Oerlinghauser Knastgeschichten
Kleinere Übeltäter bestrafte man durch Anketten am Schänd- oder Gehorsamspfahl
[Bild: Zentral gelegen: Das Oerlinghauser Gefängnis im Jahre 1970 am Stadthotel. Die Stadtkapelle "Imst" gibt hier aus Anlass des Helpuper Dorffestes ein Konzert am Amtsgarten. Repro: Horst Biere/Quelle: Werner Höltke | © Horst Biere]
Oerlinghausen. Diebe und andere Übeltäter hatten ein schweres Los im Oerlinghausen früherer Jahre. Der Fall einer Dienstmagd aus Asemissen ist ein typisches Beispiel. Sie hatte ein wenig Stoff und eine Rolle Nähgarn von ihrer Herrschaft entwendet. Die Tat wurde entdeckt, die junge Frau angezeigt und kurz darauf vom Gendarm verhaftet. Doch seinerzeit, vor etwa 200 Jahren, folgte sogleich eine drakonische Strafe. Sie wurde ins Oerlinghauser Gefängnis geworfen, ein stinkender, feuchter Kellerraum eines Hauses am Anfang der Hermannstraße.
Aber da das Vergehen leichterer Art war, verurteilte sie der Amtsrichter nach einigen Tagen zu einer milderen Bestrafung - zu zwei Tagen am Schandpfahl. Das bedeutete, sie wurde mit einem Halsring an einen schwarz angestrichenen stabilen Holzpfahl vor dem Gefängnis (hinter dem heutigen Stadthotel) angekettet und musste dort zwei Tage im Freien hocken. Alle Passanten blieben stehen, schauten sich die Übeltäterin an, die Kinder durften sie anspucken oder mit Dreck bewerfen. So sah der Oerlinghauser Strafvollzug etwa im Jahre 1800 aus.
Für noch leichtere Vergehen, wie Ungehorsam gegenüber dem Dienstherren, schloss man die Übeltäter kurzzeitig an den sogenannten Gehorsamspfahl an, der -rot angestrichen- neben dem Schandpfahl stand. Doch die "Knastgeschichte" im kleinen Kirchdorf am Tönsberg begann bereits viel eher. Ortshistoriker Werner Höltke hat dazu recherchiert: 1650 wurde erstmals ein Gefangenenhaus erwähnt, das zwischen zwei 1970 abgerissenen Häusern an der Alexanderkirche lag, zwischen der Schmiede Moritz und dem Elektrogeschäft Geiger. Heute ist dort ein Parkplatz unter anderem für Kirchenbesucher.
Die beiden kleinen Räume des früheren Gefängnisses waren allerdings nur mit einem löchrigen Holzdach versehen und boten den Gefangenen wohl schon nach kurzer Zeit beste Gelegenheit zur Flucht. Immer wieder wiesen die Oerlinghauser Ortsvorsteher auf die schlechte Sicherheitslage im Gefängnis hin. Doch erst 1767 gab es im Dorf eine andere Lösung. Ein Kotten am Anfang der Hermannstraße, in der Nähe der früheren Durchgangstraße durch den Ort, wurde umgebaut. Zwei Kellerräume richtete man als Gefängniszellen her. Der Gefängniswärter wohnte direkt über den Arrestzellen. Er war jedoch nicht nur der Wärter der Insassen, sondern musste sie zugleich auch verpflegen.
Doch das fürstliche Amt hatte eine humane Gefängnisverordnung erlassen: "Jeder Gefangene muss jeden dritten Tag eine Portion Fleisch erhalten". Das war eine schwierige Bestimmung für den Gefangenenwärter, wo er doch selbst kaum Lohn von der fürstlichen Verwaltung erhielt. Immer öfter, so hieß es, habe das Amt dem Wärter einen Vorschuss für die Gefangenenverpflegung bezahlen müssen. Die Situation im Oerlinghauser Gefängnis hinter dem heutigen Stadthotel muss mehr als desolat gewesen sein. In seinem Report schreibt Amtmann Plage, die Zellen seien total nass und verwahrlost gewesen. Sie hätten schlimmer ausgesehen als Schweineställe. Im Jahre 1823 entschloss man sich zum Abriss des alten Gefangenenhauses. Ein etwas größeres Haus mit einem Anbau wurde an gleicher Stelle errichtet.
Doch mit steigender Einwohnerzahl stieg auch die Zahl der Strafsachen. Das alte Gefangenenhaus platzte bald aus allen Nähten und wurde immer baufälliger. Ein Brand im Jahre 1882 kam einem Abriss zuvor. Das Bergdorf erhielt ein neues Gefängnis im Jahre 1883. Es war das Gebäude, das viele Oerlinghauser noch kennen, und das nach dem Umbau im Jahre 1985 nun eine moderne Volksbankfiliale beherbergt. Damals allerdings, Ende des 19. Jahrhunderts, war das Bruchsteingebäude am früheren Amtshaus immer noch ein unkomfortables Knasthaus. Nur vier Gefangenenzellen gab es im Gefängnis.
Der Aufseher der Gefangenen hieß Koch. Schnell war auch ein Spitzname für den Oerlinghauser Knast gefunden: Kochs Loch. Dabei war Gefangenenwärter Koch offenbar ein sehr anständiger und korrekter Aufseher. Doch die hygienischen Verhältnisse in Kochs Loch müssen für Wärter wie für Gefangene trostlos gewesen sein. In einer Bittschrift des Oerlinghauser Amtmanns an die lippische Landesregierung heißt es, man möge die Toiletteneimer der Gefangenen mit Henkeln versehen, damit sich Gefängniswärter Koch nicht ständig mit den Fäkalien der Gefangenen beschmutze.
Nur leichtere Fälle und kleinere Spitzbuben mussten Anfang des 20. Jahrhunderts im Oerlinghauser Knast einsitzen. Die schwereren Fälle kamen in zentrale Gefängnisse in Bielefeld oder Detmold. Später nutzten die Nazis allerdings die Räume auch für die vorübergehende Festsetzung der jüdischen Bürger Heinrich Herz und Eduard Kuhlemeier, die nach den Pogromtagen 1938 hier inhaftiert wurden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm die britische Militärverwaltung das Minigefängnis. Oftmals waren nun englische Soldaten hier eingesperrt, die eine kürzere Disziplinarstrafe verbüßten. Die deutsche Justiz nutzte die Zellen in dem alten Bruchsteingebäude nur noch für kleinere Straftäter - und auch die wurden zunehmend weniger. Oberwachtmeister Dannenberg hieß der Aufseher. Auch hier fanden die Oerlinghauser schnell einen Spitznamen für den Knast: Cafe Dannenberg. Der letzte Gefangene verließ im Jahre 1979 die kleine Oerlinghauser Haftanstalt.
Eine Nacht im „Cafe"
Sehr gelobt wurde Oberwachtmeister Dannenberg vom Gefangenen Hermann Diekhof, der eine eintägige Arreststrafe im März 1955 verbüßen musste. Das beschreibt Werner Höltke in seinem Oerlinghauser Geschichtenbuch. Das Delikt vor der Verurteilung: Diekhof hatte mit einigen Freunden im angetrunkenen Zustand eine Litfass-Säule auf die Straße vor der Apotheke gerollt und dort aufgestellt. Oberwachtmeister Dannenberg habe ihn, Hermann Diekhof, ausgezeichnet verpflegt, sagte er, zum Beispiel [sEpjauch mit Selbstgeschlachtetem. Nur als einige Freunde am Sonntag auf Besuch ins „Cafe Dannenberg" kamen und ihm einige Flaschen Bier mitbrachten, sei Dannenberg mit den Worten eingeschritten: „Das kann ich beim besten Willen nicht dulden."