Der Brachtsche Krug in Oerlinghausen
Vor 300 Jahren, am 24. Oktober 1643, wurde in Münster und Osnabrück der Westfälische Friede verkündet, wie atmeten die Menschen auf! Nun sollte endlich das Blutvergießen, das Rauben und Morden der letzten 50 Jahre ein Ende haben. Wer die Menschen hatten zu viel Drangsale erlitten – sie konnten noch nicht glauben, dass Paul Gerhardt recht haben sollte, wenn er sang: „Gott lob! Nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort, daß nunmehr ruhen sollen die Spieße und Schwerter und ihr Mord." – Sie ruhten auch noch nicht, die Spieße und Schwerter – denn tausende der sattsam bekannten Marodeure durchzogen noch raubend und mordend die deutschen Lande. Auch bei Oerlinghausen, in den Bergen und in der nahen Senne tauchten immer wieder entlassene Soldaten und Marodebrüder auf, die die friedliebenden Menschen bedrohten und sie nicht zum Genuß des Friedens kommen ließen.
So wurde es als eine Erlösung betrachtet, als im Sommer des Jahres 1650 eine stolze Kavalkade in den Hof der alten Oerlinghauser Vogtei einritt, an ihrer Spitze der vierzigjährige Feldhauptmann Johann Heinrich Bracht in wallendem Federhut und mit gelber Schärpe, begleitet von stark bewaffneten Wachtmeistern, Reitern und Knechten und gefolgt von einer stattlichen Kalesche und mehreren hochbepackten Troßwagen. Auf dem Hofe sah es nicht zum Besten aus. Die Stiefel versanken bis zum Knöchel im weichen Schmutz, und stinkige Pfützen behinderten das Gehen. Der frühere Vogt Tofall trat aus dem Hause und erwies den Ankommenden eine tiefe Reverenz. Er war von der bevorstehenden Ankunft der Gäste durch den Detmolder Boten rechtzeitig unterrichtet worden und wusste, daß Bracht am gräflichen Hofe wohlgelitten war. Nicht nur wegen der unsicheren Zeiten war Tofall über die Ankunft Brachts hocherfreut – er erhoffte auch eine Aufbesserung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse. Sein gesamter Besitz war vernachlässigt. Der Krieg mit seinen zahllosen Plünderungen und Mißhandlungen hatte seine Gesundheit untergraben und ihn an den Bettelstab gebracht. Tofall war ein alter gebrechlicher Mann geworden und besaß nicht mehr die Kraft, die verfallenen Gebäude des Hofes wieder instand zu setzen.
Als endlich Bohlen herbeigeschafft waren, konnten die Damen die Kalesche verlassen und ohne Gefahr die Pfützen bis zur Tür des Hauses überqueren. Ihr Einzug in die neue Wohnstätte in Oerlinghausen wurde von vielen Neugierigen beobachtet, die sonderlich die kostbaren Kleider der Frauen bewunderten und daneben auch die vielen Ballen und Truhen, die nun von den Wagen ins Haus gebracht wurden.
Pastor Johann Martheus, der nun schon 15 Jahre in Oerlinghausen amtierte und, wie er dem hohen Konsistorium berichtet, im Kriege „viel Hunger und Durst und von Räubern viel Schläge" erlitten hatte, kam am Nachmittag aus dem nahen Pfarrhause herüber, um Bracht zu begrüßen. Die beiden derben, fast gleichaltrigen Männer fanden vom ersten Augenblick an Gefallen aneinander [Fußnote: Diese Freundschaft hielt bis zum Tode Brachts an. Der Einfluss, den der aufgeklärte und ruhig abwägende Bracht auf Martheus ausübte, bewirkte u. a., daß die zu jener Zeit in Lemgo tobenden Neuprozeße niemals auf das Amt Oerlinghausen übergriffen.]. Auch der Pfarrer drückte seine Freude über das Eintreffen der neuen Bewohner aus, als er erfuhr, daß Bracht nach hier beordert war, um in der Vogtei nach dem Rechten zu sehen und die Gegend von Wegelagerern zu säubern.
Nun war sodann Bracht also in Oerlinghausen und ergriff gleich mit kräftiger Hand die Zügel, um Ordnung zu schaffen. Er war aus dem Kriege nicht ohne Vermögen zurückgekehrt, und seine Frau, eine Tochter des Oberstleutnants Witte aus Schloss Varenholz, hatte eine bedeutende Mitgift in die Ehe gebracht. Es dauerte nicht lange, und der Graf zur Lippe ernannte Bracht zum Vogt der Vogtei Oerlinghausen. Später verlieh er ihm den Titel „Landvogt".
Als erstes bemerkenswertes Werk begann Bracht, nachdem er Tofalls Besitz für 3000 Thaler erworben hatte, mit dem Bau eines neuen Wohnhauses in der Nähe des längst baufälligen alten Vogteigebäudes. Das neue Haus war ein großer Steinbau mit dicken Wänden und Pfeilern. Im Erdgeschoß lagen die Amtszimmer, ein kleiner Saal und die Wirtschaftsräume. Rings um die Diele lief ein Altan, von dem aus man die zahlreichen Wohn- und Gästezimmer des 1. Stocks erreichte. Im oberen Dachgeschoß lagen Vorratsräume und Kammern. Das Haus gehörte damals zu den größten des Lipperlandes, und es ist nicht verwunderlich, daß es in Oerlinghausen allgemein „das Schloss" hieß. Leider ist das Brachtsche Schloss 1901 einem Raub der Flammen geworden, von seinem räumlichen Umfang zeugt die Tatsache, daß vor dem Brand 11 Familien darin gewohnt hatten.
Als das Schloss fertig war, begann Bracht mit dem Bau von Stallungen und anderen Wirtschaftsgebäuden. Dadurch kamen die während des Krieges arm gewordenen Handwerker wieder zu Arbeit und Brot. Und als diese Bauten beendet und die Hauptverkehrswege ausgebessert waren, unterstützte Bracht die Handwerker mit Geld zwecks Ausbesserung ihrer eigenen baufälligen Häuser und für Neubauten an der jetzigen Tönsbergstraße. Er sorgte auch später für Arbeit, indem er zur Anschaffung von Webstühlen die Hand reichte und Händler dazu verpflichtete, die von den Hauswebern verfertigte Leinwand aufzukaufen. So kam Handel und Wandel in den vorher stillen Ort, und der einzige Krug des früheren Vogts Simon Barkhausen (siehe Hauptstraße 53) genügte bald nicht mehr.
Deshalb schritt Bracht im Jahre 1665 zum Bau eines eigenen Kruges, für den er einen tüchtigen Pächter fand. Es ist das Gebäude, das noch heute als letzter uns erhaltener Zeuge Brachtscher Bauten steht und das Herr Diplomingenieur Duwenkamp von der Bauschule Lage uns nun in klaren und genauen Aufrissen vorführt. Man sieht es den dicken eichenen Ständern und Balken an, daß beim Bau nicht gespart wurde. Es ist, als ob alle Sparren und Bohlen uns sagen wollten: „Seht her, wir halten noch einmal 300 Jahre aus!" Und wir glauben den Bausachverständigen, wenn sie uns versichern, daß dem so ist und daß das Eichenholz mit jedem Jahrzehnt härter wird.
Sehen wir uns den stattlichen Bau einmal näher an! Da fällt zunächst seine Länge von 21 m und die Breite von 12 m ins Auge. Über dem Hauseingang entdecken wir in dem breiten Balken die Worte:
„Johann Bracht und Christine Elisabeth Witten haben dieses Haus lassen bauen. Allen, die uns kennen, gebe Gott doppelt, was sie uns gönnen."
Betreten wir die mit breiten Steinen gepflasterte Diele (plattdeutsch „Bell"), dann gewahren wir im Hintergrund einen Kamin, der keinen Schornstein hat. Der Rauch mußte sich einen Ausgang aus der Diele oder über den luftigen Boden suchen, damit er gleichzeitig die Schinken und Würste räucherte. Am Kamin sehen wir auch die Jahreszahl der Erbauung des Kruges: Anno Domini 1665.
Eine schöne eichene Wendeltreppe neben dem Kamin führt unmittelbar auf den großen Boden. Was alles konnte auf dieser Fläche gelagert werden! Vor allem Hopfen und Gerste für die Bierbrauerei, Roggen für das Brot und für die Branntweinbrennerei und Heu und Stroh für die durchreisenden Fuhrleute. Mit der Kruggerechtigkeit war auch die Konzession zur Herstellung von Bier, Branntwein und Schnaps verbunden. Die in der Nachbarschaft liegenden Krüge Scherenkrug, Helpup und Kachtenhausen waren gehalten, Bier und Branntwein aus dem Brachtschen Krug zu beziehen. Das war ein Privilegium des Landvogts, das ihm aus besonderer Gnade vom Grafen zur Lippe verliehen wurde. Solcher Gnadenbeweise konnte sich Bracht noch mehrfach erfreuen. Graf Hermann Adolf war des öfteren mit großem Gefolge in Oerlinghausen. Nach den uns erhaltenen Rechnungen fanden bei solchen Besuchen üppige Gastereien statt, zu denen der Krugpächter ansehnliche Mengen Wein und Bier zu liefern hatte. Ein Bruder des Grafen machte im Krug mal eine Zeche von 73 Talern, die er aber schuldig geblieben ist und die Bracht bezahlen mußte.
Was hat unser alter Krug nicht alles gesehen! Im Jahre 1675 zog von Westen her ein neues Unwetter über Oerlinghausen und das ganze Lipperland heran. Der kriegerische Bischof Bernhard von Galen rückte mit 8 Regimentern auf seinem Zuge gegen Bremen durch unser Land und hielt es längere Zeit besetzt. Das bedeutete für Oerlinghausen eine Wiederholung der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. 7 Regimenter lagerten in und um Oerlinghausen. Die Soldaten nahmen zunächst mehrere Bewohner als Geiseln fest und plünderten darauf die Häuser aus. Die jungen Leute flüchteten in die Wälder, um einer zwangsweisen Rekrutierung zu entgehen. Mißhandlungen der Frauen und Greise waren an der Tagesordnung. Das dauerte sieben lange Wochen. Auf der Diele des Kruges fanden tolle Gelage statt. Die Soldaten würfelten dort um den Besitz des gestohlenen Gutes. Endlich zog das Galensche Heer weiter nach Norden und ließ rauchende Trümmer und verzweifelnde Menschen zurück. Der Brachtsche Krug war arm geworden. Nicht ein Stück seiner Habe hatte er retten können. Und so wie ihm ging es allen Bewohnern. Sie mußten neu beginnen, und nur ihr Fleiß in den folgenden Jahren überwand auch schließlich die Schrecken der münsterschen Invasion.
Einem aber ging das furchtbare Schicksal des Dorfes Oerlinghausen besonders zu Herzen: dem Landvogt Johann Bracht. Er, der immer kräftig zugepackt, der immer geholfen hatte, mußte nun im Alter erleben, daß so vieles zerstört war, was er aufgebaut hatte. Zwei Jahre nach der Galenschen Invasion, im Jahre 1677, starb er. Sein Sohn Hermann Adolf folgte ihm im Vogtamt. Aber dieser wurde nach Jahren erfolgreichen Wiederaufbaus das Opfer einer ränkevollen Kamarilla des gräflichen Hofes, die ihn um sein ganzes Vermögen brachte. Doch das ist ein Kapitel für sich, das zu erzählen den Rahmen dieser Abhandlung weit überschreiten würde. Genug, das umfangreiche Brachtsche Gut kam 1752 unter den Hammer, und sieben Oerlinghauser Bürger waren die Erwerber.
In dem Versteigerungsprotokoll vom 28. Juni 1752 heißt es wörtlich:
„Auf Verlangen der Käufer sind wir nach dem dabei befindlichen Krug gegangen, und habe ich in Gegenwart des Krügers Ebbinghausen und seiner Domestiquen auch anwesender fremder Fuhrleute denen Käufern olchen Krug mit allem Zubehör übertragen, anbei den Krüger an jene als Käufer und nunmehrige Eigentümer verwiesen mit dem Bedeuten, den Krug sofort zu räumen oder mit den Käufern, wenn sie wollten, wegen der Heuer von neuem zu kontrahieren, widrigenfalls zu gewärtigen, daß er mit Gewalt herausgesetzt werden würde, welcher aber ganz trotzig geantwortet."
Die einzelnen Stücke des Brachtschen Gutes, die Wiesen, Waldungen und Häuser wurden an die sieben Käufer durch das Los verteilt. Unser Krug kam dabei in den Besitz des Franz Jost Wöstmann, der den bisherigen Pächter noch kurze Zeit behielt, die zugehörigen Ländereien aber selber bewirtschaftete. Das Haus erhielt damals den Charakter eines selbständigen Kolonats mit der Kolonatsnummer 101 b, später Nr. 79.
Der Siebenjährige Krieg brachte im Jahre 1757 erneut furchtbare Drangsalierungen. Es waren diesmal die Preußen, die von Westen her mit einer starken Armee anrückten und bei Oerlinghausen ein Lager aufschlugen, das vom Welschen bis zum Scherenkrug und von Menkhausen bis Mackenbruch reichte. Wir besitzen noch eine französische Karte, aus der der Umfang des Lagers zu ersehen ist.
Und wieder spielten sich im Krug tolle Gelage und Raufereien ab und wieder wurden alle Vorratskammern und die „Ohßen", d. i. die Wurst- und Schinkenbühne, leer geplündert. Als die französische Armee abgezogen war, erschien Ferdinand von Braunschweig, der preußische Heerführer, mit einem Detachement und verlangte vom Oerlinghauser Amtmann Ramus, daß er binnen kürzester Frist 80 Rekruten stelle, die sich im Krug melden sollten. Die jungen Burschen aber waren längst ausgerückt und hielten sich in den Wäldern versteckt. Man nahm dafür junge Mädchen fest und schleppte sie zu Schanzarbeiten fort. Die Äcker blieben unbestellt, und Hungersnot, Typhus und andere Krankheiten forderten zahlreiche Opfer.
Als nach siebenjähriger Kriegszeit, nach sieben Jahren der Unsicherheit und steter Furcht endlich der Frieden verkündet wurde, meldete der Amtmann allein für Oerlinghausen einen Schaden von 132.500 Talern an, von denen aber nicht ein Pfennig ersetzt wurde.
Es war nicht verwunderlich, daß es unter diesen Umständen mit der Krugwirtschaft abwärts ging. Wöstmann und seine Erben kamen auf keinen grünen Zweig. Im Jahre 1810 ging der Krug mit den Ländereien auf den Ackerbürger Soll über und dieser verzichtete 1821 auf die Kruggerechtigkeit – er hatte sich schon jahrelang vorher fast nur dem Ackerbau gewidmet.
Die Erben Soll sind noch heute Besitzer des alten Kruges, der so viele Drangsale gesehen und eine nicht unwesentliche Rolle in der Geschichte der Stadt gespielt hatte. Heute ist das Gebäude in keinem guten Zustand mehr, und es bedarf dringend der Wiederherstellung. Aber gerade heute, nach Einführung der neuen Währung, fehlt es an dem nötigen Geld, um wenigstens das Nötigste auszubessern. Wir können nur hoffen, daß es Stellen gibt, die uns helfen, diesen letzten Rest alter Brachtscher Herrlichkeit, diesen Zeugen einer ereignisreichen Geschichte der Stadt Oerlinghausen, vor dem völligen Verfall zu retten – denn der immer noch stattliche Bau verdient es.
August Reuter,
Bürgermeister a. D.
Oerlinghausen, 26. Oktober 1948