Im Wirtshaus „Jägerhaus“ hatte der Grenzschütz seine Wohnung

Zur Gaststätte gehörte meist auch eine Colonialwaren-Handlung

 

Fritz Soll erzählt Histörchen aus der Bergstadt. Fritz Soll, ein hervorragender Kenner der Archivbestände im OerIinghauser Rathaus, macht für die NEUE WESTFALISCHE einen tiefen Griff in die bewegte Geschichte der Bergstadt und erzählt für unsere Leser in unregelmäßiger Folge interessante Histörchen aus der alten Zeit

Oerlinghausen. Zu den frühesten und ältesten Wirtschaften in Oerlinghausen, die heute noch vorhanden sind, gehört wohl das „Jägerhaus“. Seinen Namen hat es, weil der jeweilige vom Grafen angestellte Schnatjäger oder Grenzschütz hier seine Wohnung hatte. Das Haus hatte die alte Kolonatsnummer 24. Im Jahre 1720 erteilte die lippische Rentkammer zu Detmold die Erlaubnis, gegen eine Gebühr von 4 Rtl. jährlich, Branntwein zu versellen (d. h. auszuschenken). Die persönliche Konzession wird ausgestellt auf den Namen Ernst Kressel. Das Haus, heute Hauptstraße 21, lag zu der damaligen Zeit für eine Wirt­schaft sehr günstig. Alle Fuhrwerke mußten über den Berg (heute Tönsbergstraße). Alle Fuhrwerke, die in die Senne wollten, machten hier erst mal halt. Die Tiere mußten sich ausruhen, denn sie hatten ja schon die Steigung vom Scherenkrug oder Spitzenkrug (Helpup) hinter sich, und nun noch den Berg hinauf und wieder hinab. Was mag das für eine Quälerei für die Pferde gewesen sein! In einer alten Klageschrift (Lübbertsmeier 1820) wird der Weg über den Berg als ein Hohlweg beschrieben, der nur nicht tiefer wurde, weil der blanke Fels zutage getreten war. 1724 erscheint der Name Kressel als Schnatschütz. Da der Namen Kressel nicht in der Einwohnerliste von 1721 auftaucht, kann man annehmen, daß der gräfliche Jäger und der Wirt dieselbe Person ist. Im Jahre 1740 läßt sich der Schwiegersohn von Kressel mit Namen Christian Menke die Konzession erneuern. Sein Antrag, der auch genehmigt wird, lautet auf Bier, Branntwein und andere Waren. Er bekommt als Auflage, das Bier aus der gräflichen Brauerei in Brake zu beziehen und den Branntwein aus hiesigen Brennereien. 1767 wird die Schankkonzession auf den Namen Johann Henrich Menken erneuert. Den Beruf als Schnatjäger haben die Menken aber wohl nicht mehr ausgeübt, denn nun erscheinen sie regelmäßig in den Einwohnerlisten, sogar unter dem Beinamen „Jägermann". Bis zum Jahre 1836 ist nun immer die 3-jährige Konzession erneuert worden. Nun ist der Besitzer ein Menke modo Hansing (wahrscheinlich Einheirat), und dieser verkauft an Gastwirt Nagel Nr. 5. Dieser ist aber kein anderer als der Brauereibesitzer August Becker — Sohn des Leinenhändlers Friedrich Becker. Die Beckers waren neben den Tölkes und Grotes die Reichsten im Dorfe und waren auch die größten Grundbesitzer. Dieses muß auch die hiesige Amtsstube bewogen haben, an die Rentkammer zu schreiben, daß, wenn der neue Käufer oder Besitzer des Jägerhauses um eine Konzession nachsuchen würde, dann sollte man diesen 15 Rtl. statt bisher 5 Rtl. abnehmen. Aber Becker verpachtet. Der erste Pächter — 1838 — ist ein Aussendorf. Der zweite - 1844 — Steuerrezeptor Stöting. 1847 pachtet Adolf Reuter die Wirtschaft gegen eine Pacht von jährlich 80 Rtl. Reuter muß wohl ziemlichen Schwung in die Wirtschaft gebracht haben, denn 1851 verlangt Becker nun 90 Rtl. Pacht und 1861 hebt Becker die Pacht auf 120 Rtl. an. Das ist zuviel für Reuter. Er kauft 1862 das Haus von Rentmeister Schütz — heute Hauptstraße 3, Altdeutsche Bierstube — und nimmt auch die Kon­zession mit, die auf seine Person aus­gestellt war. Nun muß Becker um eine eigene Konzession für das Jägerhaus beim Amt nachsuchen. Dieses ist aber sehr zurückhaltend, da er schon eine Konzession für seine Brauerei an der Tönsbergstraße besitzt.

[Bild: Das Jägerhaus auf einem historischen Gemälde im Zimmer des stellv. Gemein­dedirektors Egon Eikelmann, der die Reproduktion freundlicherweise gestattete.]

Das Amt gibt den Antrag von Becker ohne Stellungnahme nach Detmold weiter. Es legt aber eine Auflistung aller z. Z. in Oerlinghausen befindlichen Wirtschaften bei: 1. Theermann, Colonats Nr. 108 = Hauptstraße 19 (Stadthotel), 2. Böhmer, Colonats Nr. 93 = Hauptstraße 2 (Bremer), 3. Nagel, Colonats Nr. 9 = Hauptstraße 43 (Gasthaus Nagel), 4. Henning, Colonats Nr. 6 = Hauptstraße 70 (Ravensberger Hof, abgebrannt 1954), 5. Bornheim, Colonats Nr. 10 = Hauptstraße 47 (Kobusch), 6. Hinnenthal, Colonats Nr. 64 = Hauptstraße 42 (Altenbernd), 7. Kochsiek, Colonats Nr. 80 = Hauptstraße 53 (Huwendiek), 8. Ww. Becker, Colonats Nr. 133 = Tönsbergstraße 3, 9. Reuter, Colonats Nr. 88 = Hauptstraße 3 (Altdeutsche), 10. Drexhage, Colonats Nr. 3 = Hauptstraße 68 (Ehlebracht, abgebrannt 1945). Außer Ww. Becker und Kochsiek hatten alle anderen neben ihrer Wirtschaft auch noch einen Laden mit Colonialwaren. Ob man Becker wirklich Schwierig­keiten gemacht hat, wissen wir nicht, aber Becker verpachtet noch 1863 an Wilhelm Westermann. Nachdem dieser selbst ein Haus gegenüber mit einer Wirtschaft gebaut hatte (Hauptstraße 36), übernahm Carl Löhr das Jägerhaus (etwa 1888). Im Jahre 1919 kaufte Karl Harz das Haus und führte es bis zu seinem Tode in den 60er Jahren.

(Quellen: Stadtarchiv Oerlinghausen, St.-A. Detmold — L 108 Oerlinghausen, Aufzeichnungen A. Reuter)