Gastwirtschaft Stadtschänke schließt endgültig
Die Traditionsgaststätte an der Hauptstraße schließt. Das Haus hat eine jahrhundertelange Geschichte
[Bild: Hören auf: Ilse und Rolf Hilker (beide 75) haben die „Stadtschänke“ an der Hauptstraße fast 40 Jahre lang betrieben. Jetzt wollen sie die neu gewonnenen Freiheit genießen. | © Karin Prignitz]
Oerlinghausen. Könnten die Räume an der Hauptstraße 86 reden, dann hätten sie eine unendliche Anzahl interessanter Geschichten zu erzählen. Rolf und Ilse Hilker haben unzählige von ihnen gehört, seit sie die „Stadtschänke“ im Jahr 1980 übernommen haben. „Die Gespräche an der Theke werden uns ganz sicher fehlen“, sagt das Wirtepaar. Mit jeweils 75 Jahren haben Hilkers nun aber beschlossen, aufzuhören.
„Eine Kneipe, wie wir sie geführt haben“, sagt Rolf Hilker, „ist ein Stück Kultur, und die geht nun verloren.“ Denn einen Nachfolger gibt es nicht. Hilkers sind zwar zuversichtlich, „dass sich irgendetwas ergeben wird“, denn lange leerstehen lassen möchten sie die Stadtschänke nicht. Aber was folgen wird, das ist noch längst nicht spruchreif.
[Bild: Historische Ansicht: So hat die Gastwirtschaft bis zum Jahr 1964 ausgesehen. | © Karin Prignitz]
Die Historie des Hauses reicht bis in das Jahr 1525 zurück. Hermen Rerde war es, der das Gebäude erbaute. „Durch Steuerzahlung für zwei Kühe“, so geht es jedenfalls aus der urkundlichen Erwähnung hervor, die Ortshistoriker Werner Höltke in den Archiven entdeckt hat. 1590 wird das Gebäude im Schatzregister mit der Colonatsnummer eins erwähnt.
"Eine Frau, drei Kleinkinder, ein Kuhmädchen und eine Mieterin"
Bei einer Volkszählung Anfang des 17. Jahrhunderts wurde festgestellt, dass „eine Frau, drei Kleinkinder, ein Kuhmädchen und eine Mieterin“ die Räume bewohnten. Damals hatte es wohl in direkter Nähe noch das sogenannte Frankfurter Tor am Straßendurchgang zum Schloss hinübergegeben, das dann jedoch entfernt wurde. Im Jahr 1712 wird Heinrich Blome als Eigentümer angegeben, 1860 Ludwig Niemann.
Vermutlich sei die erste Gastwirtschaft im Haus 1885 durch einen Herrn Niewald eröffnet worden, das geht ebenfalls aus den Recherchen von Werner Höltke hervor. Noch vor 1890 übergab Niewald sie an seinen Sohn Louis. Der baute einen Saal an. In dem fanden unter anderem die Turner ihr Domizil. Weil Louis Niewald offensichtlich ein geschäftstüchtiger junger Mann war, betrieb er außerdem einen Handel mit Herden, Öfen und Zubehör.
1980 ein ganz anderes Klientel
Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Gastwirtschaft den Namen „Essener Hof“. Der kam nicht von ungefähr, denn die ersten Sommerfrischler aus dem Ruhrgebiet, die fortan regelmäßig in der Bergstadt und im Haus Erholung fanden, setzten sich mit ihrer Idee durch und schufen sich selbst ein Stück Heimat in der Ferne.
Im Ersten Weltkrieg wurden Saal und Gastwirtschaft zum Quartier für eine Kompanie des 145. Regiments. Nach den Kämpfen übernahm Heinrich Ritzendorf den „Essener Hof“, wo schon bald erste Filmvorführungen im Saal stattfanden. Als Rolf Hilkers Vater August, der seinerzeit den „Kastanienkrug“ betrieb, das Haus 1964 erwarb, verpachtete er es mehrfach. 1974 wurde die Kegelbahn modernisiert, 1980 die Gasträume, in die damals die heute legendäre Falttür eingebaut wurde.
„1980, das war noch ein ganz anderes Klientel“, erzählt Rolf Hilker von einer Zeit, als jeden Morgen pünktlich um 10 Uhr die Rentner vor der Tür standen und ungeduldig mit dem Stock an die Scheibe hämmerten, „wenn wir mal drei Minuten später öffneten“. Handwerker kamen, um hier ihre Geschäfte zu machen, es wurde Skat gespielt, geknobelt und gekegelt. „Wir hatten immer einen Riesenspaß am Job gehabt, obwohl er so stressig war“, betonen die Hilkers. Von frühmorgens bis in die Nacht hinein, das war oft an der Tagesordnung.
Diskretion ist angesagt
Und wenn Rolf Hilker all die Anekdoten aufgeschrieben hätte, dann würden sie wohl locker ein ganzes Buch füllen. Vielleicht sogar mehrere. Diskretion sei aber das oberste Gebot gewesen, betont der Schützenkönig von 2012/2013. Ein paar lustige Begebenheiten aber kann er erzählen, ohne Namen zu verraten. Da war etwa das Ehepaar auf der Durchreise, das die Oma auf der Toilette vergessen hatte und es erst in Lage bemerkte. Da ist das „Diplom als Abfülldesigner“ an der Wand des kleinen Saales, das Hilker von zwei Rentnern aus Süddeutschland bekommen hat oder die die Erinnerung an die Tage, als Herren, die deutlich einen über den Durst getrunken hatten, den Heimweg zu frühmorgendlicher Stunde nicht auf geradem Wege antraten oder sie gar im Schlafanzug vor der Tür standen.
Lustig sei es auf jeden Fall immer gewesen, betont Hilker. Stammtische und Vereine wie die SPD, die DLRG, die Handballer des TSV, der Börsenstammtisch oder die Briefmarkensammler hatten ihr Domizil in der Stadtschänke und müssen sich nun nach anderen Räumen umsehen. Rolf und Ilse Hilker wollen nach so vielen Jahren Arbeit erst einmal zur Ruhe kommen und die neu gewonnene Freiheit genießen. „Wir hatten 39 Jahre einen Stressberuf, mussten so manches Mal von 0 auf 100 in 20 Sekunden kommen“, erzählt Rolf Hilker.
Das lag auch daran, „dass wir im Laufe der Jahrzehnte alle großen Feste in Oerlinghausen ausgerichtet haben“. Die Stadtschänke war bekannt für ihre gut bürgerliche Küche, aber auch Wildgerichte. Die Trophäen an den Wänden zeugen von der Jagdleidenschaft Rolf Hilkers. Die wird bleiben. Im September wollen er, seine Frau und rund 30 Oerlinghauser Schützen aber zunächst zur „Steuben-Parade“ nach New York reisen.