Barkhausen - Zentrum des Osnings durch Jahrhunderte
Von Karl Soll
[Bild: Das »Amt« Barkhausen um 1000 n.Chr.]
Das am nördlichen Rande Oerlinghausens gelegene Gut Niederbarkhausen hat für die Geschichte des Osningbezirkes eine außergewöhnliche Bedeutung. In einer Urkunde vom 25. Mai 1036 wird Barchusen mit der Funktion eines Haupthofes (Zentrum) für den nordwestlichen Teil des Bistums Paderborn genannt, zu dem die Vorwerke Orlinchusen (Oerlinghausen), Meginchusen (Menkhausen bei Oerlinghausen), Burchusen (Borgsen bei Quelle), Hepyn (Heepen) und Ykamannincthorp (Eckendorf) gehören. [Fußnote: Westfälisches Urkundenbuch, Bd. I: Regesta Historiae Westfaliae, hg. von H. A. Erhard, Münster 1847, Nr. 993 = CXXVII] Hier wird also erstmals der Osningteil des Teutoburger Waldes als Einheit urkundlich erwähnt, was für die damalige Zeit verwaltungsmäßige, juristische und kirchliche Funktionen umfaßte, die von Barkhausen als Zentrum für das auch die Vorwerke umfassende Gebiet ausgeübt wurden.
[Bild: Die lippischen Gaue um 800 (auf der Grundlage der Gaukarte im Geschichtlichen Handatlas von Niedersachsen in: Kittel, Heimatchronik, S. 33)]
Die Amtsgewalt des in Barkhausen ansässigen paderbornischen »Amtmannes« reichte so nach Westen über den nördlichen und südlichen Ausgang des Osningpasses hinaus bis an die Grenze zum Bistum Osnabrück, die zwischen Domberg und Werther verlief. Der Barkhauser Haupthofinhaber war also der lokale Ordnungsfaktor des Paderborner Bischofs im Osning, sein Vertreter für alle anfallenden Probleme. Er hatte so die Funktion eines Untergrafen des Habergo (Hafergau), eines Untergaues des Wehsigau, zu dem auch der Aagau (um Herford) und der Limgau (um Lemgo) gehörten.[Fußnote: Das für den Wehsigau zuständige »Gogericht auf dem Heyenloh« tagte bei Schötmar und umfaßte alle Untergaue. Die anliegende Ausschnittkarte aus dem geschichtlichen Handatlas Niedersachen verdeutlicht den Umfang des Wesigaues. In: E. Kittel, Heimatchronik des Kreises Lippe, 2. verb. u.,erg. Aufl., Köln 1978, S. 40.] Der Paderborner Bischof übte zu jener Zeit neben seiner geistlichen Funktion auch die Herzogsgewalt in seinem Bistum aus. also die weltliche Macht.
Da es für Ostwestfalen, und besonders für den Osning, aus jener Zeit nur verhältnismäßig wenige Urkunden gibt, ist die Urkunde vom 25. Mai
1036 - in der eine Schenkung des Zehnten von bisherigem Paderborner Bischofsgut, nämlich von 17 Haupthöfen mit 71 Vorwerken (darunter der Haupthof Barkhausen mit den 5 Vorwerken) als Erstausstattung an das vom Paderborner Bischof Meinwerk soeben gegründete Kloster Busdorf (an der Ostseite des noch kleinen Paderborn) festgehalten wird - zugleich eine wichtige Beschreibung der politischen Zusammenhänge im Osning. Aus ihr lassen sich für diesen Raum erstmals Abhängigkeiten, nämlich vom Haupthof Barkhausen des Paderborner Bischofs, erkennen, während andere Urkunden für diese Gegend bis zu dieser Zeit immer nur kleine lokale oder personenbezogene Veränderungen deutlich werden lassen. [Fußnote: Wie lange diese 1036 in der Urkunde genannten Abhängigkeiten Bedeutung hatten, zeigt das lippische Salbuch von 1614. Danach zahlten Barkhausen und die ehemaligen Vorwerke (jetzt Meierhöfe) Eckendorf, Heepen und Menkhausen noch jährlich Abgaben an das Kloster Busdorf. Borgsen fehlt in dieser Aufstellung, weil es vom lippischen Edelherrn bereits 1347 verpfändet worden war. Lippische Regesten, bearb., von (). Preuß u A. Falkmann, Bd. 2, Lemgo u. Detmold 1891, Nr. 891.] Über die Einwohnerzahlen des Osningbezirks um 1000 n. Chr. gibt es natürlich keinerlei Nachweise, doch da es sich um eine rein agrarisch/forstlich genutzte Landschaft handelte, kann man wohl von etwa 100 Einwohnern je Vorwerk und 200 auf dem Haupthofe ausgehen. Das ebenfalls als Vorwerk genannte Oerlinghausen dürfte in seiner Funktion als zentraler Kirchort des Haupthofbezirks bei den Vorwerken erwähnt sein. Angesichts der für den Ackerbau ungünstigen Lage an der Paßstraße über den Westabhang des Tönsberges (Antoniusberges) wird es wohl auch nur rund 100 Einwohner gehabt haben. So wäre also von knapp 1 000 Einwohnern für den Amtsbereich des Haupthofes Barkhausen um 1000 n.Chr. auszugehen. Das würde den Schätzungen des Landeshistorikers Homberg entsprechen, der für das gesamte Sachsenland östlich des Rheins bis zur Elbe und vom Hellweg (der heutigen Bundesstraße 1) bis zur Nordsee, von etwa 300 000 bis 400 000 Einwohnern um 900 n.Chr. ausgeht; und das wird 100 Jahre später kaum wesentlich anders gewesen sein. [Fußnote: A. K. Homberg, Westfälische Landesgeschichte. Münster 1967, S. 21.]
Die weiten Kirchwege der Christianisierungszeit in und nach den Sachsenkriegen wurden für die Bevölkerung durch neue Kirchenbauten im Verlaufe der Zeit kürzer. Wiesen die ersten Kirchspiele im eroberten Sachsenlande noch einen Radius von etwa 15 km auf [Fußnote: Kittel, 1 Heimatchronik (wie Anm. 2), S. 44.], wobei Oerlinghausen in der Mitte des Hafergaus zwischen Werre im Osten und der Westgrenze des Bistums bei Dornberg lag, sorgten inzwischen Kirchenbauten in Lage, Stapelage, Brackwede und Heepen (die beiden letzteren unter Bischof Meinwerk um 1030), das Stift Schildesche (939) sowie Eigenkirchen wie die in Dornberg an der Bistumswestgrenze für wesentlich kürzere Kirchwege. [Fußnote: W. Schmücker, Die Kirchengründung in Brackwede, in: 800 Jahre Brackwede. Festschrift, hrsg. von der Gemeindeverwaltung, Schriftl. K. Triebold, Brackwede 1951, S. 37 ff.]
Durch Rodungen und die mehr und mehr üblich werdende Dreifelderwirtschaft begann auch der langsame Anstieg der Bevölkerungszahl, so daß Kirchbauten nun erst tragbar wurden. Bischof Meinwerk setzte sich dafür besonders ein, um den Bewohnern seines Bistums die Erfüllung der christlichen Pflichten durch kürzere Wege zu erleichtern. [Fußnote: Vita Meinwerci, zitiert nach Schmücker, Brackwede (wie vor), S. 43, Anm. 45.]
In einer Urkunde aus dem Jahre 1231 erhält Oerlinghausen als zentraler Kirchort des Osnings gewissermaßen nachträglich seine Bestätigung. [Fußnote: "Urkundenbuch der Stadt und des Stiftes Bielefeld, bearb. von Bernhard Vollmer. Bielefeld u. Leipzig 1927, Nr. 1 I; F. Gerlach, Der Archidiakonat Lemgo in der mittelalterlichen Diözese Paderborn, Münster 1932, S. 26.] In ihr wird nämlich die Auflösung des Archidiakonats Oerlinghausen im Rahmen einer Neuordnung des Bistums Paderborn angezeigt, durch die sechs wesentlich vergrößerte Archidiakonatsbezirke statt der bisherigen vielen kleinen geschaffen werden. Der Archidiakonat Oerlinghausen wird darin mit der Kirche in Heepen und Kapellen dem Archidiakonat Lemgo zugeordnet. So wird erst durch diese »Auflösungsurkunde« aktenkundig, daß Oerlinghausen vorher der Sitz des kirchlichen Zentrums für den von Barkhausen verwalteten Osning war. Für die Einrichtung und das Bestehen der Oerlinghauser Kirche in dieser Funktion fehlen jegliche Unterlagen. Damit wird deutlich, daß für jene Zeit der Historiker, der seine Aussagen allein nach dem vorhandenen Urkundenbestand und nicht durch Rückschlüsse aus späteren Urkunden und Gegebenheiten trifft, oft nur wenige Ausagen machen kann.
Barkhausens Bedeutung vor der Meinwerkschenkung
Da Barkhausen in der Urkunde von 1036 als Paderborner Haupthof bezeichnet wird, ergibt sich die Frage, warum und wie lange er das schon war. Darauf gibt es keine Antwort aus den vorhandenen Urkunden, so daß man sie aus anderen historischen Tatbeständen ableiten muß, wenn sich Anhaltspunkte dafür finden.
Die Frage „Warum?“ ist verhältnismäßig leicht zu beantworten, denn Barkhausen war eindeutig der größte Gutshof im Osning und ist es mit
[Bild: Niederbarkhausen von Norden gesehen. Im Hintergrund der Kamm des Tönsberges, auf dessen Ostende das fränkische Osningzentrum lag (Foto: K. Soll)]
260 ha Acker, Weiden und Wald noch heute. Wie groß das Gut nach der Christianisierung im 9. Jahrhundert war, ist schwer zu sagen. Es dürften jedoch 400 bis 500 ha gewesen sein, denn die Hausgrundstücke von Oerlinghausen (vor der Kommunalreform 1973) und das Tönsberggebiet waren früher ebenfalls Barkhauser Grundbesitz, das zeigen Urkunden, Nachrichten und die lippischen Salbücher des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Letztere weisen Barkhausen bei den Abgaben eindeutig als größten Zahler an den Landesherren aus. Sie belegen außerdem, daß 1616/17 in Oerlinghausen 11 von 21 genannten Hausstätten und im nordöstlich vom Gute Barkhausen gelegenen Orte Mackenbruch 10 von 23 Hausstätten mit Abgaben an Barkhausen genannt werden (Bauern gab es im Dorfe Oerlinghausen nicht). [Fußnote: Salbuch der Vogtei Oerlinghausen 1616/17, in: Die lippischen Landschatzregister von 1590 und 1018. Münster 1964, S 10 f. u. 16 f.]
Für die Frage „Wie lange war Barkhausen schon das Zentrum des Osnings?“ ist die Antwort wohl nur aus der allgemeinen Geschichte des hiesigen Raumes zu finden, und sie wird untermauert durch die Ergebnisse von Archäologen, die in der Wallburg auf dem Ostende des Tönsberges gegraben haben. So haben sowohl Schuchardt, der als Archäologe dort seit 1892 Ausgrabungen durchführte, wie auch Hohenschwert, der in den Jahren 1968 bis 1972 grub, festgestellt, daß die Wallburg während der Sachsenkriege Karls des Großen und in der fränkischen Zeit, also vor 1200 Jahren, große Bedeutung gehabt hat, denn die an vielen Stellen, vor allem an den beiden Toren, auftauchenden Kalkmörtelspuren beweisen einen Ausbau der Wallburg in jener Zeit. [Fußnote: C. Schuchardt, Die frühgeschichtlichen Befestigungen in Niedersachsen, Bad Salzuflen 1924, S. 67 f.; Fr. Hohenschwert, Ur- und frühgeschichtliche Befestigungen im Land Lippe, Lemgo 1978, S. 24 ff. Ein Plan der Wallburg mit Ausgrabungsstellen findet sich in: Oerlinghausen, Geschichte und Geschichten, hrsg. von der Stadt Oerlinghausen, Oerlinghausen 1984, S. 23.]
Als früheres sächsisches Verteidigungszentrum mit Trockenmauern war die Wallburg ein Symbol des sächsischen Widerstandes gegen Karl und die Christianisierung, und deshalb haben die Franken sie übernommen und zum mit Mörtelmauern befestigten Stützpunkt stark ausgebaut. Damit war sie das erste geschützte Zentrum mit fränkischer Besatzung im Osning. Die hinter dem Tor auf dem Bergkamm von Schuchardt und Hohenschwert gefundenen Fundamente eines Saalbaues von 21 x 8 m Ausdehnung sind ein wichtiger Beweis für die Nutzung durch eine Besatzung. Ob sogar die Vermutung Schuchardts zutrifft, daß die Wallburg ein Königshof war, oder nur das einzige durch eine ständige Besatzung geschützte Zentrum im Hafergau, ist nicht so wichtig.
Die Zentrumsfunktion im zu christianisierenden oder gerade christianisierten Osningraum bedeutete die Zuständigkeit des »Kommandanten« für alle in seinem Bereich auftretenden Probleme, sowohl für militärische, verwaltungsmäßige, juristische wie kirchlich-missionarische. Karl »betrachtete ganz Sachsen nunmehr [seit 780] schon als einen Teil seines Reiches und entschloß sich, die innerpolitischen Verhältnisse des eroberten Landes durch Gesetze zu regeln. Auf der dritten Reichsversammlung, wiederum in Lippspringe [782], richtete er für das ganze Land eine Verwaltung nach fränkischem Muster ein. Das Land wurde in kleine Bezirke [Grafschaften], etwa von der Größe eines heutigen Landkreises [vor der Kommunalreform 1973] eingeteilt und an ihre Spitze ein beamteter Verwaltungsmann (>comes<, Graf) gestellt,... gleichzeitig auch oberster Gerichtsherr in seinem Bezirk ... und in unmittelbarem Auftrage des Königs, unter Königsbann« richtend, der auch »die wehrfähige Mannschaft seines Kreises aufzubieten und dem Heere des Königs zuzuführen hatte. Die Amtssitze des Grafen wurden zu befestigten Königshöfen >curtes< ausgebaut ... und mit einer militärischen Besatzung belegt, so daß .sie im Kriegsfälle als Etappenstation dienen konnten.« [Fußnote: Gustav Engel, Politische Geschichte Westfalens, Köln 1968, S. 42; etwas anders formuliert in der 4. stark veränderten und erg. Aufl., Köln 1980, S. 55.]
Da mit der fränkischen Besatzung notwendigerweise auch ein Priester für deren gottesdienstliche Betreuung in der Burg zu sein hatte, bedeutet das, daß nach den harten Sachsengesetzen von 782 und 785 für jeden Widersacher Karls und des Christentums der Sachsen das Standrecht der Capitulatio de partibus Saxoniae, also die Todesstrafe, galt, wenn er nicht die kirchlichen Riten erfüllte, also dem Gottesdienst fernblieb. [Fußnote: Ebd.] »Die wenigen Geistlichen, welche die fränkischen Heere begleitet hatten und in den Kapellen der Königshöfe und fränkischen Burgen amtierten, konnten diese größere Aufgabe« [Fußnote: Hömberg (wie Anm. 4), S. 21.] der Missionierung und gottesdienstlichen Betreuung des Umlandes der Besatzungsstandorte kaum auf Dauer erfüllen. Das galt natürlich auch für den bzw. die Geistlichen der Wallburg auf dem Tönsberg und deren Zuständigkeit für die knapp 1000 Einwohner des Osning, wenn nicht ein Grundbesitzer eine Eigenkirche baute, wie Waltger das offensichtlich in Dornberg tat. [Fußnote: Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld. Bd. I: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Bielefeld. 2. verb. Aufl. 1989, S. 30.]
Wie lange dieses allzuständige Zentrum für den Osningbezirk in der Wallburg auf dem Tönsberg in Funktion geblieben ist, bleibt unklar. Aufgrund der verhältnismäßig wenigen Funde bei den Ausgrabungen in der Burg kommt Hohenschwert aber zu dem Ergebnis: »Es bleibt noch ungeklärt, warum diese für ihre Zeit große und stark befestigte Anlage schon bald aufgegeben wurde«. [Fußnote: Hohenschwert (wie Anm. 10), S. 44.] Und an anderer Stelle sagt er dazu: »Der Ausbau in fränkischer Zeit wurde wahrscheinlich eingestellt, als man erkannte, daß sich für den planmäßigen Landausbau bessere Standorte fanden, die eine gute Entwicklung versprachen. Der einstmals so bedeutende Platz geriet spätestens in Vergessenheit, als im heutigen Oerlinghausen die frühe Kirche entstand und die Siedlung sich entwickelte.« [Fußnote: Fr. Hohenschwert, in: Oerlinghausen, Geschichte (wie Anm. 10), S. 28.]
Während der Archäologe am Ende seiner Ausgrabungen seinen Schluß mit Fragezeichen versieht, hat der Historiker weiter nach einer Anwort, nach einer Lösung zu suchen, die wegen fehlender Urkunden und Berichte zwar nicht belegbar ist, angesichts der fortgeschrittenen Entwicklung und der daraus ableitbaren Umstände und Gegebenheiten jedoch als ziemlich eindeutig gelten kann.
Was liegt angesichts der aus der Allgemeingeschichte beweisbaren Zuständigkeit des Paderborner Bischofs in der Stellvertretung Karls und seiner Nachfolger für seinen Missionsbezirk in der ruhig und sicher gewordenen Folgezeit näher als die Verlegung des ihm unterstehenden Zentrums aus der unwirtlichen und schlecht zugänglichen Tönsberg-Wall-burg an ein wesentlich verkehrsgünstigeres großes Gut, das auch die Versorgung der Besatzung und des Personals erleichterte. Ob es bereits in seinem Besitz war oder nicht, ist unklar; aber das ließ sich in jenen Zeiten der Zwangsumsiedlungen von Sachsen schnell regeln. Den Ausschlag für die Verlegung des Zentrums werden die Beruhigung des Sachsenlandes nach den 33 Kriegsjahren und eine wesentliche Verbesserung der Umstände für die Erfüllung seiner Funktionen gegeben haben.
Daß die Wahl des Bischofs auf ein am Nordrand des Osnings liegendes großes Gut nicht sehr weit von der Wallburg entfernt fiel, ist naheliegend. Den Namen Barchusen (Burchusen, Burghausen) wird es wohl erst mit seiner neuen Funktion als Zentrum des Osnings erhalten haben, denn das sicherlich schon vorher bestehende Gut, das zu den ältesten lippischen Höfen gehört [Fußnote: Niederbarkhausen, in: Burgen, Schlösser Herrensitze, Kirchen, Bauernhöfe, Bürgerhäuser in Lippe, zusammengest. u. bearb. von V. Wehrmann, Detmold, 4. Aufl. 1990, S. 76.], bestand wohl schon in sächsischer oder gar germanischer Zeit. Über die frühesten Bauten im Bereich der Hofanlage ist aber nichts bekannt. Da der Namensteil -husen in den Siedlungsnamen erst nach -trup (-thorb) auftaucht, ordnet man die »-husen-Namen« der fränkischen Zeit zu, während die »-trup-Namen« früher auftauchen. [Fußnote: F. Brand, Die Lage Oerlinghausens im siedlungsräumlichen Gefolge der -trup- und -hausen-Orte, in: Oerlinghausen, Geschichte (wie Anm. 10), S. 34.]
Auch die ungewöhnliche Ausdehnung des Gutsareals Barkhausen vom Ackerland am Nordrand des Osnings über den Tönsberg hinweg bis in die Senne südlich des Osnings wird wohl erst durch Arrondierungen nach Übernahme der neuen Funktion als Zentrum und bischöfliches Tafelgut zu erklären sein. Da das Gut am Nordausgang der Oerlinghauser Paßstraße durch den Osning liegt, war es für den Verkehr von Paderborn zu den bei Schötmar gelegenen Bischofsgütern Bexten und Heerse sowie nach Heepen und Eckendorf eine wertvolle Zwischenstation.
Daß mit der Verlegung des Tönsbergzentrums auch eine neue Lösung für den Gottesdienstbesuch der Osningbewohner notwendig wurde, ist klar. So ist wohl der Kirchenbau am Westabhang des Tönsberges neben der Paßstraße zu erklären. [Fußnote: Leider hat man 1930 beim Umbau der Oerlinghauser Kirche im Innern versäumt, Grabungen durchzuführen. So kann keine Aussage über den karolingischen bzw. romanischen Vorgängerbau gemacht werden. Das wesentlich höhere Niveau des Kirchenschiffes gegenüber dem des alten Turmes wirkt jedoch sehr seltsam und wirft Fragen auf nach der Gestalt der Vorgängerkirche.] Für den Kirchenbau dort spricht nach Meinung der Historiker Gerlach, Schmücker und Engel die markante Lage, weithin sichtbar an einem Berge und an der Paßstraße. Eine solche Lage ist nach der Meinung von Gerlach charakteristisch für eine »Gaukirche«, weil sie ihre Dominanz deutlich werden läßt. [Fußnote: Gerlach (wie Anm. 8), S. 26; Schmücker (wie Anm. 6), S. 42 IT.: G. Engel, »Heepen«, Kirchspiel im Grenzraum, in: 62. JBHVR 1962, S. 150.] Ob sie als erster Kirchenbau im Osning sofort oder irgendwann in der Folgezeit zur Archidiakonatskirche erhoben wurde, ist nicht so wichtig.
Der durch diesen Bau für die Kirchgänger wegfallende Aufstieg auf den Tönsberg bedeutete vor allem bei unwirtlichem Wetter eine wesentliche Erleichterung. Aus den genannten Gründen und wegen der Wahl des Alexander-Patrociniums (seine Gebeine wurden 851 von Rom nach Wildeshausen überführt) dürfte der Bau der neuen Kirche Mitte bis Ende des 9. Jahrhunderts mit Zuweisung des Pastoren- und Küsterlandes auf zu rodendem Bischofsbesitz (Barkhauser Areal) erfolgt sein.
Mit der Kirche wurde die Grundlage für eine kleine Siedlung um sie herum geschaffen, und zwar zu einer Zeit, als das Biliveld vermutlich noch zum »Vorwerk« Heepen gehörte; wie diese Kirchensiedlung aussah, ist unklar. Oerlinghausen, der Kirchort, wird 1036 in der Meinwerkurkunde bei den Vorwerken genannt; einen Bauernhof, der den Begriff Vorwerk gerechtfertigt hätte, hat es im Kirchort aber nie gegeben.
Das bisher Ausgeführte läßt zusammenfassend für den Osning die Feststellung zu, daß sich das weltliche Zentrum schon vor der Meinwerkschenkung lange Zeit auf dem paderbornischen Haupthofe Barkhausen befand und Oerlinghausen daneben das kirchliche Zentrum war.
Die kirchliche Entwicklung im Osningraum nach 1036
Wie bereits oben ausgeführt, blieb Oerlinghausen bis 1231 Sitz des Archidiakonats für den Osningraum. Warum in der betreffenden Urkunde für den westlich vom neuen Archidiakonatssitz Lemgo gelegenen Raum neben der Oerlinghauser Kirche nur noch die in Schötmar und Heepen erwähnt werden, die »...mit ihren Kirchen und Kapellen« nun Lemgo zugeordnet werden, ist unklar, denn eine Funktion der Heeper Kirche, die die Erwähnung in der Urkunde rechtfertigt, während die nachweislich ebenfalls bereits vorhandene Kirche in Brackwede nicht erwähnt wird, ist nicht ersichtlich. [Fußnote: Schmücker (wie Anm. 6), S. 43 I.] Es sei denn, daß damit das Vorhandensein der in der neuen Stadt Bielefeld bereits bestehenden, noch zum Heeper Kirchspiel gehörenden Kapelle unterstrichen werden sollte (sie wurde erst 1236 als selbständige Kirche vom Heeper Kirchspiel abgepfarrt).
[Bild: Die kirchliche Gliederung am Ende des Mittelalters mit Hervorhebung des Kirchspiels Oerlinghausen (nach Kittel, Heimatchronik des Kreises Lippe, S. 36)]
Gerlach, Schmücker und Engel vertreten die Meinung, daß es sich bei den Kirchen in Heepen und Brackwede um etwa gleichzeitige Abpfarrungen von der Oerlinghauser Kirche zur Zeit Meinwerks handelt, sie also vor 1036 erfolgten. Die Patrozinien von Heepen (Peter und Paul) und Brackwede (Bartholomäus) entsprechen denen, die Meinwerk in Paderborn für die von ihm angeregte Bartholomäuskapelle und das neue Abdinghofkloster (Peter und Paul) wählte.
Die Zugehörigkeit Brackwedes zum Archidiakonat Oerlinghausen war 1036 wahrscheinlich aber noch nicht sehr alt, denn zur Zeit der Christianisierung gehörten die südlich des Osnings gelegenen Teile des Bistums Paderborn auch zu südlich gelegenen Urpfarreien, so die Brackweder Gegend zur Kirche in Delbrück oder Boke bei Delbrück; für sie sind Abgaben aus Brackwede urkundlich bezeugt. [Fußnote: Engel, in: Brackwede (wie Anm. 6); S. 48 f.] Vielleicht war erst mit der Schenkung Burchusens durch Hidda um 1020 und der damit verbundenen Zuordnung zum Haupthof Barkhausen (wie 1036 urkundlich belegt) auch die kirchliche Unterstellung des Gebietes von Quelle-Brackwede zur viel besser erreichbaren Kirche in Oerlinghausen erfolgt. [Fußnote: Nach der Reformation in Lippe blieb im südlichen Teil des Oerlinghauser Kirchspiels, das bisher auch die dünn besiedelten Senneteile um Stukenbrock und Liemke umfaßte, das katholische Bekenntnis erhalten. Damit ergab sich die Notwendigkeit der Abtrennung dieser Kirchspielteile, und es entstand dort die katholische Kirchengemeinde Stukenbrock, die nur Einwohner der Grafschaft Rietberg und des Hochstifts Paderborn umfaßte.]
Im Laufe der Zeit erfolgten dann im Osningraum weitere Kirchenbauten nur in der wachsenden, aber ravensbergischen und damit von Oerlinghausen unabhängigen Stadt Bielefeld, daneben aber auch innerhalb des Stiftsbezirks Schildesche.
Der letzte kirchliche Zusammenhang des westlich von Oerlinghausen gelegenen Osningraumes mit dem früheren karolingischen Zentrum auf dem Tönsberg und danach zur Oerlinghauser Kirche blieb noch bis 1855 bestehen. Erst da wurden die längst ravensbergisch-preußisch gewordenen Bewohner in Ubbedissen, Lämershagen und der Bauerschaft Senne II nach fast 1100 Jahren Zugehörigkeit von der Kirche in Oerlinghausen abgepfarrt. [Fußnote: »Am 26.8.1855 wurde in Gottesdiensten in Ubbedissen und Senne II den eingeladenen Gemeindegliedern bekanntgegeben (in Ermangelung von Gottesdiensträumen auf einet Ubbedisser Bauerndeele bzw. nachmittags in der Schule Senne II), daß vom zuständigen Ministerium in Berlin die neue Kirchengemeinde Ubbedissen als für beide Orte zuständig die Anerkennung erhalten habe.« .1. Meyersieck: Chronik der Kirchengemeinden Ubbedissen und Lämershagen, Brake b. Bielefeld 11968|, S. 37.] Doch die neue Kirchengemeinde im lutherischen Ravensberg entstand nicht ohne Schwierigkeiten. Obwohl die Oerlinghauser Kirchengemeinde inzwischen mit über 12 000 weit auseinander wohnenden Gemeindegliedern für eine echte Seelsorge durch ihren Pfarrer viel zu groß war, gab es in Ubbedissen und Senne II Widerstand gegen die Absichten der lutherischen ravensbergischen Kircheninstanz zur Einrichtung einer neuen Kirchengemeinde in Ubbedissen. Die Einschaltung höherer Instanzen in Berlin wurde notwendig, um die Bedenken und den Widerstand der meisten Gemeindeglieder gegen die Abpfarrung von Oerlinghausen zu überwinden. 1852 war selbst der preußische König eingeschaltet worden, doch die Ablehnung in den Gemeindeversammlungen blieb. Der in einer Gemeindeversammlung anwesende ravensbergische Superintendent mußte nachher im Protokoll sogar den Vermerk lesen: »Sie wären gern bereit, eine eigene Kirchengemeinde in Zukunft zu bilden, wenn sie darin das wiederfänden, was sie in Oerlinghausen überhaupt und insonderheit auch in Bezug auf ihre kirchlichen Gebräuche aufgeben müßten«. [Fußnote: Ebd. S. 33.] Pfarrverweser wurden in Ubbedissen eingesetzt, aber da sie lutherisch waren, blieben die Voreingenommenheit und die Ablehnung.
Wie stark der Widerstand war, wird schließlich in der salomonischen Entscheidung des Berliner Ministeriums vom 20.10.1856 deutlich. Sie besagt: »Die neue Gemeinde wird Evangelische sowohl reformierten wie lutherischen Bekenntnisses umfassen. Beide haben Anspruch auf Berücksichtigung ihres konfessionellen Interesses ... Insofern einzelne Gemeindeglieder dem reformierten Bekenntnis noch ferner ausschließlich dienen wollen, wird ihnen gestattet sein, sich in den die Konfession besonders berührenden Akten nach wie vor nach Oerlinghausen zu halten«. [Fußnote: Ebd„ S. 37.] So erhielt Ubbedissen aus Rücksicht auf die lange reformierte Tradition mit Oerlinghausen den Status einer unierten Kirchengemeinde im lutherischen Ravensberg. Und ebenso berücksichtigte man das alte reformierte Bekenntnis der Gemeindeglieder, als in Senne II durch Abpfarrung von Ubbedissen am 15.10.1878 die Mutterkirche der heutigen Sennestadtgemeinde mit uniertem Bekenntnis gegründet wurde.
Vom Haupthof Barkhausen zum Amt Oerlinghausen
Die vom Paderborner Haupthof ausgeübte weltliche Gewalt wurde seit 1200 n.Chr. zunehmend durch die neu entstehenden Territorien Ravensberg, Lippe und Rietberg sowie durch die Stifte Herford, Schildesche und andere Grundherrschaften eingeengt. Die ursprünglich unbedeutenden weltlichen Grundherren nutzten, wie damals überall üblich, die ihnen übertragene Vogteigewalt über Kirchen- und Klosterbesitz, wo sie die weltlichen Aufgaben des Strafens bei Vergehen ausübten, durch Hagengründungen in bisher unbesiedelten Gebieten und erworbene Kompetenzen in der Gerichtsbarkeit für bestimmte Bezirke (darunter vor allem als Holzgraf in der Markgenossenschaft), um ihre eigenen Einflußbereiche auszuweiten und von der wachsenden Einwohnerzahl Abgaben für sich zu bekommen. Mehr Rechte über mehr Menschen zu gewinnen oder zu behalten, war inzwischen die allgemeine Tendenz zur Ausbildung von Territorien geworden. Mitgift in Form von Grundbesitz und Erbfälle trugen dazu bei, aber ebenso auch der Kauf von Rechten in benachbarten Gebieten.
Das führte schon bald dazu, daß um 1200 n.Chr. Streubesitz verschiedener Grundherrschaften im Osningraum anzutreffen war, vor allem solcher der Edelherren zur Lippe, die sich als paderbornische Vögte des Haupthofes Barkhausen und seiner Vorwerke in dessen Besitz setzten, so daß damit auch diese als Meierhöfe lippisch wurden. Aus dem Haupthof Barkhausen war so das lippische Amt Barkhausen geworden mit bedeutendem Grundbesitz im westlichen Osning, nämlich Eckendorf, Heepen, Sieker, Wrachtrup (Lämershagen), Borgsen und Ubbedissen. Da die Rodungen von diesen Stützpunkten aus weiter fortschritten, bedeutete das auch mehr Besiedlung und damit mehr Abgabepflichtige für den Grundherrn. Rodungsgewinn war im Mittelalter Herrschaftsgewinn. [Fußnote: Ausführlich dazu Engel, Heepen (wie Anm. 20), S. 133 IT. Heepen wird 1409 geradezu als lippisch bezeichnet: Lippische Regesten (wie Anm. 3), Bd. 4, Nr. 3120 und 3213.] Hörige Bauern saßen auf den Höfen, konnten sie an ihre Söhne vererben, aber nicht eigenmächtig darüber verfügen, denn das konnte nur der Grundherr.
Von Westen kommend, nutzten die zu Ende des 12. Jahrhunderts bei Borgholzhausen auf der Ravensburg plötzlich auftauchenden Grafen von Ravensberg den ihnen von den Paderborner und Osnabrücker Bischöfen übertragenen Forstbann beiderseits des Osningpasses am Bilivelde zu planmäßigen Hagengründungen und erhielten auch das wichtige Recht zur Gründung einer Stadt im Bilivelde. 1240 oder 1244 gewannen sie die Vogtei über das Stift Schildesche, ein wichtiger Zugewinn für ihre Machtausweitung über dessen Streubesitz im Osning (Lübrassen, Selhausen u.a.). Um 1250 machten sie ihre gewachsene Bedeutung im Osning durch den Bau der Burg auf dem Sparrenberge oberhalb der 1214 gegründeten Stadt Bielefeld für jedermann deutlich. Die Grafschaft Ravensberg hatte Gestalt gewonnen, der wichtigste Konkurrent der lippischen Edelherren und damit des Amtes Barkhausen im Osningraum hatte sich eingestellt.
Der lippische Einfluß im westlichen Osning bestand zwar weiter, nahm aber ab. So wurde das 1036 in der Meinwerkschenkung als Vorwerk Barkhausens genannte Burchusen (Borgsen) bereits 1376 an einen Ritter von dem Wolde verpfändet und nicht wieder eingelöst. [Fußnote: lippische Regesten (wie Anm. 3), Bd. 2, Nr. 1020 (Verpfändung Borgsens).] Auch die Hagengründungen der Ravensberger Grafen im Osningpaß (Sandhagen) und bei Heepen (Altenhagen) sowie der Erwerb des neben dem lippischen Meierhof Sieker liegenden Meierhofes Ehlentrup zeigen das. Dagegen beweisen die Hagengründungen der Edelherren zur Lippe im Raum Altenhagen wie in Lämershagen und Gräfinghagen das Bemühen um Erhalt der lippischen Stellung im Raume Heepen. [Fußnote: Engel, Heepen (wie Anm. 20), S. 151; dazu auch die dem 62. JBHVR beiliegenden Karten 3 und 4.]
[Bild: Die Verwaltungsgliederung des Landes Lippe am Ende des Mittelalters mit Hervorhebung des Amtes Barkhausen (nach Kittel, Heimatchronik des Landes Lippe, S. 74)]
Ein Vertrag zwischen dem Edelherm zur Lippe und dem Herzog von Jülich-Berg-Ravensberg aus dem Jahre 1491, der die Grenzen zwischen den Interessengebieten beider und einen Austausch von grundherrlichen Rechtsansprüchen durch eine Grenze am Menkhauser Bach (Schopke), am Sussiekbach und an der Windwehe (Ubbedissen/Bechterdissen) enthält, zeigt deutlich, daß beide Territorialherren an einer gütlichen Übereinkunft interessiert waren, um ihre beiderseitigen Landesherrschaften zu festigen. [Fußnote: Lippische Regesten (wie Anm. 3), Bd. 4 (Detmold 1868), Nr. 2772.] Soweit die Grenze nicht durch die genannten Bäche festgelegt war, steckte man sie gemeinsam ab. Eine Ausnahme bildeten jedoch die Meierhöfe zu Heepen und Sieker, die weiterhin im Besitz der Lipper Edelherren blieben. [Fußnote: Engel (wie Anm. 20), S, 149.]
[Bild: Niederbarkausen mit dem mittelalterlichen Festungsturm (Nach einem Aquarell von Emil Zeiß, 1875, abgebildet bei W. Hansen, Lippische Ansichten aus alter Zeit, Detmold 1958, T. 38)]
Das Amt Barkhausen wurde damit (bis auf diese beiden Meierhöfe) auf seinen lippischen Teil begrenzt, der von dem Dorfe Oerlinghausen (mit Lipperreihe im Süden) bis Heipke, Hovedissen und Eckendorf im Norden reichte, also den lippischen Teil des Kirchspiels Oerlinghausen umfaßte. Diese Grenzziehung von 1491 ist auch jetzt noch als Grenze zwischen Bielefeld und Lippe gültig.
Das Gut Barkhausen läßt heute noch beim Anblick erkennen, daß es im Mittelalter große Bedeutung hatte, denn in seiner Mitte steht ein aus Naturstein gemauerter Fluchtturm mit Schießscharten. Er ist der einzige Zeuge der früheren Bebauung und stammt vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Inzwischen hat er für die jetzige friedliche Nutzung aber einen Zugang auf Hofniveau erhalten, was den Eindruck leider abschwächt. Von der hohen, wehrhaften Mauer, die noch im 17. Jahrhundert die gesamte Hofanlage umgab, sind nur noch Reste erhalten. Das Herrenhaus wurde nach einem Brand im Jahre 1607 im barock-klassizistischen Stil wieder aufgebaut. [Fußnote: Eine Federzeichnung des Gutes, die 1900 nach einer Vorlage aus dem 17. Jahrhundert angefertigt wurde, vermittelt einen Eindruck von der früher das Gut umgebenden hohen Mauer. In: Wehrmann, Burgen (wie Anm. 17), S. 78.]
Die Besitzer des Gutes Barkhausen hatten irgendwann den Hofnamen als Familiennamen (Meier zu Barkhausen) angenommen, wohl um ihre Funktion deutlich zu machen. Der letzte Hofbesitzer mit Namen Barkhausen starb 1770. Die Familie hatte in der Oerlinghauser Kirche ein Erbbegräbnis, das aber nach 1860 beim Umbau der Kirche ebenso beseitigt wurde wie ein mit Barkhauser Wappen geschmückter Lehnstuhl auf der Empore. [Fußnote: O. Preuß, Die baulichen Altertümer des lippischen Landes. 2. verm. und verb. Auflage 1881, S. 89.]
Wie lange die Verwaltung des Amtes Barkhausen noch in der mittelalterlichen Tradition bei dem Hofbesitzer lag oder ob inzwischen vom lippischen Landesherrn Veränderungen im Landesinteresse herbeigeführt worden waren, ist nicht zu sagen. Anfang des 16. Jahrhunderts änderte sie sich aber nachweislich, denn 1535/36 erließ der inzwischen zum Grafen gewordene Landesherr Simon V. »eine Ordnung für die Rechnungslegung der Ämter und bemühte sich, die nach Pfand- oder Pachtvertrag wirtschaftenden Amtmänner durch angestellte, zur Rechnungslegung verpflichtete Verwaltungsbeamte zu ersetzen«; denn »im Leben auf dem Dorfe hatte sich seit dem Hochmittelalter wenig verändert. Abhängigkeiten, Abgaben und Dienste, die soziale Organisation des Dorflebens und die landwirtschaftliche Technik hatten sich kaum gewandelt.« [Fußnote: Monika Kaufmann, Das konfessionelle Zeitalter, in: Landeskunde Nordrhein-Westfalen in drei Bänden. Bd. 3: Lippe. Im Auftrag des Lipp. Heimatbundes hrsg. von W. Rinne, Paderborn 1993, S. 56.] Das dürfte auch für das agrarisch geprägte Amt Barkhausen zutreffend gewesen sein, dem die städtischen Alltagsprobleme ja fremd waren.
Etwas fester hatte der Landesherr die Zügel jedoch in die Hand genommen, und das Zeichen dafür ist, daß vor 1559 die Vogtei, also die Amtsfunktion, von Barkhausen nach Oerlinghausen verlegt wurde. Als erster Oerlinghauser Vogt wird Johann Tofall genannt, dem Graf Bernhard VII. 1559 einen Knick (Waldstück) schenkte, »wegen dem es knapp 50 Jahre später zu Grenzstreitigkeiten mit dem Meier zu Barkhausen kam. Außerdem waren die Besitzungen Tofalls frei von Lasten und nur der Rittersteuer unterworfen. Er erhielt die Berechtigung, Bier zu brauen, Branntwein zu brennen ... und die Ausschankgenehmigung ... in einem
Gut Niederbarkausen Ansicht von Süden, um 1850 (Lithographie; Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld)
eigenen Krug. Die bedeutendste Gunsterweisung des lippischen Grafen für Johann Tofall bestand in der Zusicherung, daß sein Sohn im Amt folgen dürfe.« [Fußnote: Fleischhack, in: Oerlinghausen, Geschichte (wie Anin. 10), S. 48.]
Damit war aus dem Amte Barkhausen ein Amt Oerlinghausen geworden, wenn auch die Vergünstigungen für den Vogt Tofall noch keineswegs bedeuten, daß er die Stellung eines landesherrlichen Beamten bekleidete. Es ist auch besonders interessant, daß als Nachfolger des Sohnes Tofall um 1630 nicht dessen Sohn als Vogt eingesetzt wurde, sondern das Vogtamt an Johann Barkhausen, einen Sohn des Meiers zu Barkhausen, gewissermaßen zurückfiel (der vom Landesherrn auch eine Kruggerechtigkeit erhielt), und nach seinem Tode 1639 auf seinen Sohn überging. Man erkennt daran, daß von einer unabhängigen Verwaltungsinstanz in Oerlinghausen zu dieser Zeit noch nicht die Rede sein kann.
Nach und nach zur echten Verwaltungsinstanz ausgebaut, hat dieses Amt Oerlinghausen bis 1879 bestanden; dann wurde es dem Amt Schötmar zugeordnet. Neben dem Amt Oerlinghausen gab es auch schon das Amtsgericht Oerlinghausen als juristische Komponente der Landeshoheit.
Beide waren damit Nachfolger in Funktionen des ersten Zentrums in der Wallburg auf dem Tönsberg und des Haupthofes Barkhausen, so daß man von einer Funktionskette »Wallburgzentrum, Haupthof Barkhausen, Amt Barkhausen, Amt und Amtsgericht Oerlinghausen« sprechen kann. Als das Amtsgericht Oerlinghausen dann am 31. März 1979 im Rahmen eines Gesetzes zur Änderung der Organisation der ordentlichen Gerichtsbarkeit vom 11. Juli 1978 aufgehoben wurde, war auch die letzte der rund 1200 Jahre alten überörtlichen Funktionen erloschen. [Fußnote: Vgl.: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land NRW Nr. 43 vom 26.07.1978.]
Zusammenfassende Betrachtung
Für den Osningraum bleibt also festzustellen, daß er nach der Eroberung durch Karl den Großen und seiner Eingliederung in das Frankenreich noch über Jahrhunderte hinweg von dem ursprünglich auf dem Tönsberge befindlichen, dann nach dem Gute Barkhausen bei Oerlinghausen verlegten paderbornischen Machtzentrum abhängig blieb.
Der Haupthof Barkhausen des Paderborner Busdorfstiftes wurde durch die den Lipper Edelherren übertragene Vogteigewalt nach und nach, aber mit der Reformation endgültig, lippischer Eigenbesitz; das lippische Amt Barkhausen war entstanden.
Das zunächst allzuständige karolingische Zentrum auf dem Tönsberg war in das weltliche Amt Barkhausen und ein geistliches Zentrum aufgespalten, das in dem Archidiakonat der Kirche an der Paßstraße in Oerlinghausen manifest geworden war. Der Kirchort Oerlinghausen behielt ca. 200 Jahre lang seine Bedeutung für die Bewohner des Osningraumes, bis durch Abpfarrungen neue Kirchen in Heepen und Brackwede im westlichen Teil entstanden. Nur für die Ubbedisser, Lämershagener und die Einwohner von Senne II blieb die Bindung an die Oerlinghauser Kirche noch bis 1856 bestehen.
Um 1600 wurde das bisherige Amt Barkhausen zum Amte Oerlinghausen der inzwischen zu Grafen erhobenen lippischen Regenten. Amtssitz blieb nun nicht mehr das Gut Barkhausen, sondern es wurde unweit der Oerlinghauser Kirche eine Vogtei erbaut. Ab 1650, also nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg, erhielt dort ein Johann Heinrich Bracht die Vogteigewalt im Namen des lippischen Grafen und begann im Dorf mit dem Bau eines neuen Wohnhauses für sich, des sogenannten Brachtschen Schlosses.
Auch als das Dorf Oerlinghausen sich ab etwa 1800 an der Süd- und Nordseite des Tönsberges stark ausdehnte und das Bauland dazu sowie das Land für den neuen Friedhof von Barkhausen erworben werden mußte und obwohl 1845 viel Barkhauser Tönsbergbesitz durch die Dorfschaft für eine »Allmendeteilung« an die Bürger erworben wurde (wie früher schon das Pfarrland, das Küsterland und das zur Vogtei gehörige Land), blieb das Gut Niederbarkhausen der größte Grundbesitz des ganzen Osningraumes bis heute.
Anhang: Niederbarkhausen im 19. Jahrhundert
Nach dem Aussterben der Familie Meier zu Barkhausen erwarb am 1. Dezember 1814 der bürgerliche Kaufmann Ernst-Friedrich Tenge aus Osnabrück für seinen Sohn Friedrich-Ludwig das früher für den Osningraum so bedeutungsvolle Gut Barkhausen (jetzt Niederbarkhausen), und es gewann eine gänzlich andere. Bedeutung, obwohl es 1840 noch zum Rittergut erhoben und damit amtsfrei und gerichtsfrei war (was noch der alten Standestradition entsprach). Da die Familie Tenge danach noch das Gut Dalbke, im Süden Oerlinghausens, und anschließend Teile der Grafschaft Rietberg mit Schloß Holte von dem in Österreich lebenden Fürsten Kaunitz erwarb, wurde Niederbarkhausen Zentrum eines kleinen Industrieimperiums, das für die Industrialisierung des hiesigen Raumes Bedeutung erlangte (Holter Eisenhütte, Dalbker Papierfabrik, Sägewerke, Ziegeleien, Glashütten, Kalkwerke, Mühlen u.a.).
Aber auch geistesgeschichtlich spielten Niederbarkhausen und Schloß Holte im 19. Jahrhundert eine besondere Rolle in der Osningregion. Unter Friedrich Ludwig Tenge öffnete sich Niederbarkhausen „mit liebenswürdigster Gastlichkeit Fremden und Bekannten aus nah und fern« (Hoffmann von Fallersleben) aus vielen Gebieten des kulturellen Lebens. Levin Schücking und seine Mutter Katharina geb. Busch sowie Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben waren häufige Gäste aus dem literarischen Bereich; die Schauspieler-Brüder Devrient, der bekannte Liederkomponist Robert Franz, der Philosoph und Ästhetiker Moritz Carriere aus Gießen (später München) und viele andere verschafften dem Rittergut damals den Ruf eines westfälischen »Hofes von Ferrara«, offen für alle Fragen der Zeit.
In einem gewissen Gegensatz dazu scharte der auf Schloß Holte lebende Schwiegersohn Julius Meyer mit seiner Frau Hermine geb. Tenge, die dem Tengeschen Holler Eisenwerk Vorständen, politisch kritische Geister um sich, denn sie boten, von den herrschenden Konservativen mit Argwohn betrachtet, den Vertretern der liberalen und demokratischen Ideen im Vormärz und danach ein offenes Haus. Georg Herwegh, Robert Blum, Karl Grün, Karl Heinzen, Hermann Kriege, Malvida von Meysenbug, Wilhelm Weitling, die Bielefelder Rudolf Rempel sowie der Buchhändler August Helmich, der Rhedaer Artz Dr. Lüning und viele andere waren hier Gäste. [Fußnote: 37 H. Winkler, Baudenkmäler, in Lippe. Gut Niederbarkhausen, in: Heimatland Lippe 87, 1994, S. 234 ff.; W. Schulte-Ahlen, Der Holter Kreis, in: Der Minden-Ravensberger 37, 1965, S. 42; F. Konersmann, Politische Konflikte zwischen zwei Generationen im Vormärz. Die Kaufmanns- und Untemehmerfamilie Tenge in Ostwestfalen, in: Die Revolution von 1848/49 in Ostwestfalen-Lippe, hrsg. von R. Vogelsang und R. Westheider, Bielefeld 1998, S. 71-98.]
Das Leben auf dem Holter Schloß wurde auf Niederbarkhausen schon 1844 wie danach mit Besorgnis verfolgt. Aber auf dem Tengeschen Privatfriedhof beim Gut liegen Tenges und Meyers friedlich vereint.