Die Küche meiner Großmutter im Landerhaus
(1926/30)
Diese Küche, ein Raum von etwa 20 m2,befand sich im Landerhaus an der Süd-westseite. Eine Stufe nach unten führte in den Raum, dessen Boden mit starken Eichenbohlen gedeckt war. In der Mitte lag ein Balken unter der Decke. 2 kleine Fenster zeigten nach Nordwesten. In etwa 2 mtr. Entfernung lag das 1870 von Karl Berkemeier erbaute Haus, in dem August Seppe wohnte. August Seppe war der letzte Handweberei-Unternehmer von Oerlinghausen der 1863 versucht hatte das sterben der Handweberei zu wenden. Es hatte nicht geglückt und nun hatte der Besitzer des Landerhauses, Karl Berkemeier, einen Teil seiner Stallungen abbrechen lassen und für 800 Taler ein kleines Häuschen gebaut und nahm 1870 den in Konkurs gegangenen A. Seppe darin auf. 1879 zogen meine Großeltern ins Landerhaus und waren nun Nachbarn von Seppe. Meine Großmutter wohnte bis 1939 im Landerhaus, während Anna Seppe (Tochter von August Seppe) noch bis 1947 in dem kleinen Häuschen wohnte, dann zog der Schreiber dieser Geschichte in das kleine Haus. Vater-Mutter und 4 Töchter. Nun war es ein 4 Mädel-Haus.
Nun wieder zur Küche der Großmutter. Wenn man den Raum betrat ging es eine Stufe runter und rechts war ein Wandschrank eingelassen. Der Inhalt bestand aus allen möglichen Küchen-und Kochartikeln. Da Großmutter Krankheiten besprechen konnte stand dort auch eine Medizienflasche. Der Inhalt war ein Rotwein mit einen Strauß Wermuth dessen Stengel oben aus der Flasche ragten. Sie wurde bei guten und schlechten Dingen gebraucht, so z.B. bei Magen-Bauch-Galle und Gliederschmerzen. Wenn die Kinder nicht richtig essen wollten gingen die Mütter mit denen zur Großmutter, auch „Solls Jule“ genannt.
Sie nahm den schlechten Esser beiseite, goss ein kleines Gläschen mit dem berüchtigten Wein ein, hielt es dem Kind dahin und schon war es runter. Die Augen des Kindes wurden groß und größer, denn nun kam im Hals das ganze Aroma zur Wirkung. Großmutter sagte dann der Mutter des eben geheilten Kindes: „Wenn‘s nicht besser wird dann kommt man nochmal vorbei! Kein Kind ist zweimal gekommen!!“
Nun weiter zur nächsten Einrichtung der Küche; Der Kochherd mit 6 Ringen auf der Feuerstelle. Bei Großmutter dienten sie dazu das die Pikertpfanne genau paßte. Diese schwere Pfanne brachte nie einen angebrannten Pickert zu Tage. Es war nicht nur ein Herd, es war eine Kochmaschine. Auf der rechten Seite der Bratofen, auf der linken die Feuertür, darunter die Luftklappe mit dem Aschenkasten. Unter dem Herd in seiner ganzen Ausdehnung, ein dickes Blech auf dem Fußboden, vorn noch etwa 30 cm überstehend. Das war der Feuerschutz gegen herabfallende glühende Kohlen. Auf dem Blech standen der Kohlenkasten und die Holzkiste, beide auf Rollen.
Das Feuer brannte bis Mittag. Im Sommer ging es dann aus, aber im Winter ging es nicht aus, dann legte Großmutter ein in viel Zeitungspapier eingewickeltes Brikett auf den Rest der Glut, stellte die Zugluftklappe zu und setzte sich für 2-3 Stunden auf die Herdplatte . Ein dickes Stück Wellpappe diente als Unterlage. Da wir Kinder ziemlichen Respekt vor der Oma hatten, sahen wir nur aus einiger Entfernung zu und sagten dann der Mutter: „Oma sitzt wieder auf ihren Thron." Oma regierte!!
An dieser 2. Wand stand eine kleine Anrichte mit größeren Töpfen und dem stets gefüllten Wassereimer mit einer Fülle drin. Dann kam die Küchenuhr mit Perpendickel welcher sehr kurz war und der Uhr eine schnelle Gangart verlieh. Perpendickel und 2 Gewichte waren aus Messing und wurde jeden Sonnabend auf Hochglanz geputzt.
Dann kam am Ende der Wand ein zweitüriger Schrank -das Schapp-. 1,50 mtr. hoch und 80 cm breit. Darin waren die Kaffeetassen, die Esswaren und das Brot. Das Brot von Nagels oder Bögers wurde freihändig vor der Brust in Scheiben geschnitten. Die Kruste der Scheiben wurde unten und oben abgeschnitten und kam in den Köskenkorb. Sie schmeckten köstlich.
An der dritten Wand waren 2 kleine Fenster. Das eine war nicht zu öffnen und das andere nur halb.
An der 4. Wand stand ein altes rotes Sofa auf das wir Kinder uns nie setzen durften. In der Mitte der Küche ein Tisch mit einer grünen Platte. Am Ende des Tisches lag ein Fortsetzungsroman, ausgeschnitten aus dem "Volksblatt", von Annette von Droste-Hülshoff, dessen Titel lautete "Lerne Leiden ohne zu Klagen". An langen Winterabenden mußte ich jeden Abend eine Fortsetzung unter einer 16 kerz. Glühlampe vorlesen.
Eins habe ich am Ende doch noch vergessen. Am Ende der 4.Wand hing oben etwas an der Wand. Es war eine Zeitungsmappe ohne Zeitungen. Aber was war drin?? Eine Rute aus dünnen Birkenreisern!! Diese wurde uns Jungen von der Oma um die Beine gezogen wenn wir den Esel von Wirt Becker (oder Karl Niewald) ins Haus gelassen hatten. Bella so hieß der Esel, rannte dann über den Flur in Omas Küche bis vor den Schrank und machte nicht eher kehrt bis er seine Brotkruste hatte. Dann nahm Oma die Birkenrute und zog Bella einen rüber. Dieser sauste dann ab, die Göddernstraße hoch und stand am nächsten Tag wieder vor der Haustür.
Oerlinghausen, im Dezember 1998
Fritz Soll sen.