Wo Oerlinghauser früher Schnecken züchteten
Der Landerweg ist ein
alter Kirchpfad in die Senne. Hier gab es gutes Quellwasser, eine Brauerei und
einen hübschen Park. Im Jahre 2006 wurde das Landerhaus abgerissen
[Bild: Das Landerhaus am
Steinbült (links unten) war in Besitz der Stadt Oerlinghausen. Im Jahre 2006
wurde es abgerissen. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke]
Oerlinghausen. Eine eher
unscheinbare Wohnstraße ist der Landerweg heutzutage. Doch spielte sich in der
gepflegten Gegend am Steinbült ein beträchtlicher Teil der Oerlinghauser
Stadtgeschichte ab, in deren Mittelpunkt das Landerhaus stand. Im Jahr 2006
verschwand die letzte Erinnerung an frühere Zeiten, denn Bagger rissen das
große Fachwerkhaus komplett ab, um hier neue Wohnbebauung zu schaffen.
Entlang des Landerhauses führte seit vielen Jahrhunderten der alte
Kirchweg, der seinerzeit die Bewohner der Sennegemeinden mit der Oerlinghauser
Kirche verband. Der Name Lander deutet auf den Ursprung des Weges hin. Er
stammt vom Begriff Landwehr, einem aufgeschütteten Erdwall, durch den sich die
Bewohner hier bereits im 14. Jahrhundert vor feindlichen Angriffen schützten.
Weinbergschnecken als
Spezialität für den lippischen Grafen Friedrich Adolf
Um 1700 gehörten die
Ländereien am Landerweg zur Vogtei Oerlinghausen. Vogt Hermann Adolf Bracht,
ein weitsichtiger Ortsvorsteher, unter dem sich Oerlinghausen gut entwickelte,
nutzte das Gebiet mit einem kleinen Kotten zur Züchtung von Weinbergschnecken.
Die Spezialität servierte er nämlich dem lippischen Grafen Friedrich Adolf,
wenn der wieder einmal in Oerlinghausen zu Besuch war und eine üppige Bewirtung
verlangte.
Leider fiel Bracht im Jahre
1712 bei seinem verschwenderischen Landesherrn in Ungnade, beschreibt der
Ortschronist August Reuter. Er wurde inhaftiert und sein Besitz wurde
eingezogen. Viele Jahre später versteigerte der lippische Hof die Grundstücke
des Vogts am Landerweg.
Der begüterte Oerlinghauser
Leinenhändler Carl Berkemeier erwarb ein größeres Stück Land und den Kotten. Er
begann, um 1830 ein stattliches Haus zu errichten. Das Baumaterial dazu stammte
übrigens aus dem alten Pfarrhaus an der Kirche, das er
sich bei dessen Abriss von der Kirchengemeinde gesichert hatte. Das neue
Landerhaus besaß respektable Ausmaße und sogar einen Kellerraum, in dem ein
Brunnen lag. Die Kellerwände und Grundmauern bestanden aus Kalksteinen des
Menkhauser Berges.
[Bild: Tratsch am Landerhaus.
Drei Nachbarinnen treffen sich vor dem alten Fachwerkhaus im Jahre 1929.
Schulrektor Hermann Diekmann fotografierte diese Szene. | © Repro: Horst Biere
/ Quelle: AFM]
Doch kurz nach der
Fertigstellung des Landerhauses verstarb Berkemeier.
„Sein Sohn, Karl Berkemeier, erbte die Stätte", berichtet Heimatforscher
Werner Höltke. „Er setzte an das Fachwerkgebäude noch
einen Anbau, in dem sich unter anderem Pferdeställe und eine Wagenremise
befanden.". Denn Karl Berkemeier lebte gern auf großem Fuß. Er konnte es
sich leisten, zwei Kutschwagen und einen großen Pferdeschlitten zu unterhalten.
Das ganze neue Anwesen verströmte Wohlstand. Im Jahre 1840 investierte er ein
weiteres Mal am Landerweg. Er errichtete eine Brauerei etwas weiter unten im
Tal, wo eine Quelle frisches Wasser lieferte. Doch sein Braugeschäft währte nur
kurz. Da in jener Zeit in Oerlinghausen weitere größere Brauereien entstanden,
geriet Karl Berkemeiers Absatz offenbar ins Stocken. Nach nur 25 Jahren gab er
die Brauerei wieder auf.
Jahrelang über die
Verhältnisse gelebt.
Insgesamt galt Berkemeier als
leichtsinniger Mensch, der wohl jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hatte.
„So war es für ihn ein Glücksfall, dass sein Bruder Fritz aus Amerika
zurückkehrte und ihn mit viel Geld vor dem Konkurs bewahrte", berichtet
Werner Höltke. Auch Fritz Berkemeier klotzte
gewaltig. Dort, wo heute die Wohnhäuser des Landerweges
stehen, ließ er einen Park anlegen, in dem er Obstbäume anpflanzte. Drei
Lindenbäume setzte er direkt ans Landerhaus. Und er baute neben das Landerhaus
ein weiteres kleines Haus, das er an den Hausweber Christoph Seppe vermietete.
Im Jahre 1881 zogen Fritz und
Karl Berkemeier mit ihren Familien allerdings in die Oerlinghauser Dorfmitte
und vermieteten das ganze Anwesen. Zu den Mietern gehörte Ende des 19. Jahrhunderts
auch der Kaufmann Wilhelm Drexhage, der im Landerhaus
ein kleines Kolonialwarengeschäft betrieb. Doch sein Absatzgebiet am Steinbült
war zu klein, um von dem Geschäft leben zu können. „So musste er sich durch
Zigarrenmachen Geld hinzuverdienen", schreibt Werner Höltke.
Im Jahre 1921 kaufte die
Dorfgemeinde Oerlinghausen das Fachwerkhaus am Landerweg und vermietete es
ihrerseits. Zuletzt, kurz vor dem Abriss 2006, lebten im Landerhaus und dem
kleinen Nebengebäude einkommensschwächere Bürger.
Die Quelle am Landerweg
erwies sich als Segen für die Bevölkerung
Die Quelle am unteren
Landerweg übrigens erwies sich als Segen für die Oerlinghauser Bevölkerung. Sie
bildete die einzige offene Wasserstelle in harten Winterzeiten. Als
beispielsweise im Winter 1929 viele Wasserleitungen der Stadt zugefroren waren,
kamen die Anwohner mit Eimern und Wannen zum Landerweg, um dort ihr Trinkwasser
zu holen.
[Bild: Die Quelle am
Landerweg lieferte noch Wasser, als im harten Winter 1929 die meisten
Wasserleitungen zugefroren waren. | © Repro: Horst Biere / Quelle: AFM]
Das Brauereigebäude dagegen
fand ein unrühmliches Ende. Noch bis in die 1960er Jahre verfüllte man die
Ruinen mit dem Müll aus Oerlinghauser Haushalten. Erst mit der späteren
Renaturierung des Abfallentsorgungsgeländes entwickelte sich das ganze Areal am
Rande des Schopketals zu einem hübschen Waldgebiet.