Brauereien, Brennereien und Krüge

 

Trotz der Wasserarmut, die in Oerlinghausen bis 1912 herrschte, bestanden dort schon früh mehrere Brauereien. Die erste, von der wir hören, war die des ehemaligen Vogts Henrich Tofal, welcher 1633 beim Gogericht verklagt wurde, weil er sein Bier zu teuer verkaufe.  Er ließ sich 1 Groschen für die Kanne bezahlen, während sie anderwärts nur ½ Groschen kostete. Darauf wurde ihm von den Gogerichtsherren aufgegeben, das Bier zu demjenigen Preise zu verkaufen, der sonst auf dem Lande und in den Städten üblich sei. Tofal aber weigerte sich und sagte, wer sein Bier nicht kaufen wolle, möge es ihm lassen. Im Jahre 1653 erneuerte Graf Hermann Adolf Tofals Nachfolger, dem Vogte Bracht, die Berechtigung zum Bierbrauen und erlaubte ihm, sein Bier auch außerhalb des Landes zu vertreiben. Das gleiche Privileg erhielt im gleichen Jahre auch der gewesene Vogt Simon Barkhausen. Schon 1637 hatte Kurd Dahlhausen die Erlaubnis erhalten, in Oerlinghausen Bier zu brauen; seine Brauerei ist aber nicht lange in Betrieb gewesen. Man liest in den nächsten Jahren nichts mehr davon. Auch Branntweinbrennereien bestanden mehrfach im Dorfe, wir haben früher davon gehört. Was dort aber produziert wurde, reichte für den Bedarf bei weitem nicht aus, sodaß von Lemgo und Bielefeld Branntwein eingeführt wurde. Das der Verbrauch recht erheblich gewesen sein muß, ergibt sich aus den Gogerichtsprotokollen, die fortwährend von Ausschreitungen zu berichten wissen, die im Branntweinrausche begangen waren; auch Frauen verkauften Hab und Gut, um nur Geld für Branntwein in die Hände zu bekommen. 1731 klagt Tegeler, daß Joh. Redeker's Frau seine Frau zum Branntweinsaufen verführe und ihr dazu in allewege behülflich sei. 1735 beklagt sich Christian Kramer darüber, daß Anna Ilsabein Lilmeyer seine [Fußnote: später auch: der Kramer Dahlhausen, hernach nur noch "der Kramer" genannt.] Frau verführe und ihr wider das Verbot den Branntwein heimlich brächte. Und erschütternd liest sich die Klage, die Johann Henrich Solle 1748 vorbringt: des Juden Joseph Frau habe von seinem versoffenen Weibe Milch, Butter, Bohnen, die er teuer eingekauft habe, gekungelt. Nun sei dem ganzen Dorfe doch sein Unglück mit seinem Weibe bekannt und auch, wie er mit seinen armen Kindern darunter leiden müsse. Er bat deshalb, des Juden Joseph Frau ernstlich zu bestrafen. Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hören wir von einem erheblichen Branntweinkonsum seitens der Frauen! - Es ist doch inzwischen manches besser geworden.

Im Jahre 1810 hatte das kleine Dorf 8 Branntweinschenken, von denen 4 an der Kirche nahe beieinander lagen. Friedrich Adolf Tölke erhielt 1832 Erlaubnis zur Anlage eines Destillierapparates und hatte in der Folge guten Absatz an die Schmuggeler. Bis zum Jahre 1890 fabrizierte Hermann Bornheim im Hause Jägerstraße 6 billigen Branntwein, der zur Hauptsache nach Preus Preußen exportiert wurde. 30 Liter für 1 Thaler und das Faß gabs zu. 

 

Krüge

Mit der Brauerei und Brennerei war in der Regel eine Krugwirtschaft verbunden. Wir kennen den Brachtschen Krug, der 1752 auf Franz Jost Wöstmann und 1810 auf Soll überging; 1821 wurde das Krugprivileg für dies Haus Hauptstraße 61 durch ein Erkenntnis der Justizkanzlei für erloschen erklärt. Den 1863 eingegangenen "oberen Krug zum alten Vogt" habe ich schon erwähnt. Mit der Zeit waren andere Schenkwirtschaften entstanden. Der Brauereibesitzer Becker kaufte das Jägerhaus und richtete darin eine Wirtschaft ein, die von 1847 - 1862 mein Großvater Adolf Reuter gepachtet hatte und der deshalb der "Jaijerpappe" genannt wurde.

Später hat Friedrich Wilhelm Westermann das Haus erworben, der es, als sein Neubau Hauptstraße 36 fertiggestellt war, an August Löhr verkaufte. Von diesem erwarb es 1919 Karl Hartz. Im Rathaus hängt ein Bild des alten Jägerhauses.

Adolf Reuter kaufte 1861 das Kolonat Nr.88, Hauptstraße 3; seinen Namen "Jägerpappe" behielt er auch im neuen Hause bei. (Fünfzehn Jahre vorher hatte hier der Gemeindevorsteher Schütz gewohnt, unter dem die bekannte Gemeinheitsteilung der vierziger Jahre vorgenommen wurde.) Und auch die Kundschaft blieb ihm und seiner Frau Jedde treu. Seine Schenkwirtschaft war in den 60er, 70er, und 80er Jahren wohl die besuchteste in Oerlinghausen. Die Handwerker des Ortes trafen sich hier zum Schafskopfspiel, die ersten Tabakarbeiter holten sich dort Flaschenbier und Branntwein und auch wohl mal einen Hering oder andere Lebensmittel. Und die benachbarten Asemisser, Oetenhauser und Senner kehrten mit Vorliebe beim Jägerpappen ein. Die Pivitker (Pivitsheider) Weber, die Leinen beim alten Weber oder Plüsch bei Selig Meyer ablieferten, frühstückten bei Adolf Reuter, tranken ihr Schnäpschen zu Brot und Leber Wurst und hörten sich die Späße an, mit denen der Wirt ihre einfache Mahlzeit würzte, denn der wußte immer etwas zu erzählen, meistens Döhnken aus früherer Zeit. Manch toller Streich ist in seiner Wirtschaft ausgeheckt worden.

Wenn ihm aber etwas nicht paßte, dann schob er sein schwarzes Käppchen von einem Ohr zum anderen, und dann konnte auch eine derbe Antwort und ein grober Handgriff von ihm erwartet werden. Dann war das aber auch wirklich nötig. Die alte Frau Malermeister Hofbüker, Jägerstraße 1, sagte mal: "Ach ja, unsere Männer, meiner und hier der Nachbar und Freitag und Nagel und Melm und die anderen auch, sind ja wohl alle reichlich grob und jähzornig gewesen; aber sie haben für Brot gesorgt, glaubt man, sie haben immer für Brot gesorgt." Das stimmt, sie haben alle ein Vermögen erworben.

Der Gaststube gegenüber lag hier, wie in allen Wirtschaften, der kleine Laden mit wenig Kolonialwaren. Auf der kleinen Theke sah man noch in meiner Jugend die außer Kurs gesetzten Scheidemünzen von Lippe, Preußen und anderen Staaten aufgenagelt, damit sie mit den eingezahlten Münzen verglichen werden konnten. An der linken Seite der Theke war die Blechecke, wo Branntwein in größeren Gläsern und ortweise (1 Ort = ¼ Liter) ausgeschenkt wurde. Die, welche nicht in der Gaststube platznehmen wollten, sondern nur zu einem kurzen Sprung herübergekommen waren, tranken ihren Wacholder oder Kümmel an der Theke. Fuhrleute, wie der alte Fritz Güse, gingen wohl in die Gaststube, begrüßten den Wirt und die anderen Gäste, aber ihren "Schluck" tranken sie draußen an der Theke, weil dort die Gläser größer waren, der Preis aber der gleiche war wie in der Stube, nämlich 5 Pfg. Gegenüber der Apotheke, bei Böhmer [Fußnote: das Haus hieß früher "Der Schlingkrug" nach dem in der Nähe gelegenen Misttorschlinge (jetzt Marktplatz).], jetzt Hauptstraße 2, war auch ein Saal, auf dem bei Kirmes getanzt wurde. Wenn man diesen Raum, der noch genau wie früher vorhanden ist, heute betrachtet, so kann man sich nicht vorstellen, wie dort bei trübem Oellicht oder bei Kerzen getanzt werden konnte.

In der benachbarten Senne gab es schon um 1700 herum 4 Wirtschaften: den  Pollmannskrug, den Bartholdskrug, den Jakobskrug und den Lapinenkrug. Von diesen liegt der Lapinenkrug im Stadtgebiet, während die ersten 3 in der neuen Gemeinde Lippereihe gelegen sind und deshalb hier ausscheiden. Ich habe nicht feststellen können, daß der Lapinenkrug jemals die Konzession zur Schenkwirtschaft gehabt hat. Es findet sich nirgends ein Anhalt dazu. Der Name soll von den vielen Lapins, den Kaninchen herrühren, die die Franzosen dort im 7-jährigen Kriege antrafen. Der jetzige Besitzer Kopp klagt auch heute ständig über die fürchterliche Kaninchenplage am Lapinenkrug. Woher nun aber die Bezeichnung "Krug", wenn dort nie eine Schenkwirtschaft war? Ich habe gehört, daß dort früher dort mancher "Schluck" getrunken worden ist, nicht nur von dem klaren Brunnenwasser des einsamen Hauses. Fuhrleute des alten Postweges Bielefeld - Paderborn kehrten dort ein; auch Schmuggler und Hehler. -  Später, als die Poststraße südlicher verlief, verlor der Krug jede Bedeutung. - Kehrte mal der alte Geheimrat Weber, der die Oerlinghauser Gemeindejagd gepachtet hatte, nach langer Pirsch im Lapinenkrug ein, so stellte der Besitzer die Flasche mit Korn auf den Tisch, der durchgefrorene Gast aber mußte sich sein Gläschen selber füllen. Der Besitzer des "Schwarzkruges" mußte mit dem Betrage zufrieden sein, den der Gast zurückließ. Bei Geheimrat Weber ist er immer sehr zufrieden gewesen.

Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts baute der Unternehmer W. Upmeier das Haus Holterstraße 23, das seit 1928 den Namen "Kastanienkrug" führt. Upmeier erhielt die Konzession für eine Schenkwirtschaft, hat aber als Wirt keine Erfolge gemacht. Sein Vermögen schwand schnell dahin; auch der hernach von ihm begonnene Pferdehandel rettete ihn nicht mehr. Nach kurzem Besitz mußte er das Haus verkaufen. Für 7000 RM erwarb es Heinrich Holzkamp, der darin bessere Geschäfte machte. Nach dessen Tode erwarb es die jetzige Besitzerin Frau Lüking.