Riesenstreit um Oerlinghauser Bier
Stadtgeschichte: Brauereibesitzer August Becker zettelte einen Brunnenkrieg an, um sein Bier zu produzieren. Der Streit schlug in Gewalt um.
[Bild: Biertrinken zu Kaisers Zeiten. In Oerlinghausen wurde vor allem der Gerstensaft aus Beckers Brauerei an der Tönsbergstraße verkauft. | © Horst Biere]
Oerlinghausen. August Becker war nicht zimperlich in der Wahl seiner Geschäftsmethoden. Der begüterte Oerlinghauser, dessen Reichtum aus dem lukrativen Leinenhandel seines Vaters stammte, baute sich um 1840 ein kleines BierImperium auf. Doch da es dauernd Probleme mit dem Wasser gab, besorgte er sich rigoros was brauchte. Es gab ständig Streit in der Dorfschaft.
Bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts erkannten die Beckers, dass die guten Zeiten des Oerlinghauser Leinens aus den vielen Hauswebereien irgendwann dem Ende entgegengehen würden. Sohn August sattelte zum Gastwirt um und kaufte zunächst das Gasthaus Nagel. Dann übernahm er die Gaststätte Ehlebracht an der Alexanderkirche. - Das Gebäude wurde Ende des letzten Weltkriegs zerstört. Und schließlich erwarb er auch noch den „Jägermann“ an der Ecke Tönsbergstraße/Hauptstraße, das heutige Jägerhaus. Letztlich kam er auf die Idee, eine eigene Brauerei zu gründen. Doch dazu benötigte er viel gutes Brunnenwasser.
[Bild: Der Interessentenbrunnen, das Streitobjekt im Oerlinghauser Brunnenkrieg lag bis ins 20. Jahrhundert an der Tönsbergstraße vor der Brauerei. Das Gebäude ist heute das Bürgerhaus. Beckers Brunnen aber kann man im Inneren noch sehen. | © Horst Biere]
Unmittelbar hinter seinem Gasthaus Jägermann allerdings lag ein Gemeinschaftsbrunnen, den eine Interessengemeinschaft von 17 Oerlinghauser Bürgern im Jahre 1829 erbaut hatte. Um an das Wasser an der Tönsbergstraße zu gelangen, erwarb der trickreiche Becker das Grundstück am Hang hinter dem Brunnen, um dort einen „Bierkeller“ für seine Vorräte zu errichten. Arglos genehmigte die Dorfschaft den Grundstückskauf - offenbar ohne zu bemerken, dass Becker damit auch die Brunnennutzung zugeordnet wurde. Nun aber setzte August Becker ein größeres Haus, das heutige Bürgerhaus, auf das Grundstück. Es entstand ein Brauereigebäude, in dessen Inneren auch ein Stollen in den Tönsberg getrieben wurde, um dort das Bier zu kühlen.
Vor der Fertigstellung der Brauerei im Jahre 1844 beantragte August Becker beim Ortsvorstand und beim damaligen Ortsvorsteher Hildebrand offiziell die Nutzung des Brunnens für sein Brauereigeschäft. Durch ein Rohr sollte das Wasser aus dem sogenannten Interessentenbrunnen in ein Becken in der Brauerei geleitet werden.
Tatsächlich genehmigte der Ortsvorstand das Anzapfen des Brunnens - ein Beweis dafür, wie groß der Einfluss der Familie Becker auf die Dorfpolitik gewesen sein muss.
Nun aber eskalierte der schwelende Brunnenstreit zu einem offenen Brunnenkrieg. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion griffen die Brunneninteressenten zur Selbsthilfe und zerstörten die bereits installierte Anlage. Die Polizei griff ein, und der ganze Fall kam vor das „Criminalgericht“ in Detmold. Das Ergebnis: alle 17 Beteiligten wurden wegen „öffentlicher Gewalt“ zu Haftstrafen zwischen zwei Wochen und vier Monaten verurteilt. Doch Beckers Freude währte nicht lange, denn das „Oberappellationsgericht“ in Braunschweig kassierte das lippische Urteil. Es sprach die Brunneninteressenten frei und ihnen die Wasserrechte zu.
Doch August Becker gab längst nicht auf. In seinem neuen Brauereigebäude, nur wenige Meter entfernt vom öffentlichen Brunnen, ließ er nach Wasser bohren und traf in 25 Metern Tiefe auf die gleiche wasserführende Schicht wie der Außenbrunnen. Gegen alle Schwierigkeiten und auch gegen die öffentlichen Anfeindungen eröffnet er 1844 seine neue Brauerei. Und, clever wie er war, hatte er sich schon längst ein wichtiges Absatzgebiet erschlossen, den Bierverkauf beim Schützenfest. Später, ab 1850, durfte auf dem Schützenfest ausschließlich Beckersches Bier ausgeschenkt werden. Für diesen wichtigen Coup hatte Franz Friedrich Becker, Augusts Bruder, gesorgt - als Schützenkönig der just wiedergegründeten Oerlinghauser Schützengesellschaft.
Der Streit eskaliert - bis ein Schuss fällt
Aber der Streit um den Brunnen schwelte im Bergdorf weiter, zumal das Wasser ständig knapp war. Der Zorn vieler Bürger richtete sich nun vor allem gegen die Obrigkeit, den wohlhabenden Ortsvorsteher und Kaufmann Hildebrand. Schließlich hatte er zusammen mit der mächtigen Brauereifamilie Becker für die himmelschreiende Ungerechtigkeit gesorgt. Bei der nächsten Gemeinderatswahl wurde Hildebrand nicht wiedergewählt.
Zu einem regelrechten Gewaltausbruch kam es im Revolutionsjahr 1848 als überall in Deutschland der Ruf nach Freiheit laut wurde. Eine Gruppe von angetrunkenen „Freiheitskämpfern“ tauchte eines Abends vor Hildebrands Haus an der Hauptstraße 24 auf (heute KiK-Markt) und randalierte gegen die Obrigkeit. Erst flogen Pflastersteine. Als sich dann Hildebrands Frau den zumeist jugendlichen Männern in den Weg stellte, wurde sie zu Boden geschlagen. Nun ging Hildebrand aufs Ganze: Er holte seine Schrotflinte heraus und schoss auf den wütenden Haufen. „Zimmermann Berkemeier wurde in die Waden getroffen“ ist in einem Bericht des Kaufmanns an das Amtsgericht zu lesen. Panik kam auf, und die ganze Meute stürmte davon. Auch der angeschossene Berkemeier konnte entkommen, floh über die Landesgrenze und versteckte sich im preußischen Ubbedissen.
Damit endete vorerst der innerörtliche Konflikt, dessen Ursprung im Brunnenbau der Brauerei Becker lag. Die Familie Becker allerdings wurde durch ihr Oerlinghauser Bier wohlhabend. Sie erwarb immer mehr Ländereien rings um den Tönsberg und in der Senne. Als schließlich die letzte Erbin, Luise Becker im Jahre 1919 ohne Kinder starb, kam es zur Versteigerung der gesamten Beckerschen Liegenschaften. Die Gemeinde Oerlinghausen besaß das Vorkaufsrecht auf einige Objekte und erwarb die Gebäudekomplexe von Brauerei und den umliegenden Häusern. Leider zu einem ungünstigen Preis, denn durch die Versteigerung zuvor war der Preis schon in die Höhe gegangen. In einem Brief an das Finanzamt Detmold schrieb der damalige Bürgermeister August Reuter: „Die Gemeinde hat einen schlechten Kauf gemacht, die Gebäude waren in einem miserablen Zustand.“