im Ladeneingang mit dem Namen F.E.F. Hildebrand war in meiner Jugend noch mehrere Jahre zu sehen.
Nach dem Auszug Hildebrands (1 823) erwarb der sogenannte "Schmugglerkönig" Krome (das Haus. Krome ist durch den Schmuggel reich geworden. Er hat bis 1842, d. h. bis zum Beitritt Lippes zum Zollverein, riesige Geschäfte gemacht durch Schmuggel von Kolonialwaren, die von Bremen die Weser aufwärts bis Erder und Varenholz nach Lippe kamen und dann per Achse nach Oerlinghausen gebracht wurden, um von hier durch Einzelgänger durch die Lämershäger Wälder oder durch die Senner Kiefern ins Preußische befördert zu werden. Krome arbeitete zusammen mit dem Brackweder Schmugglerkönig Schwarze. Die beiden "Könige" blieben dabei im Hintergrund und waren vor Strafe sicher. Gefahrvoll war die schwere Schlepperei der Waren nur für die jungen Leute aus Oerlinghausen und aus der Senne.
Als das Haus 1889 umgebaut wurde, fand man unter den Fußbodenbrettern noch einige Zentner Rohkaffee, der dort mindestens 47 Jahre gelagert hatte. Krome geriet in seinen guten Jahren an den Alkohol und dieser ließ ihn nicht wieder los. Sein großes Vermögen schmolz im Laufe der Jahre schnell dahin. Er starb verarmt und einsam in der Kegelbahn des Rollkrugs, wo ihm Frau Gröppel ein Strohlager bereitet hatte. Seine Schwester war mit dem Kaufmann Freytag, Hauptstr. 30, verheiratet. Von Krome erwarb der Zigarrenfabrikant Wilhelm Buckup das Haus und baute die Zigarrenfabrik 1865 daneben (jetzt Tischlerwerkstatt). Inzwischen hatte der lippische Staat die unteren Räume gemietet und dort die Oerlinghauser Leinen-Legge untergebracht. Die staatliche Leggeordnung schrieb vor, daß der vereidigte Leggmeister und seine Gesellen die vorgelegte Leinwand zu vermessen, auf Fehler zu prüfen und dann mit einem Stempel zu kennzeichnen hatten. Zweck der Leinenlegge war, die Qualität des Leinens und somit auch den Absatz des lippischen Leinens zu haben. Bald achteten alle Käufer im In- und Ausland auf die Leggestempel, die sowohl die Länge und Breite des Stückes, als auch die Qualität des Leinens bezeugten. Die Zahl der auf der Oerlinghauser Legge geprüften Stücke betrug: 1852 = 8095; 1855 = 8068; 1862 = 8480 Stück. Im Jahre 1871 wurde die Legge aufgelöst, weil sie zu kostspielig war und nicht mehr so viel in Anspruch genommen wurde. Es wurde mehr Kattun gekauft. Als Buckup von Oerlinghausen verzog, ging das Haus in den Besitz des Leinenhändlers Horst über. Von diesem erbten es die drei Brüder Wilhelm Ulbrich in Bremen, Heinrich Ulbrich in Lage und August Ulbrich in Oerlinghausen. Das übrige ist bekannt.
Oerlinghausen, den 3. Juli 1950
gez. August Reuter