Wo die ersten Kegel fielen
Stadtgeschichte: Auf Thermanns Freiluft-Bahn wurde bereits 1864 kräftig gekegelt und gezecht. Der Club „Tönsberg“ gilt als der älteste und noch existierende Kegelclub in ganz Lippe.
[Bild: Im Jahre 1896 unternahm der Kegelclub „Tönsberg" einen Ausflug in die Senne. Auf der Kegelbahn der Gaststätte Multhaupt in Augustdorf entstand dieses historische Bild. | © Repro: Horst Biere / Quelle: KC Tönsberg]
Oerlinghausen. Es ist ein warmer Samstagabend am 11. Mai 1864 in Oerlinghausen. Gendarm Johann Christian Grönewald wandert auf seinem nächtlichen Kontrollgang die Hauptstraße entlang. Als er am Gasthaus Thermann (heute Stadthotel) vorbei spaziert, hört er laute Stimmen. Doch der heftige Lärm stammt nicht aus der beliebten Gaststätte, sondern von Thermanns Gartenkegelbahn, die am Hang hinter dem Lokal liegt. Grönewald klettert die Stufen zur Kegelbahn empor und erkennt, dass er einschreiten muss. Es sind die Honoratioren des Ortes, die - offenbar stark angetrunken - so viel Krach nach der Sperrstunde verursachen. „Auditor Melm, Apotheker Melm jun., Kaufmann L. Tölke, R. Busse, Max Dresel (Dalbke) und Meier zu Wrachtrup (Lämershagen) wurden um 12 Uhr nachts auf der
Thermannschen Kegelbahn betroffen und dem Amte angezeigt,“ protokolliert er säuberlich in sein Polizeibuch.
Die Anzeige, die Gendarm Grönewald dem Amt Schötmar zusendet, hat wahrscheinlich keine großen Folgen für die Radaumacher gehabt. Und doch ist das Datum von Bedeutung: Es zeigt die erste Erwähnung eines Kegelvereins, der erstaunlicherweise noch heute existiert. Der „Kegelclub Tönsberg 1864“ gründet seinen Namen auf dieses Gerichtsprotokoll. Immer noch wird heute die Kugel geschoben, in unseren Tagen allerdings auf den Bahnen des Kastanienkruges - jeden Donnerstagabend.
[Bild: Dieter Kochsiek (I.) und Karl-Friedrich Haeger stellen den ältesten noch heute existierenden Kegelclub Lippes vor - auf der Kegelbahn des Kastanienkruges. | © Horst Biere]
Noch zu Kaisers Zeiten unternahmen die Oerlinghauser Kegelbrüder auch ihre beliebten Clubausflüge, anfangs manchmal zu Fuß zur Gaststätte Multhaupt nach Augustdorf. Später ging’s dann mit Rehms Bus nach Blomberg oder Bad Meinberg. Als Thermanns Gaststätte zum Hotel Kiffe umgebaut wurde, riss man zu Anfang des 20. Jahrhunderts auch die Freiluftkegelbahn ab. Als neue Kegelbahn bot sich der
Essener Hof (später Stadtschänke) an. Dort begann auch das Vereinsleben nach der Zwangspause des Zweiten Weltkriegs wieder.
Sennerbrand zur geistigen Belebung
Am 30. April 1948 sandte der „Festausschuss“ des Kegelclubs Tönsberg ein Einladungsschreiben an die Mitglieder Hans Asemissen, Aloys Gröne, Franz Huxoll, Wilhelm Jacob, Walter Meierjohann, Robert Richter, Paul Rieso, Ludwig Schlingmann, Carl Wachsmuth-Melm und Edwin Warnecken. „Nach Freigabe und Wiederherstellung wollen wir uns wieder auf unserer alten Kegelbahn Essener Hof einfinden. Herr Ritzenhoff (der Gastwirt) will so freundlich sein, sich bei Herrn Paul Kochsiek um gutes Bier zu bemühen. Wer von den Kegelbrüdern zur geistigen Belebung mit "Sennerbrand“ oder Ähnlichem beitragen kann, ist des Dankes aller gewiss.“
Die ersten Kugeln rollten wieder über die Holzbahnen. Apotheker Carl-Ludwig Wachsmuth-Melm schrieb in einen Lebenserinnerungen: „Ich wurde nach Abschluss meines Studiums 1957 in den Kegelclub aufgenommen, nachdem ich in den Semesterferien sehr oft als Gast mitgekegelt hatte. Die Rituale waren damals die gleichen wie heute. Die Alkoholmengen, die man eingeflößt bekam, überschritten oft das Maß des Erträglichen, so dass die aufzunehmenden Klienten froh waren, wenn sie auf den eigenen Beinen nach Hause kamen.“
Immer noch korrekte Regeln und Umgangsformen
Doch der Essener Hof verfiel immer mehr. „Die Kegelbahn war durch die Kriegswirren ohnehin ziemlich ramponiert“, notierte Wachsmuth-Melm. „Die Bohlen im unteren Bereich waren morsch und darunter hausten Ratten, wie ich als Augenzeuge berichten kann. Als eine solche sich aus dem Loch herauswagte und auf die Kegelbahn lief, geriet sie unter eine Kugel, die sie ins Jenseits beförderte. Für uns war auch dieses erträglich, da man nach dem Krieg keine hohen Ansprüche stellte.“ Die Toilette für die Kegelbahn befand sich hinter einem Bretterverschlag, direkt neben der Tür zum Garten. Sie war so niedrig gebaut, dass man nur in Kniebeuge sein „kleines Geschäft“ erledigen konnte. Als dann der Essener Hof abgerissen wurde, verlegte der Kegelclub sein Vereinsleben in den Kastanienkrug und blieb dort bis heute.
Nur zwei längere Kegelpausen hat der Club im Laufe seiner 156 Vereinsjahre einlegen müssen. „Wegen des Zweiten Weltkriegs von September 1943 bis Mai 1948 ruhte das Clubleben“, sagt Dieter Kochsiek, der seit 1995 Präsident des Clubs ist, „und leider in unseren Tagen - wegen Corona.“ Fritz Haeger, Sportwart und Mitglied seit 1968, berichtet, dass aber immer noch korrekte Regeln und Umgangsformen gepflegt würden. „Neue Mitglieder müssen beim Aufnahmeritual auf die Kugel schwören, dass sie sich den Donnerstagabend freihalten.“ Das Kegeln werde aber keinesfalls mehr als Leistungssport betrieben. „Pumpen- und Fehlwürfe bleiben ungeahndet“, versichert Haeger, der als ehemaliger Studiendirektor auch die stattliche Chronik des Kegelclubs verfasste. „Manche bezeichnen dieses Kegeln auch als abendliche Gruppentherapie und als Seelenhygiene.“
Längst sind auch früheren strengen Sitten und Gebräuche wie das gegenseitige „Siezen“ oder die Kleiderordnung mit „Schlips und Kragen“ den heutigen lockeren Umgangsformen gewichen.
Es wurde geraucht, was das Zeug hält
Und auf die Gesundheit wird mehr geachtet. „Alkoholfreie Getränke waren früher verpönt“, erinnert sich Dieter Kochsiek amüsiert. Als Spross der bekannten Bierverlegerfamilie registrierte er viel mehr Umsatz in früheren Jahrzehnten. „Außerdem wurde geraucht, dass man manchmal die gegenüberliegende Spielgruppe nicht erkennen konnte.“
Heute gehören 13 Mitglieder zum Kegelclub Tönsberg: Horst Rodekamp, Siegfried Gollan, Helmut Steinmeister, Henner Wachsmuth-Melm, Hartmut Hollmann, Karl- Friedrich Haeger, Rüdiger Krutzki, Wilfried Diekhof, Wilfried Siekmöller, Bernd Meyer, Rolf Zielke, Dieter Kochsiek und Horst Wollny.