Gut Niederbarkhausen, sein Mausoleum und die Femlinde

Von Werner Höltke

 

In der heutigen Zeit kann sich eine Region glücklich schätzen, wenn in ihr noch viele alte Bauern- und Gutshöfe aus weit zurückliegenden Gründungszeiten erhalten geblieben sind. Eine nicht mehr gegebene Rentabilität oder das Ausbleiben eines Nachfolgers hat in der letzten Zeit manche bäuerliche Stätte zur Aufgabe gezwungen. Nicht hierzu gehört das zwischen Oerlinghausen und Leopoldshöhe liegende ehemalige Rittergut Niederbarkhausen. Obwohl „Barchusen” erst im Jahre 1036 urkundlich erwähnt wird, reicht seine Entstehung weit in die Sachsenzeit zurück. Nach der Vernichtung der Sachsen im Jahre 782 bei Verden an der Aller übergab Karl der Große den wahrscheinlich verwaisten Hof der Paderborner Kirche. Mit der Frankenherrschaft änderte sich das Besitzrecht aus der Sachsenzeit in Barkhausen und auf anderen Höfen in diesem Gebiet grundlegend. Nach etwa 250-jähriger Zugehörigkeit zur Kirche in Paderborn schenkte Bischof Meinwerk den „Zehnt" des Tafelgutes Barkhausen und den „Zehnt" von fünf zugehörigen Vorwerken, darunter „Orlinchusen", dem neugegründeten Kloster Busdorf bei Paderborn. Die jährlichen Abgaben des Gutes an das Kloster betrugen über eine lange Zeitspanne 36 Scheffel Hafer, 12 Scheffel Roggen und 8 Scheffel Gerste, wobei ein Scheffel etwa 80 Pfund betrug. Zusammen mit dem Korn der anderen abgabepflichtigen Vorwerke wurde es auf einem gutseigenen Kornboden gelagert. Mit dem Ansteigen der Machtbefugnisse der Grafen zur Lippe in der Reformationszeit verringerte sich die Abhängigkeit von der Paderborner Diözese. Nach über 800 Jahren kam der Amtsmeierhof Barkhausen 1607 endgültig zur lippischen Herrschaft. Viele Jahrhunderte wurde die Besitzfolge dieses Hofes so geregelt, dass ein von Paderborn eingesetzter Meier auch Besitzer des Hofes wurde. Nach dessen Ausscheiden trat ein Nachkomme oder Eingeheirateter die Nachfolge an. Nach einem Vortrag des Oerlinghauser Bürgermeisters August Reuter besaß Barkhausen schon im 11. Jahrhundert verschiedene Privilegien. So waren dem Gute außer einer günstigen Besteuerung auch die niedere Gerichtsbarkeit und die Strafgewalt über die Untertanen ihrer zugehörigen Höfe überlassen. In dieser Zeit erstreckte sich der Einfluss des Gutes bis zum Hof Bielefeld, der damals zur Kirche Schildesche gehörte. Die Bezeichnung als Rittergut galt für Barkhausen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Einen herben Rückschlag musste das Gut im Jahre 1605 hinnehmen, als bei einem verheerenden Brand das Hauptgebäude den Flammen zum Opfer fiel. Bis zum Wiederaufbau vergingen drei Jahre. Mit dem Aussterben der männlichen Linie der Meier zu Barkhausen im Jahr 1810 wurde der Amtsrat Rötteken aus Oerlinghausen durch die Heirat der Witwe des letzten Meiers neuer Gutsbesitzer. Im Jahre 1814 wurde Friedrich Tenge, ein vermögender Leinenhändler und Tabakimporteur aus Osnabrück, Eigentümer des zuletzt hochverschuldeten Gutes. Den von ihm günstig erworbenen Besitz mit einer sehr großen Land- und Waldfläche nebst 15 Kötterhäusern übergab er bald darauf seinem Sohn Friedrich Ludwig. Bis zum Jahre 1924 blieb das Gut Eigentum der Familie Tenge. Im gleichen Jahr wurde der Major von Lentzke, der auf dem Gute nur mit „Herr Major" angesprochen wurde, durch die Heirat mit Paula Tenge neuer Eigentümer des Gutes Niederbarkhausen. Nach einer kinderlosen Ehe der von Lentzkes wurde 1949 mit Maximilian von Daniels-Spangenberg ein Verwandter adoptiert. Als im Jahre 1969 die Witwe des Herrn von Lentzke starb, kam das Gut Niederbarkhausen in den Besitz der Familie von Daniels-Spangenberg. Nach dieser kurzen Beschreibung der Besitzverhältnisse des Gutes wollen wir eine Rundwanderung unternehmen. Am Anfang finden wir auf dem Gutshof einen aus Bruchsteinen errichteten Wehrturm. Da über die Entstehung dieser Bauernburg keine Daten vorliegen, können wir davon ausgehen, dass sie am Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen im frühen Mittelalter gebaut wurde. Als auch die Bischöfe Kriege führten, lag das Gut im Interessengebiet der Grafschaften Lippe, Rietberg, Ravensberg und des Bistums Paderborn. Noch im Dreißigjährigen Krieg soll der Wehrturm den Bewohnern des Gutes und der umliegenden Häuser Schutz gewährt haben. Verfallserscheinungen an der Turmspitze zwangen den Gutsherrn Tenge um 1870 zu größeren Umbauarbeiten am Dachgeschoss. Angesichts des Wehrturms fällt mir ein Erlebnis meines Großvaters ein, der als Zwölfjähriger beim Schütteln eines Walnussbaumes vom Barkhauser Förster gefasst und in den Turm gesperrt wurde. Seine Gefangenschaft währte nicht lange, denn er konnte sich an den Glockenseilen herunterlassen und durch die offene Tür entkommen. Nachdem wir den Gutshof in westlicher Richtung verlassen haben, führt nun der Weg am ehemaligen Park entlang zum Stöhnebrinksweg. Dieser Weg wurde Anfang des 19. Jahrhunderts angelegt und war die direkte Verbindung vom Scherenkrug nach Oerlinghausen. Heute hat er nur noch für Fußgänger und Radfahrer eine Bedeutung. Um sein Zuwachsen zu verhindern, müssen die rechts und links des Weges stehenden Bäume alle fünf Jahre geschnitten werden. Bevor wir die nach Oerlinghausen führende Straße erreichen, gehen wir in den links gelegenen Buchenwald. In diesem Waldstück, das in einer alten Flurkarte mit „Christophs Egge" bezeichnet wird und durch den Kalksteinabbau mit einigen Vertiefungen versehen ist, finden wir einen von alten Buchenbäumen umrahmten Sandsteintisch. Von dem annähernd 150 Jahre alten Tisch aus kann man die Gebäude von Niederbarkhausen überblicken. Während wir vom Wäldchen in östlicher Richtung zum Barkhauser Weg gehen, fällt unser Blick auf den Grüteberg und den Wellenbruch, beides Barkhauser Besitzungen. Der nach Oerlinghausen führende Barkhauser Weg war der alte Stöhnebrinksweg, der Kirch- und Leichweg der Bewohner von Barkhausen und der weiteren Umgebung zur Oerlinghauser Kirche. Über viele Jahrhunderte hatte er als ein Teil des Weges von Paderborn über Oerlinghausen an Barkhausen vorbei bis zur Paderborner Besitzung Heerse eine große Bedeutung. In Zeiten der kriegerischen Auseinandersetzungen benutzten auch die verschiedensten Heerscharen diesen Weg beim Durchzug von Süden nach Norden oder umgekehrt. Hierbei haben Oerlinghauser und Barkhauser besonders schwer leiden müssen. Heute hat dieser Weg keine Bedeutung mehr. Das macht sich dadurch bemerkbar, dass ein Teilstück des Weges in jedem Herbst umgepflügt wird. Mit Duldung der Gutsverwaltung bildet sich nach kurzer Zeit immer ein neuer Fußweg. Auf dem Barkhauser Weg wenden wir uns nach links und finden an der linken Seite des Weges zwei gemauerte Schächte. Hier befand sich eine Pumpstation, von der das geförderte Wasser zu einem ca. 200 m entfernten Wasservorratsbehälter gepumpt wurde. Von diesem lief das Wasser mittels einer Rohrleitung zu den Häusern des Gutes. Diese Anlage ist seit Jahrzehnten außer Betrieb; heute wird das Gut von der Gemeinde Leopoldshöhe-Asemissen mit Wasser versorgt. Kurz vor dem Gut überqueren wir den von Oerlinghausen kommenden Grütebach, dieser fließt an Niederbarkhausen vorbei und vereinigt sich bei Greste mit der Windwehe. Das Wasser dieses Baches hatte bis zum Bau der Barkhauser Windmühle im Jahre 1851 mehrere Jahrhunderte lang die gutseigene Wassermühle unterhalb der heutigen B 66 angetrieben. Die alten Flurbezeichnungen „Mühlenkamp” und „Mühlengarten" zeigen den Standort der seit 150 Jahren nicht mehr vorhandenen Mühle an. Bei einem schweren Unwetter im Jahre 1927 verursachte der Bach in der Gärtnerei und an der Umfassungsmauer des Gutes schwere Schäden. Unser weiterer Weg zum Mausoleum führt uns an einer alten Feldscheune vorbei in östlicher Richtung. Nachdem wir die an der rechten Wegseite stehenden alten Baumbestände passiert haben, verlassen wir den Weg und gehen in ein links gelegenes Waldstück, das in der Flurkarte als „Große Egge” bezeichnet wird. In einer alten Mergelkuhle in diesem Walde wurde noch im 19. Jahrhundert Mergel zum Düngen der Barkhauser Felder abgebaut. Nach einer kurzen Wegstrecke im Walde sehen wir linksseitig einen uralten Lindenbaum. Es handelt sich um die Barkhauser Femlinde. Leider sind die letzten Jahrzehnte nicht spurlos an ihr vorübergegangen, denn auf Bildern von vor 1930 war sie noch mit einem mächtigen Stamm versehen. Es ist anzunehmen, dass kleinere Vergehen unter der Femlinde verhandelt wurden und der Frone von Barkhausen das Urteil fällte. Es sollte hervorgehoben werden, dass nicht Oerlinghausen den Richter stellte, sondern Barkhausen. Das galt solange, bis die Vogtei nach Oerlinghausen verlegt wurde. Barkhausen beherrschte damals diese Gegend und hatte seinen größten Besitz in und um Oerlinghausen. Es ist von der Femlinde ein kurzer Weg, der uns auf der „Großen Egge" an alten Steinbrüchen vorbei zum Mausoleum, der Beerdigungsstätte der Familie Tenge, führt. Als im Jahre 1860 die Frau von Friedrich Ludwig Tenge im Alter von 62 Jahren starb, beschloss dieser, in rund 600 m Entfernung vom Gut Niederbarkhausen ein Mausoleum zu errichten. Nach der Fertigstellung wurde seine Frau nach hier umgebettet und erhielt in einem Zinksarg ihre letzte Ruhestätte. Neben ihr stehen heute die Zinksärge ihres Mannes und ihres Sohnes Ludwig. In der Folgezeit sind viele Nachkommen der großen Tenge-Familie hier beigesetzt worden. Nach baulichen Veränderungen wurde der Eingangsbereich mit vier imposanten Säulen versehen. Das ansonsten verschlossene Mausoleum wurde am 6. Tag des Offenen Denkmals im September 1998 zur Besichtigung freigegeben und von vielen Interessierten besucht. Nachdem uns bei einem Gang um das Mausoleum auch Einsicht auf einige Grabstätten gewährt worden ist, gehen wir an der Südseite der „Großen Egge" zurück zum Gut. Damit findet eine kleine Wanderung durch eine uralte Kulturlandschaft ihren Abschluss.