Das Stadthotel
Chronik
Als der Landvogt Hermann Adolf Bracht in Oerlinghausen im Jahre 1712 entlassen war, wurde an seine Stelle der Amtmann Johann Henrich Hilmar aus Schötmar berufen. Der neue Amtmann fand aber keine Wohnung und auch keine Amtsräume vor, denn die Vogteigebäude waren Privatbesitz der Brachts und ihrer Vorgänger gewesen. So sah sich Hilmar gezwungen, ein Haus zu bauen. Um den vermögenslosen Mann entgegenzukommen, schenkte die Gemeinde ihm den Bauplatz und einen danebenliegenden großen Garten auf dem Papengeuen. Grundstücke scheinen damals nicht hoch im Wert gestanden zu haben. Der Bauplatz lag weit außerhalb des eigentlichen Dorfes, und das neue Amtshaus galt als ein weit nach Osten vorgeschobener Außenposten. Das nächste nach Osten gelegene Haus (Ermgassen) ist erst 100 Jahre später gebaut.
Nach Hilmars Tod im Jahre 1725 verkaufte die Witwe das Haus an die gräfliche Rentkammer in Detmold. Seitdem diente es als Amtshaus und Beamtenwohnung, bis 1839 das jetzige Amtsgerichtsgebäude, Hauptstraße 32, gebaut wurde, das nunmehr Amtshaus hieß. Das alte Amtshaus wurde 1839 an Carl B. Nagel verkauft; den danebenliegenden großen Garten aber behielt die Regierung in Besitz; sie besitzt ihn noch heute und hat 1888 durch den Baurat Hermann ein Gerichtsgefängnis darin erbauen lassen, das von den Oerlinghausern, die um Spitznamen nie verlegen waren, Hermannsdenkmal getauft wurde.
Im Jahre 1791 verpachtete die Rentkammer einige Räume des alten Amtshauses an Franz Carl Nagel (Sohn des damaligen Vorstehers N.), der gleichzeitig eine Konzession zum Branntweinbrennen, zur Schenkwirtschaft und zum Handel mit Hökerwaren erhielt. Seit 1791 besteht also in diesem Hause eine Wirtschaftskonzession. Franz Carl Nagel starb 1818. Sein Sohn und Nachfolger Carl B. Nagel blieb unverheiratet. Er fing 1826 das Bierbrauen an und baute hinter dem Hause einen kleinen Felsenkeller. Als er 1839 das alte Amtshaus käuflich erworben hatte, kaufte er auch den kleinen Berggarten dazu hinter dem Hause über dem Felsenkeller (heute unter Heißenbergs Fabrik). Nach Nagels Tod im Jahre 1846 erwarb der Gastwirt Bode das Besitztum und gab dem ganzen Hause ein besseres Ansehen. Unter Bode erhielt es den Ruf, die beste Gaststätte des Orts zu sein. Bode baute auch innen die Räume aus und einen kleinen Saal an der Ostseite an, in welchem nun Tanzfestlichkeiten stattfanden.
Von Bode erwarb ein Gastwirt Adelhardt das Haus und von diesen der Weinhändler Simon Thermann, der aber, nachdem er eine Tochter des Brauereibesitzers August Becker (Tönsbergstraße 3) geheiratet hatte, nach Bielefeld verzog und dort eine Weinhandlung aufmachte, die noch heute am Siekerwall besteht. Von Thermann ging das Haus auf Carl Engelhardt über, in Grundbuch ungeschrieben am 15. Juli 1879. Auch Engelhardt verzog nach Bielefeld und zwar im Jahre 1887; wir finden ihn dort als Inhaber des bekannten "Lindenhofs" am Nebelswall wieder. Im Jahre 1887 wurde Heinrich Kiffe Besitzer des Gasthofs in Oerlinghausen, begann sofort mit einigen baulichen Änderungen (Terrasse vor dem Hause und Stallanbau im Westen) und nannte den Gasthof "Hotel Stadt Bremen". Der Name der Stadt Bremen war von ihm gewählt worden, weil sein Onkel, F.W. Kiffe, der ihm beim Erwerb und Umbau geholfen hatte, in Bremen wohnte. Das "Hotel Stadt Bremen" erwarb sich bald den Namen einer erstklassigen Gaststätte. Heinrich Kiffe war ein versierter Hotelier, der es verstand, viele Gäste anzuziehen und der vor allem bei den Geschäftsreisenden in bestem Rufe stand. Er war besonders bekannt für seine vorzügliche Table d’hôte und seinen Weinmarken "Erdener Treppchen", "Markobrunner" und "Erbacher Klostergarten". An Mittwoch-, Samstag- und Sonntagnachmittagen standen zahlreiche Landauer vorm Hotel, die Kaffeegäste aus Bielefeld und Umgebung nach hier gebracht hatten. Kiffe konnte um 1900 große Erweiterungsbauten ausführen. Nach Osten und Westen wurden Flügel angebaut und neue Fremdenzimmer eingerichtet. Auch der Saal wurde vergrößert. Leider starb Kiffe in jungen Jahren. Seine Witwe verkaufte das Hotel 1911 an Hartwig Brenker. Dieser verzog 1920 nach Bünde. Sein Nachfolger wurde für kurze Zeit die Inflationsgewinnerin Frau Mertenschledde. Sie heiratete hier den Kaufmann Schweck aus Hörde. Von diesem erwarb das Haus 1921 Fritz Vogeler, der sein Hotel "Blauer Engel" in Braunlage veräußert hatte und nun als "Millionär" nach Oerlinghausen kam. Er taufte das Haus um in "Kurhotel" und wollte ein vornehmes Fremdenheim daraus machen. Das war damals eine Fehlspekulation. Vogeler übersah nicht den Schwindel der Inflation, sondern glaubte fest: "Million ist Million". Er sammelte die braunen Tausendmarkscheine und fühlte sich als reicher Mann. In der Absicht, einen Großhandel in Kaffee aufzumachen, übergab er dem Makler Paul Fleege in Bielefeld den Auftrag, das Hotel zu verkaufen. Fleege bot es der Stadt zum Kauf an und diese erwarb es im Dezember 1922. So kam das alte Amtshaus wieder in öffentliche Hand, wurde Rathaus und später Stadthotel. Erster Pächter der beibehaltenen Hotelwirtschaft wurde Alfred Gräber am 1. April 1923.