Muthesius-Villa in Oerlinghausen

Herbert Winkler, Baudenkmäler in Lippe, Repräsentative Jugendstilvilla von 1913

 

Eines der bedeutendsten Zeugnisse der Architektur in Lippe zu Beginn des 20. Jhs. - des Historismus - befindet sich in Oerlinghausen. Versteckt mitten in einem kleinen Park am Nordhang des Kalderberges - dem „Weber-Park“ - liegt die Muthesius-Villa. So genannt nach dem epochemachenden Architekten des Jugendstils Professor Hermann Muthesius, Berlin (1861 —1927, Begründer des Werkbundes), dessen Handschrift sie trägt.

Man erreicht die Villa am besten von der Detmolder Straße aus - Eingang Weber-Park - über einen etwas steilen Fußweg, der zwischen Bäumen und dichtem Buschwerk den Hang hinaufführt und immer mehr den Blick auf das herrschaftliche Gebäude freigibt. Der Weg führt westlich um das Gebäude herum auf den großen Vorplatz an der Südseite des Gebäudes mit der großen Freitreppe und einem imposanten Eingangsportal.

Hier steht man dem goldglänzenden Keramikmosaik gegenüber, das in schmalen, senkrechten Streifen die sandsteinverkleidete Fassade des Gebäudes ringsum gliedert und der Villa im Volksmund den Namen „Goldhaus“ verliehen hat.

Die Muthesius-Villa ist das herausragende Gebäude der Wohnhäuser, die dort um die Jahrhundertwende von der Fabrikantenfamilie Weber - später Müller - erbaut worden sind. Der Gründer, der Leinenhändler Carl David Weber, verlegte 185O Wohnsitz und Fabrikationsanlagen von Bielefeld nach Oerlinghausen und stieg zum größten Feinleinenhersteller Deutschlands auf. Vom Wohlstand der Familie zeugen dort noch heute die gut erhaltenen Wohnhäuser des Gründers (Detmolder Straße 4) und seines Schwiegersohnes Bruno Müller (Detmolder Straße Nr. 26) sowie die seiner Enkel Georg Müller („Alte Müllerburg“, Detmolder Straße 24) und Richard Müller (Muthesius-Villa, Detmolder Straße 20) sowie die Parkanlage mit ihren alten und seltenen Bäumen und den verschiedenen Plastiken, u. a. der Harfenspieler, der Abschied und Harmonie. Sie wurden von Berthold Müller-Oerlinghausen, einem Bruder von Georg und Richard Müller geschaffen.

Der Erbauer der Villa, der Fabrikant Richard Müller, Mitinhaber der damals weitbekannten Leinenweberei C. Weber und Co., Oerlinghausen, und Präsident des deutschen Leinenverbandes mit Sitz in Berlin, betraute 1912 den berühmten Berliner Jugendstilarchitekten Hermann Muthesius mit der Planung für ein repräsentatives Landhaus in seinem Heimatort Oerlinghausen. Vorbild hierzu waren wohl die Villen in den vornehmen Vororten Berlins, wie Dahlem, Zehlendorf oder Charlotten-burg. Damit wollte er sich und seiner Frau, die einer namhaften Berliner Industriellenfamilie entstammte, ein standesgemäßes Wohnhaus in der lippischen Kleinstadt bauen.

1913 wurde mit dem Bau begonnen. Die Ausführungsplanung und die Bauleitung oblag dem Frankfurter Architekten Prof. H. A. E. Kopf, einem Meisterschüler von Prof. Muthesius. Obgleich das Gesamtkonzept und die Handschrift von Muthesius überall an dem Gebäude sicht- und spürbar sind, läßt sich an vielen Details auch die persönliche Gestaltung von Prof. Kopf nachweisen.

Die Architektur des Gebäudes ist als eine harmonische Verbindung von Formen des Jugendstils, eines knappen Berliner Klassizismus’ und des englischen Landhausstils zu charakterisieren.

Die Villa ist weitgehend in ihrer ursprünglichen Ausbildung und Baugestaltung, bis auf den Ausbau des Freisitzes an der Nordseite als Wintergarten, erhalten geblieben. Bereits am Außenbau ist deutlich die Grundkonzeption des Architekten ablesbar. Im Innern hat sich die typische, vom englischen Landhausstil her tradierte Raumdisposition des Muthesius-Hauses erhalten.

[Bild: Südfassade mit Eingangsportal]

[Bild: Ostfassade mit Erker und Balkon]

Das stattliche und mit einem Walmdach versehene zweigeschossige Gebäude erhebt sich über einem rechteckigen Grundriß auf einer Hangterrasse des Kalderberges. Die mit Sandstein verkleidete Fassade ist durch Zierklinker-Ornamentstreifen mit goldglänzenden Mosaikverblendungen in der Art von Lisenen streng gegliedert. Kunstvolle Ziergitter am Eingangsportal und Eisengeländer am Balkon zeigen Einflüsse des Neubarocks. An der Südseite des Gebäudes ist das Hauptportal mit der großen 15 m breiten Freitreppe ungeordnet.

[Bild: Entree mit Deckenstukkatur]

[Bild: Wohndiele, Blick ins Herrenzimmer]

Das Gebäude hat insgesamt 14 Zimmer. Die Räume im Untergeschoß dienten ganz der Repräsentation. Das Entree, ein stuckverzierter lang-rechteckiger Flur, führt zum Treppenhaus und zur Wohndiele in der Mitte des Gebäudes, die von zwei Nebenräumen in der Ostflucht flankiert wird. Die Wohndiele, mit Wandkamin, kostbaren Wandbespannungen und Wandfliesen sowie einer Kassettenholzdecke wird durch einen Rundbogen in der Querachse unterteilt und öffnet sich dahinter nach beiden Seiten zum Herrenzimmer bzw. Damenzimmer. Der Raum wird architektonisch durch den segmentartigen Vorbau der Fensterwand in der Gebäudemitte - im zweiten Obergeschoß als Balkon ausgebildet - auch in der Fassade hervorgehoben. Das Damen- und das Herrenzimmer sind beide mit feinen Deckenstukkaturen und fest eingebauten Wandschränken ausgestattet. Das Speisezimmer, ebenfalls mit originalen Stukkaturen, einem Wandschrank und einem kleinen Springbrunnen ausgestattet, ist von einer Segmenttonne mit Stukkaturen überwölbt. Die Küche ist auf der Westseite zwischen Treppenhaus und Speisezimmer angeordnet und hat einen separaten Ausgang zum Wirtschaftshof im Westen.

Die Innenausstattung, wertvolle Parkettböden. kostbare Wand- und Deckengestaltungen mit zahlreichen Jugendstilornamenten - darunter auch die Lippische Rose - aber auch einzelne Möbel, Teppiche und Beleuchtungskörper, gehl zum großen Teil auf Entwürfe von Muthesius selbst zurück. Die hohe Qualität der Bauausführung, seine fast originale Erhaltung und die Einmaligkeit in Ostwestfalen-Lippe heben den Bau zu einem Baudenkmal von besonderer Bedeutung hervor.

Die Muthesius-Villa ist, wie der Park und die anderen Wohngebäude dort, ein Zeugnis vom Wohlstand der Familie Weber-Müller und damit zugleich vom Lebensstil des Großbürgertums um die Jahrhundertwende. Das Gebäude, an dessen Erhaltung ein überwiegend öffentliches Interesse besteht, wurde 1985 unter Denkmalschutz gestellt.

Neben der anerkannten architektonischen Qualität und bauhistorischen Bedeutung weist die Muthesius-Villa auch eine bemerkenswerte und interessante, soziale und kulturhistorische Bedeutung auf. Ausgehend von einem Bau als Zeugnis und Dokument großbürgerlicher Wohn- und Lebenskultur der Gründerzeit ist sie auch ein Zeugnis für das Schicksal repräsentativer Villen in der Nachkriegszeit nach 1945.

Nachdem 1936 sein Erbauer Richard Müller verstorben war, wurde das Haus noch von der Familie, zuletzt von seiner Tochter Hilde, bewohnt. Nach 1945 wurde die Villa zuerst von der amerikanischen, danach von der englischen Besatzungsarmee requiriert und als Offizierskasino genutzt. Danach diente sie noch als Verpflegungsdepot für die Polen sowie als Kirchenbüro und Sozialunterkunft.

Als 1956 der heutige Besitzer der Muthesius-Villa, Herr Gräfe und seine Frau, einzogen, war das Gebäude ziemlich heruntergekommen. Mit viel Engagement und Liebe zum Haus und seiner Geschichte sowie einem hohen finanziellen Aufwand von ihnen und der Eigentümerin machten sie sich daran, den Originalzustand des Gebäudes wiederherzustellen. Nachdem es 1985 unter Denkmalschutz gestellt worden war, konnten mit zusätzlichen Fördermitteln die notwendigen Restaurierungsarbeiten durch den Landeskonservator durchgeführt werden. In den fast 40 Jahren hat das Ehepaar Gräfe wesentliches zur Rettung, Erhaltung und Pflege der Muthesius-Villa - nicht nur der Bausubstanz, sondern auch der ideellen Bedeutung und des kulturhistorischen Wertes des Gebäudes - im Bewußtsein der Öffentlichkeit geleistet.

Kennzeichnend dafür ist, daß auch die Sorge für die zukünftige Nutzung eine Antwort aus der speziellen Geschichte des Hauses findet.

Marianne Weber, geborene Schnitger (1870-1954), wurde in Oerlinghausen geboren; ihre Mutter, Anna Weber, war eine Tochter des Gründers Carl-David Weber. Marianne Weber war eine der führenden Repräsentantinnen der bürgerlichen Frauenbewegung Anfang dieses Jahrhunderts, eine engagierte liberale Politikerin und Schriftstellerin. Sie war mit dem berühmten Soziologen Max Weber seit 1893 verheiratet. Max Weber war ebenfalls mit ihr verwandt, da ihr Urgroßvater sein Großvater war. Sowohl sie, als auch ihr Mann waren somit mit den Bewohnern des Hauses Muthesius verwandt. Daher kam das Ehepaar oft nach Oerlinghausen und verbrachte hier seinen Urlaub.

Auf dem Hintergrund dieser Geschichte und aus dem Wunsch heraus, daß das Haus auch in Zukunft als bedeutendes bau- und kulturhistorisches Zeugnis erhalten und entsprechend genutzt werden soll, hat der derzeitige Besitzer. Herr Gräfe, eine Stiftung ins Leben gerufen und 1993 das Marianne-Weber-Institut gegründet. Das Institut mit angegliedertem Archiv nutzt bereits einen Teil der Räumlichkeiten der Muthesius-Villa und soll auch auf Dauer seinen Sitz in diesem Hause behalten.

Quellenangabe:

1.         Bericht des Landeskonservators Westfalen-Lippe vom 25. 06. 1976

2.         Marianne-Weber-Institut e. V., Mitteilung Nr. 3, Jahresbericht 1993/94

3.         G. U. Großmann. Östliches Westfalen -Dumont Kunstreiseführer, Köln 1992

4.         Fotos und sachliche Hinweise und Berichte von Herrn Hermann Gräfe, Oerlinghausen.