Tönsberg-Gastronomie startete vor 110 Jahren
Die Geschichte des Berggasthofs, der bereits vor einem Jahrhundert die Touristen in die „Sommerfrische Oerlinghausen" locken sollte. Erste Gastwirte waren schwierige Typen.
[Bild: Postkartenidylle vor 90 Jahren auf dem Tönsberg: das Gasthaus Tönsbergshöhe, das damals von W. Hanke betrieben wurde. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke]
Oerlinghausen. Es herrschte Aufbruchstimmung in Oerlinghausen im frühen 20. Jahrhundert. Der Tourismus steckte zwar noch in den Kinderschuhen, doch sollte er die Menschen aus ganz Deutschland in die saubere und hübsch gelegene Wanderlandschaft am Tönsberg locken. „Sommerfrische Oerlinghausen“ nannte sich das Bergdorf, das bereits einen eigenen Verschönerungsverein besaß.
Und in einer ersten Fremdenverkehrsbroschüre schwärmten die Werbetexter: „Wer Ruhe und Erholung sucht, wer dem Getriebe der Städte entfliehen möchte, wer ein offenes Auge für die hehren Schönheiten der großzügigen Bergwelt und die intimen Reize idyllischer Talgründe besitzt, der wird in Oerlinghausen gern verweilen.“
[Bild: Im jagdlichen Stil zeigte sich das Lokal in jener Zeit, als Günter Bunte der Gastwirt war. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke]
Bei so vielen touristischen Erfolgsaussichten wollte offenbar auch Heinrich Meier mitverdienen. Der Oerlinghauser Handwerker, der in seiner Werkstatt diverse hölzerne Alltagsprodukte - vor allem Holzschuhe - herstellte, kaufte 1913 ein Grundstück am Kammweg des Tönsbergs. Übrigens unmittelbar neben einem Grundstück der jüdischen Familie Paradies, die am Simonsplatz ein Textilgeschäft besaß.
Schankwirtschaft hatte damals schon einen kleinen Biergarten
Im ersten Schritt jedoch errichtete Meier nur ein Wohnhaus für sich und seine Familie. Denn seinerzeit veränderte sich gerade vieles in der Weltgeschichte: Der Erste Weltkrieg begann - da war an Fremdenverkehr kaum zu denken. Doch schon 1919 zeigten alte Ansichtskarten, dass Heinrich Meier sein Haus zu einer Schankwirtschaft mit kleinem Biergarten umgestaltet hatte. „Tönsberghöhe“ nannte er sein Lokal.
Das Geschäft lief allerdings nur schleppend. Touristen kamen in jenen Jahren kaum nach Oerlinghausen, denn es begann die schwere Zeit der Inflation. Die Menschen hatten einfach kein Geld für Gaststättenbesuche und Urlaubsgäste zog es schon gar nicht in sein Lokal. In den Wintermonaten war Gastwirt Meier gezwungen, wieder Holzschuhe herzustellen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, berichtete Ortshistoriker Werner Höltke einmal in einem Vortrag.1929 schließlich gab Heinrich Meier auf. Er verkaufte die „Tönsberghöhe“ an den Bielefelder Gastwirt Hanke für 47.000 Reichsmark. Doch damit waren die Probleme der Gaststätte längst nicht behoben. Trotz der vorzüglichen Lage am Tönsbergkamm blieben die Gästezahlen niedrig, und Hanke erwies sich als wenig geschäftstüchtig. Nicht nur, dass er selbst viel mittrank und manchmal schon in den frühen Abendstunden volltrunken über dem Tresen hing, er lebte auch in einer Dauerfehde mit dem Vorbesitzer Heinrich Meier. Dieser konnte es offenbar nicht verwinden, dass ein neuer Betreiber sein angestammtes Lokal besaß, und machte ihm das Leben zusätzlich schwer. Er lauerte Hanke auf und schwärzte ihn bei der Polizei an, wenn er die Sperrstunde überschritt. Manchmal sollen sich die beiden auch heftig geprügelt haben. Nach nur vier Jahren war auch wirtschaftlich Schluss: Hankes Gaststätte wurde 1933 versteigert. Nun wurde es echt kurios, denn Heinrich Meier bot mit und erwarb das Lokal ein zweites Mal. Doch jetzt spielte die Oerlinghauser Verwaltung nicht mit und erteilte ihm keine Betriebsgenehmigung. Querkopf Meier musste sich einen neuen Betreiber suchen. Er fand ihn in dem aus Detmold stammenden Kellner Hempel. Wieder einmal begann eine neue Fehde zwischen dem Eigentümer und dem neuen Wirt, der einmal sogar in einer Schlägerei zwischen Frau Meier und Frau Hempel gemündet haben soll.
Heinrich Meier unternahm einen Anlauf und erhielt Schankgenehmigung
Auch Hempel gab nach einigen Monaten auf und zog sich zurück. Heinrich Meier unternahm einen neuen Anlauf, um sich die Einnahmen aus der Gaststätte zu sichern. Nun durfte er mit behördlicher Genehmigung die Tönsberghöhe führen, er bekam jedoch nur jeweils für einen Monat eine Schankgenehmigung. Das Ganze zog sich bis 1939 hin. Dann kaufte Franz Schulte, Bäcker aus Schloss Neuhaus, die Gaststätte. Und es kehrte endlich Ruhe ein. Schulte führte gemeinsam mit seiner Frau unter Mithilfe seiner Kinder das Lokal als Familienbetrieb, und der Ruf der Gaststätte besserte sich deutlich. Franz Schulte jedoch wurde zum Militär eingezogen und verstarb schon 1941. Erna Schulte hatte nun allein den Gasthof in schwieriger Zeit weiterzuführen. Doch durch ihre schmackhafte Küche und ihre nette Gastfreundlichkeit erwarb sie sich viele Sympathien.
Sogar die amerikanischen Besatzungssoldaten nach dem Krieg schätzten ihre Kuchen über alles, heißt es.1953 dann erfolgte der Wechsel auf ein Gastwirtsehepaar, das vielen Oerlinghausem auch heute noch in guter Erinnerung ist: Schultes Tochter Inge und ihr Mann Günter Bunte übernahmen den Gasthof.
Ein Wildschweinrudel lebte in einem umzäunten Bereich
Günter Bunte war ein passionierter Jäger und zog viele Jagdgenossen in sein Lokal. Andere Vereine kamen ebenfalls gern in den Gasthof, auch weil Inge Bunte sehr gut kochte. Weithin bekannt war übrigens Buntes Wildschweinrudel, das er in einem abgezäunten Gelände unmittelbar an der Gaststätte hielt. Nach Günter Buntes Tod übernahm seine Tochter Ruth Linnenbrügger das Gasthaus mit Fremdenzimmern. In der Küche war ihr Bruder Heiko Bunte tätig. Im Jahre 2007 erfolgte der bisher letzte Besitzerwechsel. Der Unternehmer Michael Brechmann aus Schloß Holte-Stukenbrock kaufte das ganze Anwesen und baute den Gasthof in ziemlich langer Bauzeit um. Nun aber besitzt der Berggasthof, der heute „Tönsblick“ heißt, ein nettes Ambiente und wird sehr gut frequentiert. Sogar die Spezialität des Lokals, der Blick von der Toilette bis zur Porta Westfalica, blieb bei den Umbauten erhalten. Betreiber des Tönsblicks sind heute Simone Mohrenstecher und ihr Partner Jan Schierkolk.