Colonat 67 im Wandel der Zeit
Hauptstraße 6 lag früher »entfernt vom Dorf»
Oerlinghausen (mib). Wenn die alten Häuser erzählen könnten, welche Menschen sie beherbergten und welchen geschichtlichen Wandel sie schon miterlebt haben, fänden sie bestimmt viele interessierte Zuhörer. Doch sie sind und bleiben natürlich »stumme« Zeugen der Zeit. - Fritz Soll hat dafür in den Aufzeichnungen von August Reuter nachgelesen und Interessantes über die Stadtgeschichte - und hier speziell über die Geschichte des Hauses Hauptstraße 6 - aufgespürt, in dem heute Schlachter Schmidt und Friseur Wiedemeier ihre Geschäfte führen.
Bereits im Jahr 1769 wurde das Colonat mit der damaligen Nummer 67 erwähnt. Der Fachwerkbau stand damals noch auf dem Wehmegrund, es gehörte zum Grundbesitz der -»Pfarre« und lag »entfernt vom Dorfe«, denn zum eigentlichen Dorf zählten hauptsächlich die Häuser rund um die Kirche. Der reiche Leinenhändler Johann Barthold Tölke erwarb 1780 das Colonat 67 und richtete in dem Haus eine Bierbrauerei und eine Schnapsbrennerei ein. Bald darauf erhielt Tölke einen Kammercontrakt - d. h. die Konzession für eine Wirtschaft - für die er wenig später einen Pächter fand.
Dieses alte Fachwerkhaus lag viel weiter zurück als heute das Doppelhaus Schmidt/Wiedemeier. Ein etwa acht Meter breiter Platz trennte es später von der Straße, so daß die Fuhrleute mit ihren langen, schweren Planwagen dort rasten konnten, ohne den Straßenverkehr zu behindern.
Die jetzige Detmolder Straße gab es damals noch nicht, sie wurde erst 1825 gebaut. Mit ihrem Bau wurde der Anfang der Bahnhofstraße (ab 1970 Rathausstraße -damals Barkhauser Straße) weiter nach Süden verlegt, wodurch neue Bauplätze entstanden.
Tölke verkaufte sein Haus 1826 an den Färber Nagel und den Schuhmacher Pehle. Die Stätte wurde aufgeteilt, Nagel behielt das Haus, an das bald darauf ein weiteres Gebäude mit der Colonatsnummer 114 angebaut wurde. Auf diese »Neuwohnerstätte« erfolgte dann die Übertragung der Wirtschaftskonzession. Sie erhielt den Namen »Schlingkrug« (heute Bremer).
Färber Nagel veräußerte das Colonat Nr. 67 im Jahre 1828 an einen Mann namens Baade, der es wiederum an den jüdischen Händler Heilbronn - einem Verwandten von Isaac Meier - verkaufte, nachdem sein Neubau an der jetzigen Hauptstraße 5 fertiggestellt war.
Zwischen 1811 und 1939 kamen sechs weitere Häuser in der Nachbarschaft dazu, so daß das Dorf allmählich nach Osten wuchs.
Der jüdische Händler Heilbronn handelte mit Kühen, Fellen und Lumpen. Seine Ackergeräte und vielerlei Plunder lagerten auf dem Platz vor dem Hause. Böhmer hatte nebenan auf dem freien Platz sogar Bäume gepflanzt. Oft wurde nach den Aufzeichnungen Reuters von beiden auch die Straße in Anspruch genommen und dadurch der Verkehr behindert, was zu vielen Beschwerden - insbesondere von der Fürstlichen Postexpedition, vertreten durch Apotheker Melm und Posthalter Gröppel - führte.
Als der Händler Heilbronn starb, verkauften die Kinder 1872 das Colonat, das im Jahre 1842 die neue Nummer 49 bekommen hatte, an den Fuhrmann Hollmann. Dann ging es in das Eigentum des Fuhrmanns Wilhelm Wille über. Am 11. September 1890 brannte es ab. Der Kaufmann August Asemissen erwarb die Bkrandstätte und ließ darauf offensichtlich in der Baufluchtlinie der Hauptstraße ein Doppelhaus errichten.
Die eine Hälfte des Hauses erstand Schlachtermeister August Schmidt im Jahre 1893 - sie behielt die Colonatsnummer 49 die andere Hälfte erhielt die Colonatsnummer 240 und ging zunächst in den Besitz des Sattlermeisters Arnold Barkemeier und später, etwa 1903, in den Besitz des Babiers August Reuter über.
[Bild: Vor etwa 50 Jahren entstand dieses Foto von der Hauptstraße in Oerlinghausen. Vorne links im Bild das von August Asemissen erbaute Doppelhaus, in dem heute die Geschäfte von Schlachter Schmidt und Friseur Wiedemeier zu finden sind. August Asemissen ließ das neue Haus bauen, nachdem das alte Colonat Nummer 49 am 11. September 1890 abgebrannt war. Hinten im Bild die abzweigende Rathausstraße.]