Vor 60 Jahren wurde die St.- Hedwigskapelle in Oerlinghausen eingeweiht

Stadtgeschichte: Das Gotteshaus ist eine stille Schönheit unter den Kirchen, liegt im tiefen Wald, gab katholischen Aussiedlern neue Heimat und wartet heute auf neue Aufgaben.

 

[Bild: Auf farbigen Postkarten aus den 1960er Jahren ist das St. Hedwigshaus und seine neugebaute Kapelle am Ende der Hermannstraße zu sehen. | © Repro Horst Biere]

Oerlinghausen. Es ist der 11. Mai 1960, ein Mittwoch. Eher unbemerkt von der Oerlinghauser Öffentlichkeit kommt einer der höchsten katholischen Geistlichen Deutschlands in die Bergstadt, Lorenz Kardinal Jaeger, der damalige Erzbischof von Paderborn. Im hintersten Winkel der Stadt, dort wo die Hermannstraße in den Wald mündet, hält er eine Messe in einer neuen, kleinen Kirche. Doch die Symbolwirkung ist ungleich größer als der Festakt: Es ist die offizielle Einweihung der St.- Hedwigskapelle und es ist der vorläufige Schlusspunkt einer Aufbauaktion, die Oerlinghausen ein Stück internationaler machen sollte.

Fünf Jahre zuvor begann ein neues Kapitel katholischen Lebens in der Bergstadt. Im April 1955 nahm erstmals das St.-Hedwigshaus als Heimvolkshochschule seinen Betrieb auf. Die Weiterbildungsstätte, die nur ein Jahr später durch den NRW­Kultusminister offiziell anerkannt wurde, richtete ihr Angebot vor allem an Menschen, die erst nach dem Krieg in großer Zahl nach Westdeutschland gekommen waren, die katholischen Heimatvertriebenen.

Treffpunkt und Bildungseinrichtung

Das Erzbistum Paderborn kümmerte sich in der Nachkriegszeit um die Katholiken aus den zuvor deutschen Gebieten wie Schlesien oder Ostpreußen und versuchte, ihnen auch ein Stück Heimat zu vermitteln. Deshalb war man auf der Suche nach einem Haus - als Treffpunkt und auch als Bildungseinrichtung.

An der Nordseite des Tönsbergs fand man einen geeigneten Ort: den „Wilden Jäger“, eine heruntergekommene Gaststätte, die in der Dorfschaft Oerlinghausen um 1900 eigentlich einmal eine Rolle als Badehaus in einem Kurbad spielen sollte. Das katholische St.-Hedwigswerk übernahm in den frühen 50er Jahren die Verantwortung für das neue Projekt und trat als Käufer auf den Plan.

"Aus jeden Fenster schaute ein Ofenrohr durch die Scheibe"

In viel Eigenarbeit und viel echter Solidarität zwischen den katholischen Heimatvertriebenen und den Katholiken vor Ort baute man das alte Gasthaus zu einem Bildungshaus mit Übernachtung um. Der Gründer und erste Direktor des St.- Hedwigshauses, Prälat Wilhelm Trennert, schreibt in seinen Erinnerungen: „Unter schwierigsten Bedingungen wurde begonnen. Das Haus war total verkommen, verwohnt und verschmutzt. Aus jedem Fenster schaute ein Ofenrohr durch die Scheibe“.

Man habe in „Hedwigskreisen“ gesammelt, was zu bekommen war, alte Möbel, Bettwäsche und Lebensmittel, damit im Oerlinghauser Haus die ersten Kurse laufen konnten. Ein ungemein schwieriger Start, doch die Akzeptanz und die Besucherzahlen des St.-Hedwigshauses zeigten sich außerordentlich positiv. Die

Heimatvertriebenen sahen das Haus als ihr Heim an. Und zum Schluss stand der Bau einer Kirche auf der Agenda, der St.-Hedwigskapelle.

Das hübsche, von Bäumen umwachsene Gotteshaus, deren Glocke von nun an drei Mal täglich um 7, um 12 und um 19 Uhr zu hören war (Angelus-Gebet), bildete sozusagen den geistlichen Mittelpunkt der gesamten Anlage. Dr. Johannes Stefan Müller, der ab 1978 die Heimvolkshochschule leitete, beschrieb die Aufgabe des St.- Hedwigshauses einmal in einem Interview: „Wir sind eine Stätte der Begegnung und ein Ort, wo die Ergebnisse aus der Wissenschaft an die Menschen herangetragen werden, um die Beziehungen zwischen Kirche und Welt zu fördern.“

Entwicklung zu Oerlinghausens wohl internationalster Begegnungsstätte

Und tatsächlich entwickelten sich das St.-Hedwigshaus und die Kapelle zu Oerlinghausens wohl internationalster Begegnungsstätte. Vor allem nach der Wende und nachdem die Gäste aus Osteuropa eine uneingeschränkte Reisefreiheit besaßen. Denn standen anfangs nur die Heimatvertriebenen aus dem deutschen Osten im Mittelpunkt der Bildungsarbeit, so setzten sich die Gästezahlen neben den deutschen Teilnehmern immer mehr aus Besuchern aus Polen, den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, aber auch Frankreich, Italien und Griechenland zusammen.

Für seine „vorbildliche Integration von Aussiedlern in der Bundesrepublik“ erhielt das St.-Hedwigshaus später von Bildungsminister und späteren NRW­Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers eine Auszeichnung und bekam den Zusatz „Institut für Migrations- und Aussiedlerfragen“.

Prominente Gäste kamen nach Oerlinghausen

Der ehemalige Europaparlamentarier Elmar Brok und Vorsitzende des Kuratoriums der Heimvolkshochschule war oft dabei, wenn prominente Gäste wie der damalige polnische Botschafter Janusz Reiter die Bergstadt besuchten, wenn oberste Geistliche diverser Länder oder wenn hochrangige Politiker nach Oerlinghausen kamen.

Der wohl prominenteste Gast des St.-Hedwigshauses, der sich direkt vor dem Eingang der Hedwigskapelle ins Goldene Buch der Stadt eintrug, war Jose Manuel Barroso, der damalige Präsident der Europäischen Kommission. Auch die ehemalige NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft besuchte das Haus.

Und wie sieht die aktuelle Situation des Hedwigshauses aus? Das Institut hat vor wenigen Jahren seinen gesamten Bildungsbetrieb auf die andere Tönsbergseite verlegt - in modernere Räume der Villa Welschen. Das alte Haus und damit auch die nach wie vor attraktive Hedwigskapelle stehen gegenwärtig leer. Die neue Leiterin Nike Alkema sagt: „Für das Gelände an der Hermannstraße gibt es Ideen, die aktuell intensiv weiterverfolgt werden - da wird es auf den richtigen Partner und ebenfalls ein finanziell vernünftiges Konzept ankommen.“

Die Kapelle als "Ort der Begegnung"

Auch die Hedwigskapelle, die von den Besuchern immer wieder für ihre sechs künstlerisch gestalteten Glasfenster, ihre Stockmann-Orgel und ihre handgeschnitzte Krippe gelobt wird, wartet auf neue Aufgaben, die auch im weltlichen Bereich liegen können. Nike Alkema: „Man sollte die Hedwigskapelle wieder stärker in die Gemeinschaft in Oerlinghausen einbeziehen“. Vielleicht könne man einen „Sozialraum“ schaffen oder einen „Ort der Begegnung“ gestalten - offen für Musik, Kunst, Literatur, Theater und offen auch für den interreligiösen Dialog.

Auch ohne das Haus solle die Kapelle eine Zukunft haben. Ein größerer Spendenaufruf, um die Hedwigskapelle für diese neuen Aufgaben vorzubereiten, solle zeitnah gestartet werden.