Der unbequeme Gastwirt Meier

Stadtgeschichte: Vor 100 Jahren begann die Geschichte des Gasthauses Tönsberghöhe in der „Sommerfrische Oerlinghausen“. Der erste Besitzer Heinrich Meier war chaotisch

 

[Bild: Heimatgeschichte. Im Jägerhaus sprach Werner Höltke (2. v. li.)über die Entwicklung des Berggasthofes. Werner Nowak (li.) bereitete das Bildmaterial auf. Mit dabei: Ruth Linnenbürger und ihr Bruder Heiko Bunte. | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Heinrich Meier war ein schwieriger Zeitgenosse. Immer wieder eckte der Wirt des Gasthofs Tönsberghöhe an, oftmals lag er mit den Behörden im Streit. Bereits 1913, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, kaufte Meier ein Grundstück auf der Nordseite des Tönsbergs und baute zuerst ein Wohnhaus unmittelbar unterhalb des Kammwegs - direkt neben dem Grundstück der jüdischen Familie Paradies. Mit der Produktion von Holzartikel wie Holzschuhen verdiente Meier seinen Lebensunterhalt.

Als nach dem Krieg das Wandern und Spazierengehen immer mehr in Mode kam, beantragte Heinrich Meier eine Schankgenehmigung und baute 1919 sein Haus zu einer Gastwirtschaft um. „Tönsberghöhe“ nannte er sein Lokal. Auf alten Postkarten aus der „Sommerfrische Oerlinghausen“, ist Meiers Gartenlokal bereits zu sehen.

Im Winter produzierte er Holzschuhe

[Bild: Tönsbergblick um 1920: Die Postkarte aus der Sommerfrische zeigt die Nordseite Oerlinghausens mit der Weberei im Hintergrund. | © Repro: Horst Biere/Quelle: Archiv Höltke]

Doch das Geschäft lief nur schleppend, erzählt Werner Höltke, der die Gaststättengeschichte erforscht hat, vor den Mitgliedern des Heimatbundes. Die Inflationszeit und das knapp sitzende Geld führten häufig dazu, dass Meier in der Winterzeit seinen Gastbetrieb einstellte und wieder Holzschuhe produzierte. 1929 schließlich war er es leid und verkaufte sein Lokal an den Bielefelder Gastwirt Hanke für 47.000 Reichsmark. Doch auch Hanke wurde nicht glücklich bei den geringen Gästezahlen.

[Bild: Meiers Gasthaus 1919: Vor 100 Jahren eröffnete Heinrich Meier sein Lokal „Tönsberghöhe“ in seinem umgebauten Wohnhaus. Noch vor dem Ersten Weltkrieg hatte er sich hier niedergelassen. | © Repro: Horst Biere/Quelle: Archiv Höltke]

Zudem macht ihm Heinrich Meier das Leben schwer, denn der frühere Besitzer konnte es offenbar nicht verwinden, dass er nicht mehr der bekannte Oerlinghauser Gastwirt war. So versteckte sich Meier gelegentlich in der Nähe des Lokals und zeigte seinen Nachfolger Hanke an, wenn dieser die abendliche Sperrstunde überschritten hatte. Ständig rief Heinrich Meier die Oerlinghauser Polizei an, um Gastwirt Hanke anzuschwärzen.

Einmal mündete der Streit in einer heftigen Prügelei zwischen Hanke und Meier. Hinzu kam, dass Gastwirt Hanke häufig selbst sein bester Kunde war. In Oerlinghausen hieß es, Hanke habe schon oft am frühen Abend völlig betrunken über der Theke gelegen. Auch wurde erzählt, dass eine Asemisser Gesellschaft sich selbst bedienen musste, da der Gastwirt sternhagelvoll war.

1933 kam es zur Versteigerung des Lokals. Vorbesitzer Heinrich Meier bot ebenfalls mit und kaufte tatsächlich sein Lokal zurück. Mitgeboten hatten übrigens auch Gastwirt Alfred Gräber, der Inhaber des Stadthotels und der Wirt Hans Ober, Besitzer des Gasthauses Waldfrieden. Doch bei der Ausstellung der Schankerlaubnis an Heinrich Meier spielte die Oerlinghauser Verwaltung nicht mit.

Heinrich Meier erhielt wegen der ständigen Querelen keine Genehmigung und musste sich einen neuen Pächter suchen. Den fand er mit dem aus Detmold stammenden Kellner Hempel. Doch damit waren die Probleme längst nicht behoben, denn Heinrich Meier legte auch seinem Pächter Hempel ständig Steine in den Weg. „Bei einer Schlägerei an der Tönsberggaststätte gerieten sich sogar Frau Meier und Frau Hempel in die Haare“, berichtet Werner Höltke. Die Polizei musste wieder einmal den Streit schlichten.

Bereits nach einigen Monaten war auch Gastwirt Hempel die Querelen mit Heinrich Meier leid, und er zog wieder nach Detmold zurück. Nun stellte sich Meier selbst wieder hinter den Zapfhahn, doch eine Konzession bekam er von der Stadt Oerlinghausen jeweils nur für einen Monat. „Am Monatsende waren immer 10,50 Reichsmark für die Stadtkasse fällig“, sagt Werner Höltke, „mit Ach und Krach führte er sein Lokal bis 1939 weiter.“

Dann kaufte Franz Schulte, Bäcker und Kellner aus Schloß Neuhaus, die Gaststätte. Und endlich kam Ruhe in den Berggasthof. Doch der beginnende Zweite Weltkrieg machte dem neuen Wirt einen dicken Strich durch die Rechnung.

Viele junge Männer aus Oerlinghausen wurden eingezogen, der Fremdenverkehr ruhte, und Franz Schulte verdiente den Lebensunterhalt für die Familie als Arbeiter in der Möbelfabrik Heißen berg. Seine Frau Erna und die Kinder betrieben tagsüber das Lokal. Franz Schulte wurde dann ebenfalls zum Kriegseinsatz eingezogen und fiel bereits 1941.

Bei den heftigen Kämpfen um Oerlinghausen am Kriegsende wurde Schultes Gaststätte nur wenig beschädigt. Doch mit dem ehemaligen Besitzer Heinrich Meier nahm es in jenen dramatischen Tagen 1945 ein schlimmes Ende. Er soll von einem amerikanischen Scharfschützen aus dem Kirchturmfenster erschossen worden sein.

Meier wurde in der Nähe der Kumsttonne gefunden und soll in einem Massengrab mit vielen anderen deutschen Soldaten beerdigt worden sein.

Aber mit dem Lokal Tönsberghöhe ging es aufwärts in den Nachkriegsjahren. Erna Schulte und ihre Kinder erwarben sich durch eine schmackhafte Küche und freundliches Auftreten einen guten Ruf, erst bei den dort stationierten Amerikanern, dann auch bei vielen Oerlinghausern. 1953 übernahmen Tochter Inge und ihr Mann Günter Bunte das Berglokal.

Auch die Jagdgenossen saßen in der Gaststube. Der passionierte Jäger Bunte zog viele Jagdgenossen und andere Vereine in seine Gaststube. Weithin bekannt war sein Wildschweingehege unmittelbar am Lokal, das als Attraktion bei vielen Wanderern und Spaziergängern galt. „Nach Günter Buntes Tod haben seine Frau Inge und ihre Tochter Ruth Linnenbürger die Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern übernommen“, sagt Werner Höltke, „als Koch arbeitete Sohn Heiko Bunte im Familienbetrieb.“

2007 gab es einen erneuten Besitzerwechsel. Der Unternehmer Michael Brechmann kaufte den Berggasthof. Jetzt, nach längerer Umbauzeit, soll bald die Neueröffnung eines völlig renovierten und attraktiven Gasthauses stattfinden. Wann genau, das vermochte auch sein Pächter Thorsten Pabst nicht zu sagen. Er rechne noch mit September. Besitzer Michael Brechmann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.