Das Geisterhaus von Oerlinghausen

Stadtgeschichte: Die Villa Brathuhn und ihr spektakuläres Ende. Oerlinghauser Schützen brachten sie 1965 zum Einsturz. Und das fand der Besitzer zuerst gar nicht komisch

 

[Bild: Recherche-Team für Geschichte und Geschichten: Margot Foest trug auf dem jüngsten sehr gut besuchten Treffen des Arbeitskreises im Jägerhaus eine lustige Erzählung über eine geizige Frau aus Alt-Oerlinghausen vor. Werner Höltke berichtete über die Entwicklung der Villa Brathuhn. | © Foto: Horst Biere]

[Bild: Versteckt: Hinter hohen Bäumen lag links an der Detmolder Straße die Villa Brathuhn. :Repros Horst Biere /Quelle: Archiv Höltke | © Biere]

Oerlinghausen. Villa Brathuhn wurde das verrottete Haus im Oerlinghauser Stadtzentrum genannt. Nur noch wenige Bürger können sich an das dunkle Geisterhaus an der Detmolder Straße 7 erinnern. Es stand auf dem Grundstück der heutigen Arztpraxis von Dr. Kochsiek, gegenüber des mächtigen Ceweco-Gebäudes.

Aufsehenerregend Inder wechselvollen Geschichte des 1840 gebauten Hauses war vor allem sein Abgang. Am Schützenfestmontag 1965 streckte ein Stoßtrupp von Schützenbrüdern unter der Leitung von Ernst Niemann das windschiefe Gebäude mit lautem Krachen und viel Staub zu Boden. Ein derber Schützenspaß? Ja, und zugleich eine preiswerte Lösung, um das Geisterhauses endlich abzureißen.

Über ein Jahrhundert hatte in dem niedrigen Haus reges Treiben geherrscht. Der Schuhmacher Pehle ließ es auf dem vom Tierarzt Tasche gekauften Grundstück erbauen. Später erwarb der Oerlinghauser Schuster Friedrichs das Haus, das unter großen Bäumen zwischen der Detmolder Straße und dem späteren Marktplatz lag.

[Bild: Die Post ist da: Fritz Brathuhn war Postillion. Er brachte Gepäckstücke von Lage über Bielefeld nach Oerlinghausen. | © Biere]

Rege Geschäftigkeit kam in den Räumen allerdings erst im Jahre 1874 auf, als der Postillion Fritz Brathuhn - daher der Spitzname „Villa Brathuhn" - die Immobilie übernahm. Brathuhn stammte von der Oberweser und hatte Amalie, die hübsche Tochter des Oerlinghauser Krugwirts Böhmer geheiratet. Eine Verbindung übrigens gegen den Willen des Vaters, dem weder der Name Brathuhn noch der Beruf des Schwiegersohns als Postkutscher gefallen haben soll.

Die Brathuhns hatten neun Kinder

Jedenfalls war es Brathuhns Aufgabe, mit der Pferdekutsche die Fahrgäste und Gepäckstücke von Lage über Oerlinghausen nach Bielefeld und zurück zu befördern. Einen Karrieresprung machte Fritz Brathuhn einige Jahre später, als er die komplette Posthalterei des Ortes von seinem Vorgänger Gröppel übertragen wurde - mit Güterlager und Postwesen.

Der Oerlinghauser Chronist und Gemeindevorsteher August Reuter erinnerte sich an seine Jugendjahre, die er oftmals in Brathuhns Posthalterei an der Detmolder Straße verbracht

hat. Die Familie Brathuhn hatte ihr Leben offenbar sehr gut im Griff. Neun Kinder wuchsen in dem niedrigen Gebäude auf, alle wurden von Mutter Amalie gut erzogen.

Die vier Töchter, die noch ihre Aussteuer selbst an der Nähmaschinen nähen mussten, heirateten in bessere Kreise. Die fünf Söhne von Brathuhns avancierten zu angesehenen Kaufleuten. Ein Reichsbankbeamter war dabei, ein Sohn wurde gar wohlhabender Rinderfarmer in Argentinien.

Dorfchronist August Reuter liebte offenbar die geschäftige Atmosphäre im Hause Brathuhn. Vor allem die Pferdehalterei für die Postkutschen hatte es ihm angetan. Er durfte die Pferde striegeln, die Hufe säubern und auch das Wasser von der Pumpe auf der anderen Straßenseite - am Eingang des heutigen Weberparks - holen. Und fast jeden Abend, so schreibt er in seinen Aufzeichnungen, sei er mit Pferdstallgeruch nach Hause gekommen. Vor allem die abenteuerlichen Reisegeschichten der Postkutscher, die dort Station machten, hatten es ihm angetan.

In der nächsten Generation kam Brathuhns Haus in den Besitz der Familie Meyer, denn der Postbote Wilhelm Meyer hatte eine Brathuhn-Tochter geheiratet. Nun änderte sich schnell der Spitzname des alten Gebäudes: Brathuhn-Meyer. Und eine Oerlinghauser Premiere fand im hier Jahre 1930 statt: der Sohn der Familie, Harald Meyer eröffnete hier die erste Oerlinghauser Fahrschule.

Plötzlich ein lautes Krachen und eine riesige Staubwolke

Aber als modernes Geschäftshaus eignete sich das alte niedrige Gebäude nicht wirklich.

Harald Meyer hatte auch kein großes Interesse an einer aufwendigen Renovierung, und so verfiel das Gebäude immer mehr. Zwar lagerte der Fahrlehrer im Keller noch bis nach dem zweiten Weltkrieg seine Fahrschul- und Autoutensilien, doch allmählich wurde das Dach undicht, und die Wände neigten sich immer mehr mit der Hauptwindrichtung.

Werner Höltke, der den Verfall des Hauses seit seiner Jugend mitverfolgt hat, sagte: „Es war ein echtes Geisterhaus geworden, nur noch von Ratten, Mäusen und Fledermäusen bewohnt". Um die Wände aufrecht zu halten, hatte Fahrlehrer Harald Meyer dicke Pfähle an allen vier Seiten aufstellen lassen, die dem Gebäude noch ein wenig Halt gaben - bis eben zum Schützenfest des Jahre 1965.

Noch vor dem Abmarsch des Bataillons am Schützenfestmontagmorgen gab es ein lautes Krachen und eine riesige Staubwolke an der Detmolder Straße. Die Schützenbrüder hatten die Stützen des Hauses entfernt, das Gebäude sackte in sich zusammen. Und als Initiator Ernst Niemann dem wutentbrannten Eigentümer Harald Meyer erklärte, das damit ein großer Gefahrenpunkt aus der Oerlinghauser Mitte entfernt worden war und er zudem viele Kosten gespart habe, war auch für ihn wieder die Welt in Ordnung.

Ja, er bedankte sich sogar bei den Oerlinghauser Schützenbrüdern, indem er im Ecklokal „Bremerhafen" den grün-weißen Abbruchunternehmern großzügig eine Runde spendierte.