Der Kastanienkrug: Ein Geschäft mit Geschichte
Der Kastanienkrug existiert schon seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Wenn sich Nachfolger fänden, dann würde Eleonore Nagel ihn verpachten
[Bild: Wirtin: Eleonore Nagel führt das Traditionshaus an der Holter Straße / Ecke Welschenweg seit dem Jahr 1980. Einmal aufzuhören, das kann sie sich kaum vorstellen. Wenn sich passende Pächter finden, würde sie aber verpachten. | © Karin Prignitz]
[Bild: Historisch: Dieses Foto ist während des Ersten Weltkrieges, also irgendwann zwischen 1914 und 1918, entstanden. Die beiden Kastanien wachsen bereits über das Gebäude hinaus. | © Privat]
Oerlinghausen. Manchmal fühlt sich Eleonore Nagel "ein bisschen wie eine Pfarrerin". Denn über das, was ihr die Gäste anvertrauen, hüllt sie den Mantel des Schweigens. "Selbstverständlich." Seit fast 36 Jahren. Am 2. Oktober 1980 hat sie den "Kastanienkrug" mit ihrem Mann Leo übernommen. Die Umstellung von der Großstadt Bielefeld, wo sie das "Alte Gasthaus Wiethüchter" leitete, "aufs Dorf, in dem jeder jeden kannte, war eine enorme Umstellung".
Heute kennt sie die meisten Oerlinghauser, und alle kennen sie. Und ihr Händchen für die Zubereitung traditioneller, klassischer, regionaler Speisen. Köchin ist Eleonore Nagel, hat Restauration und Service "von der Pike auf gelernt". Buffets sind ihr Spezialgebiet. Schon lange bietet sie ein Catering an, denn die Zeiten, in denen der Gang an den Tresen normal war, in denen Skat gespielt, über Politik, Gott und die Welt diskutiert wurde, sind längst vorbei.
"Früher standen die Gäste in Dreierreihen vor der Theke", erinnert sich Eleonore Nagel. Der Frühschoppen am Sonntag gehörte dazu wie das Bier und die Zigarette. Die patente Wirtin ging mit der Zeit, strukturierte um, setzte auf eine gute Speisekarte, schaffte es sogar in den Guide Michelin und in den Gourmet-Guide, richtete den Saal für Veranstaltungen her und bietet der "Tanzschule am Tönsberg" von Gabriele Schröder dort seit einigen Jahren von sonntags bis donnerstags ein Domizil für deren Kurse.
Heimatkenner Werner Höltke weiß, dass der Kastanienkrug zwar schon in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts vom Kalksteinbruch-Besitzer Wilhelm Upmeier an der Holter Straße erbaut worden ist, aber noch nicht von Anfang an so hieß. Upmeier erhielt die Konzession für eine Schankwirtschaft, betrieb sie aber nur nebenbei und handelte auch noch mit Pferden. "Die Geschäfte liefen wohl nicht gut", das hat Werner Höltke den Annalen entnommen. Deshalb habe der Besitzer die Gastwirtschaft schon vor dem Jahr 1900 verkauft. Für 7.000 Reichsmark an Heinrich Holzkamp. Ein enormer Betrag für die damalige Zeit.
Heinrich Holzkamp ließ nicht nur eine Kegelbahn bauen, die es auch heute noch gibt (und drei Kegelclubs, die seit mehr als 100 Jahren bestehen), er pflanzte auch zwei Kastanien vor dem Haus, die in den folgenden Jahren allmählich ihre Pracht entfalteten. Nach Holzkamps Tod erwarb eine Frau Lüking die Gastwirtschaft und nannte sie im Jahr 1928, eben wegen der Bäume davor, "Kastanienkrug". Die folgenden Betreiber hießen Herbert Baute, August Birner und ab 1958 August Hilker. Während sie das Bier zapften, turnten TSV-Sportler im Saal. Die Schützen trafen sich dort, denn bis zum Steinbült war es nicht weit. 1980 übernahmen Eleonore und Leo Nagel, bauten um und modernisierten.
Ein Foto von Altbundeskanzler Willy Brandt hängt nach wie vor an der Wand. Auch Heino kehrte mal ein, in den Kastanienkrug. Unendlich viele Veranstaltungen hat es dort gegeben. Die nächste am 22. April, wenn Tiko Hölz ab 20 Uhr mit seinem "Jazztime-Quintett" auftritt, und zwar "live on stage". Eleonore Nagel bereitet sich unterdessen schon auf die Spargelzeit vor, denn neben allem anderen, um das sie sich kümmert, ist vor allem die Küche ihr Revier. Zwar könne sie sich gar nicht vorstellen, einmal aufzuhören, sagt Eleonore Nagel. Wenn es aber Nachfolger gäbe, die hineinpassen, dann könnte sie sich doch vorstellen, den Kastanienkrug zu verpachten.