Rollkrug - Zollkrug und anderes
Von Bürgermeister Reuter - Oerlinghausen.
Da erschien neulich im Oerlinghauser Anzeiger und in der Westfälischen Zeitung eine kurze Abhandlung über Zollkrug, die auf Grund einer alten Landkarte dartun wollte, dass der Name Zollkrug falsch ist und dass dieser Krug eigentlich wieder "Zollkrug" heißen müsse. Wenige Tage später stellte dann Herr Gustav Buschmann - Ubbedissen in einem Artikel (Westf. Zeitung vom 19. 9. 29) fest, dass der Rollkrug immer Rollkrug geheißen hat und dass diese Bezeichnung auf einen alten Flurnamen zurückzuführen ist. Das ist richtig. Man muss hierzulande bei der Deutung solcher alter Namen zunächst die alten Flurbezeichnungen prüfen und muss vor allem die plattdeutsche Sprache berücksichtigen. Dann kommt man in den meisten Fällen zu ganz einfachen, nüchternen Ergebnissen.
Es ist ohne weiteres zuzugeben, dass der Rollkrug auch eine Zollstation war, denn keine 200 m davon entfernt verläuft ja die Grenze zwischen Preußen und Lippe, die an der Landesstraße durch einen hohen Grenzstein bezeichnet wird. Viele Autofahrer sehen sich verwundert nach dieser Säule um und stellen dann mit Befriedigung fest, dass sie nun im "Auslande" sind; übrigens spüren sie das auch meistens durch einen Hopser des Wagens.
Dass also der Rollkrug eine alte Zollstelle war, wird gern zugestanden. Aber den Namen "Zollkrug" hat er im Volke nie geführt. Er ist - wie Herr Buschmann klar ausführt - im Anfang des 19. Jahrhunderts vom Meier zu Ubbedissen auf dessen Lande genannt die Rulle oder der Rullkamp erbaut worden und hieß seitdem "Rollkrug", plattdeutsch Rullkreoch. Die alte Flurbezeichnung hat dem Krug den Namen gegeben.
Herr Buschmann schreibt wörtlich:
" In den Dörfern unserer Ravensberger Heimat haben einzelne Feldstücke (Kämpe) besondere Namen. Da gibt es in Ubbedissen u. a. eine Liede, einen Hanges, ein Linnenfeld, einen Gohren und auch eine Edle (upper Rulle, Rullkamp). Auf diesen Grundlagen baute im Anfang des vorigen Jahrhunderts ein Bauer in Ubbedissen den Rollkrug. Der Zollkrug auf den alten Karten scheint mir eine gewaltsame Korrektur von Seiten der Behörde zu sein, wie man sie in den 60er und 70er Jahren an Eigennamen öfter findet. Zu bemerken ist noch, dass mit Rolle oder Rollkamp nicht nur die zum Rollkrug gehörigen, sondern auch die benachbarten Ländereien bezeichnet werden, ein Beweis dafür, dass nicht etwa der Krug dem Lande den Namen gegeben hat.“
Fragt sich nun, was heißt Rulle und Rullkamp? Im benachbarten Asemissen finden wir eine Flurbezeichnung Rülle. Offenbar sind beide Namen verwandt. Preuß (Lipp. Flurnamen S. 126) erklärt: "Wohl soviel wie Rille" (halbrunde Vertiefung). Der Rollkrug liegt ja auch an der Geländefalte, die den Auslauf der Gräfinghager Schlucht bildet. Wir beobachten in der Tat deutlich ein wellenförmiges (rollendes) Gelände. Somit dürfen wir uns wohl der genannten Deutung anschließen.
In dem Buschmannschen Artikel werden noch einige andere Ubbedisser Flurnamen erwähnt, nämlich Linnenfeld, Gohren, Liede und Hanges, von denen die ersten beiden keiner Erklärung bedürfen, wenigstens nicht für diejenigen, die unser Platt sprechen. Die beiden anderen wollen wir einer näheren Betrachtung würdigen, weil sie auch in Lippe vorkommen. Die Liede (auch Liete, Luide und Liet) ist mit dem hochdeutschen Leite = Abhang (s. Hainleite) und wahrscheinlich auch mit gleiten verwandt. Liede bedeutet also ein Feld am Hange. Unsere Vorfahren unterschieden dabei steile und flachere Abhänge durch besondere Worte, wie denn ihr Sprachschatz ungemein reichhaltig war.
Eine ähnliche Lage muss die nächste Feldflur, „der Hanges“ haben, wobei gleich bemerkt sein mag, dass der Ton zwar auf der Silbe hang liegt, die letzte Silbe aber gedehnt zu sprechen ist, also wie bei unserer Flurbezeichnung Breiteeß. Auch in Ubbedissen gibt es einen Breiteeß, der als ein breites, querlaufendes Feldstück den vom Berge sich herunter erstreckenden Hang unten abschließt. Preuß führt diese Flurbezeichnung auf den etwas anrüchigen Körperteil zurück und erwähnt eine Schreibform aus dem Jahre 1721: Breite Arsch. Ich kann seiner Deutung nicht folgen. Die Flurbezeichnung Ees (und ähnlich) kommt in Niedersachsen denn doch zu häufig vor, als dass man auf eine frohe Laune des Namengebers oder auf übereinstimmende derbe Witze vieler Dörfer schließen dürfte. Sie muss anderen Ursprungs sein.
Ich finde in der Flurkarte von Oerlinghausen ein ähnlich gelegenes Feldstück als Hohe Esch (plattdeutsch: Hauge Esk) bezeichnet und im benachbarten Asemissen gibt es einen Evenesch (plattdeutsch: Eben Esk) und eine Eesonbrede, in Bechterdissen den Eeßriesen (zu Ries = Reisig) und das Eeßdahl, in Kohlstädt das Eschendahl. Alle diese Feldbezeichnungen führe ich auf die Urform Esch oder Esk zurück, die der Sprachforscher Jellinghaus kurz als Feldflur bezeichnet. Im weiten Umkreis von Osnabrück gibt es wohl kaum ein Dorf, das nicht seine Feldmark Esch oder Esk hat, die immer eine breite Fläche mit gewöhnlich gutem Ackerboden ist. Auch beim Hohen Esch in Oerlinghausen handelt es sich um eine breite Ackerfläche, die hoch am Abhang liegt.
Es ist nicht unmöglich, dass die Urform Esch = Feldflur urverwandt mit dem Baum Esche ist. Die Esche wurde von den alten Germanen als Grenzbaum gepflanzt und viel als Speerholz gebraucht. Ob nicht vielleicht das mit Eschen umhegte Feld kurz Esch oder Esk genannt wurde? Die Esche heißt althochdeutsch (d. h. vor dem 11. Jahrhundert) ask, angelsächsisch aesk. Dass wir heute die Esche sagen, während es bei der Flurbezeichnung Esch heißt, darf uns nicht stören. Im Platt gibt es wie im Englischen für "der" und "die" nur die eine Form de und wie wir im Altdeutschen "den Tann" haben für einen Tannenwald, so ist auch die Bezeichnung der Esch für einen Eschenbestand durchaus möglich. Ich gebe aber zu, dass diese Ableitung etwas weit hergeholt ist.
Bleibt also vorläufig für uns übrig: Eeß, Esk und Esch = Feldflur. An dieser Abschweifung wollen wir zum Zollkrug zurückkehren, der für uns Grenzbewohner ja immer von Interesse gewesen ist. Ich meine im Augenblick nicht wegen des erquickenden Kruges, sondern wegen des Zolles. (Wir kommen später dazu, Herr Hagemann!) Die rechte Straße ging am Rollkrug vorbei. Aber die Oerlinghauser kannten alle auch geheime Wege ins Ausland Preußen; und diese waren krumm und holprig, sie gingen durchs Gebirge und durch die einsame Senne. Auf ihnen ist - geschmuggelt worden oder, wie man früher sagte, - der Zoll "verfahren" worden in unzähligen Fällen. Ja, ich glaube, dass durch die Senne viel mehr Ware nach Preußen hineingeschmuggelt worden ist, als durch das Gebirge bei Gräfinghagen.
Die älteste Straße in unserer Gegend ist nicht die am Zollkrug vorbeiführende Chaussee, sondern der alte Hellweg oder Kohlweg in der Senne. Von Paderborn führte ein uralter Weg nach Norden bis zur Kohlstädter Heide, bog dort nach Westen ab und zog sich nicht weit vom Südrande des Gebirges bis nach Brackwede - Bielefeld. Eine Abzweigung von dieser Straße ging nach Oerlinghausen und weiter über Schötmar zum Stift Herford. Diese alte Straße Paderborn - Bielefeld überquerte nicht weit vom Bartelskruge die ravensbergische Grenze, die durch die Schopke (Schop beke = Schafbach), weiter unten Dalbeke geheißen, gebildet wurde. Hier war schon seit alter Zeit eine Zollstelle.
Im Jahre 1456 schlossen die Edelherren zur Lippe und die Grafen von Tecklenburg einen Vertrag, in dem u. a. bestimmt wurde, dass die lippischen Edelherren den Zoll zu Oerlinghausen haben sollten, "wo die Straße unter dem Walde über die Dalbke auf den Steinfurt geht". Ein Vertrag aus dem Jahre 1489 erwähnt, dass der lippische Edelherr Bernhard das behalten solle, was er von der Herrschaft Rheda in Besitz habe, darunter den Zoll zu Oerlinghausen, den er nicht verlegen dürfe. Endlich bestimmt der im Jahre 1500 gestorbene Edelherr Bernhard VII in seinem berühmten Testament (Lipp. Regesten Nr. 2890), dass sein Sohn Simon u. a. Stadt, Burg und Amt Detmold mit den Kirchspielen Detmold, Heiden, Lage, Stapelage und Oerlinghausen samt dem Amte Barkhausen erhält, ausgenommen den Zoll zur Dalbke und zu Oerlinghausen; denn letzterer fiel seinem Sohne Bernt zu. Diese wiederholte Erwähnung des Zolles lässt darauf schließen, dass er eine gute Einnahmequelle für die Edelherren gewesen ist.
Die letztgenannte Zollstelle in Oerlinghausen hatte im Jahre 1665 der alte Vogt Simon Barkhausen inne, der in dem heute Hufendick genannten Hause Hauptstraße 53 wohnte. In diesem Hause ist die Zollstelle bis zum Jahre 1759 geblieben, d. h. bis zu ihrer Verlegung in das dem "alten Vogt" gegenüberliegende Haus des Adolf Nagel (jetzt Hauptstr. 68). Nach dieser Zeit wird der Oerlinghauser Zoll nicht mehr erwähnt. Aus den alten Oerlinghauser Gogerichtsprotokollen erfahren wir, dass ein gewisser Papenhaus den Oerlinghauser Zoll einmal mit 105 Hammeln, ein anderes Mal mit 400 Schafen "vertrieben", d. h. heimlich, umgangen hatte.
Die andere Zollstelle in der Senne hatte um 1600 der Menkhauser Müller zu verwalten. Er klagt 1650 beim Gogericht, dass ein ravensbergischer Untertan namens Susemeier mit 5 Wagen den Zoll "verfahren" hat. Um 1700 war der Jakobskrüger Zollerheber. Später ging die Hebestelle auf den Bartelskrug über. Im Landesmuseum zu Detmold befindet sich ein Schild vom Bartelskruge mit dem lippischen Wappen und dem Namen des Grafen Simon August nebst der Jahreszahl 1770. Darunter steht "Hier gieb Zoll".
Grote, der Besitzer des Bartelskruges, nannte sich "Herrschaftlicher Zollverwalter" und beklagte sich des Öfteren über seinen Nachbarn, den Jakobskrüger, weil dieser den Kärrnern gestattete, über seinen Acker zu fahren und so den Zoll zu umgehen. Grenzgendarme standen Grote nicht zur Verfügung.
Professor Otto Weerth - Detmold, unser Ehrenbürger, schreibt über die Zollstelle im Bartelskruge u. a. folgendes:
Als sich nach Aufhebung der Kontinentalsperre und nach dem Sturz Napoleons die einzelnen deutschen Staaten durch Zollgrenzen voneinander abschlossen, mussten auch alle von Lippe nach Preußen ausgeführten Waren versteuert werden, was dann zu einem lebhaften Schmuggelhandel Anlass gab, der bis zum Zollanschluss im Jahre 1842 gedauert hat. Außer den Erzeugnissen des lippischen Landes, vorzugsweise Leinen, wurden auch Kolonialwaren, die auf der Weser über Erder ins Land gekommen waren, beim Bartelskruge ausgeladen und dann von Packträgern gelegentlich unverzollt in das nahe Preußische gebracht.
Die preußischen Zollbehörden hatten Beweise dafür in Händen, dass der Bartelskrüger Grote bei diesem Schmuggel beteiligt war, und suchten sich seiner Person zu bemächtigen. So erschienen am 6. April 1820 in der Wohnung des ehemaligen preußischen Steuererhebers Strunk die Oberkontrolleure v. Froideville und Eilardi, ein Gendarm Förster und ein berittener Aufseher Stärke und stellten diesem in Aussicht, er sollte wieder Steuererheber werden, wenn er eine Kaution von 80 Talern stellen könnte. Als Strunk erklärte, die würde er von seinem Vater erhalten können, wurde ihm gesagt, der in der Nähe wohnende Bartelskrüger Grote würde sie ihm gewiss auch vorstrecken, er sollte diesen nur herbeiholen. Als nun Grote erschien, wurde er gefragt, ob er der Bartelskrüger sei, und als er diese Frage bejaht hatte, wurde er verhaftet und gefesselt nach Bielefeld und am folgenden Tage nach Soest transportiert.
Grotes Mutter beschwerte sich sofort beim Amte Oerlinghausen, welches dann beim Landrat in Bielefeld gegen die Verhaftung Protest einlegte, und der Landrat gab die Beschwerde an die Zoll- und Steuerbehörde in Münster weiter. Diese teilte darauf mit, dass die Verhaftung auf Anordnung des Untersuchungsrichters, Assessor Viehbahn in Soest, geschehen sei, da sich bei verschiedenen Untersuchungen ergeben habe, dass Grote an der Spitze einer Schleichhändlerbande gestanden habe, die sich ein Geschäft daraus gemacht habe, die bei ihm zur Einschwärzung niedergelegten Waren auf verbotenen Wegen über die Grenze zu schaffen. Im Verhör gestand Grote ein, dass sein Haus sowohl zu Lebzeiten seines Vaters (gestorben 1823), als auch später vielen von Bremen kommenden Waren, besonders Zucker, zur Niederlage gedient habe, dass diese Waren gegen Scheine der Versender von Lastträgern heimlich abgeholt und von diesen wahrscheinlich ins Preußische eingeschmuggelt worden seien. Außerdem teilte die Steuerdirektion mit, die verwirkte Strafe belaufe sich auf mehr als 10.000 Taler. Die lippische Regierung, welche auch mit der Sache befasst wurde, stellte sich auf den Standpunkt, dass Grote als lippischer Untertan auch nur von lippischen Gerichten abgeurteilt werden könne, erfuhr aber eine Ablehnung, als sie sich in diesem Sinne an das auswärtige Amt in Berlin wandte. Inzwischen war es Grote gelungen, aus der Gefangenschaft in Soest zu entkommen, und am 10. April kam er wieder zu Hause an. Da er von Lippe nicht ausgeliefert wurde, musste man sich damit begnügen, Grotes Eigentum, soweit es sich im Preußischen befand - und das war nicht allzu viel - zu beschlagnahmen. Weiter hat man von der Angelegenheit nichts gehört.
Mit dem Jahre 1842 hörte alles Schmuggeln auf, denn die Zollgrenze war gefallen. Ob 100 Jahre später wohl die Zollgrenzen in Europa gefallen sind? Dann würden auch an den Grenzen der europäischen Länder alle Sünden gegen das Zollgesetz aufhören.
Man muss nun nicht glauben, dass nur am Zollkrug geschmuggelt wurde. In Oerlinghausen wohnten Kaufleute, die ihr nicht unbeachtliches Vermögen dem Schmuggel verdankten. Im Hause Gehrenberg wohnte früher ein Kaufmann Kreme, der einen Kolonialwaren-Großhandel hatte. Es hieß allgemein, dass das Haus ein rechtes Schmugglernest sei. Bis 1877 das Haus umgebaut wurde, fand man zwischen den Fußbodendielen große Mengen schädlichen Kaffees. Kreme ist später im Elend gestorben, seine letzten Tage verbrachte er im Zollkrug, wo die Wirtsleute ihm das Gnadenbrot reichten.
So sind wir wieder im Zollkrug gelandet und wollen uns nach dieser anstrengenden Wanderung durch Berge und Sennesand den freundlich kredenzten Kaffee gut schmecken lassen.