Das neue Heibrocksche Haus

WIEDER HÜBSCH ORDENTLICH

 

präsentiert sich das Heibrocksche Haus den Passanten in der Oerlinghauser Hauptstraße. Wer den vorherigen Zustand des denkmalgeschützten Gebäudes noch in Erinnerung hat, kann den gehörigen baulichen Aufwand ermessen, der nötig war, um das Haus wieder so ansehnlich zu gestalten.

Beim Betrachten der herausgeputzten Fassade können einen jedoch gewisse Zweifel beschleichen, was die Stilsicherheit des Bauherrn angeht. Da verdecken klotzig-großvolumige Steinquader einen großen Teil des schönen Fachwerks. Klassizistisch angehauchte Steinsäulen, die im Verbund mit wuchtigen Sturz so etwas wie tempelhaft-mausoleumartige Atmosphäre verströmen. umrahmen die Eingangstür. Irgendwie scheint das alles nicht recht zusammen zu passen.

Sollte sich hier jemand unter dem Mantel des Denkmalschutzes mit seinem ganz persönlichen (und offenbar ein wenig verirrten Geschmack) an einem unschuldigen kleinen Fachwerkhaus vergangen haben? Womöglich noch mit Steuermitteln von der Allgemeinheit finanziell gefördert?

Gemach, gemach. Während sich der neue Hausbesitzer zierte, zu derlei interessanten Fragen gegenüber der NW Stellung zu nehmen, gab sich eine andere Institution wesentlich auskunftsfreudiger. Glücklicherweise gibt es noch ein Westfälisches Amt für Denkmalpflege in Münster. Dort erfuhr die Redaktion, daß das Haus durchaus fachgerecht restauriert worden sei. Es handle sich, so ein Sprecher des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, um eine „echte Stillage des 19. Jahrhunderts“, die vor allem im städtischen Bereich anzutreffen sei. Ein Dokument, wenn man so will, des zu der Zeit auch in Oerlinghausen erstarkenden Bürgertums.

Einige handeltreibende Angehörige dieses Standes schämten sich offenbar des als bäuerisch geltenden Fachwerks und verputzten es kurzerhand, um dem Gebäude auf diese Weise den Anschein eines Steinbaus zu geben. Das klassizistische Beiwerk im Türbereich des Heibrockschen Hauses war damals architektonische Mode. Bauliche Gestaltungselemente griechisch-antiker Vorbilder gehörten in höheren Kleinbürgerkreisen offenbar dazu und wurden ohne viel Federlesens dem ohnehin schon recht bunten Stilgemenge hinzugefügt. So sah sich die Eingangstür mit ihren liebevoll verzierten Türblättern auf einmal zum klassizistisch gerahmten Porta! aufgeplustert.

Somit haben wir es zwar ganz offensichtlich mit einer Geschmacksverirrung zu tun, aber mit einer, die historisch verbürgt ist und nach Auffassung des Denkmalamtes dokumentierenswert. Das ist denn doch etwas ganz anderes. Welch glückliche Fügung, daß der snobistische Bauherr des 19. Jahrhunderts in Oerlinghausen einen finanzkräftigen Nachfahren bekommen hat, der am Ende des 20. Jahrhunderts eine kongeniale Wiedergeburt dieses architektonischen Mehr-scheinen-als-sein-Bestrebens besorgt. Ein Preis beim Fassadenwettbewerb der Stadt dürfte ihm gewiß sein.          tom/ Foto: Klingebiel

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