Wüstes Treiben am Brachtshof

Stadtgeschichte: Wie das frühere Dorfzentrum Oerlinghausens unter fremden Soldaten, ihren Ausschweifungen, Plünderungen und Zwangsrekrutierungen zu leiden hatte

 

[Bild: Spaß an Ortsgeschichte: Der Vorstand des Vereins Alt-Oerlinghausen im Lippischen Heimatbund mit Werner Nowak (v. l.) Werner Höltke, Inge Berghoff und Fritz Holzkamp. Werner Höltke hielt den sehr gut besuchten Vortrag über den Brachtshof. | © Foto: Horst Biere]

[Bild: Brachts Krug: Das Gebäude war seit 1821 kein Gasthaus mehr. Am rechten Bildrand verläuft die Straße Brachtshof hinauf zum Piperweg. Das Bild ist eine Fotomontage, die der ehemalige Lehrer Hermann Diekmann anfertigte. | © Foto: Archiv Werner Höltke / Repro: Horst Biere]

Oerlinghausen. Es sah nicht immer rosig aus im früheren Oerlinghauser Dorfzentrum - rings um die Alexanderkirche. Einige gute, oft aber sehr schlimme Zeiten erlebte vor allem der Brachtsche Krug. Das große Gasthaus lag genau an der Ecke des heutigen Brachtshof mit der Hauptstraße. Erst 1951 wurde das große Gebäude abgerissen, das Johann Heinrich Bracht im Jahre 1665 fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs erbaute. Ortshistoriker Werner Höltke sprach über die wechselvolle Entwicklung auf einer Vortragsveranstaltung im Jägerhaus. Johann Bracht, ein 40-jähriger Feldhauptmann, war nicht unvermögend, als er 1650 direkt nach dem Ende des schrecklichen Kriegs ins total verarmte Oerlinghausen kam. Er kaufte größere Ländereien im Dorf, unter anderem ein riesiges Grundstück vom ehemaligen Vogt Tofall an der Hauptstraße und errichtete zuerst ein stattliches Haus - ein Gebäude gegenüber der heutigen Fleischerei Sander, das im Volksmund nur "Schloss" genannt wurde. Das Schloss galt als eines der größten Häuser in ganz Lippe. Brachts Aufbauprogramm, das auch vom lippischen Regenten mit Freude betrachtet wurde, wirkte wohltuend auf die Dorfschaft. So kamen auch die notleidenden Oerlinghauser Handwerker wieder zu Lohn und Brot. Der lippische Regent machte ihn zum Landvogt, also zum Oberhaupt des Dorfes und der Umgebung.

Brachts nächster Schritt war der Bau eines Kruges gleich nebenan. Das stattliche Gasthaus am Brachtshof besaß einen für die damalige Zeit riesigen Innenraum. Unten auf der Diele lagen der Ausschank und der große Gastraum, auf dem Sandsteinboden fanden rauschende Tanzfeste statt. Zünftige Dorffeiern und viel Betrieb prägten den Krug. Auf dem großen Boden darüber lagerten Hopfen und Gerste fürs Bierbrauen, der Roggen fürs Brot und das Branntweinbrennen und einige Strohlager für durchreisende Fuhrleute.

Der Graf ließ die Puppen tanzen

Johann Bracht hatte einen guten Draht zur gräflichen Residenz in Detmold. Denn auch andere Krüge wie der Alte Krug in Helpup, der Wurstekrug in Kachtenhausen und der Scherenkrug mussten ihre alkoholischen Getränke aus Brachts Destillen und Gärbottichen beziehen. Dafür kam Graf Hermann Adolph und sein Hofstaat des Öfteren nach Oerlinghausen und ließ im Brachtschen Krug die Puppen tanzen. Ein Bruder des Grafen - so schreibt es die Chronik - hat die riesige Summe von 73 Talern als Zeche gemacht - und natürlich das Bezahlen vergessen. Aber richtig dramatisch wurde es in der Dorfschaft und seinem großen Dorfkrug zehn Jahre später. 1675 zog der kriegerische Bischof Bernhard von Galen nach Bremen und lagerte mit acht Regimentern für sieben Wochen am Tönsberg. Eine Horrorzeit für Oerlinghausen: die Soldaten plünderten die Häuser, zwangen die Oerlinghauser zu Diensten aller Art. Der Brachtsche Krug hatte für die täglichen Gelage auf der Diele alle Speisen und Getränke bereitzustellen. Misshandlungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Die jungen Menschen flüchteten in die Wälder ringsum, um einer zwangsweisen Rekrutierung zu entgehen. Als die Soldaten weiter gezogen waren, herrschte im Dorf und auch im Brachtschen Krug bittere Armut. Landvogt Johann Bracht starb kurz darauf. Seinem Sohn Hermann Adolph allerdings, ein gebildeter Mann, der das Anwesen übernahm, gelang der Aufschwung und ein respektabler Wohlstand. Allerdings fiel er wegen angeblicher Steuerschulden beim lippischen Grafen in Ungnade. Sein gesamter Besitz, das Schloss, die Ländereien in Oerlinghausen kamen unter den Hammer. Sieben Oerlinghauser erwarben die Brachtschen Immobilien. Neuer Krugbesitzer wurde Jost Wöstmann. Die schrecklichsten Jahre allerdings kamen erst noch. Als 1756 der Siebenjährige Krieg ausbrach, rückte von Westen die französische Armee an und schlug ihr Lager in Oerlinghausen und Umgebung auf. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, nahmen die Soldaten an sich. Trinkgelage und Ausschweifungen im Brachtschen Krug gehörten zum täglichen Leben, alle Vorräte wurden wieder einmal geplündert. Die Oerlinghauser litten ungeheuer unter der fremden Herrschaft. Und kaum waren die Franzosen abgezogen, da rückte der preußische Heerführer Ferdinand von Braunschweig an. Um seine Verluste aufzufüllen, verlangte er harsch vom damaligen Oerlinghauser Amtmann Ramus, er solle binnen kürzester Frist 30 junge Männer als Rekruten stellen. Die jungen Oerlinghauser Handwerkersöhne und Kleinbauern hatten die Zwangsrekrutierung längst kommen sehen und sich in der Umgebung versteckt. Doch der preußische Feldherr war nicht wählerisch. Dann sollten eben junge Oerlinghauserinnen im Tross der Soldaten mitgenommen werden. Man brauche sie für Schanzarbeiten und dergleichen. Die Folge: die Felder blieben unbestellt, alle jungen Arbeitskräfte in der Dorfschaft fehlten, Armut, Hungersnot, tödliche Krankheiten herrschten am Tönsberg.

Junge Frauen verschleppt

Nach dem Friedensschluss zwischen Preußen und Habsburg 1763 war die wirtschaftliche Lage in der Dorfschaft desolat. Vom lippischen Grafen bekamen die Oerlinghauser nicht einen Taler Unterstützung. Auch in Brachts Krug in Besitz von Jost Wöstmann und später seinen Erben herrschte bittere Armut. Man verkaufte letztlich im Jahre 1810 die große Gaststätte mit allen Ländereien an den Kleinlandwirt Soll. Doch der war Bauer und kein Gastwirt und so stellte Soll den Schankbetrieb 1821 ein. Das große Gebäude des Brachtschen Kruges aber war sehr solide gebaut und überstand ein weiteres Jahrhundert. Es blieb in Besitz der Nachkommen der Familie Soll - eben bis 1951. Da das Gebäude im Zweiten Weltkrieg in den heißen Kämpfen der Wehrmacht gegen die Alliierten sehr gelitten hatte, riss man es völlig ab. Heute liegt an der Einmündung zum Brachtshof nur ein kleiner Parkplatz.