DIE ALTE BRAUEREI

Eine geschichtliche Entwicklungvon 1844 bis 1990

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, sehr geehrte Besucherinnen und Besucher des Bürgerhauses, wir freuen uns. Sie im Bürgerhaus der Stadt Oerlinghausen mit seinen kulturellen Einrichtungen begrüßen zu dürfen und hoffen, daß Ihnen das restaurierte, historische Gebäude gefällt.

Das Haus Tönsbergstraße 3 liegt an einer der ältesten Straßen der früheren Dorfgemeinde und heutigen Stadt und hat mit seiner Entstehungsgeschichte auch gleichzeitig Stadtgeschichte geschrieben.

Um Ihnen einen kleinen Einblick in die Geschichte des Hauses und die Verwicklungen seiner Erbauer und Nachfolger in die Geschichte der Stadt zu vermitteln, ist diese Informationsbroschüre entstanden.

Wir wünschen Ihnen einen erbaulichen Aufenthalt in der alten Oerlinghauser Brauerei, unserem heutigen Bürgerhaus.

 

Bürgermeister Stadtdirektor

Oerlinghausen, im Dezember 1990

 

Chronologischer Kurzüberblick

Bauherr August Becker,Gastwirt

1838 Bau eines Bierkellers

1842 Antrag und Genehmigung für den Bau einer Brauerei mitWohngebäuden

1844 Genehmigung zur Nutzung von Wasser aus dem Weberbrunnen für die Brauerei

1844 Zerstörung der Wasserzuführung

1844 Genehmigung zum Bau eines eigenen Brauereibrunnens (Im heutigen Eingangsbereich)

1844 Fertigstellung der Gebäude

1919 Die Linie Becker stirbt aus

1920 Versteigerung des Erbes

1920 Die Dorfgemeinde Oerlinghausen erwirbt aus der Zwangsversteigerung die Gebäude Tönsbergstraße/Jägerstraße

1935 Eröffnung der Oerlinghauser Lichtspiele Im Erdgeschoß

1935 Einrichtung des Heimatmuseums Im Obergeschoß

1945 Auflösung des Heimatmuseums

1952 Beendigung der Filmvorführungen und Nutzung als Wohn­und Gewerberaum

1987 Die Gebäude werden unter Denkmalschutz gestellt und Restaurierung nebst zukünftiger Verwendung als Bürgerhaus beschlossen

1990 Übergabe des Bürgerhauses an die Bürger am 08. Dezember

Quellen: Staatsarchiv Detmold, L 108 Oerlinghausen, Stadtarchiv Oerllnghausen, 1068, 548, 262, 39 und versch. Verhandlungsberichte der Gemeindevertretung 1844-1848, 1873-1883 Protokollbuch der Dorfschaft, 1907-1913 H. Diekmann, Geschichte der Stadt Oerllnghausen, 1936 Westf. Amt für Denkmalpflege, 1987 Fritz Soll, 12/90

 

Beschreibung der Stilelemente und des Gebäude-Ensembles

Bel dem rechtskräftig unter Denkmalschutz stehenden Gebäude­komplex handelt es sich um eine für die Ortsgeschichte und das Stadtbild gleichermaßen Interessante Anlage.

Das Haupthaus, Tönsbergstr. 3, Ist ein zweigeschossiger Bruchsteintraufenbau mit Werksteingliederung von neun Achsen mit neu­gotisch-spitzbogigen Fenstern und einem Fachwerkdrempel mit Satteldach. Zugeordnet sind zwei weitere kleine Putzbauten.

Das im Hang dahinter stell aufsteigende Gelände wird an der vorbeiführenden Jägerstraße durch einen ebenfalls zweigeschossigen Wohnbau und eine Bruchsteinmauer abgegrenzt. Beide Baugruppen sind durch eine mehrläufige Freitreppe verbunden.

Das Hauptgebäude ist seinem Charakter nach als Fabrik- oder Industriegebäude mit zweischiffgem Erdgeschoßgrundriß errichtet, teils mit tonnengewölbten Räumen. In der Mitte ist rechtwinklig hierzu ein weiterer, ebenfalls tonnengewölbter Keller in den Felsen eingebaut worden. Verlängert wird dieses Gewölbe durch einen tief In den Felsen hineingetriebenen "Felsenkeller" mit  nackten Felswänden.

Die Gewölbe wurden von der früher dort arbeitenden Brauerei als Bier- und Eiskeller genutzt, während die übrigen Gebäude und Gebäudeteile Betriebsräume, Arbeiterwohnungen und Stallungen (Viehhaus) waren.

Dieser malerisch im Ortszentrum gelegene Baukomplex ist somit auch ein bedeutendes Zeugnis der Oerlinghausen Wirtschaftsgeschichte.

Durch eine dem Baudenkmal angepaßte verträgliche Planung Ist es gelungen, ohne große Veränderungen die Erhaltung und Revitalisierung der Gebäude und eine Neunutzung als Bürgerhaus zu erreichen. Unter Beibehaltung der alten Grundrisse wurden die notwendigen Neueinbauten, wie Treppenhäuser, Aufzug und Raumteilungen, dem Nutzungsbedarf angepaßt. Das äußere Erscheinungsbild ist durch Restaurierung wieder in den Orlglnalzustand versetzt worden.

Die Geschichte der "alten Brauerei" und die mit Ihrer Entstehung verbundenen stadtgeschichtlichen Ereignisse.

Das frühe 19. Jahrhundert zeigte bereits in den ersten Jahrzehn­ten eine sich schnell verändernde Wirtschaftsstruktur, die insbesondere Gewerbe betraf, die, wie die Handweberei, durch fort­schreitende Mechanisierung Einbrüche In Ihre traditionellen Vertriebswege und Einkommensquellen hinnehmen mußten. Oerlinghausen war zu dieser Zeit eine Stadt der Leinenherstellung und des Leinenhandels. Unter den wirtschaftlich gut gestellten Oerlinghauser Leinenhändlern fand sich um 1800 die Familie des Kaufmanns und Leinenhänd­lers Friedrich Becker, mit den Söhnen August und Franz Friedrich. Es darf unterstellt werden, daß es der Weitsicht des Händlers Friedrich Becker zu verdanken Ist, daß er in den Zeiten des niedergehenden Leinenhandels einen Sohn anhielt, nämlich August Becker, den zukunftsträchtigeren Beruf eines Gastwirts zu ergreifen und zunächst das Gasthaus Nagel (Colonat 3, früher Hauptstr. 68), danach Ehlebracht, zu betreiben. Später übernahm August auch die Gastwirtschaft "Jägermann" (Colonat 24, heute Jägerhaus) zwischen Hauptstraße und Tönsbergstraße. In dieser Zeit begrenzt die Tönsbergstraße einen Teil der weitläufigen "Hude", der Weideberechtigung der Bürger auf dem Eigentum der Dorfschaft, auch Papageuen oder Papagäu genannt und ist in diesem Bereich zum felsigen Hang hin nur mit der Schmiede "Moritz", auch "alte Schmiede" oder "Weberhaus" genannt, bebaut (heute Tönsbergstr.1). Wasser war zu allen Zeiten ein wichtiges Lebensmittel und durch die Berglage in Oerlinghausen nur teuer und schwierig zu erhalten. Drei Arten von Brunnen, die rechtlich unterschiedlich behandelt wurden, versorgten die Bürgerschaft: Hausbrunnen, Dorfbrunnen (für alle Einwohner) und Interessentenbrunnen (ausschließliche Nutzung durch die Erbauer-Interessenten). Wann der Gastwirt August Becker dem Gedanken nähertrat, eine Brauerei zu gründen und eigenes Bier zu brauen, ist nicht überliefert. Es steht aber fest, daß das Vorhandensein eines Brunnens als Wasserlieferant für die Bierherstellung unentbehrlich war.

Im Jahre 1829 wird von einer Interessengemeinschaft auf dem Dorf­gelände neben der Schmiede und dem Fahrweg an der Tönsbergstraße unter großen finanziellen Anstrengungen ein Brunnen gebaut, der später die landläufige Bezeichnung "Weberbrunnen" (weil am Weberhaus gelegen) erhielt. August Becker, als Wirt des "Jägermann" und späterem Eigentümer des Colonats 24, beantragte dann 1m Jahre 1838 den Bau eines Bierkellers und baute diesen auf der ehemaligen Hude, noch im Besitz von Barkhausen, In Reichweite seiner Gastwirtschaft.

[Bild: Wasserversorgung der Tönsbergstraße, Jägerstraße und der Becker'sehen Brauerei im Jahre 1844

a. "Weberbrunnen" – Interessentenbrunnen

b. "Weberbrunnen 2" i.d. Brauerei, mit a. verbunden

c. Tönsbergstraße vor der Verbreiterung 1909

d. "alte Schmiede" oder "Weberhaus" (Moritz)

e. Colonat 24, früher "Jägermann"]

Wegen der Belanglosigkeit des Grundstücksbedarfs wurde der Erwerb des benötigten Grundes dem Colonat 24 zugerechnet, wahrscheinlich mit Blick auf den Interessentenbrunnen. Im historischen Rückblick wird deutlich, daß dem Verhalten von August Becker der Plan zugrunde lag, das Brunnenrecht am Weberbrunnen für seine Ziele zu nutzen. Ohne Wasser war keine Möglichkeit gegeben, auf dem Grundstück seines Bierkellers gewerblich tätig zu werden.1842 war die Verwirklichung der Brauereipläne in greifbare Nähe gerückt. Es wurde deshalb auch an den zukünftigen Bierabsatz gedacht. Die Familie Becker stellte mit Franz Friedrich den Schützenkönig der wiedergegründeten Schützengesellschaft. Ab 1850 war sogar in den Statuten eine "Verpflichtung des Schützenwirts" auf Becker'sches Bier verankert. Nachdem Barkhausen die notwendigen Grundstücke an Becker verkauft und die Dorfdeputierten zugestimmt hatten, "im Süden, Westen und Nordwesten mit den großen Buchen beim früheren Spritzenhaus" sowie zusätzlichen Grund und Boden der Dorfschaft zu verkaufen mit der Auflage, die "Twete" zu erhalten, wurde der Bauantrag gestellt und die Verträge 1843 beglaubigt. Vor Fertigstellung der Brauerei im Jahre 1844, beantragte August B. beim Ortsvorstand und Ortsvorsteher F.C.F. Hildebrand die Nutzung des Weberbrunnens für die Brauerei. Durch ein Rohr sollte aus dem vorhandenen Brunnen Wasser In ein Becken Innerhalb der Brauerei geleitet werden. Es ist sicher nur dem Einfluß der Familie Becker auf die Dorfgemeinde zu verdanken, daß diese den Brunnenantrag genehmigte, obwohl, wie später festgestellt werden mußte, der angezapfte Brunnen ein Interessentenbrunnen war, an dem Becker keine Nutzungsrechte hatte. Nun eskalierte der schwelende Brunnenstreit zu einem "Brunnenkrieg", in dessen Verlauf die 17 Interessenten des Weberbrunnens zur Selbsthilfe griffen und die installierte Anlage zerstörten. Das Criminalgericht in Detmold verurteilte danach alle 17 Beteiligten wegen "öffentlicher Gewalt" zu Gefängnisstrafen zwischen 2 Wochen und 0 Monaten. Das Oberappellatlonsgericht des Herzogtums Braunschweig, zuständig für das Fürstentum Lippe, kassierte jedoch kurz danach das Urteil und erkannte die Rechtsauffassung der "Interessenten" an.

[Bild: Alte Brauerei mit Weberbrunnen, Foto vor 1900]

Trotz dieses Rückschlags in den Ausbauplänen und dem dadurch bedingten vorläufigen Entzug des benötigten Wassers, setzte sich der Bauherr August Becker durch. Noch im Jahre 1844 erhielt er die Genehmigung des Ortsvorstandes, einen eigenen Brunnen mit Pumpe anzulegen, und zwar Jetzt sogar 1m Innern der Brauerei. Der heute noch erhaltene und liebevoll restaurierte Brunnen hatte von dem strittigen "Weberbrunnen" nunmehr einen Abstand von ca. 5 m und wurde auf ca. 25 m abgeteuft. Damit ging der Bauherr mit dem Brauereibrunnen auf mindestens die gleiche Tiefe wie beim Weberbrunnen und nutzt das Wasser der gleichen geologischen Schicht.

Gegen alle Schwierigkeiten wurde nun die Brauerei bis zum Ende des Jahres 1844 fertiggestellt. Der Streit, den die Auseinandersetzung um den Brunnen unter den Oerlinghausen Bürgern ausgelöst hatte, war aber mit dem Abschluß der Bauarbeiten nicht beigelegt, sondern weitete sich zu einem regelrechten Machtkampf aus. Der Zorn vieler Bürger gegen die Obrigkeit -der Ortsvorsteher, Kaufmann F.C.F. Hildebrand, wird nicht wiedergewählt und die zunehmende Popularität der Brunnengegner begünstigte eine Eskalation, die sich endgültig Im März (18./19.) 1848 in Form öffentlicher Gewalt gegen den ehemaligen Ortsvorsteher niederschlug. Der Streit wurde auf der einen Seite mit Pflastersteinen, auf der anderen Seite mit einem Gewehr aus­getragen und hinterließ eine verwüstete Wohnung und einen Verletzten, der sich durch Flucht aus Lippe dem Zugriff der Behörden entzog. Im Verlauf des folgenden Jahrzehnts wurde die Familie Becker wohlhabend und erwarb durch die Teilung der Senne und des Tönsbergs umfangreiche Ländereien. Dies wurde deutlich, als im Jahre 1919 Luise Becker -geb. 1836- unverheiratet und ohne Nachkommen als letzte des Geschlechts starb und zur Abwicklung der Erbschaft ein "Teilungsplan" aufgestellt wurde. Einer der Erben, der Kaufmann Battig aus Bielefeld -die anderen Erben kommen u.a. aus Schötmar und Gütersloh- betrieb die Zwangsvollstreckung in das Beckersche Vermögen und bot selber. Sein Gebot für das Ensemble Tönsbergstraße/Jägerstraße betrug 35.500 Mark. Schon vor der Zwangsversteigerung hatte die Dorfgemeinde unter Bürgermeister Reuter versucht, diese Grundstücke zu übernehmen. Das Ansinnen einer "Schenkung" wurde aber von den Erben erbost abgelehnt, und so mußte die Gemeinde ihr Vorkaufsrecht geltend machen und In den Preis von Battig einsteigen. Die Dorfgemeinde kaufte 1920 den Gebäudekomplex einschließlich des Viehhauses für 35.500 Mark und baute das Haus Jägerstraße mit einem Aufwand von 17.000 Mark zu Wohnraum um. In einem Schreiben an das Finanzamt Detmold meinte Reuter hierzu: "Die Gemeinde hat einen schlechten Kauf ... gemacht. Die Gebäude waren in miserablem Zustand". ... Und tatsächlich blieben die Gebäude, trotz aller Wertsteigerung, stets ein Sorgenkind der Gemeinde.

Die Nutzung des unteren Geschosses als Bier- und Eiskeller durch Verleger der Brauereien Falkenkrug Detmold und der Brauerei Langenberg sowie die Verwendung der Stallungen für die dazugehö­rigen Zugpferde, blieb traditionell noch einige Jahre erhalten, während gleichzeitig die Wohnungsmieter Stallungen und Kellerräume in dem weiträumigen Geschoß mieteten.Nach den Bierverlegern nutzten noch ein Klempner und eine Maschinenschlosserei -nach Beilegung eines Streits um die Emilssionen- diese Gebäudeteile. Eine neue Ära der "alten Brauerei" bahnte sich am 06.11.1935 an, als die Stadt einen Mietvertrag mit dem Lichtspieltheaterbesitzer Hermann König aus Oerlinghausen abschloß.

Nachdem bereits 1927 die erste Kino-Genehmigung für den "Essener Hof" erteilt wurde, eröffneten die "Oerlinghauser Lichtspiele" mit 150 - 160 Sitzplätzen das zweite und sicherere Kino Im Erdgeschoß der Tönsbergstraße 3 und blieben bis zur Kündigung Im Jahre 1952 wirtschaftlich gesund. Das Geschäft mit dem Film muß recht lukrativ gewesen sein, denn während der NS-Zeit versuchte ein Oerlinghauser Bürger mit Hilfe der Nazi-Partei und Intrigen dem Kinobesitzer König die Lichtspiele abzujagen. Dies scheiterte aber am Widerstand des Bürgermeisters. Im Jahr der Kinoeröffnung (1935) wurde im Obergeschoß der alten Brauerei ein Heimatmuseum der Stadt Oerlinghausen eingerichtet, nachdem seit dem Jahre 1931 sowohl der Lehrer H. Diekmann als auch Bürgermeister Reuter mit Blick auf die ,900-Jahr-Feier kontinuierlich das Ziel verfolgten, ein derartiges Museum zu errichten. Am 27.12.1935 wurde der Lippischen Landesregierung die Fer­tigstellung gemeldet. Mit dem Kriegsende im Jahre 1945 ging eine große Anzahl von Exponaten - 1944 wurden In einem Verzeichnis 5.000 Sammel- und Schaustücke mit einem Versicherungswert von 35.000 Reichsmark angegeben - aus dem Heimatmuseum verloren. Beleg dafür Ist z. B. eine Meldung des Polizeipostens vom Januar 1946, die besagt, daß ... die Ermittlungen ergeben haben, daß der ... das obenbenannte Mühlenrad zu Feuerungszwecken verwandt hat. An den Ostertagen 1945 dienten beide Felsenkeller großen Teilen der Oerlinghauser Bevölkerung als Luftschutzkeller. Nach 1945 wohnten zunächst 8 Familien In dem Gebäudekomplex und nutzten Wohn- und Stallräume. Auch danach wurden die Räumlichkei­ten vorwiegend zu Wohnzwecken vermietet. Mit zunehmenden Ansprüchen und fortschreitendem Verfall der Gebäude wurden die Mieter weniger. Der Mieterbund, der fast 10 Jahre sein Büro in dem Gebäudekomplex hatte, kündigte 1963. Es blieben gelegentliche Vermietungen und In der Hauptsache die Nutzung als Abstellräume. Erst mit der Entscheidung, die historischen Gebäude unter Denk­malschutz zu stellen und dem Beschluß des Rates, das Ensemble Tönsbergstraße 3 zu restaurieren und anschließend den Bürgern als Bürgerhaus zu übergeben, Ist diesen Häusern aus dem Jahre 1844 eine neue Zukunft gegeben worden. Am 08. Dezember 1990 wird das neue Bürgerhaus In der "alten Brauerei" eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben.