Bierbrauen in Oerlinghausen

Stadtgeschichte: In Oerlinghausen wurde früher viel Alkoholisches produziert. Die größte Bierbrauerei war im heutigen Bürgerhaus und lieferte sogar nach Preußen

 

[Bild: Durstige Soldaten: Im Ersten Weltkrieg, als Oerlinghausen Garnisonsstadt wurde, gab es einen großen zusätzlichen Bierabsatz durch das Militär. Repro: Horst Biere | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Es wurde viel Alkohol getrunken im Oerlinghausen der früheren Jahre - und es wurde viel Branntwein und vor allem Bier hergestellt. Bis ins 17. Jahrhundert lässt sich das Brauereiwesen am Tönsberg zurückverfolgen. In der Geschichte des Oerlinghauser Bierherstellung spielte vor allem der damalige Vogt (Ortsvorsteher) Heinrich Tofal eine wichtige, aber unrühmliche Rolle.

Vogt Tofal besaß das Braurecht. Er lebte in einem großen Haus, an der Ecke Brachtshof / Hauptstraße (gegenüber der heutigen Fleischerei Sander). Im Jahr 1633 wurde er von Oerlinghauser Biertrinkern vor Gericht verklagt, weil er sein selbstgebrautes Bier für einen Groschen pro Kanne verkaufte.Überall woanders dagegen kostete das Bier nur die Hälfte. Der windige Vogt weigerte sich jedoch hartnäckig, seinen Bierpreis anzupassen. "Wer mein Bier nicht saufen will, muss es bleiben lassen", soll er gesagt haben.

Sein Nachfolger, Vogt Bracht, der eine kleine Brauerei und ein Gasthaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Brachtshof (heute an der Vogtei) erbaute, zeigte sich da schon wesentlich kundenorientierter. Als er von den Detmolder Regenten die Braugenehmigung erhielt, durfte er sogar sein Bier außerhalb Lippes verkaufen.

WASSER WIRD KNAPP

Bierherstellung unter neuzeitlicheren Bedingungen begann im 19. Jahrhundert. Oerlinghausens größte Brauerei lag an der Tönsbergstraße. Im heutigen Bürgerhaus floss der Gerstensaft in Strömen aus dem Gärbottich und dem Kühlkeller nebenan. So groß war die Nachfrage, dass das Brunnenwasser aus dem damaligen kleinen Brunnen, der mitten im Bürgerhaus lag, nicht ausreichte.

Auch Branntwein floss in Strömen

Um 1800 gab es in Oerlinghausen bei etwa 1.000 Einwohnern viele kleine Brennereien und acht genehmigte Branntweinschänken. Florierende Geschäfte machten erstaunlicherweise vor allem die vier Lokale in unmittelbarer Nähe der Alexanderkirche. Die alkoholische Blütezeit erlebte Oerlinghausen allerdings 100 Jahre später. Um 1900 kam auf 170 Einwohner eine Kneipe. Der Chronist August Reuter schrieb: „14 Schankwirtschaften sind eine Menge für ein Dorf mit 2.400 Einwohnern“. Insbesondere die Massenproduktion aus der Schnapsdestillerie von Hermann Bornheim hob er hervor, der „billigen Branntwein“ vor allem nach Preußen exportierte - 30 Liter für einen Taler.

In der Blütezeit des Bierbrauens zwischen 1860 und 1870 ließ deshalb sein Besitzer, August Becker, zusätzliches Brauwasser aus einer Quelle am Weberpark holen - in Holzfässern auf einem Eselskarren", sagt Heimathistoriker Werner Höltke. Das Bier vom Tönsberg, das man in den Schänken der Dorfgemeinschaft verkaufte und sogar bis Detmold und ins preußische Bielefeld exportiert wurde, hatte einen guten Ruf.

Und die Beckers waren erstklassige Geschäftsleute. Im Leinenhandel waren sie zu Reichtum gekommen. Nach dem Niedergang der Leinenindustrie durch billige Importwaren um 1830 investierten sie recht bald in andere Bereiche. Sohn August Becker erwarb 1838 das Gelände an der Tönsbergstraße. Auch das Brauereigeschäft brachte Erfolg, denn das neue Brauhaus lag verkehrsgünstig an der holperigen Passstraße über den Berg. Hier rollten viele der Fuhrwerke von Lippe nach Preußen hindurch.

AUSSCHANK

Werner Höltke erklärt die Räume im Jägerhaus: "Es gab mitten im Haus frisches Brunnenwasser, und - ganz wichtig - in einem Stollen unter dem Tönsberg konnte das Bier kühl gelagert werden." Der Bierkellerstollen, dessen Eingang noch heute im Bürgerhaus zu sehen ist, stammte bereits aus der Zeit, als in Oerlinghausen nach Kohle und Erz gesucht wurde. August Becker weitete seine florierende Brauerei noch auf eine Scheune an der Jägerstraße aus. Auch um die Vermarktung seines Tönsberg-Bieres kümmerte er sich, er erwarb das angrenzende Jägerhaus, wo seine Frau das Bier ausschenkte.

Doch die Marktlage für Oerlinghauser Bier verschlechterte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Große Brauereien entstanden in der Region, die bessere Verkehrsanbindung und damit der lukrative Bierimport aus Bielefeld, Detmold oder Herford entwickelten sich rasant.

Schon vor dem ersten Weltkrieg kam kaum noch Gerstensaft aus dem Kühlkeller an der Tönsbergstraße. Die Erben der Beckerschen Brauerei verkauften 1920 den Besitz, nachdem zwei Jahre vorher der letzte

Braumeister, der aus Bayern stammte, gestorben war. Seitdem wurde in Oerlinghausen kein Bier mehr gebraut.